Sammelrez. Jüdische Geschichte in Litauen

Sirutavičius, Vladas; Staliūnas, Darius; Šiaučiūnaitė-Verbickienė, Jurgita (Hrsg.): The History of Jews in Lithuania. From the Middle Ages to the 1990s. Paderborn 2020: Ferdinand Schöningh , ISBN 978-3-506-70575-4, X, 524 S. € 99,00.

: Von der Unmöglichkeit, die richtige Entscheidung zu treffen. Hilfe für verfolgte Juden im deutsch besetzten Litauen 1941–1944. Berlin 2020: Lukas Verlag für Kunst- und Geistesgeschichte , ISBN 978-3-86732-343-7, 476 S. € 25,00.

Rezensiert für H-Soz-Kult von
Svetlana Bogojavlenska, Arbeitsbereich Osteuropäische Geschichte, Johannes Gutenberg Universität Mainz

Als „Jerusalem des Nordens” war Litauen mit Vilnius jahrhundertelang für seine blühende jüdische Kultur und Gelehrsamkeit bekannt. Während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg wurde diese unwiderruflich zerstört. Arūnas Babnys, einer der Autoren des Bandes „The History of Jews in Lithuania”, formuliert es folgendermaßen: „Not only were people murdered: a centuries-old culture, customs and traditions were erased, and property and other material values were plundered” (S. 418). Danach kamen Jahrzehnte der sowjetischen Besatzung, in denen die Versuche, die Überreste aufrechtzuerhalten, die Verbrechen aufzuarbeiten und die Erinnerung zu bewahren, systematisch unterdrückt wurden. Erst kurz vor der Wiedererlangung der Unabhängigkeit Litauens von der Sowjetunion 1990 wurde es möglich, historische Forschung zu betreiben und Erinnerungsräume zu gestalten.

Das vorliegende Buch ist die Übersetzung des 2012 auf Litauisch veröffentlichten Werkes Lietuvos žydai. Istorinė studija. Es ist ein Resultat der Zusammenarbeit der auf dem Feld der jüdischen Geschichte führenden Wissenschaftler:innen aus Litauen, Israel, den USA und Deutschland und bietet eine Gesamtdarstellung der Geschichte der Juden in Litauen von den Anfängen der jüdischen Gemeinde im Großherzogtum Litauen im späten 14. Jahrhundert bis ins 21. Jahrhundert hinein. Dieser Forschungsansatz ist ein Versuch, vor allem verschiedene Zugänge zur jüdischen Geschichte in Ost- und Zentraleuropa miteinander zu verbinden (S. IX). Eines der Ziele des Bandes ist es, ein integrales Bild der Sozial-, Wirtschafts- und Kulturgeschichte der Jüdinnen und Juden in Litauen über die letzten 600 Jahre hinweg zu erstellen (S. IX). Die Autor:innen gehen zum ersten Mal in der Historiographie der jüdischen Geschichte in Litauen der Frage nach, wie „litauisch“ die Identität der dort lebenden Jüdinnen und Juden in verschiedenen Geschichtsepochen war. Die Herausgeber:innen werfen die Frage auf, ob die Juden, die auf diesem Territorium lebten, es nur als einen Übergangsort ihrer historischen Existenz in der Diaspora betrachteten, sich möglicherweise doch zu verschiedenen Zeiten mit Litauen identifizierten, oder sich als Teil der größeren staatlichen Formationen sahen, zu denen Litauen zeitweise gehörte (Polen-Litauen, das Russische Reich, die Sowjetunion). Die Herausgeber:innen vermerken schon in der Einleitung, dass die pauschalisierende Bezeichnung „litauische Juden“ nur für die Zeitspannen verwendet werden kann, in denen sich die Juden selbst „from a political and civic point of view“ in erster Linie mit Litauen identifizierten. In allen anderen Fällen könne man nur von den „Juden in Litauen“ sprechen. Allerdings hing die Identifizierungsbereitschaft der nicht-dominanten Gruppen in Litauen, zu denen Jüdinnen und Juden durch die Geschichte auf diesem Territorium immer gehörten, stets von der Einstellung und Politik der dominanten Gruppen ab (S. IX).

Das Buch „The History of Jews in Lithuania“ ist chronologisch aufgebaut und problematisiert die Geschichte der Juden in Litauen, der traditionellen Periodisierung der Geschichte Litauens folgend, in fünf Teilen: Teil I „Jews in The Grand Duchy of Lithuania“ (Jurgita Šiaučiūnaitė-Verbickienė); Teil II „Under the Rule of Tsars“ (Valdimir Levin, Darius Staliūnas, Mordechai Zalkin, Lara Lampertienė, Shaul Stampfer, David E. Fishman); Teil III „Jews in the Republic of Lithuania (1918-1940)“ (Vladas Sirutavičius, Mordechai Zalkin, Gediminas Vaskela, Saulius Kaubrys, Jurgita Šiaučiūnaitė-Verbickienė, Ruth Leiserowitz); Teil IV „The Second World War and the Holocaust“ (Arūnas Bubnys); Teil V „Life after the Holocaust“ (Samuel Barnai, Vladas Sirutavičius). Alle Autor:innen sind ausgewiesene Experten in ihrem Gebiet, wodurch die Unterkapitel eine besondere analytische Tiefe erfahren und die Möglichkeit eröffnen, sich durch Literaturverweise mit dem Thema und seinen verschiedenen Schwerpunkten und Problemstellungen, seien es Wirtschaftsbeziehungen, Antisemitismus oder Frauenbildung in der jüdischen Gesellschaft, verstärkt auseinanderzusetzen. Die umfangreiche Bibliographie enthält Angaben über von den Beitragenden verwendete Archivbestände in Deutschland und Litauen, sowie Literatur in litauischer, deutscher, englischer, russischer, hebräischer, jiddischer und polnischer Sprache. Jede der dreizehn Autor:innen hätte hier eine besondere Erwähnung verdient, was jedoch wegen der Kürze des gegebenen Rahmens der Besprechung nicht möglich ist. Der große Vorteil des Bandes liegt auch darin, dass die jüdische Geschichte in Litauen in die allgemeine Geschichte des Judentums in Europa eingebettet wird, indem die Autorinnen und Autoren die Tendenzen und den Ideentransfer von und nach Litauen in verschiedenen Kapiteln thematisieren. Gleichzeitig kommen auch Grundlagen der Geschichte Litauens in dem Band nicht zu kurz: Jeder Teil beinhaltet statistische Daten, thematisiert die Rolle der jüdischen Gesellschaft in der Wirtschaft der jeweiligen Epoche, das kulturelle Leben, politische Strömungen, sowie die Teilnahme – wenn diese ermöglicht wurde – an der Politik. Einen großen Raum nimmt in jeder Epoche auch das Verhältnis der Mehrheitsbevölkerung und des jeweiligen Staates den Juden gegenüber ein. Gerade aus diesem heraus resultierte ja häufig die Identifikation der jüdischen Gemeinde und ihrer Mitglieder als „litauische Juden“ oder als „Juden in Litauen“.

Die Ergebnisse der Untersuchung werden im Endkapitel „Concluding Remarks“ in Bezug auf die Einleitungsfrage der Selbstidentifikation zusammengefasst. Die Herausgeber:innen schlussfolgern beispielsweise, dass der Prozess der Formierung der Identität als „Lithuanian Jews“ erst mit der Oktoberrevolution 1917 und der darauffolgenden Unabhängigkeit Litauens richtig einsetzte und zu einer Grundlage für die in der demokratischen Periode unternommenen Versuche wurde, das gegenseitige Verständnis füreinander zu stärken, was jedoch wegen der betriebenen Ausschlusspolitik sowohl der demokratischen als auch der autoritären Regierung der jüdischen Gemeinde gegenüber nicht auf Dauer gelingen konnte. In der Zwischenkriegszeit könne man trotzdem von einem neuen Typus der jüdischen Gemeinde auf litauischem Territorium sprechen, nämlich von den „litauischen Juden“ (S. 474ff.). Diese Gemeinde der litauischen Juden wurde während des Zweiten Weltkrieges fast vollständig zerstört. „Never in Lithuanian history was such a huge number of people killed during such a short period of time. Local population also participated in the executions“, hält der Band fest, was auch durch den in der Zwischenkriegszeit gewachsenen Antisemitismus der Umgebungsgesellschaft begünstigt wurde (S. 476). Und doch gab es auch in Litauen Menschen, die sich dem widersetzten. Arūnas Babnys widmet in seinem Beitrag „The Holocaust in Lithuania 1941-1944“ einen kurzen Abschnitt der Rettung der Juden während der nationalsozialistischen Besatzung. Es seien 3.000 Gerettete registriert sowie 2.300 litauische Familien, die jüdische Mitbürger gerettet haben. Das Thema ist riesig und schwierig, denn die Quellen sind rar und es ist eine mühsame Arbeit, alle Fälle zu rekonstruieren.

Davon zeugt auch das reichlich illustrierte Buch von Katrin Reichelt, die in zwölf Geschichten von der „Unmöglichkeit“ erzählt, die richtige Entscheidung zu treffen. Bei diesem Thema, wie auch die internationale Forschung zeigt, ist jeder Name, jede Geschichte einzigartig; wie auch die Umstände, unter denen die Entscheidung, die Verfolgten zu retten, gefallen ist, einzigartig und individuell bestimmt waren. Auch wenn man einige gemeinsame Muster erkennen kann (besonders etwa bei der Rettung der Kinder oder bei religiösen Motiven), landen Forschende und alle, die verstehen möchten, wie das Unmögliche möglich wurde, im Bereich der menschlichen Psychologie, was die Tatsache erklärt, warum es zum Thema verhältnismäßig viele Beiträge in Psychologiezeitschriften und theologischen Publikationen, jedoch vergleichsweise wenige geschichtswissenschaftliche Untersuchungen gibt. Meist wird auf die Datenbanken von Yad Vashem zurückgegriffen, um zu versuchen, ein Gesamtbild der verschiedenen Rettungsaktionen zu erschaffen, jedoch scheitern solche Versuche an ebendieser Einzigartigkeit. Umso wichtiger ist das Buch von Katrin Reichelt, das einen ersten bedeutenden Versuch darstellt, der Geschichte der Rettung in Litauen ein, bzw. ihre vielen Gesichter zu geben.

Die Autorin geht im Einleitungskapitel „Vom Großfürstentum zum Ort von Massenverbrechen“ auf die umfassendere Geschichte der Juden in Litauen ein. Schon dort thematisiert sie auch den Widerstand gegen die Verfolgung und die vielfältigen Dimensionen der Rettung im von Deutschland besetzten Litauen und kommt zu der Feststellung, dass die ersten Hilfeleistungen keineswegs koordiniert, sondern häufig spontan und ungeplant waren. Es gab keine nationale Widerstandsbewegung oder Partisaneneinheiten, die an der Rettung der jüdischen Bevölkerung interessiert gewesen wären und den Retterinnen und Rettern hätten Hilfe leisten können. Daher erforderte jede Rettungsaktion „Mut, der an der Selbstaufgabe grenzte“ (S. 69). Katrin Reichelt analysiert Tagebucheinträge und Erinnerungen, um die Geschichten der Rettung so persönlich und individuell wie nur möglich nachzuzeichnen, denn die offiziellen Dokumente gäben die Geschehnisse aus der Täterperspektive wieder (S. 464).

Die Unmöglichkeit, die richtige Entscheidung zu treffen, betraf laut Reichelt nicht nur die Helfenden und Retter:innen, die kein Risiko eingegangen wären, wenn sie nicht geholfen hätten. Vielmehr sahen sich insbesondere die jüdischen Menschen mit ihr konfrontiert, die in jedem Fall bei jeder Entscheidung – selbst zu fliehen, als Familie zu fliehen, nur einem Familienmitglied die Rettungsaussicht zu ermöglichen, oder doch im Ghetto zu bleiben – das Risiko eingingen, sich selbst oder ihre Liebsten und Bekannten der Lebensgefahr auszusetzen. Die Gefahr, entdeckt zu werden, war stets sehr hoch und bedeutete fast immer den sicheren Tod für alle Beteiligten. Das Vilna Gaon Museum für jüdische Geschichte in Vilnius ermittelte bis jetzt etwa 1.500 Menschen, die mit dem Litauischen Lebenskreuz für die Rettung der Verfolgten ausgezeichnet wurden. Die Forschung geht unterdessen weiter und die Anzahl der ermittelten Fälle steigt ständig (S. 465). Katrin Reichelts Werk ist ein sehr gut gelungener Versuch, die historischen Vorgänge zu strukturieren und zusammenzufassen, auch wenn dies aufgrund der Quellenlage und Anzahl der Einzelschicksale nur bedingt möglich ist. Durch Einleitungskapitel, Schlusskapitel und die Einbettung jedes Falls in die historischen Geschehnisse ist Reichelts Buch nicht nur für informierte Historikerinnen und Historiker interessant, sondern auch für all jene, die sich in der Geschichte der jüdischen Gemeinde in Litauen und den Hintergründen der Wechselbeziehungen nicht auskennen, gut geeignet.

Will man der vernichteten Welt jüdischer Kultur und Geschichte in Litauen und den heldenhaften Versuchen, diese zu retten, ein Denkmal setzen, und gleichzeitig einen wissenschaftlichen Beitrag zur Erforschung der jüdischen Geschichte leisten, so ist dies den Autor:innen beider Werke, die sehr verschieden sind und doch einander gut ergänzen, eindeutig gelungen. Mit „The History of Jews in Lithuania“ liegt darüber hinaus endlich ein Standardwerk zur Geschichte der Juden in Litauen vor, welches nicht nur die historischen Begebenheiten dokumentiert, sondern auch Fragen nach der Selbstverortung, den wechselseitigen Beziehungen zwischen der jüdischen Gemeinde und der Mehrheitsbevölkerung, der kulturellen Ausrichtung und der Integration beantwortet und darüber hinaus viele weitere Forschungsfragen beleuchtet, ohne die eine Beschäftigung mit der jüdischen Geschichte in Osteuropa nicht mehr möglich ist.