K. Lauring: Fra befrielse til forpligtelse

Cover
Titel
Fra befrielse til forpligtelse. En fortælling om Danmark og den kolde krig 1945–1949


Autor(en)
Lauring, Kåre
Erschienen
Kopenhagen 2020: Gyldendal
Anzahl Seiten
425 S.
Preis
DKK 349,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Thomas Wegener Friis, Institut für Geschichte und Kultur, Süddänische Universität Odense

Das 2020 erschienene Werk mit dem deutschen Titel Von der Befreiung zur Verpflichtung, über Dänemark in den Übergangsjahren vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis zur Aufnahme des Landes in den Nordatlantikpakt, trägt den passenden Untertitel Eine Erzählung: Denn der Historiker und ehemalige Museumsmitarbeiter Lauring ist vor allem als begabter Geschichtenerzähler bekannt. So hat er in den vergangenen Jahren beim anerkannten kommerziellen Verleger Gyldendal Bücher zum Kopenhagener Stadtleben, zur dänischen Kolonialgeschichte und zur Geschichte des Kopenhagener Hafens publiziert.

Aus dem Anspruch an eine Erzählung leitet sich ab, dass der Verfasser mit dem vorliegenden Werk keinen genuinen Beitrag zur wissenschaftlichen Aufarbeitung des frühen Kalten Krieges bezweckt. Zwar weist das Werk über 294 Fußnoten auf, diese verweisen jedoch vor allem auf Arbeiten von etwa einem Dutzend anderer Historiker. Ergänzt wird dies mit Zeilen aus Memoiren und zeitgenössischen Zeitungen. Internationale Forschungen zum Kalten Krieg in Europa sowie Studien zur dänischen Geschichte, die auch in anderen Sprachen bisher erschienen sind, finden allerdings kaum Beachtung in der vorliegenden Darstellung.

Lauring hält loyal an den Thesen seiner Vorlagen fest, weshalb das Werk von altbekannten Themen aus der dänischen Forschung der vergangenen dreißig Jahre gekennzeichnet ist. Aus der unmittelbaren Nachkriegszeit findet man Themen wie die juristische Aufarbeitung der deutschen Besatzung, das Schicksal der 250.000 Flüchtlinge aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten, den Einsatz deutscher Minenräumer, die Deutsch-Dänische Grenzfrage, die schnelle innenpolitische Normalisierung sowie die sowjetische Befreiung beziehungsweise Besatzung der Ostseeinsel Bornholm 1945/1946. Außenpolitischen Aspekten dieser Zeit wird dagegen etwas weniger Raum gegeben. Lauring erzählt gerne davon, wie die Sicht der Dänen auf die Welt ist, berichtet aber nur sporadisch davon, wie der Rest der Welt diese betrachtete. Ein Beispiel liefert seine Beschreibung der sowjetischen Beurteilung der Position Dänemarks im Zweiten Weltkrieg. Lauring erzählt hier, dass die Sowjetunion angeblich der fehlenden Landesverteidigung gegen das nationalsozialistische Deutschland im Jahr 1940, der Staatskollaboration während der Besatzungszeit, dem Verbot der dänischen Kommunistischen Partei ab 1941 und auch dem dänischen Beitritt zum Antikominternpakt im selben Jahr kritisch gegenübergestanden habe und dies womöglich dazu habe nutzen wollen, um Dänemark den Weg zur Aufnahme in die Vereinten Nationen zu verweigern. Dies stellt gewiss die Ängste der dänischen Politik dar – wohl aber weniger die sowjetische Position. Für die nationale Geschichtserzählung ist die dänische Perspektive jedoch die interessantere. Noch wichtiger scheinen für den Autor vielleicht die Geschichten darüber, dass in der damaligen Zeit noch Engpässe bei der Versorgung von Tabak, Schokolade oder Kaffee existierten, diese begehrten Produkte aber langsam wieder in das Land kamen.

Etwa in der Mitte wechselt das Buch unter dem Kapitel „1946“ die Perspektive, worauf gleich der Untertitel „Der Kalte Krieg“ folgt. Damit schließt Lauring die Erfahrungen der Nachkriegszeit ab und eröffnet eine neue Geschichte darüber, wie Dänemark sich in der neu entstandenen globalen Situation zurechtfand. Die Schwerpunktthemen sind hier die Auseinandersetzungen zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten, Amerikanisierung, die US-Basen auf Grönland und die dänische Teilnahme am Marshall-Plan. Diese Darstellungen sind in allgemeine Beschreibungen der sich anbahnenden Teilung Europas eingebettet. Die Politische Geschichte begleitet Lauring mit Einblicken in die Lebensumstände der breiten dänischen Bevölkerung, die noch von Wohnungsnot und genereller Verknappung gekennzeichnet waren.

Ein wesentliches Thema der dänischen Forschung über den Kalten Krieg ist seit über einer Generation, wie Dänemark sich seinen Weg von der traditionellen Neutralitätspolitik über Verhandlungen zur Bildung eines Nordischen Bündnisses bis hin zur Gründungsmitgliedschaft der NATO bahnte. Die sogenannte „Osterkrise“ (påskekrisen) wird traditionell als wichtiger Wendepunkt für die dänische Neutralität angesehen. Unter dem Eindruck des Putschversuchs in Prag und des verstärken sowjetischen Drucks auf Finnland entstand kurz vor Ostern 1948 in Kopenhagener Regierungskreisen die Befürchtung, dass dänische Kommunisten unterstützt durch die Sowjetunion eine Machtübernahme wagen würden. Ein immer noch militärisch geschwächtes Dänemark hätte dem wohl ohne Bündnispartner nur wenig entgegenzustellen gehabt. Laurings Darstellung der Osterkrise beruht im Wesentlichen auf einer Studie der Historiker Jacob Sørensen und Peer Henrik Hansen aus dem Jahr 2000.[1] Interessanterweise ist vom gewichtigeren Werk des Letzteren über die nachrichtendienstlichen Aktivitäten der USA in den Jahren um das Ende des Zweiten Weltkrieges, das eine frühe, eindeutig pro-westliche und auch pro-amerikanische Linie in Dänemark aufzeigt, nur wenig in der Erzählung Laurings zu finden.[2] Ein anderer Aspekt der Westintegration Dänemarks, nämlich die Zusammenarbeit mit Großbritannien, dargestellt unter anderem vom Kopenhagener Historiker Rasmus Mariager, bleibt ebenso unberücksichtigt.[3]

Lauring bietet keine neue Interpretation des untersuchten Zeitabschnitts an und greift kaum neue Themen auf. Stattdessen bietet die Erzählung einen Überblick für die allgemein interessierten Leser:innen. Sie ist zudem gut mit zeitgenössischen Impressionen illustriert. Insgesamt stellt dieser Titel einen anspruchslosen Zugang zu wechselhaften Jahren der dänischen Geschichte dar. Für den außenstehenden, beziehungsweise nicht-dänischen, Betrachtenden bietet die Erzählung damit eine gute Darstellung, wie die Dänen ihre eigene nationale Geschichte erzählen würden.

Anmerkungen:
[1] Jacob Sørensen, Peer Henrik Hansen, Påskekrisen. Danske dobbeltspil på randen af den Kolde Krig, Kopenhagen 2000.
[2] Peer Henrik Hansen, Second to None. US Intelligence Activities in Northern Europe 1943-1946, Dordrecht 2010.
[3] Rasmus Mariager, I tillid og varm sympati. Dansk-britiske forbindelser og USA under den tidlige Kolde Krig, Kopenhagen 2007.