Cover
Titel
Das Erbe sind wir. Warum die DDR-Journalistik zu früh beerdigt wurde. Meine Geschichte


Autor(en)
Meyen, Michael
Erschienen
Anzahl Seiten
369 S.
Preis
€ 28,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Thomas Großmann, Projektträger Jülich (PtJ), Forschungszentrum Jülich

Bereits auf den ersten Blick wird klar: Dieses Buch will nicht gefällig sein und auch Michael Meyen will als Autor nicht gefallen – jedenfalls nicht allen Leser:innen. Das Buch fällt als kalkulierte Provokation daher aus dem üblichen Rahmen einer wissenschaftlichen Monografie, was Inhalt und Struktur angeht: Zehn Kapitel strukturieren den Text, doch sie tragen Titel wie "Warum das Fass noch einmal aufgemacht werden muss", "Warum die Vergangenheit nicht vergeht" und "Wie ich Parteijournalist werden wollte". Trotz der Endnoten, einer breiten Quellenbasis, vieler Interviews mit Zeitzeugen und der reichhaltig zitierten Literatur ist das Buch vor allem eine Mischung aus Autobiografie und Abrechnung, ein persönliches Panoptikum von deutsch-deutschen Gegenwartsfragen wie dem Aufkommen der AfD und der Krise der etablierten Massenmedien. Es bietet eine Universitäts- und Fachgeschichte mit ihren Irrungen und Wirrungen, versetzt mit Elementen einer Politik-, Medien- und Journalismusgeschichte der DDR, der Leipziger Herbstrevolution 1989, der darauf folgenden "kurzen Zeit der Utopie"[1], von deutscher Einheit und Transformationsgeschichte – all dies verwoben, verstrickt und perspektivisch gebrochen durch das Leben des Kommunikationswissenschaftlers und Fachhistorikers Michael Meyen sowie seiner vielen Interviewpartnerinnen und -partner.

Das ist als Lektüre – man kann es leider nicht anders sagen – auch für fachlich vorgebildete Leser:innen eine echte Herausforderung. Das mag von Michael Meyen beabsichtigt oder vielleicht auch nur in Kauf genommen worden sein. Bleibt man als Leser:in jedoch hartnäckig und legt die verstreuten gedanklichen Puzzleteile zusammen, kristallisieren sich vier aufeinander aufbauende zentrale Thesen heraus, die es durchaus in sich haben: Erstens sei die an der Leipziger (Karl-Marx-)Universität zwischen 1948 und 1990 entwickelte Journalistik einzigartig und viel besser als ihr Ruf in Ost und West gewesen. Zweitens seien die aus der DDR- und Umbruchserfahrung gespeisten Reformkonzepte für eine Journalistenausbildung im "Dienst der Öffentlichkeit" auf einem viel höheren Niveau als die klassische Ausbildung im Westen angesiedelt und wären auch ein Gewinn für das vereinigte Deutschland gewesen. Drittens habe der damals wie heute hegemoniale Diktaturdiskurs in Bezug auf die DDR pauschal Menschen und ihre Leistungen entwertet und eine Auseinandersetzungen mit der Leipziger Journalistik während und nach der deutschen Einheit verhindert; die rasche Abwicklung der Sektion Journalistik sowie die Neugründung eines Instituts für Kommunikationswissenschaft und Medien erscheinen als kapitale Fehler, die zu einer schlechteren Journalistenausbildung und einer Benachteiligung ostdeutscher Journalisten geführt hätten. Viertens erscheinen auch der Aufstieg der AfD und die ökonomische und vor allem Glaubwürdigkeitskrise von Massenmedien und damit Politikvermittlung im Osten als Langzeitfolgen einer Transformation unter dem Primat einer DDR-Entwertung im Modus eines einseitigen Diktaturdiskurses. Dies erscheint insbesondere als verpasste Chance für eine gesamtdeutsche Neuausrichtung – und das nicht nur bei der Journalistenausbildung.

Meyen, der als einer der letzten DDR-Jahrgänge sein Journalistikstudium in Leipzig begann und später als Professor für Kommunikationswissenschaft an die LMU München berufen wurde, schreibt hier mit Verve gegen den historischen, politikwissenschaftlichen und publizistischen „Mainstream“ in Bezug auf Medien und DDR-Geschichte an. Die Argumente sind zahlreich und vielfältig, meistens jedoch auch biografisch oder persönlich. Es geht ihm oft um die Menschen, weniger um die Strukturen. Er trifft damit sicher einen Nerv vieler Ostdeutscher, die wie auch der Autor in den 1950er- oder 1960er-Jahren geboren, nun dreißig Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung kritisch auf ihre beiden Lebenshälften in zwei sehr unterschiedlichen Gesellschaften zurückblicken.

Auch die Geschichtswissenschaft blickt inzwischen deutlich kritischer auf die (ost-)deutsche Transformation während und vor allem nach der Einheit zurück. Meyens Buch ist vielleicht weniger ein systematisch angelegter, wissenschaftlicher Beitrag zu diesem Forschungsgebiet als eine vielstimmige individuelle Ermahnung und nachdrückliche Bestätigung der Relevanz des Themas. Denn Meyen lässt weniger die oft geduldigen Quellen als vielmehr die noch immer sehr emotionalen Menschen sprechen, die in Leipzig vor und nach dem Ende der DDR Journalistik studierten oder lehrten. Er zeichnet deren Wege in den Journalismus zum Beispiel von der Regionalredaktion der Ostsee-Zeitung auf Rügen bis an die oft als "rotes Kloster" gescholtene Sektion Journalistik an der Leipziger Karl-Marx-Universität akribisch nach, die als universitäre Ausbildungsstätte als so einzigartig galt, dass es selbst im Moskau kein entsprechendes Pendant gab. "Die politische Logik", so führt Meyen aus, "wurde durch die Logik des akademischen Feldes gebrochen, das sich auch in der DDR nicht ausschließlich an den Vorgaben der führenden Partei ausrichtete, sondern zugleich an wissenschaftlichen Standards, die nicht zuletzt in der deutschen Universitätstradition wurzelten." (S. 178)

Es ist ein Chor der partiell Marginalisierten, den Meyen auf diese Weise zu Wort kommen lässt – entweder weil ihre wissenschaftlichen Karrieren mit der deutschen Einheit und der „Abwicklung“ abrupt endeten und die in der stürmischen Zeit seit dem Herbst 1989 neuentwickelten Ideen und Konzepte dann trotzdem nicht (mehr) gefragt waren. Oder weil die Ausbildung in Leipzig für viele Journalisten aus dem Osten fortan ein biografischer Makel blieb und ihre Herkunft der Karriere im gesamtdeutschen Mediensystem nicht immer förderlich war. Meyen zitiert hier den prominenten Autor und Journalisten Alexander Osang: "Der Osten ist keine Dauerwelle, die einfach rauswächst." (S. 352) Und doch machen etliche Leipziger Absolventen der letzten Jahre erstaunliche Karrieren, werden Chefredakteure ostdeutscher Regionalzeitungen oder Journalisten, Moderatoren oder Reporter in den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten. Für Meyen ist das einerseits der Beleg: So schlecht kann die Ausbildung nicht gewesen sein. Doch im Grunde geht es ihm um mehr als nur die formelle Qualifikation in Leipzig. Es geht um gesellschaftliche Repräsentanz, die trotz einiger bekannter Namen wie etwa Maybrit Illner in dieser Lesart noch immer sehr zu wünschen übrig ließe: "Die Verbannung Ostdeutscher aus redaktionellen Führungspositionen […] schränkt die Medienvielfalt ein. Es fehlen nicht nur die Geschichten aus der Vergangenheit, die den Alltag jenseits von Stasi, Mauer und Parteiallmacht behandeln und damit das, was im kommunikativen Gedächtnis der meisten Ostdeutschen überdauert hat." (S. 356) "Der Westen", so lässt es der Autor an mehreren Stellen durchblicken, ist für ihn lediglich vordergründig interessiert, aber letztlich ignorant. Man hat seine Meinung über "den Osten" und will sich die auch nicht nehmen lassen durch einen zu genauen Blick auf die Details. Schließlich sind mit dieser Meinung oftmals auch politische, wirtschaftliche, publizistische oder wissenschaftliche Interessen verknüpft, die eine ehrliche Fürsprache nicht erlauben.

Meyen sieht darin den entscheidenden Grund für die anhaltende Unzufriedenheit vieler Ostdeutscher und das nach wie vor schwierige Verhältnis zwischen den (Mittel-)Älteren in Ost und West: "Der hegemoniale Diktaturdiskurs hat die Lebenschancen all jener Menschen beschnitten, die 1989 schon alt genug waren, um in der DDR etwas werden zu wollen", lautet entsprechend das ernüchternde wie kritische Fazit des Autors: "Dieser Diskurs hat sich in die Betroffenen eingeschrieben, weil sie gezwungen waren, ihr eigenes Tun mit einem Maßstab zu messen, der von außen kam, und dieses Innerste immer wieder nach außen tragen mussten […]. Diese Nötigung zur Selbstreflexion und zur ständigen Rechtfertigung hat die Erinnerung an den Zauber verblassen lassen, der in jedem Anfang steckt. Die Euphorie, endlich frei von alle Scheuklappen und Behelligungen zu sein, ist erstickt worden von der Erkenntnis, dass das Land ostdeutsche Erfahrungen und Perspektiven nicht wirklich braucht und dass Demokratie nur das ist, was man im Westen dafür hält." (S. 356)

Harte Worte, denen man zustimmen kann oder eben nicht. Es geht letztlich um individuelle Lebenserfahrungen und daraus gewonnene persönliche Urteile von einstigen DDR-Journalisten und Wissenschaftlern. Das ist vielleicht auch nur die halbe Geschichte: Dissidenten und Oppositionelle, die sicherlich sehr viel mehr unter der Parteiallmacht gelitten haben, würden vermutlich anders urteilen. Für Meyen scheinen sie Teil des hegemonialen Diskurses zu sein und werden entsprechend ausgeklammert. Insofern ist der große Beitrag des Buches, die gerade seit 2015 wieder aufgebrochene Debatte um ostdeutsche Identität, Erfahrungen sowie deren mediale Repräsentation nicht mit einem neuen (Zwischen-)Ergebnis beenden zu wollen. Vielmehr ist es eine publizistische Einladung zum Widerspruch gegen vermeintliche Gewissheiten und die geschichtspolitische Erzählung der neuen Bundesrepublik nach 1990. Ob und wann daraus tatsächlich Historiographie wird, wird die Zukunft zeigen.

Anmerkung:
[1] Siegfried Prokop (Hrsg.), Die kurze Zeit der Utopie. Die „zweite“ DDR im vergessenen Jahr 1989/90, Berlin 1994.

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04.06.2021
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