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Titel
Vor dem großen Krieg. Europa im Zeitalter der spanischen Friedensordnung 1598–1618


Autor(en)
Asch, Ronald G.
Erschienen
Darmstadt 2020:
Anzahl Seiten
446 S.
Preis
€ 60,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Holger Böning, Deutsche Presseforschung, Universität Bremen

Eine Grundthese dieser Studie lautet für den Zeitraum um 1600, dass sich nach Jahrzehnten so intensiv wie heftig ausgefochtener konfessioneller, dynastischer und politischer Konflikte im Machtgefüge der europäischen Staaten aufgrund von Ermüdung und ökonomischer Erschöpfung ein Zeitalter friedlichen Ausgleichs anzudeuten, ja, sogar eine Art neuer Friedensordnung möglich zu sein schien. Parallel dazu habe es Veränderungen des intellektuellen Profils der Epoche gegeben, die neue transkonfessionelle Ordnungsentwürfe als möglich hätten erscheinen lassen. Der Autor geht dabei bis zu der Behauptung, dass „der Westen“ den Weg zu einer Reduktion des Gewaltpotentials religiöser Konflikte schon vor dem Sieg der Aufklärung beschritten habe, ja, dass bereits vor 1618 weniger gewaltaffine Formen der Spiritualität und Frömmigkeit ebenso ihren Beitrag zur Eindämmung von Gewalt geleistet hätten wie eine neue theologische Beurteilung möglicher „Heiliger Kriege“ und ein Rationalismus, der sich von der intellektuellen Hegemonie der Theologie konsequent zu befreien gesucht habe. Europa habe in der Zeit vor dem Großen Krieg zu lernen begonnen, mit konfessioneller Vielfalt zu leben, auch wenn dieser Lernprozess erst später zum Abschluss gekommen sei.

Diese Sicht ist zumindest überraschend, muss man sich doch fragen, wie eine derart beschriebene Entwicklung hin zu einem europäischen Frieden und friedvollen Formen konfessioneller Konfliktlösungen mit dem Dreißigjährigen Krieg in eine der blutigsten militärischen Auseinandersetzungen münden konnte, die die Menschheit bis dahin erlebt hatte. Ohne Zweifel waren doch religiöse neben politischen Konflikten Auslöser dieses Krieges, in dem die Religion fortan ein wichtiges perpetuierendes Moment bilden sollte.

Ohne Frage berichtet Ronald G. Asch nicht von Phantasmagorien, wenn auch einzuwenden wäre, dass es Ermüdung und kurzzeitige Abkehr vom Gebrauch kriegerischer Mittel im Laufe militärischer Konflikte über die Jahrhunderte immer wieder einmal gegeben hat, ohne dass damit grundsätzliche Veränderungen von Konfliktlösungsstrategien verbunden gewesen wären. Zwar kann Asch zeigen, dass mit dem Ende der spanischen Offensivpolitik und dem Frieden mit Frankreich, der sich abzeichnenden Beilegung des spanisch-englischen Konfliktes sowie dem Waffenstillstand Spaniens mit der Republik der Niederlande im Jahre 1609 sich tatsächlich so etwas wie Tendenzen zu einer Friedensordnung für Europa anzukündigen schienen und zugleich einige Intellektuelle über ein neues Recht des Friedens und des Krieges nachzudenken begannen. Doch das näherliegende Bild der Jahre vor 1618 als einer Epoche, die geprägt war durch den Gegensatz von konfessionellen Scharfmachern, dürfte dadurch wohl kaum grundlegend korrigiert werden können. Immerhin behielten nach wie vor diejenigen, die aktuelle Konflikte in einer eschatologischen oder andersgearteten konfessionellen Perspektive interpretierten, die Oberhand über jene Denker, die die Deutungshoheit der Theologie zurückwiesen und auf der Basis einer Autonomie der Politik nach einem Ausgleich zwischen den verfeindeten Lagern strebten (dazu S. 91).

Dem Rezensenten stellt sich hier zunächst die Frage, ob es sein könnte, dass die Berechtigung des von Asch entworfenen Gemäldes eines zunehmenden friedlichen Ausgleichs nur dann einleuchtend erscheint, wenn der Blick vorwiegend auf England, Spanien, die Niederlande und Frankreich begrenzt wird. Schon mit dem Blick auf Spanien wäre auch auf weniger friedvolle Momente hinzuweisen, denn ungeachtet aller ökonomischen Zwänge zum Frieden blieb das Land seinem Selbstverständnis als katholischer Schutzmacht in Europa treu und war damit in eine allgemeine Konfessionalisierung in Europa eingebunden. Auch die Niederlande dachten trotz ihrer Bereitschaft zu dem als vorteilhaft empfundenen Waffenstillstand keineswegs daran, an ihrer konfessionellen Orientierung die geringsten Abstriche zu machen. Dass es um 1600 tatsächlich Versuche gab, zu einer dauerhaften Friedensordnung zu gelangen, stellt Asch zwar kenntnisreich und anregend dar, er verschweigt allerdings auch nicht, dass diese Versuche in der Realität alle scheiterten. Dass die verfeindeten konfessionellen Lager tatsächlich in der Lage gewesen seien, eine gemeinsame Sprache für das Gespräch über die Fronten hinweg zu entwickeln, mag im Einzelfall zutreffend gewesen sein, muss im Ganzen aber bezweifelt werden. Asch dürfte mit solchen einschränkenden Formulierungen wie jener, wonach die politischen und konfessionellen Akteure um 1600 „bis zu einem gewissen Grad“ gelernt hätten, mit der konfessionellen Pluralität Europas zu leben, selbst Zweifel ausdrücken (S. 324).

Asch erhebt mit seiner Studie den Anspruch, in die Zukunft weisende Tendenzen der Epoche um 1600 zu würdigen (S. 27). Dies gelingt ihm unbestreitbar bei seiner Charakterisierung einzelner Persönlichkeiten mit ihren neuen Ordnungs- und Identitätsentwürfen. Ob diese aber tatsächlich eine Bedeutung annahmen, die eben nicht lediglich auf die Zukunft wies, sondern auch für die Gegenwart breitere Wirkung entfaltete, erscheint bezweifelbar. Im Kapitel „Zwischen eschatologischer Geschichtsdeutung und transkonfessionellen Ordnungsentwürfen“ wird immer wieder sehr deutlich, mit wie vielen Einschränkungen auch Asch selbst seine Thesen versehen muss, wenn es um das Gewicht solcher neuen Sichtweisen für das intellektuelle Gesamtprofil der Zeit oder gar für das konkrete Zeitgeschehen geht. Nicht nur, dass letztlich nur wenige Gewährspersonen für einen weniger militanten Konfessionalismus genannt werden können, es bleiben – zumindest dem Rezensenten – auch deren Rezeption und Wirkung für das europäische Geistesleben im Dunkeln.

Dass seine Argumentation im Ganzen nicht trägt, zeigt Asch selbst meisterhaft in jenen Teilen seines Buches, in denen er die Situation im Alten Reich und in der Habsburgermonarchie in den Mittelpunkt stellt. Und von hier ging ja am Ende 1618 die militärische Eskalation aus, hier erscheint das Bild einer wenn auch fragilen Friedensordnung deutlich als Trugbild. Nicht allein in den Auseinandersetzungen der Habsburger mit Böhmen und Ungarn sowie den österreichischen Erblanden, sondern auch bei allen Versuchen im Reich, katholische Positionen zu stärken, waren konfessionelle und politische Konflikte engstens verbunden, wie Asch selbst betont (S. 195). Für Böhmen, um beim Ausgangspunkt des Dreißigjährigen Krieges zu bleiben, stellt auch er eine Zuspitzung der konfessionellen Konflikte fest, die 1599 mit der Neubesetzung der kaiserlichen Ratsstellen und der böhmischen Landesämter durch zuverlässige, für die Zurückdrängung des Protestantismus bekannte Katholiken begann, mit dem Entzug der Duldung gegenüber der Unität der Böhmischen Brüder 1602 fortgesetzt wurde, um dann in den großen Konflikt des Jahres 1609 zu münden, in dem die Böhmen mit dem Majestätsbrief Rudolf II. die Zusicherung der Glaubensfreiheit wie die Bestätigung der überkommenen ständischen politischen Rechte abtrotzten. Ohne Zweifel war es in der Monarchie wie im Reich so, wie es der von Asch zitierte Erasmus von Tschernembl als Anführer der oberösterreichischen Stände ausdrückte: „Religio und libertas hangen aneinander“ (S. 206). Zusätzlich verschärft wurden die Konflikte ab 1598 durch eine rücksichtslose und höchst aggressive Durchsetzung der Gegenreformation in Innerösterreich, die mit der Umwandlung protestantischer in katholische Kirchen, der Ausweisung protestantischer Geistlicher und selbst Laien sowie dem Verbot protestantischer Bibeln und Bücher zeigte, was vom späteren böhmischen König und Kaiser Ferdinand zu erwarten war (S. 199, 203, 208f.).

Vielleicht wäre es noch absurder erschienen, wie der Buchtitel vom Zeitalter der spanischen Friedensordnung zu sprechen, wenn Asch intensiver das Selbstverständnis der Zeitgenossen einbezogen hätte, wie es sich in den eine immer wichtigere Rolle spielenden, von ihm eher beiläufig erwähnten publizistischen Quellen äußerte (S. 287, 302). Die in diesen Medien geführten konfessionellen Auseinandersetzungen wiesen in den beiden Jahrzehnten vor Kriegsbeginn durchaus nicht Wege aus der konfessionellen Konfrontation, sondern trugen deutlich dazu bei, sie zu verschärfen. Sinnvoll wäre hier ein Blick auf die wöchentliche Berichterstattung der beiden ersten deutschen Zeitungen während des Jahres 1609 und der Folgejahre bis 1618 gewesen. 1609 dominierten die über Monate kurz vor einer kriegerischen Eskalation stehenden Auseinandersetzungen dieses Jahres in Böhmen, die zum Majestätsbrief Rudolfs II. führten, und jene Konflikte im Reich, in denen wie im Streit um Donauwörth und die Erbfolge in Jülich-Kleve-Berg der Kaiser nicht als Schiedsrichter, sondern als Partei auftrat, in einer Weise, die bei den Lesern wohl keinerlei Gedanken an eine Friedensordnung hat lebendig werden lassen können. Im Gegenteil erschienen glaubwürdig die Protestanten als in ihren religiösen Rechten höchst gefährdet, gleichzeitig wurde vor Augen geführt, wie der Kaiser die Reichsjustiz als Kampfinstrument nutzte. Selbst wenn es in der realen Entwicklung auch andere Tendenzen gab, auf die Asch sich beruft (S. 297), musste es der Öffentlichkeit durchaus so vorkommen, als ob die Entwicklung der Reichspolitik auf den einfachen Nenner einer vollständigen konfessionellen Polarisierung zu bringen war (S. 297).

1609, dies sei noch einmal betont, gelang es den böhmischen Ständen, die durch den Bruderzwist geschwächten Habsburger mit der Androhung militärischer Gewalt zur Garantie freier Religionsausübung und der traditionellen ständischen Rechte zu zwingen. Hier glückte, was die Böhmen 1618 erneut versuchen würden, damit aber diesmal tragisch scheitern sollten. In den bürgerkriegsähnlichen Geschehnissen des Jahres 1609, so vermittelt die Zeitungsberichterstattung ebenso getreulich wie die Flugpublizistik, kann nur von einem Zufall gesprochen werden, der einen Kriegsausbruch verhinderte. Ein solcher Zufall blieb dann 1618 in einer sehr ähnlichen Situation aus, die böhmischen Erwartungen, man könne die Habsburger neuerlich zum Nachgeben zwingen, erwiesen sich als trügerisch, denn Ferdinand II. war entschlossen, sich nicht wie Rudolf II. zwingen zu lassen.

Nach der Erzwingung des Majestätsbriefs musste die öffentliche Berichterstattung den Eindruck erwecken, dass von einer Vertragstreue der habsburgischen Konfliktpartei, ohne die ein Konfessionsfrieden ja kaum möglich war, nicht die Rede sein konnte. Im Gegenteil erschien es so, dass jede Schwäche auf böhmischer Seite von den Habsburgern sofort genutzt wurde, um die ihnen abgetrotzten Zusagen in Frage zu stellen. Beständig wurde so auf protestantischer Seite ein Gefühl der Bedrohung geschürt, Gegenreformation und Rekatholisierung erschienen als reale Gefahr. Nimmt man die Zeitungsberichte zwischen 1609 und 1618 zur Kenntnis, dann überrascht die militärische Eskalation im Jahre 1618 nicht. Wirkliche, auf gegenseitigem Vertrauen beruhende Gemeinsamkeiten verhinderte nicht zuletzt ein Scharfmacher wie Erzherzog Ferdinand, dessen Unwillen, den konfessionellen Status quo zu akzeptieren, der Öffentlichkeit allgemein bekannt war. Seine Bestätigung des Majestätsbriefs, ohne die er nicht zum böhmischen König gewählt worden wäre, kann den Zeitgenossen nur wenig glaubhaft erschienen sein, wurde solche Rechtszusicherung doch erkennbar nur unter äußerstem Druck abgegeben. Durch die Zeitungen war zudem die Überzeugung Ferdinands bekannt geworden, lieber ein Fürst ohne Untertanen sein zu wollen, als Untertanen „widerwärtiger Religion“ zu haben. Wenn Asch meint, es habe 1610 keinen vorgezeichneten Weg gegeben, der in die Katastrophe des Dreißigjährigen Krieges führte, dann kann er dafür Quellen nennen, charakteristischer für diese Zeit erscheinen dem Rezensenten jedoch jene, die das genaue Gegenteil belegen und zeigen, dass die habsburgischen Bemühungen, den Protestantismus mit Stumpf und Stiel auszurotten und den Religionsfrieden aufzukündigen, in der Öffentlichkeit höchst lebendig waren. Hinzu kam, dass, wie auch Asch es sieht, 1618 der letzte Augenblick gekommen zu sein schien, Ferdinand als böhmischen König wie als Kaiser zu verhindern (S. 303).

Wenn Asch in seinem Buch die in Westeuropa wachsenden Chancen für einen Ausgleich zwischen den feindlichen Lagern betont, bleibt ihm nicht verborgen, was für die zur Katastrophe führende Eskalation ausschlaggebend war, dass nämlich in Mitteleuropa die Gefahr eines größeren Konflikts eher zunahm und das Reich wie die Habsburgermonarchie recht fragile Gebilde darstellten, in denen sich auch aufgrund kontingenter Faktoren die Konstellationen rasch verändern konnten (S. 216f., 285). Die Mitverantwortung Spaniens, Frankreichs, der Niederlande und Englands, die ja 1618 sofort in diesen Konflikt involviert wurden, macht die Vorstellung von der Existenz einer Friedensordnung noch fraglicher. Asch selbst betont ja, dass der Ausbruch des Krieges und seine Eskalation ohne den europäischen Kontext nicht zu verstehen seien (S. 307).

In der Geschichtsschreibung wird es immer um unterschiedliche Bewertungen einzelner Quellen und Geschehnisse gehen. Eines der Lieblingszitate des Rezensenten stammt von Heinrich Matthias Graf von Thurn, der im Konflikt mit den Habsburgern für eine Gleichheit ohne Unterschied der Religion plädierte: „Was ein theil hat / hat der ander auch / vnd also ein bestendiger Fried vnd vereinigung zu machen.“ Berichtet werden diese schönen Worte in einer Meldung aus Wien vom 19. Juni 1619 in der Hildesheimer Zeitung Nr. 26. Was sie bedeuten, darüber wird man streiten können, denn zu dieser Zeit lag Thurn als politischer und militärischer Führer der Böhmen mit seinen Truppen nicht weit von den Stadtmauern der habsburgischen Metropole Wien entfernt.

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10.03.2021
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