S. Oesterreich: Die Frauenhose in der Bundesrepublik und DDR

Cover
Titel
Requisit moderner Weiblichkeit. Die Frauenhose in der Bundesrepublik Deutschland und DDR (1949–1975)


Autor(en)
Oesterreich, Susanne
Erschienen
Anzahl Seiten
347 S., zahlr. Abb.
Preis
€ 39,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Melanie Haller, Institut für Musik/Kunst/Textil, Universität Paderborn

Hinter dem gelungenen, charmanten Fünfzigerjahre-Cover der vorliegenden Publikation von Susanne Oesterreich verbirgt sich die Überarbeitung ihrer Dissertation, in der sie die Entwicklung und Durchsetzung der Frauenhose in der Bundesrepublik Deutschland und der DDR in den Jahren 1949–1975 untersucht. Ihren dabei angestrebten Vergleich zwischen den beiden Ländern nach dem Zweiten Weltkrieg vollzieht sie auf Grundlage der Analyse einer großen Quellensammlung ost- und westdeutscher Frauenzeitschriften und relevantem Vergleichsmaterial. Dazu zählen Umfragen, Ratgeberliteratur und weitere Zeitschriften.

Oesterreich fokussiert die Hose als zentrales Kleidungsstück in der weiblichen Garderobe nach dem Zweiten Weltkrieg und bettet sie in die Konsumgeschichte, Geschlechtergeschichte und deutsch-deutsche „Verflechtungsgeschichte“ im Bezug zu „Mechanismen und Veränderungen der vestimentären Geschlechterkonstruktion“ (S. 10) ein. Oesterreich konstatiert einen „Etablierungsprozess“ dieses einzelnen Kleidungsstückes und möchte anhand dessen die Ursachen für Ähnlichkeiten und Unterschiede beider Länder aufzeigen. Ihr Ziel ist es, „einen konsum- und geschlechterhistorisch fundierten Beitrag zur deutsch-deutschen Zeitgeschichte vorzulegen“ (S. 16), indem an einem einzelnen Kleidungsstück die soziale Konstruktion von Geschlecht nachweisbar ist.

Ihr Abschnitt zu den von ihr genutzten Methoden erläutert transparent ihre komplexe Vorgehensweise, wenn auch vor allem auf der Ebene einer methodologischen Reflexion und weniger des methodischen Vorgehens. Oesterreich wendet eine qualitative, kategoriengeleitete Inhaltsanalyse an und verwendet das „dreidimensionale Produktkommunikationsmodell“ (S. 31) des Historikers und Kommunikationswissenschaftlers Rainer Gries als Analyseleitfaden. Auf diese Weise möchte sie herauszufinden, wie die Hose für Frauen als Produkt in den Medien sinnhaft aufgeladen und attribuiert wurde. Besonders hervorzuheben ist ihre methodisch kritische Perspektive auf ihr „komparatistisches Vorgehen“ in der deutsch-deutschen Geschichte, welches sie als eine „verflechtungshistorische Perspektive“ (S. 38) beschreibt und in seiner Relevanz erläutert.

Der Aufbau der Arbeit ist plausibel und nachvollziehbar, wenngleich sie sich vom herkömmlichen, etwas statischen Aufbau wissenschaftlicher Arbeiten kaum Freiheiten erlaubt. Die Struktur der Überschriften in den zunächst getrennten empirischen Kapiteln zu BRD und DDR folgt anscheinend einer rein auf Funktionalität ausgelegten Perspektive, welche sie dann auch im vergleichenden Abschnitt am Ende des Buches wieder aufgreift. Diese redundante Struktur findet sich jedoch nicht inhaltlich in den einzelnen Abschnitten, welche sich im Gegenteil als sehr spannende Analysen mit wesentlich vielfältigerem Inhalt lesen. Oesterreich gelingt es hier, erhellende Zusammenhänge zwischen Alltag, Kultur und Politik zu eröffnen und sie reichert die Lektüre durch ihren differenzierten Zugriff auf ihre Quellen mannigfaltig an.

So kann sie etwa aufzeigen, dass sich sowohl in Ost- als auch in Westdeutschland die Hose für Frauen sowohl in der Berufs- als auch in der Sportkleidung bereits vor den 1950er-Jahren etabliert hatte, während die Bekleidungskonventionen in der Freizeit in beiden Ländern bis in die 1960er-Jahre die Frauenhose als kritisch einstuften. Eine interessante Differenz in den Quellen zeigt sich in der westdeutschen Ausschließlichkeit auf spezifisch ausgewiesene Sportarten, während in den ostdeutschen Quellen auch breitensportangelegte Freizeitgestaltung in Trainingshosen dargestellt wurde. Oesterreich ordnet dieses Phänomen nachvollziehbar der Vermittlung des weiblichen Leitbildes einer „Gesundheitspflicht“ (S. 253) unter, welches von der „staatlich gelenkte[n] Frauenpresse“ (S. 253) vermittelt werden sollte. Gleichzeitig kann sie aufzeigen, dass die DDR-Presse sich zunächst in den 1950er-Jahren sehr bewusst mit Eigenwortkreationen (Baudenkleidung als ostdeutsches Pendant zur westdeutschen Après-Ski-Mode) von der westdeutschen Mode abzugrenzen versuchte, auch indem sie durchgängig von „sozialistischer Bekleidungskultur“ (S. 255) sprach. Dies änderte sich in den 1960er-Jahren hin zu einer „konsumpolitischen Strategie“ (S. 255), die als Öffnung gegenüber den westlichen Modesystemen anzusehen ist.

Oesterreichs genaue Analysen belegen für beide Staaten, dass sich die Hose als Kleidungsstück vor allem in Anti-Mode-Kulturen[1] durchsetzte und sich „in Hinblick auf die unisexuellen Bekleidungspraxen weiblicher Heranwachsender mit einer Neuverhandlung der tradierten Geschlechterrollen“ verband (S. 318). Diese von Jugendkulturen ausgehende Anti-Mode wirkte sich wesentlich auch „generationenübergreifend auf die gesellschaftlichen Weiblichkeitsvorstellungen“ (S. 318) aus. Oesterreich kann mit ihrer Analyse deutlich aufzeigen, wie sich allein an der komplexen Untersuchung eines Kleidungsstückes eine ganze Geschlechtergeschichte schreiben lässt: „In diesem Sinne verband sich mit dem Eingang der Hose in die Damenmode ein grundlegender Wandel der Geschlechterkonstruktion mittels Kleidung.“ (S. 314)

Der sehr akademische, teils sperrige Sprachstil erlaubt jedoch leider nicht durchgehend einen angenehmen Lesefluss. Dieser Sprachstil ist im Bezug zum wirklich sehr inspirierenden Inhalt leider ein großes Manko der Arbeit – hier hätte ein besseres Lektorat eine größere Zugänglichkeit schaffen können. Gerade die Thematik der lebensweltlichen textilen Alltagskultur der Nachkriegsjahre verspricht einen großen Leserkreis, welcher aufgrund der textuellen schweren Zugänglichkeit wohl kaum erreicht werden dürfte.

Ein weiteres Manko zeigt sich im komplett fehlenden Bezug zum internationalen modehistorischen Forschungsstand. Oesterreich bezieht zwar den einschlägigen deutschsprachigen Forschungsstand mit in ihre Arbeit ein, geht jedoch überhaupt nicht auf das etablierte Fach der Dress History im internationalen Raum ein. Dies ist umso bedauerlicher, da die interdisziplinäre Modegeschichte, etwa vertreten durch Lou Taylor, ihr Fach selbst als produktive und kritische Perspektive auf verschiedene Wissenschaften versteht. Mit Oesterreichs durchgeführtem Ansatz der Quellenvielfalt ist sie hier inhaltlich anschlussfähig und zeigt deutlich die Relevanz modehistorischer Forschungen.

Nichtsdestotrotz leistet Oesterreich mit ihrer Arbeit einen zentralen und wichtigen Beitrag zu einer sich bislang im deutschsprachigen Raum kaum etablierten Kulturwissenschaft der Mode und des Textilen. Ihre Arbeit belegt an den von Ihr ausgewählten Quellen etwa die modetheoretischen Überlegungen zur Anti-Mode von René König[2] und erweitert bereits bestehende modehistorische Forschungen zur Frauenhose[3], die bislang vorwiegend den Zeitraum der Jahrhundertwende bis zum Zweiten Weltkrieg in den Blick nehmen. Besonders hervorzuheben ist zudem ihre Leistung eines komparatistischen Ansatzes der deutsch-deutschen Nachkriegsgeschichte, welche bislang nicht untersucht wurde. Sie erweitert die Forschungen zur Frauenhose und kann aufzeigen, in welchen komplexen Kontexten zwischen Politik, Wirtschaft und Kultur sich die nur sehr langsam durchsetzende Bedeutungsverschiebung eines „männlichen“ Kleidungsstückes hin zu einem Unisex-Kleidungsstück vollzog. Oesterreich zeigt anschaulich, dass die Kulturgeschichte der Frauenhose trotz erheblich differenter politischer Systeme auf beiden Seiten von „sozialen Regulierungs- und Aushandlungsprozesse[n]“ (S. 313) begleitet wurde und als Symbolgeschichte einer zähen, aber sich durchsetzenden Emanzipationsgeschichte gelesen werden kann.

Anmerkungen:
[1] René König erfasst diesen Zusammenhang bereits 1985 mit seinem theoretischen Konzept der Anti-Mode in Jugendkulturen: René König, Ein drittes Zwischenspiel: Mode und Anti-Mode, in: René König / Hans Peter Thurn (Hrsg.), Menschheit auf dem Laufsteg: die Mode im Zivilisationsprozeß, Opladen 1999, S. 299–313.
[2] Ebenda.
[3] Etwa im deutschsprachigen Raum die Arbeit von Gundula Wolter, Hosen, weiblich. Kulturgeschichte der Frauenhose, Marburg 1994.

Redaktion
Veröffentlicht am
22.10.2021
Redaktionell betreut durch