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Titel
Epochen der deutschen Literatur. Aufklaerung und Empfindsamkeit.. Ein Hypertext-Informationssystem


Autor(en)
Baasner, Rainer; Reichard, Georg
Erschienen
Ditzingen 1998: Reclam
Anzahl Seiten
Preis
49.90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Gerhard Beier, Humboldt-Universitaet Berlin

"Die erste Literaturgeschichte auf CD-ROM nutzt die Moeglichkeiten des Mediums fuer ein neues didaktisches Konzept: Das Hypertext-Informationssystem", so preist der Reclam-Verlag einen neuen Schritt in seiner Geschichte, den Einstieg in die CD-ROM-Produktion. Ueberzeugt die Konzeption seiner "Klassiker auf CD-ROM" voll und ganz, so stellt sich das Projekt einer Literaturgeschichte der Aufklaerung und Empfindsamkeit auf CD-ROM ungleich schwieriger dar.

"Ueber 100 Themenerlaeuterungen, fast 40 Autorenportraets (Charakterisierungen, Lebenslauf, Bibliographie), rund 180 Texte und Textauszuege, fast 400 Bilder, viele, viele hundert Links" enthaelt die CD-ROM laut Verlagsprospekt. Besonders diese "vielen, vielen hundert Links" sind es, die die Staerke oder auch die Schwaeche der CD-ROM ausmachen.

Vorweg sei gesagt, dass es den Autoren Rainer Baasner (Prof. fuer Neuere deutsche Literatur) und Georg Reichard (Autor von Multimedia- und Hilfesystemen) nicht darum ging, eine Datenbank zum Thema Aufklaerung und Empfindsamkeit zusammenzustellen. Auf wissenschaftliche Hilfsmittel wie Bibliographien, Glossare, kritische Apparate wird weitgehend verzichtet.

Es scheint, als haetten die Autoren anhand einer Liste zentraler Begriffe ihr System entworfen und fuer diesen Zweck die einzelnen Texte geschrieben. Dieses "Hypertext-Informationssystem" besteht im Kern aus diesen ueber 100 Themenfeldern. Dem Benutzer erschliessen sie sich ueber 2 der 4 "Karten" der Benutzeroberflaeche ([Ueberblick] - [Institutionen] - [Autoren] - [Textbeispiele]). Sie finden sich zum einen auf der Karte "Ueberblick" und zum anderen auf der Karte "Institutionen". Klickt man auf "Ueberblick", erschliesst man sich ca. 25 Schlagworte/Themenfelder wie [Begriffsbestimmung: Empfindsamkeit] - [Begriffsbestimmung: Anakreontik] - [Europaeische Einfluesse] - [Begriff der Kritik] - [Buergerliche Oeffentlichkeit] und landet jeweils auf etwa 2 Seiten erklaerendem Text, teilweise am Rande mit Bildern illustriert, der in sich wiederum Links auf Autoren oder andere Begriffe enthaelt. Auf der Karte "Institutionen und Konventionen" finden sich ca. 80 Links, z.B. die folgenden: [Naturwissenschaften - Am Beispiel Astronomie] - [Entdeckungen - Erfindungen] - [Die Natur des Menschen: Medizin - Psychologie] - [Staendegesellschaft ] - [Epos (Epopoee, Epopee, Heldengedicht)] - [Epigramm - Sinngedicht] - [Romanzen] - [Gelegenheitsgedicht - Casualcarmen] - [Elegie - Klagelied].

Hier finden sich aehnlich der Karte "Ueberblick" literaturhistorische, gattungspezifische, sozialgeschichtliche, aesthetische etc. Themen, die erst bei naeherem Hinsehen und Nachdenken einer gewissen Gruppierung unterliegen. Allerdings wurde kein Wert darauf gelegt, diese Gruppierungen z.B. durch veraenderte Zeilenabstaende oder Formatierungen auch dem Benutzer zu verdeutlichen. Die Begriffe/ Themenfelder erklaeren sich also nur ueber die Ansicht der entsprechenden Seite. Strukturierte Seiten, die Unterkategorien im Sinne einer gewissen Hierarchie aufnehmen, gibt es nicht. Eine alphabetische Sortierung im Sinne eines Sachregisters fehlt demnach auch.

Der Vorteil der hypertextuellen Literaturgeschichte im Vergleich zu einer linearen liegt sicherlich in der schnellen Erreich- und Verfuegbarkeit der Information, der Nachteil allerdings in der unuebersichtlichen Oberflaeche. Die Autoren scheinen auf die Navigationskompetenz ihrer Nutzer zu vertrauen und verzichten deswegen auf eine Nutzerfuehrung. Die zwei beschriebenen Karten erweisen sich als wenig hilfreich, da sie nur den Startpunkt auf dem Weg in die Hypertext-Struktur vorgeben, nicht aber den Pfad selbst. Da hilft auch keine History- (Zurueck) oder Suchfunktion. Sitemaps, die die Struktur eines ganzen Projektes transparent machen, wuerden die Uebersichtlichkeit und Nutzerfreundlichkeit deutlich erhoehen.

Dem nicht hierarchisierenden Konzept folgt auch die Recherchemoeglichkeit. Die Suchmaske bietet lediglich eine Volltextsuche an (Verknuepfungen und Platzhalter sind moeglich). Sucht man nach mehreren Begriffen gleichzeitig, muss man spezifizieren, in welchem Wortabstand sie voneinander stehen sollen. Allerdings kann man sich die Suchergebnisse auch im Fundstellenindex anzeigen lassen und auf diese Weise besser auswaehlen, welche Seite man sich naeher ansieht, da die Seitenueberschrift gleich mit angezeigt wird.

Die inhaltlichen Schwerpunkte nehmen Ruecksicht auf die in der letzten Zeit erfolgte Oeffnung der deutschen Literaturwissenschaft und umfassen auch Themen der Kultur-, Sozial-, Technik- und Mediengeschichte. Vergleicht man sie mit eingefuehrten Literaturgeschichten/ Handbuechern zum Thema Aufklaerung, die in gedruckter Form vorliegen, stellt man fest, dass dem sozial- und kulturgeschichtlichen Teil mehr Platz eingeraeumt wird. So finden sich allein 34 verschiedene Themenfelder, die sich nicht spezifisch literarischen Schwerpunkten wie Frauenbildung, Naturforschung, Vereinen, Gesellschaften, Geheimbuenden, Geschlechterrollen etc. widmen. Die Auswahl der spezifisch literarischen Begriffe und Themen orientiert sich am Forschungsstand und weicht nur in Details von gedruckten Vorgaengern ab. Die erklaerenden Texte sind denkbar knapp gehalten und versuchen, den Bezug zur Literatur bzw. zu den geistigen Stroemungen der Zeit herzustellen. Hierin liegt eine echte Staerke der CD-ROM, da ueber die Ergaenzung um kultur- und sozialgeschichtlich relevante Themenkomplexe das Bild, das sich der Nutzer von der Epoche machen kann, wesentlich bereichert wird. Die Erschliessung der Zusammenhaenge erfolgt ueber die Link-Struktur.

Wie bei allen Literaturgeschichten bleibt die Abgrenzung zu vorhergehenden wie nachfolgenden Stroemungen schwierig. Auffallend ist, dass bei den Autorenportraits Namen wie Johann Gottfried Herder und Christoph Martin Wieland fehlen, die allgemein diesen Stroemungen zugerechnet werden. Baasner und Reichard rechtfertigen den Verzicht allerdings in einer kurzen editorischen Notiz mit dem Wirken dieser Autoren auf die naechste literaturhistorische Epoche und verweisen auf eine Behandlung in einer sich thematisch anschliessenden CD-ROM. Diese Argumentation ist nur bedingt stichhaltig, waere doch auch eine Doppelbehandlung unter verschiedenen Gesichtspunkten denkbar gewesen, da in der vorliegenden CD-ROM beispielsweise Wielands Einfluss auf den Roman zwar erwaehnt, aber nicht weiter nachvollzogen wird.

Die grosse Staerke der inhaltlichen Konzeption liegt sicherlich in der gelungenen Verbindung von einem eher definitorischen, biographischen Teil mit einem eher kultur- und sozialgeschichtlich gepraegten Teil. Damit bietet die CD-ROM eine Datenbasis wie bei aelteren Werken in Buchform (z.B. Frenzel, v. Wilpert), verknuepft mit kurzen thematisch orientierten Texten (z.B. Dt. Literaturgeschichte, Metzler Verlag). So wird den meisten Begriffen eine kurze Definition vorangestellt, bevor sie weiter erlaeutert werden. Fuer ein differenziertes Verstaendnis einzelner Themenfelder ist es allerdings unbedingt notwendig, den angebotenen Verweisen (Links) zu folgen, da die einzelnen Texte aufgrund ihrer Struktur nur bedingt Aussagekraft besitzen bzw. inhaltlich erschoepfend sind. Der Begriff 'Drama' mag hier als Beispiel dienen. Die dazugehoerige Erlaeuterung ist stark auf die Literatur, den Dramentext, zentriert und geht zwar in Stichworten, die Hintergrundtexte erschliessen, auf die Theatersituation im 18.Jahrhundert ein, allerdings werden die vielfaeltigen Beziehungen (Gottsched - Neuberin; Gottsched - Vertreibung des Hans Wursts etc.) erst durch die Ansicht verschiedener Seiten deutlich, die unter Begriffen wie Theater, Wandertruppen, Gottsched etc. zu finden sind.

Eine besonders hervorzuhebende Funktion ist die gelungene Verknuepfung der thematischen Texte mit den aesthetischen Schriften, den Biographien oder Werkauszuegen. Am Beispiel des Themenfelds Drama bietet sich so die Moeglichkeit, einen Auszug der "Allgemeinen Theorie der schoenen Kuenste" von Sulzer oder der "Critischen Dichtkunst" Gottscheds zu lesen. Damit hat man die einzigartige Moeglichkeit, sich breite Themengebiete auch mit Auszuegen aus der Primaerliteratur zu erschliessen, ohne eine umfangreiche Handbibliothek bemuehen zu muessen.

Aufgrund ihrer gut funktionierenden Kopier- und Druckfunktionen kann man die CD-ROM ferner als Archiv nutzen, was vor allem fuer den Unterricht von Interesse sein kann. So ist ein problemloser Druck der aktuellen Seite (inkl. Bilder) moeglich. (Allerdings uebernimmt das Programm alle Einstellungen des Windows-Standarddruckers, eigene Steuermechanismen fehlen.) Der Export von Text und Bildern (!) in eine Textverarbeitung (Word) gestaltet sich ueber die Kopierfunktion problemlos, allerdings verliert man die Textformatierungen. Ein Export in gaengige Bildbearbeitungsprogramme ist ebenfalls leicht moeglich. Hierbei ueberzeugt vor allem die hohe Qualitaet der digitalisierten Bilder.

Technische Voraussetzungen

Die Installation wie auch Deinstallation der Retrievalsoftware ist sehr einfach zu handhaben und bereitete auf zwei verschiedenen Rechnern mit Win95 keinerlei Probleme. (Die CD-ROM wurde auf einem PC mit Intel Pentium-MMX 166Mhz CPU, 32 MB RAM mit einem 14''-Monitor unter der Aufloesung 640x480 getestet). Minimalanforderungen sind: 386DX/33Mhz, 4 MB RAM, Win 3.11 oder hoeher. Allerdings sind damit absolute Mindestanforderungen gemeint. Auf dem "Testrechner" hatte die CD-ROM eine gute Performance, allerdings dauerten der Bildaufbau der grossen Bilder wie auch die Suchvorgaenge sehr lange.

Anpassungsprobleme der Oberflaeche traten beim Test auf einem PC mit einem 21''-Monitor, Aufloesung 1024x768, auf. In diesem Fall erkannte die Software nicht automatisch die verwendete Bildschirmaufloesung, sondern musste ueber den Button 'Optionen' angepasst werden. Dies koennte fuer den wenig versierten Nutzer ein Problem werden, denn voreingestellt ist eine Bildschirmaufloesung mit 640*480 Punkten.

Abschliessend bleibt zu bemerken, dass all denen, die eine fundierte und den Forschungsstand problematisierende Einfuehrung in die Epoche der Aufklaerung suchen, die auch bibliographische Hinweise zur thematischen Weiterverfolgung enthaelt, der Weg in die Bibliothek nicht erspart bleiben wird. Eine Reihe von Monographien, beispielsweise das Buch von Peter Andre Alt: Aufklaerung (Stuttgart Weimar 1996), decken in etwa das gleiche Themenspektrum ab und haben meist den entscheidenden Vorteil, zum einen mit einem kurzen thematischen Forschungsueberblick aufzuwarten und zum anderen den Zugriff auf eine umfangreiche Literaturliste zu ermoeglichen. Gerade diese beiden Teile werden Sozial- und Kulturhistoriker an dieser CD-ROM schmerzlich vermissen.

Insgesamt jedoch bietet diese CD-ROM dem kultur- bzw. literaturhistorisch interessierten Nutzer eine Fuelle kompakten und didaktisch gut aufbereiteten Materials. Allen Schuelern und Lehrern sowie Studierenden der Germanistik und Theaterwissenschaft kann die CD-ROM zum einen als "Informationssteinbruch" dienen, aber auch zum gezielten Erwerb von Wissen. Voraussetzung dafuer ist allerdings in jedem Fall, dass sie genuegend Musse mitbringen, sich in der hypertextuellen Welt einen Weg zu bahnen, Irrwege in Kauf zu nehmen und sich auf das Gesamtkonzept einzulassen, keine Strukturen zu suchen, sondern sie selber im Kopf entstehen zu lassen. Dabei bietet die CD-ROM die Moeglichkeit, ein anschauliches Bild entstehen zu lassen, das durch die Lektuere gedruckter Literaturgeschichten nicht zu erreichen ist.

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Veröffentlicht am
02.02.1999
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