M. Füssel u.a. (Hrsg.): Akteur-Netzwerk-Theorie und Geschichtswissenschaft

Cover
Titel
Akteur-Netzwerk-Theorie und Geschichtswissenschaft.


Herausgeber
Füssel, Marian; Neu, Tim
Erschienen
Paderborn 2021: Ferdinand Schöningh
Anzahl Seiten
295 S.
Preis
€ 39,90
Rezensiert für die Historische Bildungsforschung Online bei H-Soz-Kult von:
Patrick Bühler, Pädagogische Hochschule, Fachhochschule Nordwestschweiz; Daniel Deplazes, Institut für Erziehungswissenschaft, Universität Zürich

Wenn die Akteur-Netzwerk-Theorie (ANT) eine Jakobsmuschel wäre – um ein berühmtes ANT-Beispiel zu wählen –,[1] dann wäre die Geschichtswissenschaft bislang kaum als eine umtriebige Fischerin, interessierte Forscherin oder passionierte Feinschmeckerin in Erscheinung getreten, die sich an dieser französischen Delikatesse gütlich getan hätte. Denn bislang ist die ANT kaum zu einem „historischen“ Akteur und nicht wirklich Teil der „geschichtlichen“ Netzwerke geworden. Gleichzeitig ist offensichtlich, dass seit den 1980er-Jahren auch in der Geschichtsschreibung „Materialität, Medialität und Agentialität“ zu wichtigen Größen avancierten.[2] So ist etwa auch der Begriff „Netzwerk“ in der Historiographie durchaus beliebt – nur wird er selten in einem strikten Latourschen Sinn verwendet.[3] In jedem Fall scheint es kaum ein Zufall zu sein, dass sich sowohl die ANT als auch die Geschichtswissenschaft gleichzeitig der human und non-human agency und ihren Netzwerken zuzuwenden begannen, seitdem Automatisierung, Rechner und Netzwerke tatsächlich eine immer größere Bedeutung erlangten.[4] Der überzeugende Band, den Marian Füssel und Tim Neu herausgegeben haben, baut daher verschiedene „Versuchsanordnungen“ auf (Neu, S. 46), um die ANT mit Geschichte zu verbinden. Wie „im Labor“ (ebd.) soll geprüft werden, ob es zu sinnvollen Reaktionen kommt oder nur übelriechendes Gebräu entsteht.

Getreu dem ANT-Wappenspruch „Follow the actor!“ kann man grob vereinfacht dank einer historischen „Soziologie der Übersetzung“ entweder versuchen zu rekonstruieren, wie vergangene Akteur-Netzwerke funktionierten – was etwa Bruno Latour mit der „Pasteurisation de France“ machte –,[5] oder man kann das Augenmerk darauf legen, durch welche Akteur-Netzwerke eine gewisse Vergangenheit zu einer bestimmten Zeit hervorgebracht wurde (Ausstellungen, Expeditionen, Kongresse, Publikationen etc.). Neben den beiden instruktiven einführenden Beiträgen der Herausgeber, die eine Übersicht zur Rezeption der ANT und zu ihrer Methode geben, widmet sich der Band vor allem der ersten Aufgabe: Schachfiguren, modische Zylinder, Schlittenhunde oder Salz aus Salinen helfen Bruchstücke vergangener agency und Fragmente versunkener Netzwerke zu beschreiben. Zunächst betonen die meisten Beiträge jedoch, dass die Geschichtswissenschaft – etwa die Kultur-, Alltags- oder Mikrogeschichte, Studien der material culture, transnationaler Entwicklungen oder von Wissenstransfer (Stefan Droste, S. 146; Katharina Kreuder-Sonnen, S. 173ff.) – die Bedeutung von Austausch, Dingen, Praktiken, lokalem „Eigenleben“ sowie den Stellenwert des „Kitts“ „symbolischer Akte“ (Nadir Weber, S. 123) schon lange erkannt habe und seit geraumer Zeit zahlreiche Anliegen mit der ANT teile. Woran man sich in der Historiographie – und nicht nur da – jedoch bislang vor allem gestoßen habe, sei die radikale Symmetrie der ANT, die Dingen dieselbe agency wie Menschen zugestehe (Füssel & Neu, S. 1–3).

So führen die Beiträge des Bandes einmal mehr vor Augen, dass je „technischer“ etwas ist, umso leichter die non-human agency zu erkennen ist. Beschäftigt man sich nämlich etwa mit dem ersten bemannten Raumflug der NASA, wimmelt es sogleich von Zentrifugen, Lochkarten, Simulatoren etc. So rangen die Ingenieure der NASA mit den Testpiloten der Air Force etwa darum, ob man überhaupt noch ein Fenster in der Raumkapsel für den nahezu nutzlosen Astronauten benötige (Patrick Kilian, S. 283ff.). Aber natürlich lassen sich Akteur-Netzwerke auch genauso gut am mittelalterlichen Schachspiel studieren. Folgt man nämlich den Zügen und den Figuren über Zeit, Grenzen und Schichten hinweg, lassen sich aufschlussreiche „Übersetzungen“ von Regeln, Formen und Geschlecht studieren, die an stabilisierenden Verbindungen zwischen Gegenständen und Gesellschaft mitarbeiteten (Jan Keupp).

Gleichwohl lassen die Beiträge vermuten, dass die für die jüngere Vergangenheit reichere Quellenlage sowie der technologische Wandel es wohl begünstigen, Akteur-Netzwerke „symmetrisch“ untersuchen zu können. Die Analyse von Zeitungsannoncen in Berlin aus der Mitte des 18. Jahrhunderts, mit denen nach verlorenen Gegenständen gesucht wurde, zeigt etwa, wie die detailverliebten Beschreibungen der verlustig gegangenen Habe historische Einblicke in die Beziehung zwischen Dingen und Menschen eröffnen (Droste). Die Untersuchung des Erbstreits um das Fürstentum Neuchâtel zu Beginn des 18. Jahrhunderts zeichnet ebenfalls die faszinierenden Allianzen zwischen Menschen und non-human agency – wie Kühe und Salz – nach und betont die erheblichen Ressourcen, die trotz unsicheren Ausgangs dafür aufzuwenden waren (Weber). Genauso waren im 18. Jahrhundert bei Belagerungen zwar Kanonen und Gräben zentrale Verbündete der Angreifer – was auch der technikaffinen Kriegsführung geschuldet war –, aber ebenso waren Sabotageakte und Nachschubwege im Akteur-Netzwerk der Belagerung wichtige Verbindungen, die über den Erfolg mitbestimmten (Sven Petersen). Diejenigen Beiträge, die das ausgehende 19. und frühe 20. Jahrhundert untersuchen, beobachten vermehrt, wie nichtmenschliche Akteure zentrale Aufgaben an der Seite von Menschen übernahmen. So bildeten tollwütige Kaninchen, die von Pasteurs Labor in Paris nach Polen gebracht wurden, ein ebenso fragiles wie zentrales Stück des Akteur-Netzwerks der Impfstoffproduktion (Kreuder-Sonnen). Wie instabil Akteur-Netzwerke sein konnten, zeigt auch die schwierige Beschaffung von Polarhunden für eine Antarktisexpedition. Todesfälle – Hunde, Crewmitglieder –, nicht eingehaltene Abmachungen, falsche Annahmen, fehlende Reiseverbindungen etc. führten zu Verzögerungen und forderten laufend Anpassungen (Pascal Schillings). Aber genauso konnten Verbindungen zwischen Menschen und Dingen helfen, stabile Verbindungen zu schaffen, wie etwa eine neue transportable Röntgenkugel für die Hausbesuche von Ärzten zeigt (Christian Vogel).

Was lässt sich nun für die Geschichte durch solche Studien gewinnen? Die ANT lasse die Lücke, die zwischen dem klafft, was „Akteure tun und was sie sagen“, klarer hervortreten (Neu, S. 70), zwinge auf „Generalisierung und Modellbildung“ zu verzichten (Keupp, S. 99), – so könnten etwa „ahistorische Bestimmungen von Mikro- und Makroebene“ (Kreuder-Sonnen, S. 194) oder grobe Großbegriffe wie „Nation“ (Schillings, S. 219) aufgebrochen werden –, lasse unerwartete Akteure auftauchen (Weber, S. 123), erlaube „detaillierte Einblicke“ in „Praktiken“ und deren mögliches Scheitern zu gewinnen (Petersen, S. 140, 143) oder den „meist unreflektiert im Sinne einer objektiven Tatsache“ beschriebenen „Kontext“ präziser zu fassen (Vogel, S. 239). In gewisser Weise soll mit der ANT die Geschichte also noch reicher, noch nuancierter, noch „dynamischer“ werden (Schillings, S. 200). Ob mit der ANT die Historiographie jedoch tatsächlich nicht nur einer bestimmten komplizierten „konkretistischen“ Erzählperspektive huldige und ob die gemachten Versprechen, die nicht gerade neu sind, nicht auch anders einzulösen wären, scheint nicht sicher zu sein. Zumindest ließen sich die faszinierenden Fallstudien des Bandes leicht in konventionellere „übersetzen“ (Keupp, S. 99). Wie „symmetrisch“ die Studien sind, ob eine wirklich „symmetrische“ Historiographie auf Grund der Quellen tatsächlich möglich ist, sind weitere Fragen, die der Band ebenfalls selbst aufwirft. Denn trotz aller Begeisterung für ihr Experiment wägen die Beitragenden immer wieder umsichtig mögliche Einwände ab und adaptieren die ANT mit viel Fingerspitzengefühl geschichtswissenschaftlich. Der Band liefert also nicht eine „Anwendung“ der ANT, sondern vielmehr ein eigenes Akteur-Netzwerk, nämlich einen reizvollen Geschichtswissenschafts-ANT-Hybrid.

Anmerkungen:
[1] Michel Callon, Éléments pour une sociologie de la traduction. La domestication des coquilles Saint-Jacques et des marins-pêcheurs dans la baie de Saint-Brieuc, in: L’Année sociologique 86 (1986), S. 169–208. Warum die „coquilles Saint-Jacques“ im Deutschen wenig kulinarisch mit Kammmuscheln wiedergegeben wurden, wäre eine „übersetzungssoziologisch“ reizvolle Frage.
[2] Achim Landwehr, Die anwesende Abwesenheit der Vergangenheit. Essay zur Geschichtstheorie, Frankfurt am Main 2016, S. 87. Vgl. dazu etwa auch Monika Dommann, Alles fließt. Soll die Geschichte nomadischer werden?, in: Geschichte und Gesellschaft 42 (2016), S. 516–534.
[3] Zur Verwendung des Begriffs „Netzwerk“ in der Geschichte vgl. Lino Wehrheim / Tobias A. Jopp / Mark Spoerer, Diskurs, Narrativ, Sonderweg, Hitler, Turn. Konjunkturen geschichtswissenschaftlicher Begriffe im „Clio Viewer“, in: Historische Zeitschrift 313 (2021), S. 129–154, hier S. 148, 150. Zur Geschichte von „Netzwerken“ vgl. Sebastian Gießmann, Die Verbundenheit der Dinge. Eine Kulturgeschichte der Netze und Netzwerke. 2., durchgesehene Auflage, Berlin 2016.
[4] Vgl. z. B. das fünfte Kapitel „Kulturmaschinen“ in Philipp Sarasin, 1977. Eine kurze Geschichte der Gegenwart. Berlin 2021, S. 253–331, und Lutz Raphael, Jenseits von Kohle und Stahl. Eine Gesellschaftsgeschichte Westeuropas nach dem Boom, Berlin 2019.
[5] Bruno Latour, Les Microbes. Guerre et paix suivi de Irréductions, Paris 1984.

Redaktion
Veröffentlicht am
25.01.2022
Redaktionell betreut durch
Kooperation
Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit der Historischen Bildungsforschung Online. (Redaktionelle Betreuung: Philipp Eigenmann, Michael Geiss und Elija Horn). https://bildungsgeschichte.de/
Klassifikation
Mehr zum Buch
Inhalte und Rezensionen
Verfügbarkeit
Weitere Informationen
Sprache Publikation
Sprache Beitrag