M. David-Fox u.a. (Hrsg.): The Holocaust in the East

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Titel
The Holocaust in the East. Local Perpetrators and Soviet Responses


Hrsg. v.
David-Fox, Michael; Holquist, Peter; Martin, Alexander M.
Erschienen
Umfang
XII, 265 S.
Preis
€ 22,03
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Grzegorz Rossolinski-Liebe, Friedrich-Meinecke-Institut, Freie Universität Berlin

Der Massenmord an den Juden in der Sowjetunion sowie der mediale und historiographische Umgang mit diesem Thema wurden lange nur von wenigen Geschichts- und Politikwissenschaftlern untersucht, obwohl in den sowjetischen Gebieten von 1940 mehr als die Hälfte aller Opfer des Holocaust ermordet wurden (S. VII). Erst die 2001 erschienene Publikation von Jan Tomasz Gross‘ „Nachbarn“, die in Deutschland jedoch aufgrund methodologischer Vorbehalte gegenüber der unkonventionellen Arbeitsweise des jüdisch-nordamerikanisch-polnischen Geschichts- und Sozialwissenschaftlers und Einschränkungen gegenüber der Thematik der nichtdeutschen Täter nur lückenhaft rezipiert wurde, zog in Nordamerika und Osteuropa die Aufmerksamkeit mehrerer Wissenschaftler auf sich und brachte einen Forschungszweig hervor, der weitere wichtige Aspekte des Holocaust in Osteuropa untersucht und neue Forschungsansätze stiftet. Dadurch werden solche Fragen wie die Rolle der nichtdeutschen Täter, die Komplexität und Vielschichtigkeit des Judenmordes sowie der methodologische Umgang mit den Zeugnissen der Überlebenden und sowjetischen Justizdokumenten erforscht und analysiert. Diese Forschung erweitert das Wissen über den Holocaust, bringt neue Erkenntnisse über seine aus verschiedenen Ländern, Organisationen, Bewegungen und Kulturen stammende Täter hervor, erschließt neue Blickwinkel auf den Massenmord an den Juden und erweitert die ältere Perspektive, die den Holocaust auf die Verfolgung der Juden durch die Nationalsozialisten und ihre Kollaborateure oder gewöhnliche Deutsche reduzierte. Der aus neuen Beiträgen bestehende Sammelband, von denen einige bereits in der Zeitschrift „Kritika: Explorations in Russian and Euroasian History“ erschienen sind, präsentiert und bespricht einige der neueren Forschungsansätze.

Im ersten Beitrag charakterisiert John-Paul Himka Gross‘ „Nachbarn“ als eine Publikation, die dazu führte, dass „Holocaust studies and East European Studies have finally met intellectually“ und erinnert daran, dass Publikationen, die vor Goss‘ „Nachbarn“ geschrieben worden waren, wie zum Beispiel Christopher Brownings „Ordinary Men“, keine polnischen Quellen heranzogen, obwohl sie den Holocaust in Polen behandelten, und die Perspektive der deutschen Täter, die fast ausschließlich nur anhand deutscher Dokumente erforscht wurde, absolut in den Vordergrund stellten, was allen Rezipienten selbstverständlich erschien (S. 1). Gross drehte in „Nachbarn“ diese Perspektive um, indem er die Verbrechen polnischer Täter anhand der Dokumente der Überlebenden sowie der polnisch-kommunistischen Nachkriegsjustiz herausarbeitete. Dadurch verschob er die Perspektive von deutschen auf nichtdeutsche Täter und die Quellenauswertung von deutschen Dokumenten auf kommunistische Justizdokumente sowie die Zeugnisse der Überlebenden, mit denen aus verschiedenen methodologischen und mentalen Vorbehalten bis dahin hauptsächlich nur jüdische Historiker gearbeitet hatten (S. 2–3).

Die methodologische Seite von Gross‘ „Nachbarn“ wird im Einzelnen von Marci Shore analysiert. Die Autorin stellt die Dokumente vor, die Gross zur Verfassung der kurzen Studie über polnische und jüdische Nachbarn in Jedwabne motivierten. Unter den wenige Quellen findet sich ein Brief von Całka Migdał aus Montevideo in Uruguay, die die Massaker überlebte und sechseinhalb Jahre später einen Brief mit dem Satz „Wir haben gehört, dass sie [die Juden in Jedwabne] nicht von Deutschen, sondern Polen ermordet wurden“ an das Zentralkomitee der Juden in Polen schickte. Weitere Quellen kommen aus einem zweitätigen Gerichtverfahren im Mai 1949 gegen zweiundzwanzig Männer, von denen zwölf verurteilt wurden. Schließlich befindet sich darunter auch der Bericht von Szmul Wasersztajn, den er für die Jüdische Historische Kommission in Białystok am 5. April 1945 schrieb und der lange sowohl von der Justiz als auch von Historikern nicht ernst genommen wurde. Deutsche Dokumente wurden von Gross nur unzureichend verwendet, was zu viel Kritik an seiner Arbeitsmethode seitens polnischer Nationalisten und auch von Historikern führte, aber an der Integrität seiner Darstellung der Ereignisse am 10. Juli 1941 in Jedwabne nichts änderte (S. 5–7, 16–25).

Eine ähnliche Thematik wie Gross nahm sich Vladimir Solonari in seinem Beitrag über die lokalen Täter Bessarabiens und Nordbukowinas im Juli und August 1941 vor. Um diesen wenig bekannten Aspekt der Holocaust-Geschichte zu erforschen, macht Solonari Gebrauch von denselben Typen von Dokumenten wie Gross: den Zeugnissen der Überlebenden und sowjetischen Vernehmungsprotokollen. Dadurch kann er ein breites Spektrum an Motiven und Handlungen herausarbeiten, die zur Ermordung einiger Tausend Juden durch rumänische Täter geführt haben. Bei der Analyse der rumänischen Täter weist Solonari sowohl auf ökonomische Motive als auch auf ideologische Überzeugungen wie die „Erfüllung der nationalen Pflicht für Rumänien“ hin (S. 51–82).

Diana Dumitru bespricht am Beispiel Bessarabiens wie sowjetische Verhörprotokolle und Prozessakten von Historikern als Quellen benutzt werden können. Anders als in der Ukraine wichen Richter und Anwälte in Bessarabien der Frage des Antisemitismus nicht aus (S. 155). Obwohl ein Teil der Vernehmungen in dem sowjetischen Einflussgebiet unter Zwang durchgeführt wurde und einige Angeklagte in Folge von mangelhaft durchgeführten Prozessen exekutiert oder ungerechtfertigt freigelassen wurden, wäre es falsch davon auszugehen, dass sowjetische Vernehmungsprotokolle und Prozessakten keine relevanten Informationen über den Holocaust enthielten und von Historikern ignoriert werden können. Im Gegenteil, Dumitru meint, dass „there is little reason, however, to suspect that Soviet courts fabricated criminal cases and set up innocent people for the charge of killing Jews“ (S. 152). Um jedoch ein möglichst genaues und vollkommenes Bild der Ereignisse zu bekommen, sollten diese Dokumente mit anderen Quellen wie Akten der deutschen Besatzung oder Memoiren der Überlebenden unbedingt verglichen werden (S. 156–157).

Harvey Asher diskutiert die verschiedenen geschichtswissenschaftlichen Berechnungen der in den sowjetischen Gebieten ermordeten Juden und erklärt, dass der Genozid an den Juden in der sowjetischen Historiographie keine Rolle spielte, bzw. in das allgemeine Narrativ der Ermordung einer großen Zahl von Sowjetbürgern aufgenommen wurde. Die Nationalität der Opfer war für die sowjetische Geschichtsschreibung nur von geringer Bedeutung und die Juden wurden selbst bei den Beschreibungen der Vernichtungslager und Erschießungen der Einsatzkommandos nur nebenbei erwähnt. Das Wort Holocaust existierte in der Sowjetunion nicht; im Gebrauch waren unichtozhenie (Vernichtung) und katasrofa (Katastrophe) (S. 29–30). Am Beispiel der Memoiren „Do i posle Osventsima“ (Vor und nach Auschwitz) des Generals Vasilii Iakovlevich Petrenko erklärt Asher, warum die Befreiung von Auschwitz keine Priorität in den militärischen Plänen der Sowjetunion genoss, obwohl das Lager doch bereits am 27. Januar 1944 befreit wurde. Des Weiteren macht er auf Petrenkos Schicksal aufmerksam, der für die Befreiung von Auschwitz in der Sowjetunion nie ausgezeichnet wurde, aber in den westlichen Ländern dafür Anerkennung erhielt (S. 30–34). Einen ähnlichen Umgang sieht er auch mit dem von Albert Einstein und anderen Intellektuellen initiierten und von sowjetischen Schriftstellern wie Ilia Ehrenburg und Vasilii Grossman mit verfassten „Schwarzbuch des Holocaust“. Obwohl das Schicksal der Juden den Parteiorganen gut bekannt war, konnte diese Studie in ihrer ursprünglichen und vollen Fassung auf Russisch nicht in der Sowjetunion erscheinen, weil die Befürchtung bestand, dass es die sowjetische Gemeinschaft hätte schwächen können (S. 42–47).

Karel Berkhoff geht der Frage der Darstellung des Holocaust in den sowjetischen Medien zwischen 1941 und 1945 nach. Er sieht das sowjetische Desinteresse darin, dass für Stalin die Menschenrechte und ihre Verletzung – im Gegensatz zu kampfbereiten Sowjetbürgern – keine Bedeutung hatten. Die sowjetischen Machthaber, die Armee und die Behörden waren zwar relativ gut über den systematischen Judenmord hinter der Frontlinie informiert, maßen ihm aber wenig Bedeutung bei (S. 83–84, 94–98). Trotz der Marginalisierung und Bagatellisierung des Genozids an den Juden konnte jedoch ein aufmerksamer Leser der sowjetischen Presse vor allem von jüdisch-sowjetischen Reportern wie Ilia Ehrenburg erfahren, was mit den Juden hinter der Front passierte, selbst wenn die entsprechenden Informationen wegen der Zensur oft ohne notwendige Empathie, zerstreut und unsystematisch präsentiert wurden (S. 90–91).

Marina Sorokina analysierte die Tätigkeiten der von Stalin am 2. November 1942 gegründeten Außerordentlichen Staatlichen Kommission, die die Verbrechen der Nationalsozialisten und ihrer Helfer gegen die sowjetischen Bürger untersuchte und dokumentierte. Die Kommission schloss unter anderem einen angesehenen Historiker, Arzt, Politiker, Gewerkschaftsführer, Schriftsteller, Anwalt, Geistlichen und eine Pilotin ein und verband wissenschaftliche Erforschung der Verbrechen mit einer ideologisch-propagandistischen Medienarbeit. Obwohl ihre Dokumentationen bei dem Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher sowie weiteren internationalen Prozessen verwendet wurden, waren sie für Wissenschaftler in der Sowjetunion unzugänglich. Neben der Erforschung und Dokumentation von Massenverbrechen wurde die Kommission auch eingesetzt, um Propaganda und Lügen, wie jene über die Erschießung polnischer Offiziere in Katyn durch die Deutschen, zu verbreiten. Die Kommission wurde am 9. Juni 1951 aufgelöst, jedoch 1960 reaktiviert, um gegen Theodor Oberländer vorzugehen (S. 118–141).

Tarik Cyril Amar untersucht den Holocaust-Diskurs in der sowjetischen Westukraine. Er weist darauf hin, dass das Verschwinden des Holocaust in den sowjetischen Diskursen nicht als „Amnesie“ sondern als ein Prozess der aktiven Umschreibung des Erlebten und Gesehenen verstanden werden sollte. Der Genozid an den Juden war in der Erinnerung westukrainischer Sowjetbürger aufgrund seiner Omnipräsenz tief verankert gewesen und er wurde erst durch die lokalen und auch vom Zentrum gesteuerten Diskurse aufgelöst und verdrängt (S. 160). Obwohl in der Westukraine tätige Schriftsteller wie Vladimir Beliaev über das Schicksal der Juden nicht zuletzt durch die Berichte von Überlebenden gut informiert waren, folgten sie den offiziell-sowjetischen Darstellungsnarrativen und erklärten nicht, dass die Juden während der deutschen Besatzung aufgrund ihrer ethnischen Identität verfolgt wurden. Schließlich zeigt Amar auch, wie der Antisemitismus und Antizionismus die lokalen Diskurse über den Holocaust in der Westukraine formten und die Erinnerung an den Massenmord an den Juden beeinträchtigten (S. 176–180).

Im letzten Beitrag resümiert Zvi Gitelman die Beiträge des Bandes und die bisherige geschichtswissenschaftliche Beschäftigung mit dem Holocaust in der Sowjetunion. Er meint, dass bis jetzt nur ein Teil des Massenmordes an den Juden in der Sowjetunion erforscht wurde und dass die zukünftige Erforschung des Themas nicht nur auf für bestimmte Nationen und national orientierte Historikergruppen relevante Aspekte reduziert werden sollte, sondern alle Facetten des Phänomens umfassen müsse. Obwohl der Holocaust in der Sowjetunion durch Heldentum und Patriotismus verdrängt und zugedeckt wurde, war er in sowjetischen Nachkriegsdiskursen in schwer erkennbaren Formen durchaus präsent. Deshalb sollte der Umgang mit ihm entziffert werden, wodurch das Wissen über den europäischen Genozid an den Juden und die Mechanismen seiner kollektiv verlaufenden und staatlich gesteuerten Verdrängungen erweitern werden könnte (S. 185–191).

Der Sammelband macht auf ein breites Spektrum wichtiger und bis heute nur ansatzweise erforschter Aspekte des Holocaust in der Sowjetunion aufmerksam und erinnert uns daran, dass über die Hälfte aller Holocaust-Opfer dort ermordet wurde. In Deutschland wurde der Holocaust in der Sowjetunion zwar bereits in Verbindung mit der Wehrmacht, der Einsatzgruppen, der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik und der Volksgemeinschaft untersucht und debattiert, aber durch die starke Konzentration auf die deutsche Geschichte und die deutsche Dimension des Judenmordes wurden mehrere zentrale Aspekte des Themas nicht behandelt, wodurch sich die Holocaust-Studien und die Osteuropa-Studien in Deutschland nur sehr bedingt aneinander angenähert haben. Die Beiträge des Bandes machen klar, dass der Genozid an den Juden nicht nur auf deutsche Täter und jüdische Opfer reduziert werden kann, sondern ein Massenmord war, der viele andere Völker und Handlungsebenen einschloss. Um diese Bereiche zu erschließen, ist es jedoch notwendig, die nationale Perspektive auf den europäischen Judenmord und die Furcht vor transnationalen Ansätzen sowie den neueren Arbeitsmethoden aufzugeben. Unerlässlich scheint auch die Bereitschaft zu sein, mit solchen Dokumenten wie den Zeugnisse der Überlebenden oder den sowjetischen Vernehmungsprotokollen und Prozessakten zu arbeiten, die neben der Erweiterung der Perspektiven auch die in der Täterforschung verankerte Entpersonalisierung der Opfer beheben könnten.

Zitation
Grzegorz Rossolinski-Liebe: Rezension zu: David-Fox, Michael; Holquist, Peter; Martin, Alexander M. (Hrsg.): The Holocaust in the East. Local Perpetrators and Soviet Responses. Pittsburgh  2014 , in: H-Soz-Kult, 17.09.2014, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-22298>.
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17.09.2014
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