Cover
Titel
Historicizing Self-Interest in the Modern Atlantic World. A Plea for Ego?


Herausgeber
Zabel, Christine
Erschienen
London 2021: Routledge
Anzahl Seiten
304 S.
Preis
£ 96.00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Heinz D. Kurz, Graz Schumpeter Centre, Universität Graz

Der von Christine Zabel, tätig am Deutschen Historischen Institut Paris, herausgegebene Band will die von Albert O. Hirschman in seinem weithin gerühmten Werk „The Passions and the Interests“[1] vorgelegte Studie über den Aufstieg der Idee des Eigeninteresses vor dem „Triumph des Kapitalismus“ erweitern und vertiefen. Der Band enthält neben einer informativen Einführung durch die Herausgeberin insgesamt elf Beiträge, die mehrheitlich bei einer von der Fritz Thyssen Stiftung finanzierten Tagung im Februar 2019 vorgestellt worden sind. Das Ausleuchten weiterer Teile und Nischen der existierenden umfänglichen moral- und sozialphilosophischen sowie ökonomischen Literatur zum Thema fördert einige interessante Funde zu Tage. Sie bestätigen die These Hirschmans, dass es sich beim „Eigeninteresse“ um einen der wichtigsten, zugleich aber auch der am schwersten zu fassenden und im Lauf der Zeit zahlreichen Bedeutungsänderungen unterliegenden Begriffe handelt. Da das Streben von Anführern und Fürsten nach Macht und Glorie, von Einzelnen nach Selbsterhalt, Ansehen und Reichtum, von gesellschaftlichen Gruppen nach Einfluss und Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse usw. die gesamte Menschheitsgeschichte durchziehen, sind Reflexionen über das Eigeninteresse, seine Wurzeln und Wirkungen, fast allgegenwärtig.

Die Herausgeberin nennt zwei Ziele der Studie (S. 15): zum einen die Erweiterung des zeitlichen Horizonts vom siebzehnten bis zum zwanzigsten Jahrhundert und zum anderen die Erschließung weiterer Sprachräume.

Der Band ist in vier Teile gegliedert. Teil 1 enthält zwei Beiträge und befasst sich mit dem Verhältnis von Eigeninteresse und nationalem Interesse. Ted McCormick untersucht die in der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts aus dem Hartlib-Kreis stammenden Vorschläge zur Verbesserung der Lage der Nation und die unterstellte Vereinbarkeit des nationalen Interesses mit dem Eigeninteresse des Neuerers. Christine Zabel befasst sich mit den Berechnungen und Techniken der Diskontierung der Schulden des Ancien Régime im französischen Revolutionären Finanzkomitee und zeigt, wie diese durch wechselnde politische Strömungen beeinflusst wurden.

Teil 2 enthält drei Beiträge, die sich zeitgenössischen Studien der Wirkungsweise des Eigeninteresses widmen. Koen Stapelbroek setzt sich mit dem Werk Isaac de Pintos auseinander, der das Eigeninteresse auf vermittelte Weise als international friedensstiftend auszuweisen suchte und ähnlich wie David Hume den Handel als allen Beteiligten zum Vorteil gereichend. Simone de Angelis zieht eine Linie vom Gegensatz zwischen Richard Cumberland und Thomas Hobbes hin zum Verhältnis von Adam Smith und Jean-Jacques Rousseau. De Angelis betont insbesondere die Änderung des Konzepts des Eigeninteresses bei Smith, für den „Interesse“ und „Leidenschaft“ Synonyme seien, während sie bei früheren Autoren Antonyme waren (S. 111). Christof Dejung wendet sich dem Konzept der „Einbettung“ in der Anthropologie und Ethnogeographie zu Beginn des 19. Jahrhunderts zu und betont die Akkulturation von Verhaltensmustern und Motivationsstrukturen.

Die drei Beiträge in Teil 3 befassen sich mit den bei der Verfolgung von Eigeninteresse entstehenden Empfindungen. Inger Leemans erörtert, wie im ökonomisch ausgerichteten Holland schon relativ frühzeitig gewerbliche Antriebe als dem Menschen innewohnende und gesellschaftlich konditionierte Neigungen und Leidenschaften begriffen wurden. Ulrich Pfister und Friederike Scholten-Buschhoff wenden sich dem in praktischem Wissen verankerten Eigeninteresse in ländlichen Gegenden Deutschlands zur Zeit der ersten Industriellen Revolution (sie sprechen von „Industrious Revolution“) zu. Daniel Menning erörtert sodann den Zulauf eines wachsenden Teils der Bevölkerung der USA zum Aktienmarkt um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert und die populäre Diskussion von Erfolgsstrategien beim Spekulieren. Die bewusste Verfolgung des Eigeninteresses wirkte sich jedoch häufig negativ auf den Erfolg aus und rief Sozialpsychologen auf den Plan, die begannen, Ansteckung und Herdenverhalten sowie dessen Folgen zu studieren.

Teil 4 enthält wiederum drei Beiträge. Rafe Blaufarb studiert Manifestationen des Eigeninteresses in der Frühzeit der französischen Monarchie und lenkt das Augenmerk besonders auf die Konstruktion französischer Juristen der königlichen Grundbesitzregimes, das die Eigentumsrechte des Monarchen lenken und beschränken sollte. In seinem Beitrag studiert Cornelius Torp die Wechselbeziehung zwischen wirtschaftlichen und politischen Interessen am Beispiel der Anti-Glücksspiel-Bewegung in den Vereinigten Staaten von Amerika im neunzehnten Jahrhundert. Er gelangt zu dem Ergebnis, dass just in dem Moment, in dem das Profitmotiv in der westlichen Welt zu dominieren begann, das legale Glückspiel verboten wurde. Gisèle Sapiro befasst sich näher mit dem Auftauchen der Idee und dem Konzept der „Uneigennützigkeit“ (désinteressé bzw. disinterestedness) gegen Ende des siebzehnten Jahrhunderts in Frankreich als Gegenpol zu Selbstinteresse und Selbstliebe sowie deren Verbreitung in der englisch- und deutschsprachigen Welt. Die Idee hielt Einzug in die Ästhetik und Moralphilosophie und wurde zur Richtschnur persönlichen Verhaltens in Kunst, Kultur und Wissenschaft. Sie sollte die durch die Marktlogik gefährdete moralische und intellektuelle Integrität des eigenen Werks bewahren.

Jeder der Beiträge ist für sich genommen interessant und lehrreich und zeugt von der Vielfalt an Aspekten, die in den Blick genommen werden können. Zugleich drängt sich der Eindruck von Beliebigkeit auf, der auch beim Blick auf die Gruppierung des Materials in vier Teile wiederkehrt. Dies ist insoweit nicht verwunderlich, als das Thema des Eigeninteresses nolens volens alle Humanwissenschaften bis in ihre feinsten Verästelungen hinein durchdringt und damit immer und überall zur Sprache kommen kann. Wo beginnen, wo enden? Die Konzentration auf einen Strauß spezieller Fragen aus dieser überbordenden Thematik wäre vielleicht hilfreich gewesen und hätte vermutlich die Fähigkeit der Beitragenden zum Diskurs erhöht.

Das vorliegende Werk hat sich zum Ziel gesetzt, das Thema der historischen Macht der Idee des Eigeninteresses sowohl in zeitlicher als auch räumlicher Hinsicht zu erweitern. Dieses Ziel ist schwerlich zu verfehlen und tatsächlich wird das existierende Teilbild der zur Debatte stehenden Geschichtsdeutung um einige bedeutende Nuancen angereichert. Subjektive Gesichtspunkte spielen bei der Auswahl der Gegenstände nolens volens eine Rolle. Natürlich hätte man auch andere Bereiche und Beispiele ins Visier nehmen können. Ich belasse es beim Hinweis auf den Versuch der analytischen (sowie in weiterer Folge mathematischen) Fassung des Eigeninteresses bei Autoren, die der sogenannten „Deutschen Nutzwertschule“ zugerechnet werden. John Chipman liefert einen höchst lesenswerten Überblick über ihre Beiträge sowie Übersetzungen zentraler Texte bzw. Textstellen ins Englische.[2] Erwähnt werden soll schließlich auch die Wiederentdeckung von Leonhard Fronspergers 1564 veröffentlichter Schrift „Von dem Lob deß Eigen Nutzen“[3], einem sehr frühen Loblied auf die gesellschaftlich segensreichen Wirkungen des Eigeninteresses.

Die Forschung zum Thema steht einem weiten noch unbeackerten Feld gegenüber. Es ist nicht zu befürchten, dass ihr in Bälde die Arbeit ausgehen wird.

Anmerkungen:
[1] Albert O. Hirschman, The Passions and the Interests. Political Arguments for Capitalism before its Triumph, 3. Aufl., Princeton 2013 [EA Princeton 1977].
[2] John Chipman, German Utility Theory. Analysis and Translations, Abingdon 2013.
[3] Rainer Klump / Lars Pilz, The Formation of a „Spirit of Capitalism“ in Upper Germany. Leonhard Fronsperger’s „On the Praise of Self-Interest“, in: Journal of the History of Economic Thought 43 (2019), S. 401–419.

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Veröffentlicht am
26.04.2022
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