D. Beismann: Eugen Kogon in der frühen Bundesrepublik

Cover
Titel
Eugen Kogon in der frühen Bundesrepublik. Ein öffentlicher Intellektueller zwischen Lehrstuhl und Fernsehstudio 1949–1969


Autor(en)
Beismann, Dennis
Reihe
Schriftenreihe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 121
Erschienen
Anzahl Seiten
VI, 249 S.
Preis
€ 24,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Gabriel Rolfes, Institut für Politikwissenschaft, Technische Universität Chemnitz

Dennis Beismanns Kasseler Dissertation über den Publizisten, Fernsehjournalisten und Politikwissenschaftler Eugen Kogon (1903–1987) will einen Beitrag zur „ideengeschichtlichen Archäologie der alten Bundesrepublik“ (Friedrich Kießling) liefern. Notwendig sind solche Grabungen allemal: Kogon als einer der prägenden Intellektuellen der Bonner Republik ist von der historischen Forschung jenseits seiner Rolle als Deuter des nationalsozialistischen Verfolgungsapparates in seinem einflussreichen Buch „Der SS-Staat“ (1946) bisher kaum beachtet worden. Beismann fragt: „Wer ist dieser Mann also, dessen Name vielen Zeitgenossen ein Begriff war, der aber heute weitgehend in Vergessenheit geraten ist?“ (S. 1)

Die Studie gehört zu einigen neueren Veröffentlichungen, die im Nachgang der Erfolgsstory-Erzähltradition über die Bundesrepublik gerade in der Betrachtung zeitgenössischer Außenseiterpositionen neue Erkenntnisse vermuten. Kogon ist einer der prominentesten Vertreter jener als „krächzende Möwen“ geschmähten linken Intellektuellen, die von der politischen Entwicklung des westdeutschen Staates enttäuscht waren.[1] Beismann möchte Kogon nicht, wie es die Forschung bisher häufig tat, als Journalisten, d.h. als Chefredakteur der gemeinsam mit Walter Dirks herausgegebenen „Frankfurter Hefte“ erfassen. Im Mittelpunkt steht vielmehr sein Wirken als Hochschullehrer an der Technischen Hochschule Darmstadt (mit einer Liste der Lehrveranstaltungen 1951/52 bis 1967/68), als „Fernsehprofessor“ (so Kogons gelegentliche Selbstbezeichnung) im NDR-Magazin „Panorama“ und als Verbandsfunktionär der noch jungen Disziplin der Politikwissenschaft.

Um sich Kogon zu nähern, untersucht Beismann im Sinne einer Intellectual History politische Debatten und gesellschaftliche Diskursräume in historischer Kontextualisierung, um „zentrale intellektuelle Weichenstellungen der Bundesrepublik“ (S. 5) sichtbar zu machen und ausgehend von den Quellen „einen eigenen Blick auf die politische und gesellschaftliche Entwicklung der Bundesrepublik und ihre intellektuellen Schlüsseldebatten“ (S. 3) zu entwickeln. Verhandelt werden Stationen von Kogons Kritik am Bonner Staat von der Restauration bis zur Studentenbewegung, anhand derer immer wieder sein eigenes politisches Denken sichtbar wird. Eine solche deutsche Demokratie- und Politikgeschichte mag für sich genommen zu unspezifisch wirken; Beismann ordnet sie jedoch verdienstvoll in die intellektuelle Umgebung[2] ein und ermöglicht mit Kogon als biographischem „Anker“ eine konkrete Annäherung an die Geschichte der jungen Bundesrepublik.

Die Kapitelaufteilungen des Buches weisen die 1950er- und 1960er-Jahre als grobe Gliederung aus. Nach einem „biographischen Prolog“ geben sechs Themenkapitel Auskunft über Kogons gesellschaftliches Umfeld, über seine Rolle als Intellektueller, als Hochschullehrer und schließlich als Präsident der Deutschen Vereinigung für Politische Wissenschaft (DVPW) in den Jahren 1967 bis 1969. Diese Gliederung ermöglicht einen schnellen Zugriff auf Kogons intellektuelles Engagement in chronologischer und thematischer Hinsicht.

Zur Übersichtlichkeit trägt der mit 219 Textseiten knappe Umfang des Buches bei. Angesichts der Fülle des sowohl archivalisch als auch publizistisch überlieferten Materials musste Beismann notwendige Eingrenzungen des Quellenkorpus vornehmen. Mit guten Argumenten sieht er von einer aufwendigen Recherche zu Ton- und Filmaufnahmen in den Archiven der Rundfunkanstalten ab und stützt seine Untersuchung auf Kogons gedruckte Publizistik, die in den 1990er-Jahren edierten achtbändigen Gesammelten Schriften sowie auf den umfangreichen Nachlass im Archiv der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung in Bonn. Beismann nutzte zahlreiche weitere Archive und führte mehrere Zeitzeugengespräche, etwa mit Kogons Sohn Michael und mit Gottfried Erb, Kogons ehemaligem Lehrstuhl-Assistenten. Die Studie ist erfreulich nah am historischen Material geschrieben. Gerade im letzten Drittel des Buches nehmen aber teils sehr lange Direktzitate (von über einer Seite) zu viel Raum ein. Gerade wegen der knappen Form geht der stark deskriptive Charakter zu Lasten von Analyse und Interpretation. So bleibt die Quellenarbeit mitunter an der Oberfläche und folgt Deutungspfaden, die bereits aus der Erinnerungsliteratur bekannt sind.

Wer eine Konturierung des Intellektuellen Eugen Kogon erwartet, wird die Arbeit mit gemischten Gefühlen lesen: Einerseits kann Beismann überzeugend zeigen, dass sich Kogon einer eindeutigen Zuordnung innerhalb des intellektuellen Feldes der Bundesrepublik entzieht. Andererseits ist diese Unbestimmbarkeit neben kleineren Fehlurteilen wie dem fälschlichen Zuschlag des linkskatholischen Frankfurter CDP/CDU-Gründungskreises zum Gewerkschaftsflügel auch Beismanns Methode geschuldet, die insgesamt zu wenig Erkenntnisse zusammenführt, die über Kogons Selbstpositionierung hinausgehen. Intellektuelle Konstellationen, persönliche Verbindungen und Schwierigkeiten, etwa im Umgang mit Kogons Mitherausgeber Walter Dirks, oder auch Kogons Ohnmacht, die „Frankfurter Hefte“ finanziell und planerisch über Wasser zu halten, werden benannt. Sie werden aber zu wenig eingeordnet. Was den Intellektuellen Kogon als Sozialfigur kennzeichnete, welche politischen Koalitionen er einging, welche Rolle sein Glaube dabei spielte, darüber hätte konkreter berichtet werden können. Zudem wäre danach zu fragen gewesen, inwiefern Kogon die von Beismann untersuchten Rollen als Publizist, Medienschaffender, Politikwissenschaftler und Verbandsfunktionär überhaupt genutzt hat oder nutzen konnte, um seine intellektuellen Standpunkte in der medialen Öffentlichkeit wirksam zu vertreten. Kogon habe die Möglichkeiten der neuen Massenmedien frühzeitig erkannt und genutzt, schreibt Beismann dazu in der Einleitung. Er sei dabei „unerschrocken und progressiv“ vorgegangen (S. 131). Aber worin drückte sich diese Innovation aus? Und waren die Auftritte als „Fernsehprofessor“ für seine intellektuelle Rolle tatsächlich prägend? Kogon engagierte sich immerhin, ganz anders als viele seiner Berufskollegen und trotz der rasanten Veränderungen des Medienmarktes, nur zurückhaltend in Funk und Fernsehen. Stattdessen setzten sowohl er selbst als auch sein Mitherausgeber Walter Dirks entlang ihrer Vorstellungen einer „Gesprächsdemokratie“ bis zum erzwungenen Verkauf der „Frankfurter Hefte“ im Jahr 1985 eisern auf das Print-Format der politischen Monatszeitschrift.

Gern hätte der Rezensent auch mehr darüber erfahren, wie es dem sozialistischen Katholiken Kogon damit erging, als politischer Utopist vollends gescheitert zu sein: Die normative Kraft der „Stunde Null“ überschätzte er. Anders als er, der während der Herrschaft der Nationalsozialisten in sechs Jahren Buchenwalder Lagerhaft nur knapp dem Tode entronnen war, hatte die Mehrheit der westdeutschen Nachkriegsbevölkerung kein Interesse an einer Aufarbeitung dieser Zeit. Statt sich von Intellektuellen wie Kogon politisch erziehen zu lassen, wurde die eigene Vergangenheit mit Erfolgsmeldungen wie denjenigen des Wirtschaftswunders überdeckt. Aber auch der gewünschte föderative, europäische Staat kam nicht zustande, und selbst die als Aufbruchsphase empfundene Brandt-Ära brachte nicht die erhoffte Kehrtwende. So wurde Kogon zum „zornigen alten Mann“ – jener von Axel Eggebrecht kultivierten Figur der enttäuschten Intellektuellen in der Bundesrepublik.[3] Es wäre wünschenswert, auch einen Blick auf diese jenseits des Betrachtungszeitraums liegende Lebensphase zu werfen, zumal der Autor mehrfach darauf anspielt.

Trotz dieser Kritik ist Beismanns Urteil zuzustimmen: Kogon ist in Vergessenheit geraten, weil er „ideengeschichtlich nicht leicht einzuordnen [war] und keine politische Partei ihn ohne Weiteres als Impulsgeber für sich in Anspruch nehmen“ konnte (S. 219). Beismann beschreibt die politische Selbstisolierung Kogons weiterhin als Folge einer politischen Unberechenbarkeit, die – neben persönlichen Charakteristika – zugleich Ausdruck eines intellektuellen Programms war, welches sich bewusst vom Zeitgeist abzuheben versuchte. Insofern habe Kogon die eigene Isolation „so gewollt“ (ebd.). Treffend werden auch die politischen Mechanismen beschrieben, die Kogon zum Außenseiter im intellektuellen Feld und in der politischen Landschaft der Bonner Republik werden ließen. Aber die Isolation Kogons war weder seinen aus der Zeit fallenden Ideen noch der sich verändernden Umwelt allein geschuldet. Sie war auch die Folge seiner nicht immer raffinierten politischen Planung und einer gewissen Unfähigkeit des Zusammenführens politischer Gruppierungen. Insofern erscheint Kogon nicht nur als konsequente, sondern ebenso als tragische Figur.

Wer etwas über Eugen Kogon und sein Denken nach dem Zweiten Weltkrieg erfahren möchte, kommt an Dennis Beismanns Buch nicht vorbei. Es ist eine kenntnisreiche und lesenswerte biographische Teilstudie, die auf einer soliden Quellenbasis die wesentlichen Aspekte des Kogon’schen Denkens in der frühen Bundesrepublik darzustellen versteht. Diese ordnet sie jedoch nicht immer zufriedenstellend ein. Insofern stellt die Arbeit keinen abschließenden Beitrag der Forschung zu Kogon dar, sondern einen Ausgangspunkt für weitergehende Studien sowohl zur Intellectual History als auch zur Demokratie- und Politikgeschichte der Bonner Republik, die sich stärker nonkonformistischen und vermeintlich gescheiterten politischen Konzepten und Akteuren anzunehmen bereit sind.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Christoph Kleßmann, Ein stolzes Schiff und krächzende Möwen. Die Geschichte der Bundesrepublik und ihre Kritiker, in: Geschichte und Gesellschaft 11 (1985), S. 476–494. Bei Hans-Peter Schwarz, Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Bd. 2: Die Ära Adenauer 1949–1957, Stuttgart 1981, S. 448, heißt es: Die „Schelte der Intellektuellen“ habe „die ganze Adenauer-Ära begleitet, wie mißtönendes Möwenkrächzen die Fahrt eines großen Schiffes“.
[2] Vgl. hierzu das jüngst erschienene Opus magnum von Axel Schildt, Medien-Intellektuelle in der Bundesrepublik. Herausgegeben und mit einem Geleitwort versehen von Gabriele Kandzora und Detlef Siegfried, Göttingen 2020; rezensiert von Gangolf Hübinger, in: H-Soz-Kult, 23.02.2021, https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/reb-49890 (13.04.2021).
[3] Vgl. Eugen Kogon, Dreißig Jahre – wohin?, in: Axel Eggebrecht (Hrsg.), Die zornigen alten Männer. Gedanken über Deutschland seit 1945, Reinbek bei Hamburg 1979, S. 71–104.