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Titel
Russischer Alltag. Eine Geschichte in neun Zeitbildern vom Frühmittelalter bis zur Gegenwart


Autor(en)
Goehrke, Carsten
Erschienen
Zürich 2003: Chronos Verlag
Anzahl Seiten
Preis
€ 100,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Klaus Gestwa, Institut für Osteuropäische Geschichte und Landeskunde, Eberhard Karls Universität Tübingen

Alltagshistorischen Perspektiven gehören längst zum Themenspektrum der Russlandforschung. Allerdings gibt es nur wenige Bücher zur russisch-sowjetischen Geschichte, die den Begriff Alltagsgeschichte im Titel führen.[1] Das erklärt sich damit, dass in der Russlandforschung der Aufstieg der Alltagsgeschichte erst mit einer gewissen Verzögerung einsetzte. Auch hier ist der Begriff der neuen historischen Teildisziplin dann schnell "außer Gebrauch geraten, und seine Inhalte und Fragestellungen sind in dem aufgegangen, was heute als Kulturgeschichte verhandelt wird". [2] Die Frauen-, Familien-, Erinnerungs- und Erfahrungsgeschichte hat zudem die Rede vom Alltag vielfach überlagert. Das ließ eine äußerst unübersichtliche alltagshistorische Forschungslandschaft entstehen. Das Verdienst von Carsten Goehrke ist es, diese eingehend vermessen zu haben. Seine umfassenden Kenntnisse hat der Züricher Emeritus, der als Experte für die Frühzeit des Ostslaventums und für russische Siedlungs- und Sozialgeschichte weithin bekannt geworden ist, in einem dreibändigen Werk vorgelegt. Von diesem Opus magnum, in dem Goehrke die Bilanz seiner langen Forschungsarbeit zieht, sind bislang die ersten beiden Bände erschienen. Der dritte Band zur Sowjetgeschichte steht noch aus.

Die Grenzenlosigkeit und zugleich Unaufhebbarkeit des Alltäglichen führt dazu, dass die Überschrift "Alltagsgeschichte" weithin Unterschiedliches versammelt. Dazu bekennt sich Goehrke. Er versucht sich nicht an weiteren Bestimmungsversuchen, die zweifellos mehr irritieren als für Klarheit sorgen würden. Alltag meint für ihn das Ewiggleiche der sozialen Praxis. Es ist definiert durch die Grundkonstanten des menschlichen Lebens und wird verstanden im Sinne von Lebenswelt als der Bühne gemeinsamer Sinnhorizonte, auf der alltägliches kommunikatives Handeln stattfindet. Die materielle Seite des Alltags, die sozialen Beziehungsnetze und Gemeinschaftsrituale lassen sich vom Russlandforscher noch am Ehesten fassen, zumal ihm heute zahlreiche Archive mit ihren reichen Beständen an noch ungesichteten Quellen zur Verfügung stehen. Weit schwieriger stellt sich hingegen die Analyse von Normengefügen, Werthaltungen und Sinnzuschreibungen dar, die das alltägliche Handeln anleiteten. Dessen ist sich Goehrke bewusst, und er bemüht sich, Wege zu finden, wie die materiellen und symbolischen Ebenen der Alltagsgeschichte miteinander verbunden werden können. Darum verwendet er für die Frühzeit ostslavischer bzw. russischer Geschichte angesichts des akuten Quellenmangels so genannte "szenische Rekonstruktionen". Ausgehend von Grabungsfunden und einzelnen Überlieferungen, stellt er Einzelschicksale und Vorstellungswelten in Form historischer Fiktion dar. Dieses "So könnte es gewesen sein" gehört wohl kaum zum allseits akzeptierten Handwerk der Historikerzunft, aber erleichtert zweifellos die Veranschaulichung. So fällt es dem Leser erheblich leichter, konkretere Vorstellungen von ihm völlig fremden Lebenswelten zu gewinnen.

Geschichtliche Großsynthesen, die auf dem Büchermarkt gefragt sind, stellen eine Gratwanderung zwischen fachwissenschaftlicher Gesamtinterpretation einerseits und der Popularisierung von Wissen durch historische Nacherzählungen anderseits dar. Goehrke versucht einen "mittleren Kurs" zu steuern, der auf "Leserinnen und Leser ausgerichtet [ist], die keine Fachhistoriker sind." (S. 14f.) Seine Absicht, breitere Leserschichten für die russische Geschichte zu begeistern, schlägt sich in der Form der Darstellung nieder. Der Forschungsstand zu den einzelnen Epochen wird stets nur kurz umrissen, ohne näher auf widerstreitende Meinungen und konkurrierende Ansätze einzugehen. In dichten Beschreibungen, ergänzt durch zahlreiche Abbildungen und ausgewählte Quellenbeigaben, führt Goehrke den Leser in die einzelnen sozialräumlichen Milieus und Vorstellungswelten ein. Materialreich stellt er zahlreiche Aspekte russischen Alltagslebens dar. Interessierte Laien dürften von der ungeheuren Fülle an Fakten allerdings wohl überfordert sein und Fachhistoriker eine andere Gewichtung im Wechselspiel zwischen Empirie und Analyse bevorzugen. So hätte manche Haus- und Hofbeschreibung zugunsten einer interpretierenden Gesamtschau gekürzt werden können, denn das Fazit, das die Kapitel zu den einzelnen Epochen abschließt, fällt meist nur knapp aus. Es fehlt vielfach an übergreifenden Erklärungsmodellen und historischen Bilanzen. Die Wechselseitigkeit und Widersprüchlichkeit zentraler Teilprozesse wird häufig angerissen, aber nur selten umfassend geklärt oder gar erklärt.

Vor allem im zweiten Band, der Russlands Wege in der Moderne von der Mitte des 18. Jahrhunderts bis 1917 gewidmet ist, werden die Schwächen der von Goehrke gewählten Darstellungsform evident. Angesichts zunehmender gesellschaftlicher Ausdifferenzierung und Komplexität sowie der eigentümlichen Symbiosen von Tradition und Moderne wäre deutlich mehr Analyse notwendig gewesen, um die Verschränkungen von Mikro- und Makrostrukturen aufzudecken. Der Rückblick auf das Zeitalter der Modernisierung (S. 414-424) präsentiert leider nur Gemeinplätze und lässt viele Fragen offen.

Unklar bleibt zum Beispiel, wie in der traditionellen russischen Bauerngesellschaft seit der Mitte des 18. Jahrhunderts allmählich Marktwirtschaft und Konsumkultur Gestalt annahmen. Der Aufschwung des eng miteinander verbundenen Außen- und Binnenhandels setzte langsam eine ökonomische und kulturelle Wachstumsdynamik frei, die im Rahmen der fortgesetzten bäuerlichen Subsistenzwirtschaft zunehmende Geldeinkünfte ermöglichte und damit eine Nachfrage nach gewerblichen Gütern und neue Industrien entstehen ließ. Eine eingehendere Ursachenanalyse des zögerlichen Aufstiegs von Markt und Konsumkultur hätte die Möglichkeit geboten, die Entwicklung von Volkswirtschaft und Alltag aufeinander zu beziehen sowie internen und externen Modernisierungsimpulsen nachzuspüren.

Ein Zeitraum von über 1.000 Jahren fordert die Konzentration auf bestimmte Epochen und Prozesse und damit den Verzicht auf so manches, was gleichfalls einer ausführlichen Darlegung wert gewesen wäre. In seiner Qual der Wahl entscheidet sich Goehrke für bestimmte Zeitbilder, um in neun großen Zeitsprüngen die russische Geschichte zu durchschreiten. Er geht dabei auf Perioden ein, die als ruhige Zeiten gelten, in denen sich nach einer Phase des forcierten Wandels neue Strukturen etabliert hatten. Für diese Konzeption spricht, dass sich durch Querschnittsanalysen von Perioden gesellschaftlicher Konsolidierung der Alltag in seinem Facettenreichtum und Vielgestaltigkeit in konzentrischen Kreisen von innen nach außen gut erfassen lässt. Allerdings geht dies zu Lasten der Dynamik und Dramatik historischer Ereignisse und Prozesse. Goehrkes Alltagsgeschichte Russlands wirkt so merkwürdig friedfertig. Das Thema Krieg und Militär wird stets nur am Rande gestreift. Der Leser erfährt kaum etwas über die traumatischen Erfahrungen des Mongolensturms im 13. Jahrhundert, der "Zeit der Wirren" zu Beginn des 17. Jahrhunderts, der Petrinischen Reformen ein Jahrhundert später, der Napoleonischen Kriege und des Krimkriegs (1853-56). Der gewaltsam erzwungene Wandel und die Folgen gesellschaftlicher Erschütterungen, die wenn nicht auf die materielle Alltagskultur, so aber doch in jedem Fall auf Wahrnehmungen, Deutungen und Gefühlslagen nachhaltig einwirkten, finden viel zu selten Erwähnung.

Das Werk trägt den Titel "Russischer Alltag". Goehrke klammert die nichtrussischen Ethnien aus. Auch die Ukrainer und Weißrussen bleiben nach der Ausdifferenzierung der Ostslaven im Spätmittelalter unberücksichtigt. Für die Eingrenzung der Alltagsgeschichte auf die russischen Bewohner des Zarenreiches, die seit den polnischen Teilungen und der Eroberung der Krim und Südukraine unter Katharina II. nur noch knapp die Hälfte der Gesamtbevölkerung stellten, lassen sich gute Gründe anführen. An manchen Stellen drängt sich aber ein Blick über den eigentlichen Untersuchungsgegenstand geradezu auf. So hätte sich ein Vergleich zwischen den sozialen Praktiken von Russen und Nichtrussen angeboten, die in enger Nachbarschaft unter ähnlichen naturräumlichen Bedingungen ihren Alltag auf verschiedene Weise meisterten, um so die Spezifität des russischen Alltags profilschärfer darzulegen. Derartige komparative Studien liegen vereinzelt vor. [3]

Ethnische Mischgebiete wie der Kaukasus, wo das Zusammenleben russischer Siedler und später russischer Arbeiter mit "Fremden" zu hochexplosiven Spannungen führte, kommen in der Darstellung nicht vor, obwohl gerade zu ihrer Geschichte neuerdings interessante Studien erschienen sind. [4] Auf den Ural und das Wolgagebiet, wo zahlreiche Nichtrussen lebten, geht Goehrke zwar wiederholt ein, doch bei ihm scheinen sie nur von Russen besiedelt zu sein. Das zeigt, dass die Konzentration auf den russischen Alltag mitunter Gefahr läuft, sich zu einem Tunnelblick zu verengen.

Der Vergleich Russlands mit dem Westen ist ein beliebtes Thema, dessen Erörterung gern eingefordert wird. Aber wenn eine Gesamtdarstellung zum russischen Alltag den Anspruch erhebt, breitere Leserkreise erreichen zu wollen, dann sollte deutlich gemacht werden, dass russische Bauern und Arbeiter trotz offensichtlicher Unterschiede vieles mit ihren Standesgenossen in anderen europäischen Ländern gemein hatten. Gewaltausbrüche und Trunksucht prägten zum Beispiel auch maßgeblich proletarische Milieus in England, Frankreich und Deutschland. Wer darauf nicht eingeht, läuft Gefahr, seinen Absichten zuwiderzuhandeln, indem er nolens volens das "Barbarische" des russischen Alltags betont und Stereotypen festschreibt, die es zu hinterfragen gilt.

Gesamtdarstellungen versprechen grundsätzlich mehr als sie halten können, weil sich der Anspruch auf Totalität angesichts des Zwangs zur Eingrenzung niemals einlösen lässt. Dadurch ergeben sich offene Flanken. Der Akzent der Rezension ist bewusst darauf gelegt worden. Angesichts schon vorliegender euphorischer Besprechungen zu Carsten Goehrkes Opus magnum, die das Innovative und die Vorzüge deutlich herausstreichen, schien dies möglich zu sein. Bei aller Kritik an der gewählten Darstellungsform überwiegt fraglos der Respekt vor einer beeindruckenden Forschungsleistung. Sie ragt deutlich aus der Forschungslandschaft hervor und wird auf Jahre ein wichtiges Referenzwerk bleiben. Vor allem für die Lehre ist es fortan unverzichtbar. Zudem bleibt zu hoffen, dass das Werk dank seiner illustrativen Aufmachung und seiner guten Lesbarkeit auch den Weg in manche Privatbibliothek finden wird.

Anmerkungen:
[1] Bekannt ist vor allem Fitzpatrick, Sheila, Everyday Stalinism. Ordinary Life in Extraordinary Times: Soviet Russia in the 1930s, Oxford 1999.
[2] Daniel, Ute, Kompendium Kulturgeschichte. Theorien, Praxis, Schlüsselworte, Frankfurt am Main 2001, S. 307f.
[3] Vgl. z.B. Ransel, David L., Infant-care Cultures in the Russian Empire, in: Evans Clements, Barbara; Alpern Engel, Barbara; Worobec, Christine D. (Hgg.), Russia's Women. Accommodation, Resistance, Transformation, Berkeley 1991, S. 113-132.
[4] Barrett, Thomas, Lines of Uncertainty. The Frontiers of the North Caucasus, in: Burbank, Jane; Ransel, David L. (Hgg.), Imperial Russia. New Histories of the Empire, Bloomington 1998, S. 148-173; Baberowski, Jörg, Der Feind ist überall. Stalinismus im Kaukasus, Stuttgart 2003, S. 28-83 (im ersten Kapitel wird die Zeit bis 1914 erörtert). Hier weiterführende Literaturhinweise.

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Veröffentlicht am
27.04.2004
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