Cover
Titel
Beyond the Border. Young Minorities in the Danish-German Borderlands, 1955-1971


Autor(en)
Wung-Sung, Tobias Haimin
Erschienen
New York 2019: Berghahn Books
Anzahl Seiten
254 S.
Preis
£ 99.00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Caroline Elisabeth Weber, Centre for Border Region Studies, University of Southern Denmark, Odense

Mit Beyond the Border publiziert Tobias Haimin Wung-Sung eine innovative, quellenbasierte Studie über junge Angehörige der Minderheiten in der deutsch-dänischen Grenzregion zwischen 1955 und 1971. Damit nimmt er sich einer Thematik an, die das Alltagsleben von Jugendlichen zwischen Schleswig (D) und Kolding (DK) in politische Themen wie den Kalten Krieg und die Gründung der NATO, sowie gesamtgesellschaftliche Debatten um Menschenrechte, Geschlechtergleichstellung oder Popkultur einbettet.

Optisch präsentiert sich der Band hochwertig und leserfreundlich. Basierend auf den Ergebnissen seiner Dissertation gliedert sich Wung-Sungs Text in sieben Kapitel, die von einer Einleitung und einem Fazit umrahmt werden. Innerhalb des Textes wird mit Endnoten gearbeitet, zudem wartet jedes Kapitel mit einer umfangreichen Bibliografie auf. Dies erleichtert auf der einen Seite den Lesefluss, erschwert aber mitunter ein wissenschaftliches Arbeiten mit dem Text. Hilfreich wiederum ist das Register, das neben Orten, Namen und Schlagworten auch Hinweise auf das Alter und die nationale Zugehörigkeit der genannten Personen gibt. Für den Gebrauch relevant sind auch die eingehenden Anmerkungen zu Sprache, Terminologie und Übersetzungen in der Einleitung, die vor allem deshalb zwingend erforderlich sind, da aus einem deutsch- und dänischsprachigen Quellenbestand ein englischer Text mit durchgehend ins Englische übersetzten Zitaten geschrieben wurde. Ein solches Vorgehen ist im deutsch-dänischen Kontext eher unüblich, vor allem Zitate werden zumeist in der Originalsprache oder mit deutscher/dänischer Übersetzung daneben geliefert. Dies erfordert jedoch auf beiden Seiten der Grenze weiterführende Sprachkenntnisse, die auch im so oft als „Modellregion“ betitelten Grenzland[1] nicht flächendeckend vorhanden sind und zudem eine Rezeption außerhalb des bekannten Kreises aus Autor:innen und Rezensent:innen erschweren. Es ist daher bei allem persönlichem Unmut über die Vorgehensweise ein bemerkenswertes Verdienst des Autors, seine Thematik einer breiteren, internationalen Leserschaft zugänglich zu machen.

„Youth and the 1960s connects with new fashions, new music, new ideas and new opinions“ (S. 1), so der Auftakt von Wung-Sung in der Einleitung. Er führt weiter aus: „Youth and the 1960s is also linked to certain, in particular urban, locations“, und nennt exemplarisch San Francisco, London, oder „the universities across North America and Europe, where young people rioted for influence and chance.“ (S. 1) An die junge Generation in den Minderheiten nördlich und südlich der deutsch-dänischen Grenze denkt bei dieser Thematik wohl niemand, auch wenn bereits ein erster Blick in die Fotoalben der regionalen Gymnasien einen Wandel im Erscheinungsbild der Abiturientinnen und Abiturienten zwischen 1955 und 1971 sichtbar macht (vgl. S. 2f.).

Sowohl die Jugendkulturen der 1960er-Jahre als auch die Minderheiten in der genannten Grenzregion sind ein gut erforschtes Thema – dennoch sind neue Perspektiven und aktuelle Fragestellungen weiterhin wichtig. Wung-Sung zeigt schlüssig, dass „young minority experiences did not exist and develop in isolation“, und fragt, wie sich die Erfahrungshorizonte veränderten „by influences coming from both within and outside the minority space“ (S. 3). Für Wung-Sung stellen nationale Grenzen keine Beschränkung von kulturellen, sozialen und politischen Veränderungen dar, wie er anhand der Jugend der beiden Minderheiten exemplarisch darlegt (S. 6). Nach einem Einstieg über die gesellschaftspolitischen Entwicklungen seit Ende des Zweiten Weltkrieges vergleicht Wung-Sung die Identitätserfahrungen der deutschen und dänischen Minderheitenjugend. Dabei arbeitet er auf Basis einer breiten Quellengrundlage, die von Jahrbüchern der beiden Gymnasien über Printmedien und Briefe bis zu Zeitzeugenbefragungen (Oral History) reicht, was die Studie auch in methodischer Hinsicht vielseitig macht.

Das erste Kapitel Strong Spirits and Healing Wounds skizziert den historischen Kontext der Grenzregion seit den Volksabstimmungen von 1920, bei denen die Menschen zwischen dänisch und deutsch wählen konnten bzw. mussten. Ein umfangreicher Kontext ist bei dieser Arbeit sinnvoll, da die bis heute bestehende Grenze zwar Resultat einer demokratischen Abstimmung ist, der grenzrevisionistische Kulturkampf im Norden und vor allem im Süden aber lange nachwirkte und auch in der Friedenszeit nach dem Zweiten Weltkrieg nicht gänzlich verstummte.

Im zweiten Kapitel Unlikely Cold War Allies stellt Wung-Sung konsequent die Minderheitenjugend in den Fokus und thematisiert dabei die zeitgenössischen Diskurse um die NATO-Mitgliedschaften Deutschlands und Dänemarks oder die Bonn-Kopenhagener Erklärungen von 1955. Am Beispiel einer Debatte, ob Abiturient:innen des Deutschen Gymnasiums in Nordschleswig die in Dänemark traditionelle Abschlusskappe tragen sollten, zeigt er nachvollziehbar die Zwickmühlen auf, in denen sich weltoffene Jugendliche der Grenzregion, nicht nur der nationalen Minderheiten, zwischen 1955 und 1962 bewegten.

Kapitel drei New Ideas of a United Europe widmet sich auf Basis regionaler Presseartikel den Zugehörigkeiten zwischen dänisch, deutsch und europäisch. Dabei macht der Autor sehr sensibel die unterschiedlichen Perspektiven auf Europa, einerseits aus den Blickwinkeln der Minderheiten und andererseits als Generationenfrage, sichtbar. Hier schafft er den Übergang zu Kapitel vier Contesting, Celebrating und Questioning, in dem im Zeitraum von ca. 1960 bis 1965 mikroperspektivisch nach historischen Narrativen in der Mehrheits- und Minderheitengesellschaft, und darüber hinaus auch in Familien gefragt wird. Wung-Sung stellt hier erneut die Relevanz der Grenzabstimmungen von 1920, aber auch das Erleben des Zweiten Weltkrieges und der Besatzungszeit in den Vordergrund, und arbeitet überzeugend mit dem Konzept von Postmemories/Überliefertem Erinnern.

Kapitel fünf Young People Enjoying Life and Having Fun ist deshalb das wohl zentralste Kapitel und verdeutlicht die langfristige Relevanz von Wung-Sungs Studie. Unter dem Untertitel Life is Too Good to Fight a National Struggle macht er den Alltag der Jugendlichen zwischen 1957 und 1967 sichtbar und widmet sich der Bedeutung von Sportclubs, Musik und Popkultur. Die Grenzregion bedarf hier einer eingehenden Betrachtung: Sportliche Aktivitäten waren national getrennt, und gemischtgeschlechtliche Freizeitaktivitäten vor allem in der eher konservativen deutschen Minderheit unüblich. Nicht nur in der Grenzregion half die Popkultur dabei, gesellschaftliche Trennungen aufzuheben (S. 149f.), aber den Jugendlichen der Minderheiten ermöglichten Konzert- und Filmabende erstmals gemeinsame Freizeitaktivitäten außerhalb des nationalen Rasters. Sie waren laut Wung-Sung „unwilling to accept that jazz should be subjected to the same national divisions as sport“ (S. 157). Er versteht dies als „consequence of the perception that jazz in itself was international and therefore could not be subjected to Danish and German national divisions“ (S. 159).

Im abschließenden Kapitel sieben Young People of their Time? macht Tobias Haimin Wung-Sung klar: „Political topics completely unrelated to minority issues or the border region started to occupy minority youths, alongside the debate about what being part of a Danish or German minority actually meant.“ (S. 211) Überzeugend skizziert er die Debatten um die Zulassung weiblicher Studierender in die Studentenverbindung der Deutschen Minderheit in Kopenhagen Ende der 1960er-Jahre, die vor allem in Nordschleswig kritisch gesehen wurde. Auch aktuell wird der Umgang mit Sexismus und Gleichstellungsfragen in der nordschleswigschen Jugendparteiorganisation „Junge Spitzen“ thematisiert, und im Bund Deutscher Nordschleswiger (BDN) wurde 2019 die „Arbeitsgruppe Gleichstellung“ gebildet, womit die Minderheit aktiv und durchaus selbstkritisch gesellschaftliche und tagespolitische Themen auf die Agenda setzt.[2]

Tobias Haimin Wung-Sungs Arbeit verdeutlicht, welchen langen Weg die Nachkriegsjugend in Dänemark und Deutschland gehen musste, und welche inneren Debatten die beiden Minderheiten im generationellen Umbruch führten. Damit steht aber dieser Weg gerade nicht im Zentrum seines Forschungsinteresses, sondern vielmehr der Spagat zwischen Zugehörigkeitsnarrativen, regionaler Tradition, politischen Themen und gesamtgesellschaftlichen Debatten um Menschenrechte, Geschlechtergleichheit und Jugendkultur. Er leistet damit einen wertvollen Beitrag zur Alltagskultur in Grenzregionen, zum kulturellen Erinnern und zur Geschichte der Jugend, und sensibilisiert dafür, für die deutsch-dänische Grenzregion neue Narrative jenseits des regional oft genutzten „Vom Gegeneinander zum Miteinander“[3] zu finden. Das Leben in einer Minderheit ist schließlich zwar immer eine Frage der Zugehörigkeit, doch darf dies nicht als gleichzeitige Nichtzugehörigkeit missverstanden werden.

Anmerkungen:
[1] Vgl. dazu die Erläuterungen des Landes Schleswig-Holstein zur Zusammenarbeit mit Dänemark im Rahmen des 100. Grenzjubiläums, https://www.schleswig-holstein.de/DE/Landesregierung/Themen/Europa/DaenemarkZusammenarbeit/daenemark_zusammenarbeit.html (26.04.2021). Zur durchaus kritischen wissenschaftlichen Betrachtung siehe Jørgen Kühl / Robert Bohn (Hrsg.), Ein europäisches Modell? Nationale Minderheiten im deutsch-dänischen Grenzland 1945–2005, Bielefeld 2005; Martin Klatt, The Danish-German Border Region. Caught between Systemic Differences and Re-bordering, in: Eurasia Border Review 8/1 (2017), S. 15–30.
[2] Dominik Dose, BDN beschließt Sexismus-Politik, in: Der Nordschleswiger, 30.03.2021, https://www.nordschleswiger.dk/de/nordschleswig/bdn-beschliesst-sexismus-politik (26.04.2021); Kim Malin Bethke / Denise Dörries, Junge Spitzen – Balance zwischen Party und Politik, in: Der Nordschleswiger, 28.08.2020, https://www.nordschleswiger.dk/de/nordschleswig/junge-spitzen-balance-zwischen-party-und-politik (26.04.2021).
[3] Henrik Becker-Christensen, „Vom Gegeneinander zum Miteinander.“ Das dänisch-deutsche Minderheitenmodell, hrsg. vom Königlich Dänischen Generalkonsulat in Flensburg, Flensburg 2015.

Redaktion
Veröffentlicht am
04.06.2021
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