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Titel
Ballons. Medien und Techniken früher Luftfahrten


Autor(en)
Zindel, Hannah
Erschienen
Paderborn 2020: Wilhelm Fink Verlag
Anzahl Seiten
VI, 191 S.
Preis
€ 39,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Tom Ullrich, Institut für Film-, Theater-, Medien- und Kulturwissenschaft, Johannes Gutenberg-Universität Mainz

In der Zeit zwischen dem ersten erfolgreichen Aufstieg eines Heißluftballons der Brüder Montgolfier im Jahr 1783 und der Realisierung des ersten lenkbaren Luftschiffs um 1900 war der Ballon das einzige Flugobjekt, mit dem Menschen in die bis dato unerreichbaren Himmelsregionen vordringen konnten. In Ballons. Medien und Techniken früher Luftfahrten untersucht Hannah Zindel anhand von Ballonfahrten in Frankreich, England und der Schweiz in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, wie sich die eigentümlichen Luftfahrzeuge von abenteuerlichen und unberechenbaren Vehikeln zu fliegenden und vernetzten Laboren entwickelten. Inwiefern brachten Ballons neue epistemische und imaginative Räume hervor? Welches meteorologische, fotografische und ingenieurstechnische Wissen wurde auf Ballonfahrten gewonnen und verloren? Und welche Rolle spielten deren charakteristische Eigenschaften wie vertikale Mobilität und horizontale Nicht-Lenkbarkeit sowie Zwischen- und Zufälle bei der Produktion neuer Wissensbestände in der populären und wissenschaftlichen Kultur?

Es handelt sich um Zindels Dissertationsschrift, die im Kontext des Graduiertenkollegs „Mediale Historiographien“ sowie der daran anschließenden „Laborgruppe Kulturtechniken“ an den Universitäten Weimar und Erfurt entstanden ist. Methodisch ist die Arbeit klar einer medienkulturwissenschaftlichen und kulturtechnischen Perspektive auf den Gegenstand verpflichtet, insofern die Geschichte der frühen Luftfahrt als ein Ensemble äußerst heterogener menschlicher und nicht-menschlicher Akteure begriffen wird. Ballons sind darin mehr als nur ein konkretes Ding für luftige Aufstiege, weshalb Zindel sie konzeptionell als offenes Objekt fasst[1], deren Status, Bedeutung und Funktion weder vorher festgelegt noch eindeutig waren, sondern immer wieder neu ausgehandelt und stabilisiert werden mussten. In diesem Sinne schließt die Studie in produktiver Weise an vorliegende Forschung an: etwa an eine kulturwissenschaftlich informierte Wissenschaftsgeschichte im Rekurs auf Hans-Jörg Rheinbergers Konzept des Experimentalsystems, wie auch an Arbeiten zum Zusammenhang von Medien- und Verkehrswissenschaft.[2]

Der medientheoretische Clou Zindels liegt nun in dem Befund, dass Ballons nicht einfach nur einen gegebenen wissenschaftlichen oder populären Wissensbestand leichter oder schneller zugänglich machen. Ballons sind kein bloßes Hilfsmittel, das einen Meteorologen auf die bisher unbekannte Höhe der Wolken erhebt oder einem Fotografen einen spektakulären Kamerastandpunkt verleiht. Vielmehr geraten etablierte Raumzeitgefüge selbst ins Wanken und verschaffen beispielsweise eine völlig neue Erkenntnisdimensionen atmosphärischer Phänomene bzw. Anschauungsweisen der Welt von oben: Was Ballons transportieren, transformieren sie immer auch. Diese Effekte liegen in der besonderen Beziehung von Luftfahrzeug und Luftraum begründet. Der Ballon ist stets zugleich handelndes Subjekt (etwa der Messung von Luftdruck und Windgeschwindigkeit) wie auch behandeltes und ausgeliefertes Objekt ebendieser Ströme und Winde. In dieser konstitutiven Wechselseitigkeit der Bewegungs- und Verursachungsverhältnisse drückt sich eine Kernthese Zindels aus: „Ballons [sind] daher Medien der Bewegung dessen, was sie bewegt […]. Ballons sind nicht nur Indizes der Atmosphäre, sondern konstituieren als Reise- und Forschungsräume jene Räume, die sie bereisen und erforschen.“ (S. 10) Und das hat Folgen: Turbulenzen, Ohnmachtsanfälle und Wolkenchaos schlagen sich nieder in unscharfen Fotografien, lückenhaften Messreihen und unsicheren Beobachtungen.

Wie Zindel in ihrem ersten Kapitel ausführt, wurden im Anschluss an die „Sensation“ der Brüder Montgolfier im Juni 1783, eine „künstliche Wolke“ zu erschaffen, in ganz Europa Visionen für militärische, verkehrstechnische und wissenschaftliche Anwendungen dieser neuen Erfindung ersonnen. Doch nichts davon ließ sich schnell umsetzen, da die gravierende Frage der Navigierbarkeit ungelöst blieb. So gehorchten Ballons vorerst weiterhin den Gesetzen der Thermodynamik und die meisten Zeitgenossen um 1800 verloren bald das Interesse an der neuen „aerostatischen Maschine“ (S. 17), die als „ballon perdu“, als verlorener Ballon, zu viel Ungewissheit und zu wenig sicheren Nutzen mit sich brachte.

Der anschließende analytische Schwerpunkt der Studie widmet sich nun der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als in verschiedenen Feldern inner- und außerhalb der Wissenschaften ein neuerliches Interesse am Ballon aufkam. Zwischen 1858 und 1898, so die These, wurde der Ballon „zu einem Schauplatz meteorologischer, fotografischer und aviatischer Wissensproduktion, an dem Wissen über den Himmel, die Erdoberfläche und das Luftfahrzeug selbst konstituiert wurde.“ (S. 4) Diesem Wandel geht Zindel in fünf exemplarischen Fallstudien nach. Sie untersuchen kenntnis- und materialreich, aber ohne in eine lineare Fortschrittsgeschichte zu verfallen, wie Ballons innerhalb von vier Jahrzehnten als ein schwebendes Observatorium (Kap. 2), schiffbrüchiges Abenteuervehikel (Kap. 3), fliegendes Posttransportsystem (Kap. 4), mobiles Fotodispositiv (Kap. 5) und eigenwilliges Multifunktionswerkzeug einer Alpenüberquerung (Kap. 6) zum Einsatz kamen. Das analysierte Quellenmaterial ist vielfältig und umfasst Reise- und Forschungsberichte von Ballonfahrten, literarische Texte zur Ballonfahrt, unverwirklichte Konstruktionsentwürfe, Luftfahrthistoriografien, Zeitungsartikel, Notizbücher, Patentanmeldungen, Landkarten, Lithografien, Fotografien, Tabellen und Fahrtverlaufskurven.

Im Zentrum des zweiten Kapitels stehen die Höhenforschungen des britischen Meteorologen James Glaisher, welche dieser in den 1860ern unternahm und in seinem einflussreichen Forschungsbericht Travels in the Air (1868) publizierte. Zindel zeigt, wie Glaishers zu einem veritablen Observatorium umgebauter Freiballon darin als ein „instrument for vertical exploration“ propagiert wurde, das solide Evidenz produzieren und so die Kriterien zeitgenössischer Wissenschaftlichkeit und Objektivität erfüllen könne.

Im dritten Kapitel wird in einer Relektüre von Jules Vernes Debütroman Fünf Wochen im Ballon (1863) herausgearbeitet, wie im geschützten Reiseraum der Ballongondel die damals noch unbekannten Räume des inneren Afrika im Überflug bereist werden, wobei die Protagonisten auf ihren abenteuerlichen Bahnen unentwegt um den Erhalt ihrer kartografischen Perspektive kämpfen müssen: „Vernes Roman führt aus der Welt der Fiktion in die Welt der wirklichen Geografie und schreibt damit auch die Fiktionen der Geografie auf.“ (S. 45)

Das vierte Kapitel erforscht die außergewöhnliche Rolle, die der Ballon während der Belagerung von Paris im Deutsch-­Französischen Krieg 1870/71 einnahm, als er erstmals Teil eines improvisierten Verkehrssystems wurde, um Menschen und Nachrichten in unbesetzte Gebiete zu transportieren. Dies gelang, wie Zindel aufschlussreich darlegt, durch die nachrichtentechnische Verschaltung mit an Bord mitgeführten Brieftauben, die auf Mikrofilmen verkleinerte Depeschen und Briefe nach der Landung wieder nach Paris zurückbringen konnten. Mit der Einrichtung einer solchen Ballonpost konnte sich Paris als Steuerungszentrale behaupten und die französische Nation als adressierbaren Raum symbolisch wie militärstrategisch aufrechterhalten.

Die Ballon-Obsession des berühmten Fotografen Nadar ist Gegenstand des fünften Kapitels, in dem vor allem archivalische Quellen aus der Französischen Nationalbibliothek (Nadars Nachlass und Originalfotografien sowie das Patent eines „Système aérostatique photographique“ von 1858) behandelt werden. Zindel kann zeigen, wie der Ballon als optisches Instrument zugleich einen Markt für spektakuläre Luftbildaufnahmen erschließt und bei der Durchsetzung eines „aerofotografischen Sehens“ hilft (S. 105).

Im sechsten und letzten Analysekapitel hat der Ballon schließlich einen gleich dreifachen Auftritt: während einer aufwendig vorbereiteten Alpenüberquerung am 3. Oktober 1898 fungiert er als Windmesser des Meteorologen Julius Maurer, als Werkzeug für bessere Reliefmodelle des Gebirgsgeologen Albert Heim und als abstrakte Landschaftsfotografien aufnehmende Kamera des Ballonkapitäns Eduard Spelterini. Die erfolgreiche Expedition im Höhenluftstrom ist die Initialzündung sowohl für die Institutionalisierung einer quantitativen Wetterwissenschaft als auch für die Kommerzialisierung der Ballonfotografie.

Zusammenfassend ist die Entscheidung der Autorin positiv hervorzuheben, sich ihrem Gegenstand und dessen Theoretisierung in konsequenter Weise über das versammelte Material und daran anschließende Diskurse zu nähern. Alle Unterkapitel sind mit zeitgenössischen Begrifflichkeiten und, was den/die Leser/in zunächst irritieren mag, ohne weitere Nummerierung betitelt. Hierin, wie auch in der begrüßenswerten sehr umfangreichen Anschaulichkeit der Arbeit (insgesamt 50 Abbildungen), wird die poetologische Verfertigung ihres Untersuchungsgegenstandes ausgestellt und ihrerseits reflektiert.

Mit Ballons gelingt Hannah Zindel eine höchst originelle medien- und wissenschaftsgeschichtliche Studie, die anhand eines einzelnen, konkreten Objekts eine ganze Wissenskultur des 19. Jahrhunderts in ihren diskursiven Austauschbeziehungen zu erschließen vermag. In diesem Sinne steht der Beitrag in einer Reihe neuerer Studien, die zu Objekten wie dem Aquarium[3] oder Tieren wie dem Wal[4] vorgelegt worden sind. Nicht zuletzt wird eine historische Grundlagenforschung geliefert, um die Herausforderungen, Politiken und Fallhöhen heutiger Balloneinsätze im Plattformkapitalismus (Googles Project Loon), der Wissenschaft (Lenkballons des Helmholtz-Zentrum Geesthacht und des britischen Forschungsprojekts Dendronautics) und der Kunst (Tomás Saracenos Projekt Aerocene) besser einordnen und kritisch begleiten zu können (S. 158–170). Nicht nur Wissenschafts- und Medienhistoriker/innen werden Ballons mit Gewinn lesen, sondern das Buch ist ebenso allen zu empfehlen, die sich für innovative Alltags- und Technikgeschichte jenseits der allzu bekannten Erfindererzählungen interessieren.

Anmerkungen:
[1] Lorenz Engell / Bernhard Siegert, Editorial, in: Zeitschrift für Medien und Kulturforschung 1 (2011), Schwerpunkt: Offene Objekte, Hamburg, S. 5–10.
[2] Christoph Neubert / Gabriele Schabacher (Hrsg.), Verkehrsgeschichte und Kulturwissenschaft. Analysen an der Schnittstelle von Technik, Kultur und Medien, Bielefeld 2013.
[3] Mareike Vennen, Das Aquarium. Praktiken, Techniken und Medien der Wissensproduktion 1840–1910, Göttingen 2018.
[4] Felix Lüttge, Auf den Spuren des Wals. Geographien des Lebens im 19. Jahrhundert, Göttingen 2020.

Redaktion
Veröffentlicht am
08.03.2021
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