H. Müller: Der kommunistische Kinderverband in der Weimarer Republik

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Titel
„Kinder müssen Klassenkämpfer werden!“. Der kommunistische Kinderverband in der Weimarer Republik (1920–1933)


Autor(en)
Müller, Heiko
Erschienen
Umfang
307 S.
Preis
€ 29,90
Rezensiert für die Historische Bildungsforschung Online bei H-Soz-Kult von:
Matthias Busch, Studienrat, Lehrbeauftragter an der Universität Hamburg

Die „politische Kampferziehung“ des kommunistischen Kinderverbandes galt in der Weimarer Republik als pädagogischer Tabubruch, kündigte die KPD mit der „Politisierung der Schule“ doch ein konsensuales gesellschaftliches Verständnis von Kindheit als politikfreier „Schonzeit“ auf. Nach 1945 spaltete die Bewertung der kommunistischen Organisationstätigkeiten die Forschung in Ost und West. Während die DDR-Historiographie einen „Siegeszug marxistischer Ideologie“ feierte, stellten bundesdeutsche Studien die Erfolglosigkeit entsprechender kommunistischer Parteiarbeit heraus. Erst nach 1989 hat – dank neu erschlossener Archive – eine Reihe von Publikationen differenziertere Einsichten zum Kommunismus in der Weimarer Republik erzielen können.[1]

Mit seiner Dissertation an der Universität Hamburg bei Axel Schildt versucht Heiko Müller das Verhältnis von Politik und Pädagogik im kommunistischen Kinderverband in der Weimarer Republik neu zu vermessen. Müller verschränkt hierzu eine partei- und politikgeschichtliche Analyse der Verbandstätigkeit mit einer Untersuchung des organisationsinternen Diskurses zu pädagogischen Fragestellungen. Ein anvisiertes „facettenreiches Bild der kommunistischen Kinderarbeit im Spannungsfeld von Politik und Pädagogik“ (S. 13) wird ergänzt durch Außenperspektiven, die anhand der Auswertung von Reaktionen und Bewertungen seitens der Schulbehörden und Lehrerschaft gewonnen werden. Einen Schwerpunkt der Untersuchung bilden die kommunistischen Aktivitäten in Hamburg und Berlin.

Für seine Studie hat Müller auf Partei- und Verbandszeitschriften wie „Das proletarische Kind“, „Die Trommel“ oder „Die junge Garde“ zurückgegriffen und Einzelpublikationen, Rundschreiben, Schulungsmaterialien und Dokumente des Zentralkomitees der KPD zu bildungspolitischen und pädagogischen Fragestellungen ausgewertet. Die behördliche Wahrnehmung der Verbandsarbeit wird über Bestände des Reichsministeriums des Inneren, des Reichssicherheitshauptamtes, der Hamburger und Berliner Schulverwaltungen und des Reichskommissars für die Überwachung der öffentlichen Ordnung rekonstruiert. Hinzu kommen Berichte in Tageszeitungen und kommunistische Schulzeitungen. Die Perspektive der Lehrenden wird mit der „Preußischen Lehrerzeitung“ und der „Hamburger Lehrerzeitung“ exemplarisch erhoben.

Müller gliedert seine Untersuchung in drei Teile. Er analysiert zunächst die pädagogischen Konzepte kommunistischer Erziehung in der Weimarer Republik (Teil I), beschäftigt sich mit der organisatorischen Entwicklung des Verbandes (Teil II) und geht schließlich auf die Aktivitäten der kommunistischen Kindergruppenarbeit ein (Teil III). Im ersten Teil seiner Arbeit rekonstruiert Müller das kommunistische Erziehungskonzept in der Weimarer Republik fast ausschließlich anhand der Schriften Edwin Hoernles, der als Schriftleiter der kommunistischen Zeitschriften „Das proletarische Kind“ und „Der junge Genosse“ wie durch diverse pädagogische Publikationen die zeitgenössische kommunistische Pädagogik maßgeblich prägte. Dass Hoernles Grundannahme, in einem kapitalistisch geprägten Gesellschaftssystem könne das proletarische Kind nicht allgemein menschlich, sondern nur durch und für den Klassenkampf erzogen werden, dabei auch auf Ablehnung und Kritik von kommunistischen Pädagogen wie Eltern stieß, deutet Müller an. Kommunistische Erziehungskonzeptionen des 19. Jahrhunderts und die Bildungspolitik der Sowjetunion – die Müller als „Vorbilder“ für den deutschen Diskurs wertet – werden in einem vorangestellten Kapitel referiert. Dass sich diese Darstellung weitgehend aus Originaltexten und Sekundärliteratur nach 1945 speist und nicht immanent aus dem zeithistorischen Kontext der Weimarer Rezeption entwickelt wird, ist misslich – zumal sich auch die Sozialdemokraten mit ihrer ganz anders konzipierten Kinder- und Jugendarbeit auf Marx und Engels beriefen.

Im zweiten Teil der Arbeit werden die drei heterogenen organisatorischen Entwicklungsphasen des Kinderverbandes analysiert. Detailliert stellt Müller die Debatten über strategische Ausrichtung und pädagogisch-organisatorische Gestaltung der Verbandsarbeit dar. Während die Kindergruppen in einer ersten Phase von 1920 bis 1923 noch unter Bedingungen „genuin pädagogischer Natur“ (S. 275) gegründet wurden und in relativ offenen Strukturen existierten, folgte nach dem Ende des Parteiverbots 1924 ein Organisationsumbau und eine strategische Neuausrichtung des Verbandes. Ziel war es nun, einen nach sowjetischem Vorbild zentralisierten und hierarchisierten Kaderverband für den systematischen Schulkampf zu bilden. Es überrascht, wie lange die kommunistische Reichsleitung angesichts ausbleibender Mitglieder und Klagen von Seiten der Verbandsbasis an dem starren Kurs einer „Eingliederung des proletarischen Kindes in die Gesamtfront des kämpfenden Proletariats“ (S. 102) festhielt und sich kindgemäßeren Sport-, Spiel- und Freizeitangeboten verweigerte. Der von der Parteienforschung vielfach konstatierte Gegensatz zwischen Strategie und Anarchie bzw. Führungskadern und Parteibasis prägte auch die Verbandsarbeit der Kindergruppen. Kritik aus den eigenen Reihen betraf die „unerträgliche Trockenheit ihrer Arbeitsmethoden“ und eine „Verwandlung der Organisationen in kleine, geschlossene Sekten“ (S. 153). Fehlende qualifizierte jugendliche Leiter und hohe Fluktuation der Mitglieder waren ebenso ein Problem wie eine geringe Bereitschaft unter den proletarischen Eltern, ihre Kinder in die kommunistischen Kindergruppen zu schicken. Müller wertet die „Dualität von Leitung und Basis“ als eines der „Kernprobleme des kommunistischen Kinderverbandes“ (S. 16). Als ab 1930 die Verbandsarbeit neu ausgerichtet wurde, integrierte man Sport- und Spielaktivitäten interessanterweise nicht aus pädagogischen Gründen, sondern aus politisch-strategischen Überlegungen heraus. Durch Sport- und Freizeitangebote sollten neue Mitglieder angezogen und der Verband zur Massenorganisation umgestaltet werden. Müller folgert, dass damit der parteiinterne Disput über das Verhältnis von Pädagogik und Politik in der Ausrichtung der Kindergruppenarbeit zugunsten der „Politiker“ entschieden wurde: „Es entbehrte nicht eines gewissen Zynismus von Seiten der Führung, zu diesem Zwecke gleichsam nach dem Ende der Pädagogik nun die Anwendung kindgemäßer Methoden im Bereich von Spiel und Freizeit zu propagieren“ (S. 277).

Der dritte Teil widmet sich vor allem den Aktivitäten der Kindergruppen im Schulkampf. In dem Maße, wie nach kommunistischer Lesart Volksschulen als Äquivalent des Betriebes und Herrschaftsinstrument der bürgerlichen Klasse galten, wurden sie für den Kinderverband zum „Hauptkampfgebiet“. Müller untersucht neben der kommunistischen Publikationstätigkeit von Schul- und Kinderzeitungen Agitationsformen wie Schulstreiks, Kampagnen gegen den Verfassungstag und „Internationale Kinderwochen“ und wertet dabei auch Reaktionen von Schulbehörden und Schulpersonal aus. Dabei attestiert Müller der kommunistischen „Bedrohung insgesamt einen diffusen Charakter“ (S. 258) und wertet ihre schulische Agitation als wenig erfolgreich und zahlenmäßig gering. So hätten beispielsweise beim Verlauf der untersuchten Schulstreiks die Kinder – entgegen der kommunistischen Theorie von der kindlichen Selbstständigkeit – in Organisation und Durchführung nur eine geringe Rolle gespielt. Vielmehr seien die meisten Streiks von Elterninitiativen an den betroffenen Schulen ausgegangen, denen sich die Kommunisten als „Trittbrettfahrer“ (S. 279) anschlossen.

Allerdings erzeugten die laut Müller weit hinter den Zielen der Führungskader bleibenden Agitationen eine erhebliche Aufmerksamkeit bei Lehrern, bürgerlicher Presse und Schulverwaltung. Vor allem auf persönliche Angriffe beispielsweise in kommunistischen Schulzeitungen reagierte die Lehrerschaft nach Ansicht Müllers „ausgesprochen emotional und empfindlich“ (S. 272). Dass zugleich neben schulischen Sanktionen vielfältige Methoden zum pädagogischen Umgang mit der „Politisierung“ der Schüler diskutiert und erprobt wurden, deutet Müller an, ohne den hierzu seit Beginn der 1920er-Jahre existierenden Diskurs beispielsweise in den pädagogischen Zeitschriften oder der Hamburger Schulpolitik näher auszuführen.

Merklich wenig ausgeleuchtet bleiben die Freizeitaktivitäten und der Alltag der Kindergruppenarbeit. Dies mag teilweise, wie Müller anführt, an dem kaum überlieferten Material aus der Ortsgruppenarbeit liegen. Die Erfahrungen der – „relativ renitent gegenüber den Anordnungen der Parteispitze“ (S. 139) agierenden – Parteibasis hätten tiefe Einblicke in die pädagogische Arbeit versprochen und damit ein Gegengewicht zu den untersuchten politisch-strategischen Diskursen innerhalb der Verbandsentwicklung bieten können. In diesem Zusammenhang hätte sich der pädagogisch interessierte Leser auch eine detaillierte Auseinandersetzung mit den von Müller markierten „diversen methodischen Problemen“ (S. 106) und „Klagen über pädagogische Mängel“ (S. 108) gewünscht: Wie gingen die Gruppenleiter mit dem „Dilemma zwischen Pädagogik und Politik“ (S. 129) um? Welche Antworten und Argumentationsmuster finden sich zum Verhältnis von Indoktrination und Mündigkeit, Fremd- und Selbstbestimmung in der Verbandsarbeit? Wie reagierte man auf den „fundamentale[n] Widerspruch“, dass „das marxistische Weltbild mit einem ähnlichen Wahrheitsanspruch gelehrt wurde wie der, den man der Erziehungsarbeit des bürgerlichen Lagers vorwarf“ (S. 81)? Es überrascht, dass der erhobene Untersuchungskorpus – der immerhin Schulungsmaterialien, Konferenzprotokolle und Tätigkeitsberichte umfasst – hier nicht differenziertere Analysen zulässt. Eine Gefahr des Untersuchungsschwerpunkts und der begrenzten Rekonstruktion der alltäglichen Kindergruppenarbeit ist, dass Müller damit die pädagogische Dimension seines Themas nur unzureichend erfassen kann. Der Güte der detaillierten parteigeschichtlichen Analysen der strategischen Verbandstätigkeit und den lesenswerten Darstellungen des Schulkampfs tut dies jedoch keinen Abbruch.

Anmerkung:
[1] Christian Striefler, Kampf um die Macht. Kommunisten und Nationalsozialisten am Ende der Weimarer Republik, Berlin 1993; Klaus Michael Mallmann, Kommunisten in der Weimarer Republik. Sozialgeschichte einer revolutionären Bewegung, Darmstadt 1996; Riccardo Bavaj, Von links gegen Weimar. Linkes antiparlamentarisches Denken in der Weimarer Republik, Bonn 2005; Barbara Köster, Die Junge Garde des Proletariats. Untersuchungen zum Kommunistischen Jugendverband Deutschlands in der Weimarer Republik, Bielefeld 2005.

Zitation
Matthias Busch: Rezension zu: : „Kinder müssen Klassenkämpfer werden!“. Der kommunistische Kinderverband in der Weimarer Republik (1920–1933). Marburg  2013 , in: H-Soz-Kult, 16.09.2013, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-20881>.
Redaktion
Veröffentlicht am
16.09.2013
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit der Historischen Bildungsforschung Online. (Redaktionelle Betreuung: Philipp Eigenmann, Michael Geiss und Elija Horn). http://www.fachportal-paedagogik.de/hbo/
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