Cover
Titel
Kinafarerne. Mellem kejserens Kina og kongens København


Autor(en)
Asmussen, Benjamin
Erschienen
Kopenhagen 2019: GADs Forlag
Anzahl Seiten
288 S.
Preis
DKK 349,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Tobias Delfs, Seminar für Südasienstudien, Humboldt-Universität zu Berlin

Über die verschiedenen dänischen Ostindien- und Asienkompanien vom 17. bis in das 19. Jahrhundert wurde schon umfassend geforscht. Dabei ging es beispielsweise um politische Themen wie die dänische Neutralitätspolitik vor allem zu Zeiten des Amerikanischen Unabhängigkeitskrieges und der Koalitionskriege, die auch Einflüsse auf Entwicklungen in Asien hatten. Die durchaus flexibel gehandhabte dänische Außenpolitik war weit weniger neutral, als ihr Name es nahelegt, und führte u. a. durch den Transfer illegal im Privathandel erworbenen Kapitals für englische Kaufleute von Asien nach Europa sowie durch die Übernahme des Handels für kriegsbeteiligte Staaten zu einer ‚blühenden Periode‘ (florissante periode) im dänischen Asienhandel, die bis zum Ende der 1780er-Jahre andauerte. Ausführlich wurde in der Geschichtswissenschaft auch der Handel selbst behandelt: seine Waren, der Wert derselben oder die verschiedenen Misserfolge und Pleiten der einzelnen Kompanien und einzelner Privathändler und Kapitäne. Im Unterschied zu den Importen nach Europa und dem dortigen Markt für asiatische Waren wie Tee, Gewürze, Porzellan, Seide oder Kunstwerke und deren Konsum fanden die Exporte nach Asien (abgesehen vom Silber) etwa in Form von Waffen und Alkohol dabei jedoch weit weniger Beachtung. Die Beteiligung der Dänen am intra-asiatischen Handel wurde inzwischen ebenfalls analysiert. Einzelne Untersuchungen beschäftigten sich überdies mit den Risiken der Überfahrt, mit Krankheit und Tod und dem Leben an Bord der China- und Indienfahrer.[1] Vor allem den älteren wirtschafts- und sozialgeschichtlichen Forschungsarbeiten gemein ist ihr strukturgeschichtlicher und häufig statistischer Ansatz.

Benjamin Asmussen wählt in seinem auf seiner englischsprachigen Dissertation[2] beruhenden Buch eine Kombination aus Netzwerkanalyse und akteurszentriertem Zugang zu den dänischen Chinafahrern und betreibt damit eine Form globaler Mikrogeschichte.[3] Der schön aufgemachte und reich bebilderte Band richtet sich, anders als die Dissertation, dennoch an ein breiteres Publikum, verzichtet aber dankenswerterweise für Fachhistoriker:innen nicht auf die Verwendung von Archivalien (aus den ausschließlich dänischen Archiven) und auf Quellen- und Literaturangaben in den Endnoten und im Literaturverzeichnis. Die Kapitelstruktur des Buches ist nach der historischen Entwicklung der Asiatischen Kompanie (Asiatisk Kompagni) von ca. 1730 bis 1840 aufgebaut, erzählt diese Geschichte aber vor allem mit Hilfe besonders bedeutender Akteure, ihrer Lebensläufe und ihrer Vernetzungen.

Das erste Kapitel behandelt den Neuanfang der Asiatischen Kompanie auf der Grundlage der vorhergegangenen dänischen Ostindienkompanien und die erste Expedition nach China. Vor ihrer Zusammenführung zur Asiatischen Kompanie waren noch zwei getrennte Handelsgesellschaften gegründet worden, eine für den ostindischen, eine andere für den chinesischen Handel. Es habe jedoch in Dänemark schlicht an Chinaerfahrung unter den beteiligten Personen gefehlt. Hier habe sich nun der Niederländer und Chinareisende in Diensten der Habsburgischen Oostender Handelskompanie Pieter van Hurk ins Spiel gebracht. Schon die erste Reise mit dem dänischen Schiff Kronprinz Christian nach Kanton (Guangzhou) im Jahr 1730 wurde als Erfolg gewertet und ebnete van Hurk den Weg für seinen Aufstieg in die Kopenhagener Elite, die Benjamin Asmussen nachzeichnet. Wissen und Netzwerk seien hier die zentralen Kategorien.

Im zweiten Kapitel geht es um die weitgehend erfolgreiche Wachstumsphase der Kompanie in den Jahren 1732 bis 1782. Asmussen nutzt diesen Abschnitt, um die Organisationsstruktur der Kompanie, das nicht nur restriktive politisch-wirtschaftliche Umfeld in China, die städtische Entwicklung Kopenhagens und speziell des Viertels Christianshavn, sowie die Netzwerke rund um die reformierte Kirche und die Freimaurer in Dänemark zu erklären. Der Aufbau der Schiffe, die mitgeführte Tierwelt, die Routen und das schwierige Leben an Bord der Chinafahrer werden ebenfalls behandelt. Die Rolle und Bedeutung des Alkohols hätte dabei etwas ausführlicher ausgeführt werden können (S. 75). Er wurde nicht allein als Handelsgut, sondern auch auf dem Schiff, in den europäischen Häfen und vor allem von den Europäern in Asien stark konsumiert, wie die Quellen, trotz der manchmal vorhandenen Stereotype hinsichtlich der Seeleute, häufig erwähnen. Der zentrale Protagonist in diesem Kapitel ist der Supercargo und begabte Netzwerker Peter Mourier mitsamt seinem vielfältigen Lebenslauf, seinen Verbindungen in der Kirche, zu den Freimaurern, zu Armeeoffizieren, in der dänischen Verwaltung und am Königshof sowie seinem Studium an der Göttinger Universität. All dies dürfte seine Karriere in der Handelskompanie deutlich befördert haben. Überhaupt ermöglichte die Chinafahrt auch so manchem Dänen aus der Unterschicht den gesellschaftlichen Aufstieg aus den alten Sozialstrukturen, wie Asmussen in der Lage ist zu zeigen.

Die letzten beiden Kapitel vor dem Fazit, das sich den heutigen Spuren des Chinahandels widmet, beschäftigen sich mit den Krisen, dem nachlassenden Chinahandel und dem Ende der Asiatischen Kompanie. Asmussen nähert sich dieser Zeit u. a. anhand Theodor Emil Ludvigsens, der schon von klein auf Teil der Kompanie wurde. Angesichts abnehmender Bedeutung der Handelsgesellschaft zeigt sich bei ihm der zunehmende Stellenwert einer Vernetzung mit Privathändlern. Von der Forschung weitgehend unbeachtet geblieben sind bislang die Seeleute aus Indien, Afrika und China an Bord der Kompanieschiffe. Sie erscheinen selten, meist nur angedeutet und deshalb oft anonym als „schwarze Matrosen“ o. ä. in den Quellen. Doch wie auch europäische Seefahrer in den Kolonien oder Handelskontoren ‚stranden‘ konnten, konnte Derartiges umgekehrt auch Indern, Afrikanern und Chinesen in Kopenhagen und anderen Städten geschehen. Dass sie dort gar nicht so selten waren, belegt der offensichtliche Handlungsbedarf, der aus einer dänischen Kabinettsorder von 1780 deutlich wird. Darin befahl man den Schiffskapitänen, sich angemessen um die zumeist muslimischen Inder (lascars) in Dänemark zu bemühen, sie getreu dem Fremdenrecht zu behandeln, ihnen einen Vertrag und eine Heuer zukommen zu lassen und ihnen eine Heimkehr zu ermöglichen.[4] Besonders hervorzuheben ist Benjamin Asmussens Versuch, den Spuren chinesischer Seeleute in Kopenhagen zu folgen, die 1783 mit dem Schiff Prinzessin Charlotte Amalie dorthin kamen, nachdem sie an Bord gestorbene europäische Seemänner zu ersetzen hatten. Einige erscheinen gar namentlich in den Quellen. Eine zeitgenössische Zeitung behauptete, dies seien die ersten Chinesen in der Hauptstadt. Der Maler Jens Juel verewigte einen chinesischen Untersteuermann auf einem Gemälde. Während die meisten Seeleute, nachdem sie zunächst für die Kompanie gearbeitet hatten, offenbar nach China zurückkehrten, blieben wohl einige dauerhaft in Dänemark (S. 184-190). Es wäre grundsätzlich begrüßenswert, wenn die Forschung derartige Themen auch für Dänemark verstärkt aufgreifen würde, wie dies beispielsweise bereits zu London und England geschehen ist.[5]

Insgesamt gesehen ist Benjamin Asmussen ein schönes und interessantes Buch gelungen, das einen anschaulichen Einblick in die Rolle von Netzwerken im dänischen Chinahandel und den Alltag von Chinafahrern bietet.

Anmerkungen:
[1] Vgl. zum Beispiel Ole Feldbæk, India Trade under the Danish Flag 1772-1808. European Enterprise and Anglo-Indian Remittance and Trade, Lund 1969; Ole Feldbaek, The Danish Asia Trade 1620-1807. Value and Volume, in: The Scandinavian Economic History Review 38,1 (1990), S. 3-27; Tim Velschow, Voyages of the Danish Asiatic Company to India and China 1772-1792, in: The Scandinavian Economic History Review 20,2 (1972), S. 133-152; Erik Gøbel, Sygdom og død under hundrede års kinafart, in: Handels- og Søfartsmuseets Årbog (1979), S. 75-130; Stephan Diller, Die Dänen in Indien, Südostasien und China (1620-1845), Wiesbaden 1999; Tobias Delfs / Martin Krieger, Alltagsgetränk und Rauschmittel im kolonialen Diskurs. Produktion, Handel und Konsum von Alkohol und öffentliche Debatten in Dänisch-Ostindien [in Vorbereitung, Frankfurt 2021]; Mikkel Venborg Pedersen, Luksus: Forbrug og kolonier i Danmark i det 18. århundrede, Kopenhagen 2013.
[2] Vgl. Benjamin Asmussen, Networks and Faces between Copenhagen and Canton, 1730-1840, PhD, CBS og M/S Museet for Søfart, Frederiksberg 2018.
[3] Vgl. zu den Möglichkeiten einer globalen Mikrogeschichte etwa Harald Fischer-Tiné, Marrying Global History with South Asian History: Potential and Limits of Global Microhistory in a Regional Inflection, in: Comparativ. Zeitschrift für Globalgeschichte und vergleichende Gesellschaftsforschung 28,5 (2018), S. 49-74.
[4] Vgl. August Hennings, Gegenwärtiger Zustand der Besitzungen der Europäer in Ostindien. T. 1. Geschichte des Privathandels und der itzigen Verfaßung der Besitzungen der Dänen in Ostindien, Kopenhagen 1784, S. 43-45.
[5] Vgl. etwa Norma Myers, The Black Poor of London: Initiatives of Eastern Seamen in the Eighteenth and Nineteenth Centuries, in: Immigrants & Minorities (1994) 13,2-3, S. 7-21.