T. Kasper: Wie der Sozialstaat digital wurde

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Titel
Wie der Sozialstaat digital wurde. Die Computerisierung der Rentenversicherung im geteilten Deutschland


Autor(en)
Kasper, Thomas
Reihe
Medien und Gesellschaftswandel im 20. Jahrhundert 13
Erschienen
Göttingen 2020: Wallstein Verlag
Anzahl Seiten
455 S.
Preis
€ 46,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Christopher Kirchberg, Professur für Zeitgeschichte, Historisches Institut, Ruhr-Universität Bochum

Als wenn es noch einer besonderen Untermauerung der Relevanz von Thomas Kaspers jüngst erschienener Monographie bedurft hätte, zeigen aktuelle Medienberichte über die Herausforderungen bei der praktischen Umsetzung der 2020 beschlossenen Grundrente, wie eng sozialpolitische Entscheidungen und Digitalisierung zusammenhängen.[1] Denn die 2018 in Potsdam verteidigte Dissertation thematisiert deren Vorgeschichte: Sie untersucht die langwierige wie komplexe Computerisierung der Verwaltung(-spraxis) der Rentenversicherung in Ost- und Westdeutschland zwischen den 1950er- und 1990er-Jahren. Mit diesem Fokus reiht sich die Arbeit damit neben der etablierten Geschichte der (bundesdeutschen) Sozialstaatlichkeit[2] vor allem in den noch jungen Trend der Zeitgeschichtsforschung ein, das Aufkommen der Computertechnologie mit kulturhistorisch erweitertem Blick beispielsweise auf die Nutzung von Computern sowie die Wechselwirkungen zwischen Rechnern und Gesellschaft zu erforschen.[3]

Konkret verfolgt Kasper das Ziel, "zu zeigen, welchen Einfluss die Computertechnologie seit den 1950er Jahren auf die Rentenversicherung in beiden deutschen Staaten hatte" (S. 12), und untersucht vergleichend, jedoch mit einem Schwerpunkt auf die bundesrepublikanischen Entwicklungen, bisher von der Zeitgeschichte übersehene Pionieranwender der Großtechnologie in beiden deutschen Staaten.[4] Auf breiter Quellenbasis von Ministerial- und Verwaltungsakten, Fachzeitschriften und Gewerkschaftsdokumenten spürt Kasper dem Wechselverhältnis von elektronischer Datenverarbeitung (EDV) und sozialpolitischen Maßnahmen, der gesellschaftlichen Wahrnehmung der neuen Rechnertechnologie sowie den Auswirkungen der Computerisierung auf die konkreten Arbeitspraktiken der Rentenversicherungsträger in insgesamt zwölf chronologisch-systematisch kombinierten Kapiteln nach.

Nach einer konzisen Einleitung, in der die Studie an der Schnittstelle von "Technik-, Sozial- bzw. Politik- sowie Kulturgeschichte" (S. 27) verortet wird, widmet sich Kasper den Anfängen der Computerisierung und stellt so den evolutionären wie voraussetzungsvollen Charakter der beginnenden Digitalisierung heraus: Die frühe Nutzung der mechanischen Informationsverarbeitung durch Lochkarten habe Strukturen der Arbeitsorganisation und Datenaufbereitung geschaffen, die zur Conditio sine qua non der ersten Phase der Computernutzung avancierten. Diese strukturellen Voraussetzungen trafen dabei auf eine zeitgenössisch euphorische Deutung der aufkommenden "Elektronengehirne", die interne Probleme der Informationsverarbeitung sichtbar bzw. bearbeitbar gemacht und Rationalisierungshoffnungen geweckt hätten. Kasper begreift die EDV im Kontext der bundesdeutschen Rentenreform von 1957 als eine "Innovation zur richtigen Zeit für die bundesdeutsche Rentenversicherung" (S. 44) und argumentiert, dass die Gleichzeitigkeit von ausgreifender Reform und einsetzender Computerisierung der dezentral organisierten Rentenverwaltungen letztlich den sozialen Frieden des noch jungen Staatswesens gesichert habe. Denn um den Anstieg der Versichertenzahlen zu bewältigen und die reformbedingt deutlich komplexeren Rentenformeln zu berechnen, setzten die Träger umfassend auf den Einsatz von EDV-Anlagen zunächst noch amerikanischer Provenienz.

Hiervon ausgehend kann Kasper an weiteren sozialpolitischen Reformen und der Technikentwicklung überzeugend demonstrieren, wie sich Computerisierung und Sozialstaatsexpansion gegenseitig bedingten und auch den Aufbau von integrierten Datenverarbeitungsanlagen in den Versicherungsanstalten begünstigten. Hierzu notwendige umfangreiche organisatorisch-koordinierende und informationelle Maßnahmen wie die Einführung einer individuellen digitalen Versicherungsnummer und auftretende Probleme wie fehlendes qualifiziertes Personal stoppten die Digitalisierungsbemühungen keineswegs, was Kasper am doppelten, in der Praxis aber widersprüchlichen Versprechen der neuen Technologie verdeutlicht: So sollte diese nicht nur für die Träger interessante Rationalisierungseffekte bescheren, sondern auch für die Regierung relevante Sozialstatistiken für die weitere staatliche Planung bereitstellen.

Waren die Digitalisierungsanfänge der bundesdeutschen Rentenversicherung zunächst von den Anstalten selbst ausgegangen, seien die in der DDR gut ein Jahrzehnt später einsetzenden Computerisierungsinitiativen im Kontext der propagierten und oktroyierten technisch-wissenschaftlichen Revolution und sich damit (verzögert) angeeigneter kybernetischer Visionen[5] auszumachen, wie Kasper im fünften Kapitel zeigt. Hier war es mit dem "Freien Deutschen Gewerkschaftsbund" (FDGB) ebenfalls ein sozialpolitischer Akteur, der zum Vorreiter der Computerisierung wurde und mit dem Robotron 300 einen der ersten in der DDR hergestellten Computer in einem zentralen Rechenzentrum in Leipzig installierte.

Wie deutungsoffen die technologische Innovation im Westen verhandelt wurde, zeigt Kasper anhand einer zweiten Nutzungsphase der Computer, in der die Rentenversicherungsträger gesellschaftlichen Transparenzerwartungen mithilfe der neuen (per se aber ja intransparenten) digitalen Technologie und Datensichtgeräten begegneten. Hier zeigt Kasper überzeugend, dass durch diese Transparenzoffensive die Rentenversicherungsanstalten paradoxerweise aber unsichtbarer für die Bürgerinnen und Bürger wurden, da digitale Konten bei den Trägern nun das physische Rentenscheckheft ersetzten. Ausgehend von dem hierfür notwendigen, aber langwierigen Aufbau einer zentralen Datenstelle der Rentenversicherungsträger Mitte der 1970er-Jahre kontrastiert Kasper im achten Kapitel die in der BRD von bürgernaher Dienstleistungsorientierung bestimmte dritte Nutzungsphase mit den ostdeutschen Nutzungsparadigmen: Vom Computereinsatz habe sich das DDR-Regime vornehmlich Rationalisierungseffekte versprochen, um Arbeitskräfte freizusetzen. Hier verzichtet Kasper lobenswerterweise auf eine Ridikülisierung der geringeren technischen Möglichkeiten der ostdeutschen Technologie und zeigt die trotz der rückschrittlichen Computerentwicklung erreichten, weitreichenden Rationalisierungserfolge auf, ohne dabei Probleme und Konflikte im Umsetzungsprozess außen vor zu lassen.

Darüber hinaus kann Kasper in einem interessanten Vergleich zeigen, dass sich beim Datenschutz der DDR "weniger Intention und gesellschaftliche Forderungen, wohl aber Inhalte und Stoßrichtungen" (S. 302) mit den bundesrepublikanischen Vorkehrungen gedeckt haben, wobei in Ostdeutschland aber der Geheimschutz der staatlichen Daten das Kernanliegen bis in die späten 1980er-Jahre war – und nicht der Schutz von privaten Informationen der Bürgerinnen und Bürger. Dieser gewann in der Bundesrepublik mit dem Wahrnehmungswandel der Computertechnologie von verbreiteter Technikeuphorie zur Betonung des Bedrohungspotenzials seit Mitte der 1970er-Jahre an Bedeutung und manifestierte sich im Überwachungsstaatsdiskurs. Auch wenn die Sozialversicherung hier kaum thematisiert wurde und Kaspers Bezug auf den "Überwachungsstaat" den Blick teilweise eher verstellt, kann er zeigen, dass die breite gesellschaftliche Thematisierung der Gefahren der Digitalisierung schließlich unter anderem zur Aufgabe der Pläne eines einheitlichen Personenkennzeichens auf staatlicher Ebene, zu Verwaltungsvereinfachungen und zu datenschutzrechtlichen Maßnahmen bei den Rentenversicherungsanstalten führte.

Auf mehreren Ebenen zeigt Kasper im zehnten Kapitel auf, welche unterschiedlichen Wahrnehmungen mit der Computerisierung zwischen den 1950er- und 1980er-Jahren bei den Anwendern der Rentenversicherungsträger einhergingen: Hier kontrastiert er plausibel die Erwartungen der Geschäftsführung bzw. der Ebene der Entscheider mit den Wahrnehmungen des "betroffenen" Personals, die sich um die Pole Verheißung (Rationalisierung) und Bedrohung (Arbeitsplatzverlust, Monotonie) gruppieren lassen. Mit einem speziellen Blick auf die weiblichen Angestellten, die als einfache Schreibkräfte und Datentypistinnen am intensivsten mit den Computern arbeiteten, verdeutlicht Kasper, dass die Computerisierung zwar strukturelle Veränderungen und andere Qualifikationsniveaus mit sich brachte, aber zu keinem signifikanten, zeitgenössisch befürchteten Personalabbau führte, sondern im Gegenteil durch das engagierte Eintreten der Gewerkschaften sogar positive Effekte wie Weiterqualifizierungen hervorgebracht werden konnten.

Abschließend widmet sich Kasper der Transformationszeit zwischen 1989 und 1992, in der es den Rentenversicherungsträgern in Ost und West oblag, die politisch ausgehandelte Sozialunion praktisch umzusetzen. Hier kann Kasper anhand der Gründung einer Überleitungsanstalt und des Aufbaus der Rentenversicherungslandschaft in den neuen Bundesländern nach bundesrepublikanischem Vorbild zeigen, dass gerade die technischen und datenschutzrechtlichen Unterschiede zur Grundvoraussetzung für die rasche Umsetzung der Sozialunion innerhalb von zwei Jahren wurde, wobei neben den strukturellen Bedingungen paradoxerweise die durch einen mangelhaften Datenschutz begünstigten großen Datensammlungen der DDR halfen. Damit sei der Computer nach den praktischen Umsetzungen der westdeutschen Rentenreformen der 1950er- und 1970er-Jahre erneut zum Garanten des sozialen Friedens und gesellschaftlichen Zusammenhalts geworden.

Insgesamt zeigt die über weite Strecken differenziert argumentierende Studie damit, welche Potenziale für die historiographische Forschung in einer breiteren Perspektivierung der Computerisierung liegen, und bietet dementsprechend interessante neue Sichtweisen auf das Verhältnis von Computereinsatz und dem Funktionieren des Sozialstaats, dessen Geschichte sich bei weitem nicht in einfachen Rationalisierungsnarrativen erschöpft, sondern vielmehr von sich stets wandelnden Erwartungen, Anforderungen und Anwendungsmöglichkeiten geprägt war – und bis heute ist. Wie unterschiedlich der Digitalisierungsprozess verlaufen konnte und welch unterschiedliche Gründe hierfür maßgeblich waren, zeigt dabei der Seitenblick auf die Entwicklung in die DDR, worin trotz der kleineren Redundanzen ein großes Verdienst der Studie liegt. Aus dem Fokus auf die weitestgehend als erfolgreich gezeichnete Computerisierung und deren Bedeutung für die Arbeit der Rentenversicherungsträger ergibt sich allerdings der (unfreiwillige) Eindruck, als erweitere Kasper damit diskussionswürdige teleologische Großnarrative der bundesrepublikanischen Geschichte (zum Beispiel als "geglückte Demokratie")[6] um praktische bzw. technologische Aspekte. Auch deshalb wäre eine gewisse Dekonstruktion der Zwangsläufigkeit der Digitalisierung, wonach gewissermaßen das Glück der Bundesrepublik in immer neuen Digitalisierungsschüben läge, zum Beispiel mit Blick auf die handelnden Akteure und deren Motivationen ebenso wünschenswert gewesen wie die nähere Beleuchtung der im Fazit angedeuteten problematischen Folgen der Computerisierung, "bürokratische Tendenzen in der Sozialverwaltung" (S. 422) zu verstärken, die damit selbst zur Expansion des Sozialstaates beitrugen. Diese weiterführenden Kritikpunkte sollen aber keinesfalls die Leistung der Arbeit schmälern, sondern deuten an, dass weitere Forschungen relevant und vielversprechend sind – und dass mit Blick auf die verzögerte Umsetzung der jüngst eingeführten Grundrente die Geschichte der Digitalisierung des Sozialstaats noch lange nicht auserzählt ist.

Anmerkungen:
[1] Siehe: Hermann-Josef Tenhagen: Die Grundrente kommt – auch für Sie?, in: Spiegel Online, 09.01.2021, https://www.spiegel.de/wirtschaft/service/die-grundrente-kommt-auch-fuer-sie-a-6f9e7f6f-33f7-4ed6-9890-1f5f90460247 (03.03.2021); Die Grundrente startet, aber die Auszahlung verzögert sich, in: Wirtschaftswoche, 01.01.2021, https://www.wiwo.de/politik/deutschland/bundesregierung-die-grundrente-startet-aber-die-auszahlung-verzoegert-sich/26761804.html (03.03.2021).
[2] Exemplarisch: Hans Günter Hockerts, Der deutsche Sozialstaat. Entfaltung und Gefährdung seit 1945, Göttingen 2011.
[3] Vgl. Frank Bösch (Hrsg.), Wege in die digitale Gesellschaft. Computernutzung in der Bundesrepublik 1955–1990, Göttingen 2018.
[4] Bisher stehen mit Blick auf staatliche Computerisierungsvorhaben vor allem Sicherheitsdatenbanken im Fokus. Siehe Hannes Mangold, Fahndung nach dem Raster. Informationsverarbeitung bei der bundesdeutschen Kriminalpolizei, 1965–1984, Zürich 2017; Rüdiger Bergien, "Big Data" als Vision. Computereinführung und Organisationswandel in BKA und Staatssicherheit (1967–1989), in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History 14 (2017), S. 258–285, https://zeithistorische-forschungen.de/2-2017/5488 (03.03.2021); Christopher Kirchberg, "… die elektronisch erzeugte Schuldvermutung"? Die Auseinandersetzung um das "Nachrichtendienstliche Informationssystem" des Bundesamtes für Verfassungsschutz, in: Thomas Großbölting u.a. (Hrsg.), Welche "Wirklichkeit" und wessen "Wahrheit"? Das Geheimdienstarchiv als Quelle und Medium der Wissensproduktion, Göttingen 2019, S. 125–148.
[5] Zur Rezeption kybernetischen Denkens in der DDR siehe bspw. Christian Booß, Vom Scheitern der kybernetischen Utopie. Die Entwicklung von Überwachung und Informationsverarbeitung im MfS, Göttingen 2021.
[6] Edgar Wolfrum, Die geglückte Demokratie. Geschichte der Bundesrepublik Deutschland von ihren Anfängen bis zur Gegenwart, Stuttgart 2006.

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16.03.2021
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