Titel
Beauty Shop Politics. African American Women’s Activism in the Beauty Industry


Autor(en)
Gill, Tiffany M.
Erschienen
Umfang
208 S.
Preis
€ 20,24
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Philipp Dorestal, Historisches Seminar, Universität Erfurt

Während bereits einige Studien zu afroamerikanischen Schönheitspolitiken vorliegen, die deren wichtigen Stellenwert für die Verhandlung von Race, Class und Gender herausgearbeitet haben[1], so gab es bislang wenig Substantielles über die damit unmittelbar zusammenhängende Schönheitsindustrie.[2] Mit „Beauty Shop Politics“ schließt die an der University of Texas lehrende Historikerin Tiffany Gill diese Forschungslücke. In ihrem Buch behandelt sie in sechs chronologisch angeordneten Kapiteln Entwicklung und Veränderung afroamerikanischer Schönheitssalons und der damit unlösbar verbundenen politischen schwarzen Emanzipationsbewegungen von Anfang bis Ende des 20. Jahrhunderts. Dabei stützt sie sich in ihrer Untersuchung auf ein umfangreiches Quellenmaterial aus Oral-History-Interviews mit ehemaligen Protagonistinnen sowie auf Nachlässe von für die Geschichte der afroamerikanischen Schönheitsindustrie wichtigen Organisationen wie der „National Beauty Culturist League“.

Im ersten Kapitel zeichnet Gill die Entstehung der schwarzen Schönheitsindustrie Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts nach. Bedingt durch die rassistischen Jim-Crow-Segregationsgesetze entstand in der schwarzen Community das Bedürfnis eigener, unabhängiger Geschäftszweige. Die „black club women“ waren die ersten, die „racial uplift“, also politische Ermächtigung von African Americans propagierten und zudem ökonomische Unabhängigkeit schwarzer Frauen diskutierten. Die bekannte schwarze Unternehmerin Madam C. J. Walker, die mit ihren Schönheitsprodukten zur ersten afroamerikanischen Millionärin des 20. Jahrhunderts wurde, machte in mehreren Reden deutlich, dass Unternehmertum nicht zwangsläufig ein männlicher Tätigkeitsbereich sei und sie rief schwarze Frauen dazu auf, sich selbstständig zu machen. Allerdings wurde Walker innerhalb der „black community“ auch angegriffen. Vertreter des „black uplift“-Gedankens kritisierten sie und andere Unternehmerinnen dafür, mit ihren Haarpflegeprodukten schwarzes Haar zu verändern, dadurch Weiße imitieren zu wollen und deshalb Stolz auf das eigene schwarze Aussehen vermissen zu lassen.

Einen großen Teil des Buches nimmt die Beschreibung der Schulen ein, in denen sich afroamerikanische Frauen zu Schönheitskünstlerinnen ausbilden lassen konnten. Insbesondere für afroamerikanische Frauen war dies eine Option, die vergleichsweise gute Verdienstmöglichkeiten versprach. Der Grund, warum Schönheitskünstlerinnen während des gesamten 20. Jahrhunderts konstant als Gruppe so stark politisch engagiert waren, erklärt sich daraus, dass die Schönheitssalons eine Domäne waren, in der afroamerikanische Frauen ökonomisch mit am unabhängigsten waren und im Zentrum des Geschehens standen: Sie fungierten als Angestellte, leiteten die Werbung, den Vertrieb und betreuten die Kundinnen. Gill begreift die Schönheitssalons deshalb als einen Raum, der zugleich privat und öffentlich war: Die Betreiberinnen hatten hier die ökonomische und auch physische Freiheit, mit ihrer Kundschaft Belange der afroamerikanischen Bevölkerung zu diskutieren. Dabei war der Schönheitssalon nicht nur ein „black space“, sondern auch ein „woman’s space“. Die Autorin thematisiert somit den Umstand, dass ein Geschäftszweig wie die Schönheitsindustrie, der sich mit der scheinbar unpolitischen Schönheitspflege befasste, für schwarze Frauen ein Fundament darstellte, um für sozialen und politischen Wandel kämpfen zu können.

Anfang des 20. Jahrhunderts wurde die Ausbildung in den sogenannten Beauty Schools zu einer attraktiven Alternative für schwarze Frauen, die nicht die Zeit und das Geld hatten, die der Eintritt in Lehrberufe oder als Krankenschwester erforderte. Besonders während der Zeit der Weltwirtschaftskrise und danach in den 1930er-Jahren wuchsen die schwarzen Schönheitsschulen, weil diese als ein sicherer Ausweg aus ökonomischer Prekarität angesehen wurden. Rassistische Diskriminierung erschwerte African Americans allerdings den Zugang zu diesem Berufszweig, besonders in den von der Jim-Crow-Gesetzgebung betroffenen Südstaaten. Dort wurden die staatlichen Schönheitskommissionen nur mit Weißen besetzt und die staatlichen Prüfungen waren segregiert.

Gill untersucht des Weiteren die transnationale Dimension der afroamerikanischen Schönheitsindustrie, indem sie die in der Nachkriegszeit von schwarzen Frauen unternommenen Reisen nach Europa beschreibt. Dort war ein offener Austausch mit weißen Schönheitskünstlerinnen und -künstlern meist ohne Probleme möglich. Von diesen Erfahrungen lernten die Frauen, es führte ihnen aber auch wieder die rassistischen Segregationsgesetze in den USA vor Augen. Ihnen wurde somit bewusst, dass sie immer einen subordinierten Status beibehalten würden, wenn sie nicht die aufgrund des Rassismus bestehenden Unterschiede in der US-amerikanischen Gesellschaft als Ganzes anprangerten. Die „beauty pilgrimages“ führten somit bei einem Teil der Schönheitskünstlerinnen zu einer stärkeren Politisierung.

Im letzten Kapitel beschreibt Gill den engen Zusammenhang, der zwischen Schönheitsaktivistinnen und dem schwarzen Befreiungskampf bestand. Nach der Auswertung vieler Oral-History-Interviews kommt sie zu dem Schluss, dass Schönheitssalons, besonders im Süden, für Bürgerrechtsaktivistinnen als Refugium dienten, in denen sie sich von dem anstrengenden Kampf und den verbalen und physischen Angriffen durch weiße Rassisten erholen konnten. Gleichzeitig dienten die Salons als Agitationsplattform, in der neue Mitstreiterinnen gewonnen werden und zukünftige Strategien besprochen sowie politische Diskussionen geführt werden konnten. Bereits vor dem Höhepunkt der Bürgerrechtsbewegung ab Mitte der 1950er-Jahre rief 1948 die Präsidentin der „National Beauty Culturist League“ bei der Jahresversammlung dazu auf, sich aktiv an dem Kampf um Bürgerrechte zu beteiligen. Statt Klatsch und Tratsch mit den Kundinnen auszutauschen, sollten vielmehr die drängenden politischen Probleme der African Americans besprochen werden. Gill sieht in der paradoxen Natur des Schönheitssalons dessen politische Kraft: Denn ein Besuch in einem Schönheitssalon war ein persönliches und intimes Ereignis, welches aber gleichzeitig in einem sozialen Kontext stattfand.

Die Schönheitssalons waren also, so zeigt Gill eindrucksvoll in ihrer Studie, Orte, die nicht nur der Schönheitspflege, dem Austausch von Informationen und der Pflege sozialer Kontakte in der afroamerikanischen Community dienten, sondern sie waren Initiationspunkte politischer Debatten und Aktionen. „Beauty Shop Politics“ beleuchtet somit einen bisher in der Forschung wenig beachteten Aspekt in der Geschichte der African Americans und stellt eine originelle Kombination aus Unternehmensgeschichte, schwarzem Aktivismus und ästhetischen Politiken in den USA des 20. Jahrhunderts dar.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Maxine Craig, Ain’t I a Beauty Queen. Black Women, Beauty, and the Politics of Race, New York 2002.
[2] Eine Ausnahme bildet das Buch von Lelia Bundles, die dies anhand der Figur der schwarzen Unternehmerin Madam C.J Walker unternimmt: Lelia Bundles, On her Own Ground. The Life and Times of Madam C.J. Walker, New York 2001.

Zitation
Philipp Dorestal: Rezension zu: : Beauty Shop Politics. African American Women’s Activism in the Beauty Industry. Urbana  2010 , in: H-Soz-Kult, 23.05.2012, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-15642>.
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Veröffentlicht am
23.05.2012
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