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Titel
Das Versprechen der Gleichheit. Steuern und soziale Ungleichheit in Deutschland von 1871 bis heute


Autor(en)
Buggeln, Marc
Erschienen
Anzahl Seiten
1.039 S.
Preis
€ 36,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Ute Daniel, Institut für Geschichtswissenschaft, TU Braunschweig

Triggerwarnung: Dieses Buch kann verstörend wirken, denn es ist gut 1.000 Seiten dick, auf denen es um die Geschichte der Steuern in Deutschland von 1871 bis heute geht. Beides zusammen ist nicht gerade leichte Kost und könnte als der Mühe nicht wert empfunden werden. Schließlich wird schon seit Jahrhunderten Geschichte so erzählt und erklärt, dass Steuern ein Thema für Spezialist:innen zu sein scheinen, das mit der wirklich wichtigen Geschichte nichts zu tun hat. Aber es lohnt sich sehr, Marc Buggelns Geschichte der Steuern zu lesen. Hier wird die Steuergeschichte nämlich in die allgemeine Geschichte hineingeschrieben, indem sie mit den Themen der sozialen Ungleichheit und der Auseinandersetzungen über progressive, die Ungleichheit abmildernde Steuern verknüpft wird. Der Durchlauf durch eineinhalb Jahrhunderte eröffnet nicht nur erhellende Einblicke in diese Zusammenhänge, sondern auch in solche der angeblich allgemeinen Geschichte, in denen Steuerfragen neue Aspekte sichtbar machen oder Bekanntes anders ausleuchten können.

Das Buch ist chronologisch aufgebaut und folgt den üblichen historischen Zäsuren (Kaiserreich, Erster Weltkrieg, Weimarer Republik, „Drittes Reich“ 1933–1939 und im Zweiten Weltkrieg, westliche Besatzungszonen 1945–1948/49, frühe Bundesrepublik (1949–1966), sozialliberale Koalition (1966–1982), nach 1982. Diese Perioden werden in Anlehnung an Michel Foucaults Gouvernementalitätsbegriff ergänzend durch die jeweilige Art des Finanzregimes charakterisiert: „militarisierte Gouvernementalität“ für den Ersten Weltkrieg und die Jahre 1933–1939, „soziale Gouvernementalität“ der Weimarer Republik, „Gouvernementalität des Vernichtungskriegs“ für den Zweiten Weltkrieg, „verordneter Sozialliberalismus?“ für die Besatzungszeit nach 1945, „umkämpfte ordoliberale Gouvernementalität“ für die Periode 1949–1966, „Aufstieg und Niedergang sozialliberaler Gouvernementalität“ für die Zeitspanne 1966–1982 und „der langsame Aufstieg neoliberaler Gouvernementalität“ seit den 1980er-Jahren. Der Schwerpunkt der Darstellung liegt auf der (west-)deutschen Geschichte; doch wird er ergänzt durch vergleichende Exkurse, die es erlauben, die Frage nach den deutschen Spezifika einzelner Perioden zu stellen. Im Zentrum der Steuergeschichte, die Buggeln erzählt, steht mit der progressiven Einkommenssteuer eine der progressiven Steuerarten, deren umverteilende Wirkung unbestritten ist.[1]

Buggelns Ziel ist es, eine Lücke zu schließen, die Thomas Pikettys Studien zu Steuern und sozialer Ungleichheit[2] offengelassen haben: nämlich die Umverteilungswirkung von Steuern, also den „Zusammenhang von Steuersystem und sozialer Ungleichheit“ (S. 11), systematisch zu untersuchen. Er stellt diesen Zusammenhang her, indem er – wie Piketty und viele andere – die Veränderungen vertikaler Ungleichheit, also der Einkommens- und Vermögensunterschiede zwischen sozialen Gruppen, vor dem Hintergrund der wechselnden Steuerregime betrachtet.

Über die Gründe dafür, dass im 19. Jahrhundert die Ungleichheit insbesondere in den großen Industriestaaten anstieg, zwischen 1910/20 und ca. 1980 in vielen dieser Länder zurückging und seither wieder anstieg, wird nun allerdings seit Jahren intensiv diskutiert. Insbesondere die Bedeutung der Weltkriege für die Reduktion sozialer Ungleichheit wird konträr gewichtet.[3] Exemplarisch stehen sich hier die Darstellungen von Walter Scheidel[4] und Hartmut Kaelble[5] gegenüber. Scheidel geht davon aus, dass der Abbau sozialer Ungleichheit ausschließlich durch Kriege – insbesondere die beiden Weltkriege –, Seuchen und Katastrophen erfolgt, nicht jedoch durch politisches Handeln. Deswegen warnt Scheidel: „Wir alle, denen an einer größeren wirtschaftlichen Gleichheit gelegen ist, sind gut beraten, nicht zu vergessen, dass Fortschritte im Streben nach diesem Ideal [...] stets mit ungeheurem menschlichem Leid erkauft wurden. Wir sollten uns gut überlegen, was wir uns wünschen.“[6] (Die merkwürdige Kausalumkehr, dass, wenn wirklich Kriege und Katastrophen zu mehr sozialer Gleichheit geführt haben sollten, mehr soziale Gleichheit ihrerseits zu Kriegen und Katastrophen führen soll, wird von ihm nicht weiter diskutiert).

Kaelble argumentiert demgegenüber, dass Kriegen – abgesehen vom Zweiten Weltkrieg, dessen egalisierende Wirkung Kaelble aus seiner exorbitanten Zerstörungswucht herleitet – keine egalisierende Wirkung zugesprochen werden könne. Die deutliche Verbesserung von Lebenschancen, Einkommens- und Vermögensverhältnissen der unteren Schichten nach dem Zweiten Weltkrieg erklärt er aus den veränderten Kontexten, insbesondere dem rasanten wirtschaftlichen Aufschwung nach 1945 bis in die 1970er-Jahre, dem Kalten Krieg, der seine beiden antagonistischen Führungsmächte zu Konkurrenten im Versprechen von mehr Gleichheit machte, und den vergleichsweise hohen Steuern und Staatsausgaben für soziale Belange. Buggeln ordnet seine Sicht der Rolle der Weltkriege auf einer mittleren Linie zwischen Scheidel und Kaelble ein.

Die Antworten auf die Frage nach den treibenden Faktoren für den Rückgang sozialer Ungleichheit in der mittleren Phase des 20. Jahrhunderts divergieren also erheblich. Anders ist es auch gar nicht möglich: Kausale Zurechnungen, die derart komplexe Phänomene erklären sollen, sind Thesen, deren Plausibilität in ihrer Begründung liegt. Das gilt auch für Marc Buggelns Ausgangsannahme, dass soziale Ungleichheit vor allem durch die jeweilige Steuerpolitik reduziert (und später wieder vermehrt) wurde. Deswegen hätte ich mir gewünscht, dass das Buch für die untersuchten Perioden jeweils argumentativ plausibler macht, was für die primäre Bedeutung der Steuerpolitik spricht und was dagegen. Das hätte seine Ausgangsthese gestärkt und verhindert, dass, wie beispielweise auf Seite 559–566, angekündigt wird, „Umverteilungswirkungen“ (S. 559) im Zweiten Weltkrieg zu zeigen, dieser Ankündigung dann jedoch nur eine Darlegung der Steuerpolitik folgt. Hier wird der Zusammenhang zwischen Steuerpolitik und sozialer Ungleichheit also schlicht vorausgesetzt, nicht aber argumentativ begründet.

Diese Kritik schmälert das große Verdienst des Buchs in keiner Weise. Die Habilitationsschrift, die ihm zugrunde liegt, hat 2021 zu Recht den Carl Erdmann Preis des Verbandes der Historiker und Historikerinnen Deutschlands erhalten. Bei genauerer Betrachtung erweist sich, wie Buggeln zeigen kann, die Steuerthematik als Augenöffner, auch für eigentlich Bekanntes. Man versteht zum Beispiel besser, warum Otto von Bismarck mehrfach meinte, er wäre lieber Stangenpferd bei der Artillerie als Reichsschatzsekretär in dem wesentlich von ihm begründeten Reich: Das Reich existierte die meiste Zeit am Rande der Armutsgrenze, was seine Steuereinnahmen betraf. Dass wiederum ausgerechnet in Preußen Anfang der 1890er-Jahre die erste konsequente progressive Einkommenssteuer eingeführt wurde, erklärt sich damit, dass die preußischen Agrarkonservativen eine Steuer wollten, die der Industrie lästiger sein würde als ihnen selbst. Man erkennt außerdem, dass der unbedingte Wille der preußischen Konservativen, so wenig Steuern wie möglich zu zahlen, auch während des Ersten Weltkriegs nicht erlahmte, was den Schuldenberg, den die Weimarer Republik zu bewältigen hatte, noch einmal erhöhte.

Sehr lehrreich ist auch die Heftigkeit, mit der zwischen 1919 und 1932 das Steuerzahlen von Vielen abgelehnt oder umgangen wurde – die 1920er-Jahre brachten eine erste Hochzeit der Steueroasen –, verglichen mit der allgemeinen Obödienz, mit der auf die scharfe Steuerpolitik des nationalsozialistischen Staats reagiert wurde. Eine bessere Illustration dafür, dass das Steuergebaren eine abhängige Variable der Akzeptanz des jeweiligen politischen Systems darstellt, ist kaum zu finden. Hitlers „Volksstaat“[7] war, was das Finanzregime betraf, ein vor allem von unten nach oben und von „jüdischen“ zu nichtjüdischen Deutschen umverteilender Staat.

Anmerkungen:
[1] Facundo Alvaredo u.a. (Hrsg.), Die weltweite Ungleichheit. Der World Inequality Report 2018, https://wir2018.wid.world/files/download/wir2018-full-report-deutsch.pdf, S. 26 (22.03.2023).
[2] Siehe v.a. Thomas Piketty, Das Kapital im 21. Jahrhundert, München 2014 (erste französische Auflage 2013); ders., Eine kurze Geschichte der Gleichheit, München 2022 (erste französische Auflage 2021).
[3] Buggeln geht auf diese Debatten auf den Seiten 18ff., 281f., 330ff. und 898ff. ein.
[4] Walter Scheidel, Nach dem Krieg sind alle gleich. Eine Geschichte der Ungleichheit, Darmstadt 2018 (erste amerikanische Auflage 2017).
[5] Hartmut Kaelble, Mehr Reichtum, mehr Armut. Soziale Ungleichheit in Europa vom 20. Jahrhundert bis zur Gegenwart, Bonn 2017.
[6] Scheidel, Nach dem Krieg, S. 556.
[7] Das Buch von Götz Aly, Hitlers Volksstaat. Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus, Frankfurt am Main 2005, wird hinsichtlich der Einordnung des nationalsozialistischen Steuersystems von Buggeln kritisch gesehen. Allerdings liegt der Schwerpunkt Alys nicht auf der Steuerfrage.

Redaktion
Veröffentlicht am
20.04.2023
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