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Titel
Als Odysseus staunte. Die griechische Sicht des Fremden und das ethnographische Vergleichen von Homer bis Herodot


Autor(en)
Schulz, Raimund
Reihe
Studien zur Alten Geschichte 29
Erschienen
Göttingen 2020: Vandenhoeck & Ruprecht
Anzahl Seiten
391 S.
Preis
€ 50,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Salvatore Tufano, Dipartimento di Scienze dell'Antichità, Sapienza Università di Roma

Raimund Schulz fragt in seinem Buch Als Odysseus staunte. Die griechische Sicht des Fremden und das ethnographische Vergleichen von Homer bis Herodot danach, ob es eine Verbindung zwischen der fortschreitenden und allmählichen Entwicklung der griechischen Ethnographie und dem Kontext des archaischen und frühklassischen Zeitalters gibt. Die positive Antwort basiert auf einer Analyse eines Textkorpus aus dem 8. bis 5. Jhd. v. Chr.; diese Quellen antworteten auf die Fragen ihres Publikums und stehen in der langen Tradition griechischen ethnographischen Denkens. Die Monographie wurde genau ein Jahrhundert nach Nordens unübertroffenen Bemerkungen zur klassischen Ethnographie[1] und nach mehr als dreißig Jahren erneuten Interesses an ethnischen und identitätsbezogenen Problemen in der griechischen Welt veröffentlicht. Es muss jedoch zugegeben werden, dass die umfassende Analyse, die der Arbeit von Skinner[2] ganz ähnlich ist, nicht zu wirklich neuen Schlussfolgerungen führt.

Die kurze Einleitung (S. 11–42) führt die drei zentralen und inhaltlich zusammenhängenden Konzepte des Buches ein: die Kontinuität ethnografischen Denkens, seine Abhängigkeit von den maritimen Seefahrten und die treibende Kraft des Mediterranean middle ground für die Entwicklung von Formen der Reflexion über die Fremden. Obwohl hier eine evokative Definition der griechischen Ethnographie als „gleichermaßen Resultat, Seismograph und Auslöser historischer Wandlungen“ (S. 35) angeboten wird, hält sich das Panorama der archäologischen Beweise für die Rekonstruktion des diskursiven Horizonts, das für das Verständnis dieser Perspektiven erforderlich ist, im Hintergrund.

Die Darstellung von Odysseus als Vorbild des griechischen Entdeckers und die Auswertung seiner Klugheit, die als Warnung an die griechischen Seefahrer, das Publikum des Gedichts, zu lesen ist, stehen im Mittelpunkt des ersten Kapitels (S. 43–87), das sich nicht weit von der von Malkin[3] eingeführten Studienlinie entfernt. Darüber hinaus hat die immense Literatur zu den homerischen Epen, bereits seit einiger Zeit die Polarität zwischen Phäaken und Kyklopen umgedeutet, deren Zerstörung der Autor zahlreiche Beobachtungen widmet. Dass die Odyssee ohne ausführliche Diskussion auf das 7. Jhd. v. Chr. zurückgeführt wird, wirft kritische Fragen auf: diese dogmatische Position wird durch den Mangel an Aufmerksamkeit verschärft, die er auf die network theory richtet. Gleichwohl betont Schulz die Aufmerksamkeit der Griechen für die Phönizier, ihre länger als andere Bevölkerungsgruppen bekannten Nachbarn. Das zweite Kapitel (S. 88–134) berücksichtigt das 7. und 6. Jhd. v. Chr. und die Auswirkungen der Kolonialisierung und der Entwicklung der Polis auf die Beziehung zum Fremden: Angesichts dieses Bildes können wir die Einbeziehung von Aristeas von Prokonnesos akzeptieren, dessen Datierung auf das 7. Jhd. durchaus problematisch ist. Das Hauptaugenmerk des zweiten Kapitels, in dem Schulz die Lyrik vorbehaltslos zu städtischer Poesie erklärt, liegt auf der Identifizierung des Beitrags der milesischen physikoi in der Artikulation einer Dreiheit („Gegensatz“, „Ähnlichkeit“, „Mischung“); dies wird insgesamt einflussreich für die ganze spätere Ethnographie sein. Obwohl die wenigen Fragmente über die Thraker und die Lyder ein interessantes und ambivalentes Bild dieser Völker zeigt, bleibt die Analyse dieser Quellen ohne einen tieferen Blick auf Handel und Alltag.

Im dritten und vierten Kapitel werden die Auswirkungen dieses Erbes und die Rolle der Navigation bei der Entstehung von Prosaliteratur über ethnografische Themen behandelt: Es ist in der Tat interessant, wie die Vorrangstellung der Beschreibung des Territoriums gegenüber den nomoi als Konsequenz einer ship-to-shore-Perspektive verstanden wird. Eigentlich schon 1909[4] hatte Jacoby die untrennbare Beziehung zwischen den periploi und den ethnographischen Texten offenbart; dementsprechend hebt der Autor heraus, dass die Überlieferung den mehrdeutigen Titel Indike dem Reisebericht von Skylax von Karyanda zuordnet. In diesen beiden Kapiteln, die sich die mutige Aufgabe gestellt haben, die Beziehung zwischen Griechen und Ausländern durch komplexe Texte wie Aischylos' Perser und die Abhandlung Über die Umwelt der hippokratischen Schule zusammenzufassen, werden leider keine nennenswerten Fortschritte im Vergleich zum Gesamtbild von R. Thomas[5] angeboten. Man kann von der Lesart der Perser profitieren, in der die Komplexität und das Zusammenkommen von Einstellungen bekräftigt wird und der Platz der Tragödie in ihrem historischen Kontext rekonstruiert wird, in dem die Haltung der griechischen Aristokraten gegenüber den Persern variierte. Bei den wenigen betrachteten Vasen können die Überlegungen eher als Ansporn für andere, gezieltere Studien, wie die Arbeit von Miller[6], dienen.

Während die vorangegangenen Kapitel darauf abzielen, mithilfe der Entstehung der dialektischen Dreiheit („Gegensatz“, „Ähnlichkeit“ und „Mischung“), das Bewusstsein einer möglichen Verbindung zwischen Sitten und Territorium und die Wahrnehmung eines Differenzierungsgrades ausländischer Völker in Abhängigkeit von der Nähe zu den Griechen zu definieren, demonstriert die folgende Untersuchung über die ethnographischen logoi in den Historien des Herodot dessen hohen Innovationsgrad, weil sich Herodot von seinen Vorgängern unterschied und in einem dynamischen Dialog mit diesen Themen auseinandersetzte. Demnach hätte sich Herodot mit dem reichen Erwartungshorizont seines Publikums engagiert. Das fünfte Kapitel (S. 221–262) fasst die Bedeutung des Ursprungs von Herodot aus Halikarnassos für die Charakterisierung seines Blicks als Ethnograph zusammen: insbesondere in Bezug auf die Ethnographie der Lydier, wobei eine Reihe wichtiger Studien ignoriert werden[7], zeigt Schulz gut, wie die Überwindung von „zeitlosen Topoi“ (S. 251) durch die neue Einfügung von Geschichte durch Herodots profundes Wissen über die lydische Welt ermöglicht wurde. Im 6. Kapitel (S. 263–326) werden die logoi der Ägypter, Skythen und Äthiopier untersucht: Bei den Ersten unterstrich Herodot mehrfach die Einzigartigkeit und zeigte durch die Beständigkeit dieses vergleichenden Blicks auch eine starke innere Kohärenz. Diese Kohärenz würde sich aus dem Wunsch ergeben, sich ein Publikum zu erschließen, das anscheinend nicht auf eine Dichotomie Griechen/Barbaren festgelegt war.

Das letzte Kapitel (S. 327–343) nimmt in einer eleganten Synthese die chronologische Entwicklung wieder in den Fokus. Diese lässt sich nach Schulz in drei Phasen zusammenfassen: Erstens hätte die Welt des Odysseus das Potenzial des Staunens als treibende Kraft der Entdeckung und als Einladung zur Katalogisierung und Organisation der im Laufe der Zeit gesammelten Materialien genutzt. Zweitens hätten im langen 6. Jhd. v. Chr. das theoretische Erbe der ionischen Denker und der Übergang zur Prosa, der sich aus den spezifischen Reiseberichten zusammensetzt, die die periploi darstellen, eine strengere Anordnung und Definition der Materialien unter dem Banner ihrer Beziehung von größeren oder kürzeren Entfernung von den Griechen ermöglicht. Schließlich hätte die Welt von Athen trotz einiger bedeutender Unterschiede diese Prêt-à-Porter-Ethnographie aufgegriffen und erneut in Frage gestellt. Diese bestand nicht auf einer einfachen Polarisierung, sondern nahm das tatsächlich umfangreiche Vorwissen zum Anlass für eine kritische Reflexion der eigenen Identität.

Der Hauptvorteil dieser Studie ist die Fähigkeit, eine Geschichte vergleichender Praktiken und Konfrontationsformen in der griechischen Literatur von den Ursprüngen bis zu Herodot zu konstruieren (in einigen grundlegenden Texten, da mit Ausnahme von Hekataios keine Logographen einbezogen werden und wichtige Namen völlig fehlen). Bei der Berücksichtigung der griechischen Mobilität fehlt insbesondere die Einbeziehung des „dritten Griechenlands“ und der westlichen Kolonien. Dies wäre im Bereich der Heldensagen möglich gewesen, wenn man zum Beispiel den Blick auf die Grenzmythen genommen hätte, in denen erfolgreiche Figuren wie Perseus waren. Ein Index wäre wahrscheinlich den Leser:innen zugutegekommen, die an einer Reflexion über die homerische Ethnographie interessiert sind und die wahrscheinlich der erfolgreichste Bereich dieser Monographie bleibt.

Anmerkungen:
[1] Ernst Norden, Die germanische Urgeschichte in Tacitus Germania, 1. Auflage, Leipzig/Berlin 1920.
[2] Joseph E. Skinner, The Invention of Greek Ethnography. From Homer to Herodotus, Oxford 2012.
[3] Irad Malkin, The Returns of Odysseus. Colonization and Ethnicity, Berkeley 1997.
[4] Felix Jacoby, Über die Entwicklung der griechischen Historiographie und den Plan einer neuen Sammlung der griechischen Historikerfragmente, in: Klio 9 (1909), S. 80–123.
[5] Rosalind Thomas, Herodotus in Context. Ethnography, Science, and the Art of Persuasion, Cambridge 2000.
[6] Margaret C. Miller, Athens and Persia in the Fifth Century BC. A Study in Cultural Receptivity, Cambridge 1997.
[7] Siehe z.B. Francesca Gazzano, L'Oriente vicino. le tradizioni sulla Lidia nello specchio di Erodoto, in: Erga-Logoi 5 (2017), S. 35–59.

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Veröffentlicht am
21.06.2021
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