CD-ROM: Koehn ueber 'Quellensammlung zur mittelalt....'

Cover
Titel
Quellensammlung zur mittelalterlichen Geschichte.. Fontes medii aevi


Herausgeber
Bogon. Müller. Pentzel. GbR. Verlag
Erschienen
Anzahl Seiten
Preis
78.00 DM
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Tilo Koehn

Die CD-ROM "Quellensammlung zur mittelalterlichen Geschichte" des BMP-Verlags vereint insgesamt 22 historiographische Quellen in lateinischer und deutscher Sprache. Allerdings werden auf dem Cover der CD nur 21 Quellen, in der Einleitung des Hilfetextes und im Inhaltsverzeichnis auf der CD hingegen 23 Texte erwaehnt. Im einzelnen wurden folgende Annalen und Chroniken aufgenommen:

1. Fraenkische Zeit (13 Quellen): Annales Bertiniani; Annales regni Francorum; Annales Vedastini; Annales Xantenses; Einhard: Vita Caroli magni; "Fredegar" (mit Fortsetzern); Gregor von Tours: Historiae Francorum libri X; Jonas: Vita Columbani; Isidor von Sevilla: Historia Gothorum, Vandalorum et Suevorum; Liber Historiae Francorum (fehlt auf dem Cover und im Literaturverzeichnis der CD); Regino von Pruem: Chronicon; Rimbert: Vita Anskarii; Vitae Sancti Bonifatii.

2. Sachsenzeit (fuenf Texte): (Adalbert:) Fortsetzer der Chron. Reginos von Pruem (auf dem Cover mit Regino von Pruem zusammengefasst); Annales Quedlinburgenses; Hrotsvit: Gesta Oddonis I; Thangmar: Vita Bernwardi; Thietmar von Merseburg: Chronici libri VIII.

3. Herrschaftszeit der Salier (zwei Schriften): Adam von Bremen: Gesta Hammaburgensis ecclesiae pontificum; Lampert von Hersfeld: Annales.

4. Stauferzeit (zwei Quellen): Helmold von Bosau, Chronica Slavorum; Otto von Freising und Rahewin: Gesta Friderici (werden im Inhaltsverzeichnis getrennt aufgefuehrt).

Ausserdem enthaelt die CD die vollstaendige Quellenkunde Wilhelm Wattenbachs, "Deutschlands Geschichtsquellen im Mittelalter bis zur Mitte des dreizehnten Jahrhunderts", Bd. 1-2, 6. Aufl., Berlin 1893/94), d. h. einschliesslich der Fussnoten und der Nachtraege aus dem zweiten Band.

Die Autoren haben bei der Auswahl ihren Schwerpunkt auf das Fruehmittelalter gelegt; spaetmittelalterliche Quellen fehlen voellig. Prinzipien, nach denen die Auswahl erfolgte, legen sie nicht dar und sind auch nicht erkennbar. Natuerlich laesst sich ueber eine Selektion immer trefflich streiten. Aber es verwundert doch, dass selten benutzte fruehmittelalterliche Texte wie z. B. Jonas, Vita Columbani, oder die Annales Vedastini Aufnahme fanden, bedeutende historiographische Quellen spaeterer Zeitabschnitte - ich denke beispielsweise an Widukind von Corvey, Bruno oder die Lebensbeschreibung Karls IV. - nicht beruecksichtigt wurden. So habe ich den Eindruck, dass dieses Vorhaben zunaechst breiter angelegt war, dann aus Kapazitaetsgruenden der Umfang jedoch verringert wurde.

Auch werden nicht alle o. g. Texte vollstaendig wiedergegeben. Allerdings erfaehrt der Nutzer der CD - abgesehen von Andeutungen in den Kurzinformationen - erst durch das Studium der digitalen Texte selbst bzw. durch den Vergleich mit der Vorlage, welche Teile ausgespart wurden. Weder im Inhaltsverzeichnis noch im kommentierten Literaturverzeichnis verweisen die Autoren auf die Kuerzungen. Bedenklich sind auch Eingriffe in die wiedergegebenen Texte. So stellten die Editoren der gedruckten Ausgaben (Beispiel: Gregor von Tours) entsprechend der handschriftlichen Vorlagen haeufig die Kapitelueberschriften voran, ohne diese aber im Text noch einmal zu wiederholen. In der digitalen Quellensammlung setzten die Herausgeber die Zwischenueberschriften direkt vor die jeweiligen Kapitel, ohne allerdings auf diesen Eingriff hinzuweisen.

Ansonsten ist der Abdruck der Texte im wesentlichen korrekt - einige uebersehene Lesefehler ausgenommen. Den lateinischen Texten wurden Ausgaben der Monumenta Germaniae historica (i. f. MGH) zugrunde gelegt; allerdings nicht immer die letzte massgebende Auflage. So benutzen die Autoren als Vorlage fuer die Wiedergabe der Kirchengeschichte Adams von Bremen nicht die Edition in den Scriptores rerum Germanicarum in usum scholarum separatim editi (Herausgegeben von B. Schmeidler, Hannover und Leipzig 1917 (letzter Nachdruck 1993)), sondern die aeltere Ausgabe von J. M. Lappenberg. Aehnlich verhaelt es sich mit dem Abdruck der Chronik des Thietmar von Merseburg - auch hier wurde nicht die letzte Ausgabe von R. Holtzmann in den Scriptores rerum Germanicarum in usum scholarum, Nova Series, Berlin 1935 (letzter Nachdruck 1996) herangezogen, sondern die Fassung von 1889.

Bei der Digitalisierung der lateinischen Edition verzichteten die Herausgeber bei neun abgedruckten Texten auf die Aufnahme des textkritischen Apparats. Bei den anderen 13 werden die Anmerkungen relativ vollstaendig wiedergegeben. Es ist nicht zu erkennen, nach welchen Grundsaetzen diese Auswahl getroffen wurde.

Alle deutschen Uebersetzungen beruhen auf den Veroeffentlichungen in der Publikationsreihe "Geschichtsschreiber der deutschen Vorzeit" (i. f. GdV). Leider wurden hier gleichfalls nicht immer die letzten revidierten Ausgaben benutzt. So beruht die Uebersetzung des sog. Fredegar auf der ersten Auflage von 1849. Der letzte Druck mit den ergaenzenden Bemerkungen W. Wattenbachs stammt von 1940. Besonders kritisch ist aber anzumerken, dass von fast allen Uebersetzungen modernere und praezisere Fassungen vorliegen, die in der Reihe "Ausgewaehlte Quellen zur Deutschen Geschichte des Mittelalters. Freiherr vom Stein-Gedaechtnisausgabe" (i. f. FSGA) nachzulesen sind. Wahrscheinlich gaben fuer diese Entscheidung Fragen des Urheberrechts den Ausschlag, doch verliert dadurch die CD-ROM insgesamt an Wert. Ueberhaupt nicht zu verstehen ist, warum an keiner Stelle auf die neueren Editionen oder auch Nachdrucke der MGH bzw. die Uebersetzungen in der FSGA hingewiesen wird. Insgesamt sind die wenigen weiterfuehrenden Literaturangaben voellig unzureichend. So fehlen Hinweise auf neuere Quellenkunden, z. B. von Wattenbach-Levison, -Holtzmann bzw. -Schmale. Auch Faksimile-Ausgaben der veroeffentlichten Quellen werden nicht erwaehnt.

Zu den Staerken der CD gehoert zweifellos die technische Umsetzung. Probleme traten mit Windows 95 und 98 nicht auf. Die Systemvoraussetzungen sind erstaunlich gering (PC ab 486 / 66 MHz, 16 MB RAM, CD-ROM). Die CD kann auch in einem Netzwerk angewandt werden.

Nach einer kurzen multimedialen Einfuehrung wird folgendes graphisch aufgearbeitete Menue angeboten: Texte; Suchen; Kurzinformation, Mitwirkende und Beenden. Ueber den Menueeintrag "Texte" kommt der Nutzer direkt in die Schaltzentrale dieser Quellensammlung. Auch die Ergebnisse der Suche erscheinen in diesem Fenster. Die Kurzinformationen ermoeglichen einen Ueberblick ueber die aufgenommenen Texte und eine knappe audiovisuelle Einfuehrung in Bedeutung und Ueberlieferung der jeweiligen Quelle. Die Suchfunktion und die Kurzinformationen lassen sich auch ueber den Menueeintrag "Texte" aufrufen.

Der Umgang mit dem Hauptfenster ist intuitiv zu erfassen. Ausgangspunkt ist in der Regel die Inhaltsuebersicht, deren Ordnungsprinzipien allerdings nicht einleuchten. In erster Linie wurden die Texte alphabetisch nach den lateinischen Titeln geordnet; bei drei Texten wurde dieses Prinzip aber gebrochen. Der Nutzer hat per Mausclick verschiedene Moeglichkeiten, die Texte auf dem Bildschirm darzustellen. Besonders hilfreich ist die Funktion "synchron oeffnen". Die Quelle wird in zwei getrennten Fenstern in Latein und Deutsch dargestellt. Eine Aenderung der Position in dem einen Fenster wirkt sich auf das andere aus, so dass immer die zusammengehoerenden Textstellen angezeigt werden. Selbstverstaendlich koennen Texte gedruckt, kopiert und in eine Textverarbeitung exportiert werden, und es steht eine Hilfe im Hauptfenster zur Verfuegung, die die wichtigsten Funktionen erklaert.

Mustergueltig ist die Anzeige von Seite und Zeile der gedruckten Quelle in der Statuszeile (in Abhaengigkeit von der Curserposition). Die gesuchten Textstellen koennen problemlos ueberprueft und zitiert werden. Nur an wenigen Stellen sind hier Ungenauigkeiten nachzuweisen, so u. a. in der Einleitung der Chronik des sog. Fredegar.

Der wichtigste Dienst ist sicher die Suchfunktion, die eine Volltextrecherche erlaubt. Sie ermoeglicht die Verwendung der ueblichen Wildcards ("*" fuer mehrere, "?" fuer ein Zeichen), wobei die Stelle im Wort beliebig ist. Von den logischen Operatoren wurden die "und"-Verknuepfung (verbunden mit der Moeglichkeit, den erlaubten Wortabstand zu definieren) sowie die "oder"-Verknuepfung aufgenommen. Um die gesuchte Teilmenge praeziser zu bestimmen, koennen darueber hinaus einzelne Texte, der Zeitraum, auf den sich die Suchanfrage bezieht, die Sprache des Textes oder die Textart definiert werden. Der Boolsche Operator "not" wurde nicht aufgenommen; auch ist es nicht moeglich, in einer gefundenen Teilmenge gezielt weiter zu recherchieren.

Insgesamt bleibt ein zwiespaeltiges Gefuehl zurueck. Zweifellos ist es eine grosse Erleichterung, wenn die wichtigsten fruehmittelalterlichen und bedeutende hochmittelalterliche Quellen direkt am Arbeitsplatz vorhanden sind. Viele der aufgenommenen Editionen stehen nur in den grossen Universitaetsbibliotheken und Forschungseinrichtungen zur Verfuegung; oft ist deren Erhaltungszustand bedenklich. So duerften in erster Linie Lehrer, Studenten, aber auch historisch interessierte Laien die Nutzer dieses Angebots sein, wobei der Preis mit 78,- DM fuer den Einzelplatz und 300,- DM fuer eine Netzwerklizenz (3 Simultanzugriffe in einem Netz bis 100 PC's) noch relativ moderat ist. (Immerhin muessen fuer die erste CD der elektronischen MGH 1200,- DM ausgegeben werden; s. http://www.mgh.de/gesamtverzeichnis/reihen.html#CDROM.) Moeglichkeiten der Weiterverarbeitung und der Recherche erleichtern enorm den Zugang zu diesen mittelalterlichen Texten. Insofern ist der Verlag bei der geplanten Fortsetzung mit spaetmittelalterlichen Quellen zu unterstuetzen (s. http://www.bmp-verlag.de/). Besonders die Suchmoeglichkeiten machen diese historiographische Quellensammlung auch fuer Mediaevisten interessant. Allerdings wird sie auf keinen Fall den Griff zur gedruckten Edition ersetzen koennen. Unbedingt erforderlich ist es m. E. bei den zukuenftigen Vorhaben, dass die Herausgeber das Literaturverzeichnis gruendlich ueberarbeiten, insbesondere neuere Ausgaben aufnehmen, die Auswahl der Quellen kommentieren und auf Kuerzungen sowie Eingriffe in den Text hinweisen.

Redaktion
Veröffentlicht am
18.11.1998
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