K. A. Myklebost u.a. (Hrsg.): The Russian Revolutions of 1917

Cover
Titel
The Russian Revolutions of 1917. The Northern Impact and Beyond


Herausgeber
Myklebost, Kari Aga; Nielsen, Jens Petter; Rogatchevski, Andrei
Erschienen
Boston, MA 2020: Academic Studies Press
Anzahl Seiten
XIX, 211 S.
Preis
$ 109.00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Saskia Geisler, Lehrgebiet Geschichte der Europäischen Moderne, FernUniversität in Hagen

Jubiläen tendieren auch in der historischen Zunft dazu, eine Reihe von Publikationen nach sich zu ziehen. Auch in Deutschland wurde das Jahr 1917 etwa mit Ausstellungen und Konferenzen bedacht.[1] Der hier vorliegende Sammelband „The Russian Revolutions of 1917. The Northern Impact and Beyond“ ist das Ergebnis einer Konferenz mit dem gleichen Titel, die im Oktober des Jubiläumsjahres der Russischen Revolutionen an der Arctic University of Norway stattfand. Konsequenterweise ist der Band, dessen Autor:innen allesamt etablierte Wissenschaftler:innen sind, in einen größeren ersten Teil, „The Northern Impact“, mit insgesamt acht Aufsätzen und einen kürzeren zweiten Teil, „Beyond“, mit vier Beiträgen gegliedert.

Gleich in der Einleitung (S. xiii) machen die Herausgeber:innen selbst darauf aufmerksam, dass den einzelnen Aufsätzen unterschiedliche Definitionen vom „Norden“ zugrunde liegen. Umso überraschender ist es, dass sich an keiner Stelle des Bandes eine Karte findet, die diese unterschiedlichen räumlichen Zuordnungen visualisieren würde. Gerade einem Band, der sich an ein internationales Publikum richtet und die „(somewhat overlooked) northern dimension“ (S. xiv) in den Blick nehmen will, hätte eine solche Einordnungshilfe und eine komplexere Diskussion des Raumverständnisses gut getan. Dieser Punkt ist nicht der Einzige, der deutlich macht: Ein zusammenhängendes Konzept liegt dem Band nicht zugrunde.

Verbindet den ersten Teil zumindest noch der nordische Bezug, wirkt der zweite Teil eklektisch, wenn zwar der Bezug zu 1917 bestehen bleibt, hier jedoch Ekaterina Rogatchevskaia über den Aufbau einer Ausstellung zum Thema in der British Library referiert oder Jens Petter Nielsen die Revolutionen in den Kontext der Erinnerungskultur des Kremls setzt. Beides sind für sich genommen gewinnbringende Aufsätze; dass der Rückbezug zum Oberthema des Bandes allerdings so vollkommen fehlt, irritiert, genauso wie der sehr überraschend in dieser Sektion auftauchende Essay von Andrei Rogatchevski zum Film „Angels of the Revolution“ (2014) von Aleksei Fedorchenko. Zwar ist der kunstgeschichtliche, auf die Rezeption der Kazym-Rebellion von 1933 gerichtete Blick durchaus spannend, ein Rückbezug zum Gesamtband, eine Einordnung in den Gesamtkontext fehlen jedoch erneut. Auch der Aufsatz „1917: the Evolution of Russian Émigré Views of the Revolution” von Catherine Andreyev nimmt die aus der Emigration nach den Revolutionen entstandene Diaspora in den Blick, ohne einen besonderen nördlichen Bezug erkennbar werden zu lassen. Das ist besonders schade, da im ersten Teil des Bandes ein Beitrag von Victoria V. Tevlina vorgelegt wurde, der die russische Migration nach Norwegen unmittelbar nach dem Bürgerkrieg beschreibt und dabei einerseits herausarbeitet, dass die norwegische Sozialdemokratie die Aufnahme durchaus skeptisch sah, und andererseits wichtige Begriffsklärungen vornimmt, die auch das Lesen anderer Artikel im Band erleichtert. Rückbezüge zwischen den beiden Aufsätzen, generell zwischen dem ersten Teil als empirische Studien zum Jahr 1917 und dem zweiten Teil als Untersuchung der erinnerungskulturellen Fortführung, hätten sicherlich das Potential gehabt, die jeweiligen Diskussionen und Fragestellungen zu vertiefen.

Wenden wir uns nun aber dem ersten Teil des Bandes zu. Vladislav Goldin postuliert in seinem Text „The Russian Revolution and Civil War in the North: Contemporary Approaches and Understanding“, dass es schon sehr viel Forschung zum Thema gegeben habe (S. 3). So wirkt sein Aufsatz denn auch eher wie eine Zusammenfassung des bisherigen Wissensstandes. Dieser gut strukturierte Text dürfte daher sowohl für Studierende als auch für andere, die sich gerade in das Thema einarbeiten, eine gute Anlaufstelle sein und bietet zudem Orientierung im Hinblick auf die folgenden Beiträge. Goldin legt ein besonderes Augenmerk auf die internationale Interessen- und Gemengelage, etwa in Bezug auf Murmansk, und betont, dass es vor allem die Uneinigkeit innerhalb der Antibolschewistischen Gruppen gewesen sei, die den Erfolg der Bolschewiki befördert habe.

Im Folgenden wird dann deutlich: „Nordisch” verspricht hier möglicherweise mehr, als einzuhalten möglich ist. Wenig überraschend fokussieren die meisten Aufsätze auf die norwegisch-russischen Bezüge, lediglich Klas-Göran Karlsson stellt die Einflüsse der Revolution in Schweden vor und Åsmund Egge untersucht anhand der Figur der russischen Revolutionärin und Diplomatin Alexandra Kollontai die Position Norwegens und Schwedens gegenüber der Sowjetunion in den Zwischenkriegsjahren. Dadurch, dass Kollontai hier der rote Faden des Erzählens ist, bleibt der Vergleich zwischen den beiden Ländern als asynchrone Analyse jedoch etwas schwach und mündet in die Feststellung Egges, dass Norwegen insgesamt durchaus offener gegenüber dem sowjetischen Nachbarn gewesen sei als andere westliche Staaten (S. 82).

Insgesamt folgen die Beiträge einer chronologischen Reihenfolge und decken interessante Aspekte des grenzüberschreitenden Einflusses der Revolutionen von 1917 auf. Sowohl kulturelle Aspekte werden diskutiert, etwa wenn Kari Aga Myklebost die Vorstellung eines liberalen Russland, die der Slavist Olaf Broch in Norwegen verbreitete, analysiert, als auch wirtschaftliche Dimensionen, wenn Tatyana Troshina und Ekaterina Kotlova die komplette Umorientierung des Handels zwischen Norwegen und Russland, respektive der Sowjetunion, in der eigentlich traditionell eng verwobenen Grenzregion beschreiben. Gleich zwei Texte liegen zum Einfluss auf die Linke in Norwegen vor. So untersucht Ole Martin Rønning die Ausbildung norwegischer Kader in der Sowjetunion in den 1920er-und 1930er-Jahren, während Hallvard Tjelmeland innernorwegisch den Einfluss auf die nordnorwegische Arbeiterbewegung untersucht und hier etwa feststellt, dass diese deutlich offener für Alternativen zum NATO-Beitritt war als der Süden des Landes.

Wie aus den Kurzzusammenfassungen schon deutlich werden dürfte: Jeder einzelne Artikel des Bandes liefert spannende Einsichten in die „nordische“ Geschichte rund um das Jahr 1917 und die Nachwirkungen der Februar- und Oktoberrevolutionen. Gleichwohl fehlt es an Systematik. So wird weder ein klares räumliches, noch ein methodisches Konzept deutlich, die Einleitung nimmt keine Gesamteinordnung vor und innerhalb der Aufsätze wird das innovative Potential nur in den wenigsten Fällen erklärt. So bleibt „The Russian Revolutions of 1917“ ein Sammelsurium, das zudem durch ein mangelhaftes Lektorat auffällt. In der gezielten Einzelrecherche sind die Beiträge lesenswert und zeigen auf, dass die grenzüberschreitende Forschung zu den Revolutionen von 1917 durchaus noch wenig erforschtes Terrain birgt – gerade auch, wenn ihr Einfluss auf die Geschichte des 20. Jahrhunderts außerhalb der Sowjetunion zur Debatte steht. Insofern ist es lediglich der Titel, der hier zu viel verspricht.

Anmerkung:
[1] Am prominentesten befasste sich wohl die Ausstellung „1917. Revolution. Russland und Europa“ am Deutschen Historischen Museum mit der Thematik: https://www.dhm.de/ausstellungen/archiv/2017/1917-revolution/ (28.06.2021).