R. Glenthøj u.a.: Experiences of War and Nationality in Denmark & Norway

Cover
Titel
Experiences of War and Nationality in Denmark and Norway, 1807–1815.


Autor(en)
Glenthøj, Rasmus; Nordhagen Ottosen, Morten
Erschienen
London 2014: Palgrave Macmillan
Umfang
X, 327 S.
Preis
£65.00 / € 84,04
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Anna Derksen, Jena

1804 begann mit der Kaiserkrönung Napoleons eine Kette von Ereignissen, die zu einem europaweiten Epochenumbruch führte – geprägt von politischen und nationalen Konflikten und einem starken revolutionären Potential. Anlässlich des zweihundertsten Jubiläums von Napoleons Herrschaftsantritt bringt der Verlag Palgrave Macmillan seit 2008 eine Reihe mit dem Titel „War, Culture and Society, 1750–1850“[1] heraus, die sich mit dem Mentalitätswandel und der Transformation sozialer und politischer Institutionen durch die Revolutionen und Kriege dieser Zeit multiperspektivisch auseinandersetzt. Passend zu einem weiteren Jubiläum wird die Reihe in diesem Jahr durch den mittlerweile fünfzehnten Band „Experiences of War and Nationality in Denmark and Norway, 1807–1815“ ergänzt. Die begriffliche Trennung der beiden Länder ist dabei keineswegs zufällig gewählt, spielen die Autoren Rasmus Glenthøj (Süddänische Universität) und Morten Nordhagen Ottosen (Universität Oslo) damit doch bewusst auf das Ende der knapp 400 Jahre währenden Union zwischen Dänemark und Norwegen an, die im Jahr 1814 mit dem Kieler Frieden besiegelt wurde und das Mutterland Dänemark zum größten territorialen Verlierer der Napoleonischen Kriege machte.

Nach Beiträgen zu Verlauf und Folgen der Napoleonischen Kriege in Frankreich, Großbritannien und dem Deutschen Reich, Rebellion und Revolution im mittel- und südeuropäischen Raum sowie Kriegserfahrungen und Erinnerungskultur[2] liegt der Fokus dieses Bandes auf dem Norden Europas, speziell dem Königreich Dänemark-Norwegen. Neben der Darstellung der politisch-militärischen Entwicklungen ist es ein besonderes Anliegen der Autoren, die Kriegserfahrungen in der breiten Bevölkerung und die damit verbundene Entstehung nationaler Identitäten zu untersuchen und in einen europäischen Gesamtkontext zu stellen. In der geschichtswissenschaftlichen Forschung, so Glenthøj und Nordhagen Ottosen, sei Dänemark-Norwegen unter der Herrschaft Frederiks VI. oft als Napoleons loyalster Bündnispartner betrachtet worden, doch habe er angesichts der außenpolitischen Entwicklungen kaum Alternativen besessen. Mit ihrer Monografie verfolgen die Autoren das Ziel, das komplizierte Beziehungsgeflecht der beteiligten Kriegsparteien und die Herausforderungen, denen sich Frederik VI. außen- wie innenpolitisch entgegensah, zu entschlüsseln. Damit ermöglichen sie einen vielseitigen Zugang zum Thema, der auch die politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Wechselbeziehungen zwischen den einzelnen Landesteilen – das dänische Mutterland, Norwegen und die vornehmlich deutschen Herzogtümer Schleswig und Holstein – herausstellt. Sie stützen sich vor allem auf dänisch- und norwegischsprachige Literatur, wollen mit dem Erscheinen des Bandes in englischer Sprache[3] jedoch vor allem das internationale Wissenschaftspublikum ansprechen und damit eine Forschungslücke zur skandinavischen Geschichte um 1800 schließen: „Its contribution is twofold. First, it provides a general overview of war, society and politics in Denmark and Norway in the years 1807–15, and is the first monograph to do so from a comparative perspective. Second, it provides an in-depth analysis of three central subjects in recent international historiography in the context of Scandinavia: the role of nationalism, patriotism and experiences of the Napoleonic Wars.” (S. 2)

Zu diesem Zweck ist der Band in acht Kapitel unterteilt, die chronologisch die Ereignisse in Dänemark-Norwegen unmittelbar vor, während und nach den Napoleonischen Kriegen und der Auflösung der Union untersuchen. Den Einstieg macht ein Kapitel über Dänemark-Norwegen als politisches Gebilde, seine Identität sowie die Ideologie des Patriotismus als theoretische Basis der Untersuchung. Gleichzeitig fungiert es als Einleitung und stellt die leitenden Forschungsfragen: Warum wurde Dänemark-Norwegen in die Napoleonischen Kriege hineingezogen? Wie haben die Kriege die Gesellschaft und Bevölkerung beider Länder beeinflusst? Und was sollte die Auflösung der Union für beide bedeuten (S. 2)? Neben der knappen Vorstellung Dänemark-Norwegens als absolutistisch regierter Staat an der europäischen Peripherie verdient besonders die Definition der Begriffe „Patriotismus“, „Vaterland“ und „nationale Identität“ ein Lob, gelingt den Autoren doch eine nachvollziehbare Unterteilung, die hilft, die Unterteilung und den Transformationsprozess der dänischen, norwegischen und deutschen Mentalitäten im Königreich nach Ausbruch des Krieges besser zu verstehen.

Die Darstellung der Ereignisgeschichte beginnt mit der Schilderung des zweiten Angriffs Großbritanniens auf Kopenhagen im Jahr 1807, dem Anlass für den Eintritt Dänemark-Norwegens in den Krieg. In den folgenden Kapiteln wird sie durch den Krieg gegen Schweden, die Auswirkungen der Auseinandersetzungen auf verschiedene Segmente der Bevölkerung und die Innen- und Außenpolitik des Reiches fortgeführt und zeichnet so ein umfassendes Bild der politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen. Stets bemühen sich die Autoren dabei, die wesentlichen Protagonisten in ihrer Bedeutung für die Herausbildung nationaler Identitäten zu beleuchten. Die Aushebung von Freiwilligenverbänden, die Spendenbereitschaft der Eliten nach dem Angriff auf Kopenhagen, der Propagandakrieg Dänemarks und Schwedens um die Zuneigung der Norweger und die Gründung patriotischer und proto-skandinavistischer Gesellschaften sind die wesentlichen Punkte in der Beantwortung von Glenthøjs und Nordhagen Ottosens eingangs gestellter Frage nach den Auswirkungen des Krieges auf die Bevölkerung.

Die letzten Kapitel setzen sich mit dem Ende der Napoleonischen Kriege und ihren Auswirkungen auf das dänisch-norwegische Verhältnis auseinander. Der Fokus liegt vor allem auf dem „neuen Norwegen“ (S. 250), das ab 1814 nach einer kurzen Phase der Unabhängigkeit eine Union mit Schweden einging, und der Rezeption dieses Ereignisses in den drei skandinavischen Ländern. Der Band schließt mit einer kurzen Rückschau auf die weitere kulturell-politische Entwicklung in Dänemark und Norwegen nach dem Ende ihrer Union und betont die Herausbildung eines eigenen nationalen Bewusstseins mit besonderem Augenmerk auf der Schaffung einer norwegischen Sprache, welche die Autoren als das prägnanteste Zeichen des norwegischen Patriotismus jener Zeit herausstellen. Wenn sie auf den letzten Seiten ihr Bedauern darüber ausdrücken, dass heute kaum mehr an die Zeit der Union und die kulturellen Gemeinsamkeiten beider Länder erinnert wird, führen sie dies auch auf die erfolgreiche Loslösung Norwegens von seinen dänischen Wurzeln zurück.

Dass sich Glenthøj und Nordhagen Ottosen entschieden haben, den Band ohne Kennzeichnung ihrer jeweiligen Autorschaft zu verfassen, tut weder dem Lesefluss noch dem inhaltlichen Verständnis einen Abbruch. Beiden Autoren gelingt es, eine gemeinsame Sprache zu finden, und auch durch das chronologische Vorgehen und den steten Rückbezug auf die eingangs gegebene Definition wichtiger Begrifflichkeiten wie Patriotismus, Identität und Nationalismus ist der rote Faden des Bandes klar erkennbar. Durch Unterkapitel und das umfassende Sach-, Orts- und Personenregister, das den Band beschließt, wird der punktuelle Zugriff auf Einzelthemen sehr erleichtert. Was jedoch fehlt, ist eine Einleitung, die den Anlass der Untersuchung sowie die methodische Vorgehensweise näher erläutert. Dies wird im ersten Kapitel nur ansatzweise umgesetzt. Während die Analyse detailliert und nachvollziehbar verfasst ist und auch komplexe politisch-gesellschaftliche Zusammenhänge verständlich zu erklären vermag, könnte man jedoch den etwas zu starken Fokus auf die Herrschaftseliten kritisieren. Wo Namen genannt werden, sind es meist die von Mitgliedern der königlichen Familie oder anderen Regierungsvertretern. Selten richtet sich der Blick auf konkrete zivile Protagonisten, sondern verbleibt im übergeordneten, eher anonymen Rahmen von Bevölkerungsgruppen, Berufsständen und gesellschaftlichen Zusammenschlüssen.

Dieser Leseeindruck wird am Ende des Bandes nur zum Teil relativiert, denn ebenso wie eine Einleitung fehlt auch ein abschließendes Fazit, welches die Ergebnisse bündelt, offen gebliebene Forschungsfragen präzisiert oder die Untersuchung in den größeren Kontext der Reihe stellt. Dies geschieht nur punktuell in den einzelnen Kapiteln. Das soll jedoch nicht den Verdienst der Autoren schmälern, die staatlichen Handlungsmöglichkeiten in der unübersichtlichen Gemengelage der Napoleonischen Kriege wie auch die zivilen Reaktionen darauf äußerst konzise aufzuzeigen und souverän Forschungsergebnisse und eigene Interpretationen zusammenzuführen, eine der größten Stärken des vorliegenden Werkes. Hilfreich sind auch die der Untersuchung vorangestellten Karten, die die territorialen Interessen der einzelnen Länder und den Verlauf der Kriegshandlungen veranschaulichen. Da neben den politisch-militärischen Geschehnissen der Fokus vor allem auf dem Identitätswandel innerhalb der dänisch-norwegischen Bevölkerung liegt, wäre weiteres Bildmaterial wünschenswert gewesen, beispielweise Propagandablätter, Karikaturen oder Gemälde, die die Geschehnisse verarbeiten. Insgesamt ist der Band jedoch durch seine lebendige und klare Darstellung durchaus lesenswert und wirft ein wichtiges Schlaglicht auf eine in der internationalen Forschung eher unterrepräsentierte Region in einer Umbruchszeit, die bis heute Spuren hinterlassen hat.

Anmerkungen:
[1] Rafe Blaufarb / Alan Forrest / Karen Hagemann (Hrsg.), War, Culture and Society, 1750–1850, Basingstoke 2008ff.
[2] Informationen zur Reihe und eine Übersicht der bisher erschienenen Bände findet sich unter: The University of North Carolina: Palgrave Macmillan Series War, Culture and Society, 1750–1850, <http://www.unc.edu/wcs/> (15.07.2014).
[3] Parallel zu der englischsprachigen Veröffentlichung brachte der Spartacus-Verlag das Werk auch auf Norwegisch heraus: Rasmus Glenthøj / Morten Nordhagen Ottosen (Hrsg.), 1814: Krig, nederlag og frihet. Danmark-Norge under napoleonskrigene, Oslo 2014.

Zitation
Anna Derksen: Rezension zu: : Experiences of War and Nationality in Denmark and Norway, 1807–1815. London  2014 , in: H-Soz-Kult, 02.09.2014, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-22773>.
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Veröffentlicht am
02.09.2014
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