G. Ilić Marković (Hrsg.): Veliki Rat – Der Große Krieg

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Titel
Veliki Rat – Der Große Krieg. Der Erste Weltkrieg im Spiegel der serbischen Literatur und Presse


Herausgeber
Ilić Marković, Gordana
Erschienen
Anzahl Seiten
272 S.
Preis
€ 19,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Dario Vidojković, Neuere und Neueste Geschichte, Universität Regensburg

Groß ist die Zahl der Bücher über den Ersten Weltkrieg, die aus Anlass des Centenars seines Ausbruchs im Jahr 2014 erschienen sind. Doch nicht nur die wieder diskutierte Kriegsschuldfrage oder die Schlachten stehen dabei im Vordergrund. Von Interesse ist auch, wie Soldaten und Zivilisten den Krieg aus eigener Anschauung erlebten. In dieser Hinsicht besonders wichtige Zeugnisse haben vor allem Literaten hinterlassen. Mit diesen befasst sich zum Beispiel Horst Lauingers Band „Über den Feldern“[1], eine Anthologie, die „siebzig literarische Meisterstücke“[2] vereint, von so illustren Autoren wie Ernest Hemingway, Stefan Zweig, Marcel Proust und Ivo Andrić. Denn „Literatur kann mehr sichtbar und erfahrbar machen als Geschichtsschreibung“[3].

Diesem Gedanken wird auch der vorliegende, von der Wiener Slawistin Gordana Ilić Marković herausgegebene Band vollkommen gerecht. Doch anders als etwa bei Lauinger versammelt Ilić Marković in ihrem Band vorwiegend serbische Schriftsteller und Journalisten, die hier erstmals einem größeren deutschsprachigen Publikum präsentiert werden. In ihrem Sammelband, und das macht ihn gerade so wertvoll, kommt somit die serbische Seite zu Wort, welche bislang international zumeist kaum Gehör gefunden hatte. In Auszügen ausgewählter Texte von Autoren wie Miloš Crnjanski, Branislav Nušić, Momčilo Nastasijević oder Bora Stanković wird der Erste Weltkrieg aus der serbischen Sicht dargestellt und verarbeitet. Doch kommen, anders als es der Untertitel zunächst vermuten ließe, nicht allein serbische Autoren zu Wort: So finden sich auch Texte von John Reed, Karl Kraus und Egon Erwin Kisch, auch gibt es Auszüge aus dem Tagebuch des deutschen Feldmarschalls von Mackensen, der die Invasion in Serbien im Herbst/Winter 1915 befehligte. Mag der Untertitel also etwas irreführend sein, so erklärt die Herausgeberin in ihrem Vorwort die Auswahl der hier vorliegenden Texte jedenfalls nachvollziehbar wie folgt: „Alle Autoren, deren Werke hier vertreten sind, befanden sich mitten im Kriegsgeschehen in Serbien und/oder mit der serbischen Armee im Exil“ (S. 7).

Die Herausgeberin hat die Auszüge der Texte, die allesamt aus dem Serbischen ins Deutsche übersetzt wurden, dergestalt ausgewählt, dass möglichst alle Aspekte des Themas ‚Serbien im Ersten Weltkrieg‘ abgedeckt werden. Neben literarischen Texten finden sich auch Selbstzeugnisse und andere Quellen. Vorangestellt sind drei den Band wissenschaftlich begleitende Texte. Die Herausgeberin selbst gibt einen konzisen Überblick über serbische Schriftsteller, Künstler und Journalisten im Serbien der Kriegszeit, neben weiteren Themen wie auch serbische Musik, Film sowie serbische Presse (S. 9–46). Der serbische Historiker Mile Bjelajac steuert in seinem Beitrag eine gleichermaßen kundige wie bündige Geschichte Serbiens im Ersten Weltkrieg bei (S. 47–70). Dabei macht er unter anderem deutlich, dass Serbien alles andere als auf den Krieg mit der Donaumonarchie vorbereitet war, oder das offizielle Serbien diesen gar gewollt habe (vgl. S. 48–55). Den dritten und letzten einführenden Aufsatz liefert Anton Holzer, österreichischer Experte unter anderem für die Geschichte der Fotografie (S. 71–84). Holzer geht insbesondere auf die von der k.u.k. Armee begangenen Kriegsverbrechen während der ersten kurzen Besetzung Serbiens ein, vor allem im Gebiet um und in Šabac, nordwestlich von Belgrad. In diesem Kapitel erfährt der Leser von der Arbeit des Schweizer Kriminologen Dr. Rodolphe Archibald Reiss, der von der serbischen Regierung mit der Untersuchung der Verbrechen betraut wurde.

Das Buch gliedert sich entsprechend in neun Kapitel und einen Epilog. Die Herausgeberin orientiert sich weitgehend an der Chronologie der damaligen Ereignisse. Kapitel eins zeigt so die unmittelbare Vorgeschichte des Kriegsausbruchs zwischen Österreich-Ungarn und Serbien (S. 86–103). Das knapp gehaltene zweite Kapitel gibt den Text der Kriegserklärung der k.u.k. Monarchie an Serbien wieder (S. 104f.). Das dritte Kapitel beschäftigt sich mit den ersten Kriegsoperationen in Serbien im Jahr 1914 (S. 106–144). Gefolgt wird dieses Kapitel von zwei Texten über die Besetzung Serbiens im Herbst/Winter 1915/16 (S. 145–147), das fünfte Kapitel widmet sich dem „Leben im besetzten Serbien“ (S. 148–183). Doch gibt es auch Auszüge von Texten, welche das „Serbische Golgota“, den qualvollen und unter widrigsten Umständen vollzogenen Rückzug der serbischen Armee und der sie begleitenden flüchtenden serbischen Zivilbevölkerung (mit dabei waren auch an die 30.000 Kriegsgefangene), insgesamt weit über 250.000 verzweifelte Menschen, beschreiben (Kapitel sechs, S. 184–198). Mit dem Exil auf Korfu, wohin die den Rückzug überlebenden Serben von den Alliierten verbracht wurden, und in den mit Serbien verbündeten Staaten, befasst sich das siebte Kapitel (S. 199–215). Auch das Thema der Kriegsgefangenschaft wird anhand einiger Zeugnisse behandelt (S. 216–227). Die Kriegsereignisse chronologisch abschließend führt das neunte Kapitel Texte zum Einsatz der reorganisierten serbischen Armee an der Thessaloniki-Front 1916–1918 auf (S. 228–249). Ein Epilog rundet den Band ab, in dem von der (sorgenvollen) Hoffnung der in das befreite Serbien zurückkehrenden serbischen Soldaten berichtet wird (S. 250–262).

Aus den vorliegenden Zeugnissen erfährt man auch von ersten Exzessen, die nach dem Attentat von Sarajevo in Wien gegen Serben verübt wurden. So sollten an der Wiener Universität keine serbischen Studenten mehr eingeschrieben werden, „mit Rücksicht auf die moralische Minderwertigkeit dieses Materials und seine Unsauberkeit“, wie das „Deutsche Volksblatt“ im Juli 1914 schrieb (S. 93f.). Den ganzen Schrecken des bald darauf ausgebrochenen Krieges macht zum Beispiel die Ärztin Slavka Mihajlović deutlich, wenn sie beschreibt, wie das Krankenhaus in Belgrad bombardiert wurde (vgl. S. 106–109). John Reed bringt seinen Abscheu vor der Verwüstung von Šabac zum Ausdruck (vgl. S. 115). Sehr berührend ist der „Roman eines Mädchens“ von Branislav Nušić, dazwischen finden sich immer wieder wortgewaltige und traurige Gedichte, etwa von Vojislav Ilić Mlađi (vgl. S. 115f.). Den Widersinn des mörderischen Krieges bringt Antonije Đurić nahe (vgl. S. 131ff.). Von Jovan Miodragović (vgl. S. 136ff.) und Bora Stanković (vgl. S. 155ff.) erfährt man, dass die Besatzungsmächte in Serbien auch gegen die serbische Kultur Krieg führten, indem sie das Kyrillische sowie den Verkauf serbischer Bücher und Zeitungen und den Gebrauch serbischer Schulbücher verboten. Stattdessen wurde das Kroatische eingeführt, kroatische Lehrer kamen an die serbischen Schulen und Fakultäten. Und der Reserveoffizier Milorad Marković bringt wohl den sehnlichsten Wunsch aller im Ersten Weltkrieg an der Front eingesetzten Soldaten nach fast drei Jahren Krieg auf den Punkt: „Unsere Geduld ist am Ende. Wir wollen, dass das alles hier so schnell wie möglich vorbeigeht, wir wollen nicht länger wie Tiere leben, wir wollen zurück zu unseren Familien…“ (S. 248f.).

Der Band enthält über 40 zeitgenössische Abbildungen, darunter sind auch einige Fotografien, welche die von den k.u.k. Truppen begangenen Massaker an der serbischen Zivilbevölkerung dokumentieren. Hier ist auch der Hinweis auf eine Fotografie auf S. 193 angebracht, welche den ausgemergelten serbischen Rekruten Čedomir Popović zeigt, ein Bild, welches sinnbildhaft für die Leiden der Serben auf ihrem Rückzug vielfach reproduziert und in zahlreichen serbischen Büchern zum Ersten Weltkrieg abgedruckt wurde. Weiters enthält der Band eine Zeittafel, in welcher die wichtigsten Daten zu Serbien im Ersten Weltkrieg verzeichnet sind. Dies hilft vor allem dem deutschen Leser, der erfahrungsgemäß eher wenig über den „Nebenkriegsschauplatz“ Balkan im Ersten Weltkrieg weiß, sich zu orientieren und die ausgewählten Texte entsprechend leichter zu verstehen.

Viele der hier für den deutschen Leser erstmals zugänglich gemachten Texte serbischer Autoren stammen allerdings nicht unmittelbar aus der Zeit des Weltkrieges, sondern entstanden oft Jahre, wenn nicht gar Jahrzehnte später, und sind in der Rückschau geschrieben. So sind manche der Aussagen serbischer Soldaten sogar erst in den 1980er-Jahren aufgezeichnet worden. Hier wäre es erhellend gewesen, etwas mehr über den spezifischen Zeitkontext, vor dessen Hintergrund diese Zeugnisse niedergeschrieben wurden, zu erfahren. Immerhin ist die Entstehung eines jeden historischen Zeugnisses seinen eigenen Zeitumständen geschuldet und auch von diesen beeinflusst. Insoweit ist auch der von der Herausgeberin verwendete Begriff der Primärquellen diskutabel, weil vage.

In einer eventuellen Neuauflage bestünde zudem Gelegenheit, orthographische Fehler zu korrigieren und die Zitierweise in den Fußnoten zu vereinheitlichen. Hilfreich wäre auch der Abdruck einer Karte Serbiens zur Zeit des Ersten Weltkrieges gewesen, anhand der sich der deutsche Leser orientieren könnte, da ihm die zahlreichen Namen von Städten und Dörfern doch wenig vertraut sein dürften. Nützlich ist jedoch das Literaturverzeichnis, das neben der Primärliteratur auch einen guten Überblick über die deutsch- und serbischsprachige Forschungsliteratur zu Serbien im Ersten Weltkrieg bietet.

Insgesamt verdient Ilić Markovićs Sammelband große Aufmerksamkeit, da hier eben erstmals auch der serbischen Seite, sonst häufig diffamiert und als Schuldige für den Kriegsausbruch hingestellt (auch 2014 wieder), ein menschliches Antlitz (durch die Fotografien) und eine menschliche Stimme verliehen wird. Für jeden, der sich eingehender über Serbien im Ersten Weltkrieg informieren will, und das Thema nicht einfach mit dem Schmähruf „Serbien muss sterbien!“ abhaken will, ist dieser Band wärmstens zu empfehlen, zumal die ausgewählten Texte es durchaus vermögen, eine anschauliche und eindrucksvolle Darstellung des Kampfes und mehr noch des Leidens der Serben im Ersten Weltkrieg zu vermitteln.

Anmerkungen:
[1] Horst Lauinger (Hrsg.), Über den Feldern. Der Erste Weltkrieg in großen Erzählungen der Weltliteratur, Zürich 2014.
[2] Ulrich Baron, Stark sein, Mut haben, Fallen üben, in: Süddeutsche Zeitung, 25.07.2014.
[3] Thomas Schmid, Opferfeier und Höllenbilder, in: Die Welt, 05.04.2014.

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13.11.2014
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