K. Koser u.a.: Internationale Migration

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Titel
Internationale Migration.


Autor(en)
Koser, Khalid; Weltecke, Manfred
Erschienen
Ditzingen 2011: Reclam
Umfang
204 S.
Preis
€ 5,80
Rezensiert für 'Connections' und H-Soz-Kult von:
Dirk Hoerder, Salzburg

Diese sehr knappe Zusammenfassung von internationalen Migrationen wendet sich an einen breiten Leserkreis. Eingangs wird die Bedeutung von Migration in der Gegenwart, mit Rückblicken auf die Vergangenheit, dargestellt. In Kapitel 2 folgt unter der Frage, „Wer ist ein Migrant?“, eine Darstellung der vielfältigen Kategorien: freiwillige und unfreiwillige Migranten/innen, politischen und wirtschaftlichen Migranten/innen, legale und irreguläre Migranten/innen. Der Autor betont, dass alle Begriffe und Begriffssysteme dazu neigen, „die Wirklichkeit zu vereinfachen“ (31). Anschließend werden Statistiken zu Migration kritisch bewertet. Das Kapitel schließt mit drei Optionen für Migranten/innen: Rückwanderung, Staatsbürgerschaft, Bildung einer Diaspora oder transnationalen Gemeinschaft. In den folgenden Kapiteln 3 und 4 werden die Zusammenhänge zwischen Migration und Globalisierung und Migration und Entwicklung dargelegt. Es folgt eine Behandlung der in der öffentlichen Diskussion besonders umstrittenen Gruppen: irreguläre Migranten/innen (Kap. 5) und Flüchtlinge und Asylsuchende (Kap. 6). Abschließend werden die Interaktion von Migranten/innen und Zuwanderungsgesellschaft (Kap. 7) und die Zukunft internationaler Migration (Kap. 8) behandelt und weiterführende Literatur benannt.

Ziel des Autors ist es, hervorzuheben, dass Migration kein neues Phänomen ist sondern eine sehr lange Geschichte hat und dass auslösende Faktoren für Migration sich über die Jahrhunderte ähneln: Kriege, Revolutionen. Bildung neuer Staaten z.B. z. Zt. der Dekolonisierung sowie andere Zäsuren; Veränderungen der Position einer Gesellschaft im globalen Mächtesystem und daraus folgende Veränderungen der Lebensverhältnisse der Menschen; Wirtschaftswachstum oder Stagnation. Verwendet wird die Definition der Vereinigten Nationen: Migrant/in ist, wer mindestens ein Jahr außerhalb des Landes verbracht hat, in dem der reguläre Aufenthalt – nicht der Geburtsort – ist. Im Wesentlichen werden internationale Migrationen behandelt und innerstaatliche nur kurz erwähnt. Der Autor folgt dem üblichen Terminus „international“ obwohl „zwischenstaatlich“ genauer wäre, da Migranten/innen nicht die Nation wechseln sondern ihre Kultur mitnehmen und in einen intern heterogenen Staat zuwandern, also zwischen Institutionenregimes und rechtlichen Rahmensetzungen migrieren. Die Migrationen, so wird mit Recht hervorgehoben, haben Auswirkungen auf die Ausgangsgesellschaft ebenso wie die Empfängergesellschaft und in beiden auf Nichtwandernde:Migration betrifft alle.

Migration ist so zentral geworden, dass, sollten Migranten/innen aus den Empfängerländern en masse abwandern, ganze Wirtschaftszweige zusammenbrechen würden und Dienstleistungssektoren – wie das Krankenhaussystem – geschlossen werden müssten. Umgekehrt sind manche Abwanderungsstaaten in einem Ausmaß auf Rücküberweisungen angewiesen, dass ohne sie keine Staatshaushalte aufgestellt werden könnten. Da in der Gegenwart die Migration von Frauen – auch in der Vergangenheit immer wichtig – weiter zugenommen hat, lässt sich formulieren, dass migrierende Frauen die eigenen Familien in der Abwanderungsregion unterstützen, durch die Transfers die Defizite der gesamtstaatlichen Außenwirtschaftsbilanz ausgleichen und in der Empfängergesellschaft das Funktionieren lebenswichtiger Sektoren garantieren.

Dieser Blick „von oben“, von Seiten ganzer Gesellschaften führt den Verfasser dazu, die Migrationen als „transnational“ zu bezeichnen, ein Begriff, der in den 1990er Jahre eingeführt worden ist, um das der nationalen Geschichtsschreibung entstammende Klischee von Wanderung aus einer Nation in eine ethnische Enklave zu korrigieren. Hier haben neuere Forschungen jedoch gezeigt, dass Staaten nur die Aus- und Einreiserahmen setzten, dass Migranten hingegen kleinräumliche oder regionale Wirtschaftsgebiete und Arbeitsmärkte verlassen und genau definierte lokale Ziele ansteuern. Frauen kommen nicht aus den Philippinen sonders aus einer spezifischen Region, ihre Rückbeziehungen – Briefe, Telefonate, Überweisungen – gehen auch in diese Region. Da sie nach Ankunft nicht lange nach Arbeit suchen können, zielen sie auf Orte mit Arbeitsplatzoptionen, über die sie sich vorher informiert haben. Wie Menschen in der Vergangenheit nach Nordamerika, wandern sie translokal und transregional im Rahmen gesamtstaatlicherRegelungen. Angesichts der weltweiten Ziele – unterschieden von makroregional umgrenzten Migrationssystemen der Vergangenheit wie dem transatlantischen Systems – wird das Lokale und das Globale, manchmal zu „glokal“ zusammengezogen, verbunden. In diesem und in anderen Bereichen ist die Forschung weiter, als vom Autor dargestellt. Allerdings sind die neuesten präzisen Analysen in der öffentlichen Debatte noch gar nicht aufgenommen, so dass der Autor seinen Text – angesichts des intendierten Publikums – noch sehr viel ausführlicher hätte gestalten müssen und so seinem Ziel, ein Einführung zu liefern, nicht hätte gerecht werden können.

In einem weiteren, konzeptionell umstrittenen und mit Vorurteilen belasteten Bereich, Migration ohne staatlich ausgestellte und anerkannte Dokumente, hat sich der Autor aus guten Gründen entschieden, von „irregulärer“, also außerhalb der Regeln stattfindender Migration zu sprechen. „Illegal“ wäre nicht falsch, verschleiert aber, dass die Empfängergesellschaften in der Mehrzahl der Fälle diese irregulären Ankömmlinge für spezifische Tätigkeiten brauchen. „Kriminell“ verfälscht – von Menschen- oder Drogenhändlern abgesehen – die Intentionen und Rollen von Migranten völlig. Insgesamt ist der Autor mit seinen Termini vorsichtig, begründet jede Entscheidung und analysiert die Konnotationen, die sich hinter vielen in der Öffentlichkeit verwendeten Begrifflichkeiten verstecken und die oft diskriminierend, abwertend sind.

Zu den Problemen, die Migration hervorrufen kann und die meist nur aus der Sicht der Empfängergesellschaften gesehen werden, gehört auch, dass in der Mehrzahl der Fälle Familien aus Kostengründen oder wegen Einreisebeschränkungen nicht gemeinsam wandern können, so dass Partner über lange Zeit getrennt leben und Kinder mit nur einem Elternteil oder bei meist weiblichen Verwandten aufwachsen. Dies wird z.Zt. oft kritisch angemerkt, wenn Frauen/ Mütter wandern, war aber im 19. Jahrhundert nicht anders und ist in der Gegenwart nicht anders wenn Männer/ Väter zuerst abwandern. Gesellschaften, die Menschen zur Abwanderung zwingen, trennen entgegen ihren meist lautstark vorgetragenen Bildern von „heilen“ Familien diese oft über lange Zeiträume.

Eine Reihe von den Prozess der Migration erschwerenden Bedingungen werden erläutert: Die Reise in ein Zielland kann, besonders bei irregulärer Migration, Gefahr für Leib und Leben in einem Ausmaß bedeuten, dass ein Vergleich mit Sklaventransporten der Vergangenheit angemessen erscheint – besonders Transmigration lateinamerikanischer Frauen und Männer durch Mexiko und afrikanischer über das Mittelmeer belegen dies. Viele Empfängergesellschaften verweigern den Neuankömmlingen elementare Menschenrechte, andere erschweren den Zugang zu Staatsbürgerschaft. Für den Erwerb letzterer fordern Australien und Kanada nur drei Jahre Anwesenheit, bieten Migranten/innen also schnelle Beteiligung an politischen Prozessen, erwarten aber auch Kenntnis der Sprache und politischer Institutionen. Damit verringern sie für Migranten/innen genauso wie für die Gesellschaft insgesamt Hindernisse der Integration, senken für beide Seiten die Kosten und können so – durch die „Werbung“ der positiven Berichte der Migranten – weitere anwerben und damit das Humankapital der Gesamtgesellschaft vergrößern. Migranten/innen bedeuten Innovationspotential von dem ganze durch Stagnation gekennzeichnete Regionen, z.B. Kanadas,profitiert haben.

Insgesamt ist dem Autor eine ausgewogene Darstellung und informative Zusammenfassung gelungen. Da der Autor seine Basis im Westen, in Genf, hat, stammt der größere Teil seiner Beispiele aus dem Westen. Dies ist leider unvermeidbar – globale Darstellungen erfordern globale Kenntnisse, die oft nur von Autorenteams zu bewältigen sind. Trotz dieser Einschränkung ist das Buch ein wichtiges Werk für Weiterbildung und für alle, die sich neu in das Thema Migration einlesen wollen.

Zitation
Dirk Hoerder: Rezension zu: : Internationale Migration. Ditzingen  2011 , in: Connections. A Journal for Historians and Area Specialists, 23.06.2012, <www.connections.clio-online.net/publicationreview/id/rezbuecher-17438>.
Redaktion
Veröffentlicht am
23.06.2012
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Diese Rezension entstand im Rahmen des Fachforums 'Connections'. http://www.connections.clio-online.net/
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