Cover
Titel
Das Gedächtnis Kubas. Die Revolution im Interview


Autor(en)
John Williams, Nicholas
Erschienen
Umfang
304 S.
Preis
€ 29,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Nikolaus Böttcher, Freie Universität Berlin

Die Erinnerungsforschung als methodischer Zugriff für historische Analysen ist in jüngerer Zeit verstärkt auch in der Forschung zu Lateinamerika angewandt worden, wobei viele dieser Werke die Erinnerungen an die Militärdiktaturen der 1960er–1980er-Jahre fokussieren. Doch auch jenseits dieses Themengebiets gibt es zahlreiche Publikationen, die sich auf den Memoria-Ansatz stützen. In den letzten zehn Jahren sind allein zu Kuba über hundert Titel erschienen, die man unter dem Label „Testimonialliteratur“ subsumieren könnte. Hier steht die Kubanische Revolution (1953–1959), durch die Fidel Castro an die Macht gelangte, häufig im Zentrum des Interesses.

Die Eignung der Memoria-Forschung als wissenschaftlicher Ansatz ergibt sich vor allem aus dem Umstand, dass individuelle („subjektive“) Texte, zum Beispiel Feldtagebücher von Guerrilleros zur Schaffung eines öffentlichen Gedächtnisses vom Staat instrumentalisiert werden können, aber nicht müssen. Erinnerungskultur kann als „Einhaltung einer sozialen Verpflichtung“ (Jan Assmann [1]) verstanden werden. Denn sie ist auf ein Kollektiv bezogen und bestimmt dessen Identität und Selbstverständnis. Das Gedächtnis entsteht also durch den sozialen Bezugsrahmen. Durch die Veröffentlichung individueller Texte wird das Kollektiv über die Memoria (Maurice Halbwachs [2]) legitimiert und autorisiert. Dabei wird der Umgang mit Geschichte, historisches Bewusstsein also, gezielt vom Staat erzeugt, gelenkt und zur Rechtfertigung instrumentalisiert.

Da die Erinnerung durch die Mythenbildung somit von einem politischen Reduktionismus zum Zweck der Identitätsstiftung geprägt ist, sollte es die Aufgabe der Historikerin oder des Historikers in der Rolle als „remembrancer“ (Peter Burke [3]) sein, diese Mythen zu entschleiern. Aus Individualtexten können Rückschlüsse auf die öffentliche Wahrnehmung vorgenommen und die spezifischen Umgangsformen der Gesellschaft mit Vergangenheit sowie deren Vergegenwärtigung skizziert werden. Die Selbstdarstellung des Staates nach der erfolgreichen Revolution steht hier im Gegensatz zu kritischen Selbstzeugnissen von Exilanten bzw. Oppositionellen und Dissidenten, das heißt die nationale bzw. öffentlich propagierte Version der Wahrheit steht der individuellen Erinnerung – häufig konträr – gegenüber.

Der Wert des von Nicholas John Williams im vorliegenden Band zusammengestellten Korpus von Selbstzeugnissen zur Kubanischen Revolution besteht darin, dass beide Varianten der Erinnerungsforschung deutlich werden. Nach einer Einführung in den Sinn und Zweck von Memoria-Forschung und Oral History gibt der erste Hauptteil des Buches (S. 39–137) eine knappe historische Einführung in die Geschichte Kubas von 1898 bis heute. Die Zusammenfassung ist solide, bringt aber wenig Neues, und die Ergebnisse sind teilweise trivial („Es wird deutlich, dass es zumindest der Landbevölkerung im agrarisch geprägten Kuba nicht gut ging unter Batista“ [S. 50]; „Castro ist und bleibt auch in quantitativ messbarer Form eine feste Bezugsgröße im Diskurs um die kubanische Revolution“, [S. 85]). Warum schon in diesem Teil Zitate aus dem Interviewteil eingebracht werden, hätte methodisch begründet werden müssen.

Die Stärke des Bandes liegt im darauf folgenden zweiten Hauptteil. In diesem ausführlichen Dokumentationsteil (S. 149–289) werden zwei Interviewserien vom März 2007 und Februar/März 2008 (bestehend aus insgesamt 17 Interviews) aus Las Terrazas in der kubanischen Provinz Pinar del Río vorgestellt und damit der Alltags- und Mikrogeschichte zugänglich gemacht.

Der Autor folgt, wie es die Oral History sinnvollerweise einfordert, einer zurückhaltenden Matrix über Geburtsdatum und -ort, Familienverhältnisse, Erwerbsleben und Einstellung zur Revolution, um den Sprecher/innen jeweils einen entsprechenden Freiraum zu geben. Die Gesprächspartner sind in ihrer Mehrheit männlich, weiß, Kubaner und in den 1920–30er Jahren geboren. Ausnahmen stellten die wegen ihrer Reflektiertheit und der Außenansicht besonders interessanten Testimonien eines Engländers (S. 162ff.) und einer Katalanin (S. 229) dar.

Die Interviews der Kubaner spiegeln individuelle Motivation und Kampferfahrungen der Revolution wider und erlauben die Rekonstruktion biographischer Daten von Personen, über die – und eben darin liegt das Hauptverdienst der Oral History – über den Diskurs von Eliten hinaus sonst nichts bekannt geworden wäre. Ebenso deutlich wird die Verehrung und Verklärung des Máximo Líder Fidel Castro als Revolutionsführer, Vaterfigur und übermenschliche, gottähnliche Gestalt. So zitiert Williams beispielsweise anschaulich aus einem am 5. April 2007 geführten Interview mit Eugenio Colón, einem Ex-Militär, der nicht an der Revolution zweifelt. Auf die Frage, wer für ihn der „erste kubanische Revolutionär“ bzw. der „erste lateinamerikanische Revolutionär“ gewesen sei, antwortete dieser: „Der Mann [Fidel Castro], der auf der ganzen Welt die größten Eier hat, und der Mann, der auf der ganzen Welt der Intelligenteste [und] der würdigste Revolutionär ist“. „Das, was Fidel auf der Welt getan hat, das hat Jesus Christus in einem anderen Teil der Welt getan“ (S. 81; das Interview findet sich ausführlicher auf S. 177–185).

Nur relativ wenige jüngere Leute der zweiten postrevolutionären Generation kommen zu Wort, die entsprechend kritischere Töne zu heiklen Themen in einem sozialistischen Regime wie etwa Jugendkultur, Vermassung, Bespitzelung, Zensur und (im Falle Kubas besonders brisant:) Rassismus (S. 246) anschlagen. Aufgrund des spärlichen Materials zur Systemkritik in Kuba selbst sind diese Aussagen von besonderem Wert – mehr davon wären wünschenswert gewesen.

Nicholas Williams hat mit seinem Band, einer Mischung aus Darstellung und Edition von Interviews, eine detailreiche Quellensammlung zur Alltagsgeschichte Kubas an einem lokalen Fallbeispiel vorgelegt. Es bleibt zu hoffen, dass weitere Fallstudien dieser Art – in Kombination von Mikrohistorie und Zeitzeugnissen – in Zukunft ein großes Forschungsdesiderat beseitigen.

Anmerkungen:
[1] Jan Assmann, Das kulturelle Gedächtnis, München 1992, S. 30.
[2] Maurice Halbwachs, La Mémoire collective, Paris 1950.
[3] Peter Burke, History as Social Memory, in: Thomas Butler (Hrsg.), Memory: History, Culture and the Mind, Oxford, 97-113.

Zitation
Nikolaus Böttcher: Rezension zu: John Williams, Nicholas: Das Gedächtnis Kubas. Die Revolution im Interview. Marburg 2011 , in: H-Soz-Kult, 17.01.2014, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-21701>.
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Veröffentlicht am
17.01.2014
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