S. Schwarz: Die politische Elite der Schweiz

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Titel
Im Spannungsfeld zwischen Wiederherstellung und Wandel. Die politische Elite der Schweiz während der Restauration von 1814 bis 1830


Autor(en)
Schwarz, Stephan
Erschienen
Basel 2020: Schwabe Verlag
Anzahl Seiten
636 S.
Preis
CHF 96.00
Rolf Graber, Historisches Seminar, Universität Zürich

Ältere Forschungen zur Schweizergeschichte verstehen die Epochengrenzen als markante Zäsuren: Helvetische Revolution, Mediation, Restauration und Bundesstaatsgründung werden als historische Umbrüche interpretiert. In jüngster Zeit hat sich ein neues Paradigma etabliert, das stärkeres Gewicht auf Kontinuitäten legt.[1] Dadurch geraten die Epochenbegriffe selbst in die Kritik. In seiner Habilitationsschrift verfolgt Stephan Schwarz zwei Ziele: Einerseits intendiert er die Problematisierung des Epochenbegriffs „Restauration“ im Kontext der Schweizergeschichte, wobei das Spannungsfeld von Wiederherstellung und Wandel unter spezieller Beobachtung steht. Andrerseits soll mithilfe der prosopographischen Methode eine Kollektivbiographie der politischen Elite erstellt werden.

Die Studie gliedert sich in zwei Hauptteile. Im ersten Teil wird die politische Entwicklung der Schweiz 1798–1815 (Helvetik, Mediation, Restauration) beschrieben. Anschliessend wird der Fokus auf die kantonalen Entwicklungen gerichtet. Die differenzierten und materialreichen Zusammenfassungen stützen sich vor allem auf ältere Darstellungen, mitunter werden auch neuere Kantonsgeschichten und Kantonsartikel des Historischen Lexikons der Schweiz berücksichtigt.

Der zweite Hauptteil besteht aus einem Biographienkorpus von 24 Lebensläufen. Die sorgfältige Rekonstruktion erfolgt auf der Basis von Darstellungen und Quellen, besonders wertvoll sind die Recherchen zu denjenigen Personen, für die neuere Darstellungen fehlen. Alle Personen lebten zwischen 1754 und 1861 und wurden aufgrund ihrer beginnenden Ämterlaufbahn während der Helvetik und ihrer wichtigen politischen Funktion während der Restauration ausgewählt, wobei auch die Kantone und Sprachregionen berücksichtigt wurden. Die Auswertung erfolgt unter den Kriterien Herkunft und Bildung, Rolle während der Helvetik, Mediation, Restauration, politische „Einstellung“ sowie Verhalten an der Schwelle zur Regeneration. (S. 522–540) Etwas überraschend ist die ausschliesslich qualitative Auswertung des Materials, denn mit der kollektivbiographischen Analyse wird vor allem quantitatives Arbeiten verbunden. So hätten sich zum Beispiel die Angaben zu Herkunft, Bildung und Ämterlaufbahn auch in tabellarischer Form darstellen lassen. Da der überwiegende Teil der vorgestellten Politiker sowohl während der Helvetik als auch während der Mediation und Regeneration eine Rolle spielte, ermöglicht die Analyse des biographischen Materials Langzeitstudien, die über die Restauration hinausgehen. Der personen- und politikgeschichtliche Rahmen wird im letzten Untersuchungsschritt der Arbeit noch gesprengt, indem der Fokus auf „Institutionen im Dienst nationaler Bestrebungen“ gerichtet wird. Einer ausführlicheren Darstellung des Pressewesens folgen kürzere Betrachtungen zum Ausbau des Bildungswesens, zur Fest- und Vereinskultur und zum Militär.

Die Schlussbetrachtung greift die Frage von Kontinuität und Wandel sowie die Problematik des in der Einleitung beschriebenen Epochenbegriffs „Restauration“ nochmals auf. Der Autor schlägt vor, den Begriff durch die Formulierung „im Spannungsfeld zwischen Fremd- und Selbstbestimmung“ zu ersetzen. Dieser Zeitabschnitt wird in drei Phasen unterteilt: 1814–1816: Loslösung der Schweiz von der französischen Vorherrschaft; 1817–1825: Die Schweiz unter Kontrolle der Heiligen Allianz; 1825–1830: Die Erstarkung der liberalen Bewegung. Damit wird besonderes Gewicht auf die Rolle der Schweiz in der europäischen Staatenwelt gelegt. Verantwortlich für diese Neupositionierung war der Übergang von der napoleonischen zur postnapoleonischen Ordnung.

Durch minutiöse Auswertung des Biographienkorpus und der Übersichtskapitel zu den nationalen und kantonalen Entwicklungen gelangt der Autor zu wertvollen und zutreffenden Einzeleinsichten und Schlussfolgerungen. Allerdings fehlt teilweise die Einordnung der disparaten Aussagen in einen breiteren Kontext und in aktuelle Forschungsdiskussionen. Durch eine Kontextualisierung hätte das Buch an Aussagekraft gewonnen. Dies soll an einigen Beispielen illustriert werden.

So fehlen etwa grundsätzliche Überlegungen zu Sinn und Zweck der Epochenbegriffe. Diese sind immer ex post gebildete Kunstbegriffe, die dominante Signaturen abbilden und in denen sich Zeitstrukturen verdichten. In diese ideologischen Konstrukte fliessen immer auch bestimmte Werthaltungen aus dem zeitlichen Entstehungskontext ein. Gegenläufige Strömungen werden ausgeblendet. Dies muss nicht nur als Nachteil gewertet werden, denn dadurch wird Komplexität reduziert. Solche theoretischen Vorüberlegungen sind wichtig für die Beurteilung der vorgeschlagenen Epocheneinteilung. Der Verzicht auf den Begriff „Restauration“ und der Fokus auf die Positionierung in der europäischen Staatenwelt verweist auf die Frage nach der Fremd- oder Selbstbestimmung hinsichtlich der Entwicklung der modernen Schweiz. Ein Blick auf die aktuellen Diskussionen zur Entstehungsgeschichte dieser modernen Schweiz oder zur Genese der Neutralität hätte ermöglicht, die vorgeschlagene Epocheneinteilung im historiographischen Kontext zu reflektieren.

Ein wichtiges Resultat der Analyse ist der Befund einer generationellen Kontinuität der Elite über eine lange Zeitspanne hinweg. Um diesen Umstand zu erklären, wäre es wichtig gewesen, einige Überlegungen zu den Handlungsspielräumen und Handlungsoptionen des untersuchten Personenkreises anzustellen. Welche politischen Umstände ermöglichten das Obenbleiben? Welche Fähigkeiten waren notwendig, um sich neu zu positionieren? Welcher Zusammenhang bestand zwischen politischen Veränderungen und individuellen Karriereschritten? Hat sich das Anforderungsprofil im untersuchten Zeitraum verändert? Inwiefern begünstigen strukturelle Kontinuitäten im Übergang vom Ancien Régime zur Helvetik die Neupositionierung? Diese Fragen sind nur zu beantworten, wenn die statischen Elitedefinitionen um ein dynamisches Moment ergänzt werden.[2] In diesem Kontext wären die von Pierre Bourdieu vorgeschlagenen Analysetools (Unterscheidung von ökonomischem, kulturellem und sozialem Kapital) hilfreich gewesen. Die Kontinuität der Elite lässt sich auch mit dem Fehlen von Personen mit den nötigen Bildungsressourcen erklären.

Weiterer Erklärungsbedarf besteht auch hinsichtlich der festgestellten Diskrepanz zwischen politischer Rückständigkeit und ökonomischer Modernisierung. Im Unterschied zur politischen Beharrungskraft ist die Phase von 1815 bis 1830 eine Zeit rasanten ökonomischen Wachstums durch die beginnende Mechanisierung der Handweberei. Der von Hans-Ulrich Wehler vorgeschlagene Terminus der „defensiven Modernisierung“, der auch in neuere Überblicksdarstellungen zur Restauration Eingang gefunden hat, wäre ein taugliches theoretisches Instrument gewesen, um das politische Überleben der konservativen Machtelite zu erklären. Die soziale und wirtschaftliche Dynamisierung der Gesellschaft ohne Demokratisierung diente dem Statuserhalt.

Zu den interessanten Resultaten der Arbeit gehören die differenzierten Ausführungen zum Verhalten der einzelnen Politiker in dieser Umbruchszeit sowie die Rekonstruktion ihrer politischen Erfahrungswelt. In Kontrast zu den unüberbrückbaren Gegensätzen zwischen Konservativen und Liberalen wird ein breites Spektrum möglicher politischer Positionierungen sichtbar gemacht. Einerseits verfolgten Konservative eine pragmatische Haltung und waren zu Zugeständnissen bereit. Andrerseits entfernten sich ehemalige helvetische Politiker von ihren revolutionären Idealen. Gemeinsam war beiden Lagern die Ablehnung einer direkten Beteiligung des Volkes. Selbst liberale Vordenker wie Usteri und Zschokke wollten dem „ungebildeten Volk“ keine Rechte übertragen. (S. 531) Diese Furcht vor dem Volk, die auch für die neue Generation von Liberalen der Regenerationszeit typisch ist, führte in der Schweiz zu einer Entwicklung, die ebenfalls im untersuchten Zeitraum begann: Die politische Elite war seit der Helvetik mit Volksbewegungen konfrontiert, die unter Berufung auf vormoderne Partizipationsmodelle und die allgemeine Menschenrechtsidee mehr Mitbestimmung forderten. Diese Bewegungen waren für die Entstehung der halbdirekten Demokratie mit Volksrechten wie Initiative und Referendum von grosser Relevanz. Indem der Autor sich stark am liberalen Fortschrittsnarrativ orientiert und nur die Bedeutung der liberalen Regenerationsbewegungen für den Demokratisierungsprozess hervorhebt, rückt dieser alternative Grundstrom nicht ins Blickfeld. In der untersuchten Epoche wurde die Schweiz nämlich zum politischen Experimentalraum für demokratische Partizipationsformen. Diese epistemologische Dimension, das gleichzeitige Revolutions- und Ordnungspotenzial der Demokratie, führte zu einer spezifischen Konstellation, die für einen stetigen „Abgleich von politischen Ideen und gesellschaftlichen Entwicklungen“ sorgte.[3] Wie die neuere Demokratieforschung gezeigt hat, wandte sich die Bewegung der Modernisierungsverlierer gleichzeitig gegen die liberale Version der repräsentativen Demokratie und gegen den liberalkapitalistischen Modernisierungspfad. Sie erhielt dadurch eine Dynamik, die für die Herausbildung des politischen Systems der modernen Schweiz von grundlegender Bedeutung war.

Fazit: Wer eine seriös recherchierte Überblicksdarstellung zur ambivalenten Bedeutung dieser Wendezeit sucht, die eine Fülle von Informationen zur politischen Entwicklung und zum politischen Personal enthält, wird bestens bedient. Da diese Epoche von der Geschichtsschreibung vernachlässigt wurde, füllt das Buch eine bestehende Lücke, zumal es auch als Nachschlagewerk dienen kann. Wer jedoch innovative Ansätze jenseits traditioneller Politikgeschichte erwartet, die sich am Problemhorizont neuerer Forschungen zur Schweizergeschichte orientieren, wird eher enttäuscht.

Anmerkungen:
[1] Vgl. etwa Daniel Schläppi (Hrsg.), Umbruch und Beständigkeit. Kontinuitäten in der Helvetischen Revolution 1798, Basel 2009; Daniel Speich Chassé, Die Schweizer Bundesstaatsgründung von 1848: ein überschätzter Bruch? in: Schweizerische Zeitschrift für Geschichte, 62/3 (2012), S. 405–423.
[2] Vgl. Zu diesem Themenfeld Anja Victorine Hartmann, Kontinuitäten oder revolutionärer Umbruch? Eliten im Übergang vom Ancien Régime zur Moderne. Eine Standortbestimmung, in: Zeitschrift für historische Forschung, 25 (1998), S. 389–420, bes. S. 413.
[3] Jakob Tanner, Die Schweiz im „System Metternich“, Das Revolutions- und Ordnungspotenzial der Demokratie, in: Regierungsrat des Kantons Zürich / Daniel Brühlmeier (Hrsg.), Zürich und der Wiener Kongress, Erklärung über die Angelegenheiten der Schweiz vom 20. März 1815, Zürich 2015, S. 57–74, besonders S. 67 u. S. 71.

Redaktion
Veröffentlicht am
30.06.2021
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit infoclio.ch (Redaktionelle Betreuung: Eliane Kurmann und Philippe Rogger). http://www.infoclio.ch/
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