M. Sarfatti: Die Juden im Faschistischen Italien

Titel
Die Juden im faschistischen Italien. Geschichte, Identität, Verfolgung


Autor(en)
Sarfatti, Michele
Erschienen
Berlin 2014: de Gruyter
Umfang
XII, 368 S.
Preis
€ 99,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
René Moehrle, Fachbereich III, Neuere und Neueste Geschichte, Universität Trier

Endlich! Nach gut 25 Jahren erscheint Michele Sarfattis Forschungsarbeit zur Judenverfolgung im faschistischen Italien, erstmals auf Deutsch. Bereits 1988 hatte Sarfatti, der italienische Historiker und Leiter des Dokumentationszentrums zu jüdischer Zeitgeschichte (ACDEC)[1] in Mailand, mit einer Reihe kritischer Aufsätze zu Mussolinis Staatsantisemitismus begonnen, die italienische Geschichtsforschung zum 50. Jahrestag der italienischen „Rassengesetze“ aus ihrem Schönheitsschlaf zu erwecken.[2] Die verharmlosende und jahrzehntelang vorherrschende Meinung, Mussolini sei kein Antisemit gewesen und habe nur auf Druck Hitlers agiert, begann zu bröckeln. Dabei hatte schon 1978 die Arbeit des israelischen Historikers Meir Michaelis, die ein Jahr später mit Rainer Pommerins Analyse der Akten des Auswärtigen Amts Bestätigung fand, gezeigt, dass die nationalsozialistische Führung in Berlin auf den Erlass von Italiens „Rassengesetzen“ keinen Einfluss gehabt hatte.[3] Nichtsdestotrotz gelang der Umbruch in der Forschung zum Antisemitismus unter Mussolini erst mit Sarfattis 1994 erschienener Monographie „Mussolini gegen die Juden. Chronik der Erarbeitung der Gesetze von 1938“[4]. Die hierin entworfene und seitdem gefestigte These eines autochthonen italienischen Antisemitismus ist mittlerweile unter Faschismusforschern zur herrschenden Meinung avanciert, wird aber nach wie vor unter Verweis auf die genannten Argumente vernachlässigt. Mit der vorliegenden Übersetzung von Sarfattis erstmals im Jahr 2000 erschienener und 2007 neu aufgelegter Monographie sind die Ergebnisse auch dem deutsch-sprachigen Leser zugänglich, die Lesebereitschaft aller Italieninteressierten vorausgesetzt.[5]

Das in zwei einleitende und drei Hauptkapitel gegliederte Buch setzt bei der gesellschaftlichen Verankerung der Emanzipation der Juden im Italien des ausgehenden 19. Jahrhunderts an. Nach der Einleitung wird der seit 1922 sukzessive gesteigerte und bis 1938 zur Staatsräson avancierte Antisemitismus unter der Regierung Benito Mussolini umfangreich analysiert. Außerdem behandelt die Arbeit mit der Repubblica Sociale Italiana (RSI) auch die Radikalisierung der Judenverfolgung während der sogenannten Republik von Salò und der deutschen Besatzung Italiens 1943–1945.

Im ersten Kapitel zeigt Sarfatti, wie die italienischen Juden, die emanzipiert, patriotisch und zu einem hohen Grad assimiliert waren, als gleichberechtigte Bürger den Aufstieg Mussolinis und die Etablierung des faschistischen Regimes erlebten. Wie gut und vielfältig die italienischen Juden dabei verwurzelt waren, spiegelt sich unter anderem darin wider, dass es jüdische Senatoren und Minister, wie z.B. den Ministerpräsident Luigi Luzzatti 1910/11, gab, sowie sechs jüdische Gründungsmitglieder der faschistischen Bewegung. Und trotz des Fakts, dass bis 1922 rund 600 Juden Mitglieder der 250.000 mitgliederstarken faschistischen Partei (PNF) waren, existierte seit der Parteigründung von 1921 auch ein antisemitischer Flügel.

Das sehr formal gehaltene und durch zwei Karten sowie fünf Tabellen im Anhang ergänzte zweite Kapitel gibt vor allem detaillierte Auskunft zur geographischen Verteilung der rund 58.000 bis 1938 in Italien lebenden Juden und stellt deren numerische Entwicklung als auch ökonomische Stellung und Aktivitäten dar.

Den Kern von Sarfattis Arbeit bilden die Kapitel drei bis fünf, die als eigenes und viel zitiertes Schema die Chronologie, Abläufe und Konsequenzen der Judenverfolgung unter Mussolini in drei Phasen darstellen: die Verfolgung der Gleichheit (1922–1936), der Rechte (1936–1943) und des Lebens (1943–1945).

Stringent verbindet dabei Sarfatti das Ende der Gleichheit der Juden in Italien mit der zentralen Rolle Mussolinis. Bereits als Sozialist machte der spätere „Duce“ durch antisemitische Parolen auf sich aufmerksam. Kurz nach Gründung der Faschismus machte er im Juni 1919 in seiner Tageszeitung Il Popolo d’Italia jüdische Bankiers aus New York und London für die russische Revolution verantwortlich, mit der diese Verschwörer Rache an der „arischen Rasse“ hätten üben wollen. Mit der Regierungsübernahme 1922 gab sich Mussolini dagegen bezüglich der „Judenfrage“ ambivalent und stellte offiziell jeden Antisemitismus für Italien in Abrede. Inoffiziell steigerte er aber weiterhin den Druck auf das nationale Judentum, auch mit Hilfe der Kirche und der Etablierung des Katholizismus zur Staatsreligion. Die Kontinuität und sukzessive Steigerung des Antisemitismus zeichnet Sarfatti anschaulich nach. Seine Chronologie der Jahre 1922–1936 verdeutlicht, wie Mussolini über Pressekampagnen, Anordnungen und Gesetze eine Diskriminierung forcierte, die religiöse Stereotypen mit Verschwörungstheorien verband und Juden im Rahmen der faschistischen Bevölkerungs- und Kolonialpolitik schließlich als eigene menschliche „Rasse“ kategorisierte.

Im vierten Kapitel beschreibt Sarfatti kompakt die Chronologie der Abläufe und staatlichen Initiativen zur gesetzlichen Verfolgung der Juden. Beginnend im Jahr 1936, jedoch mit Fokus auf das für die antisemitischen „Rassengesetze“ entscheidende Jahr 1938, analysiert Sarfatti Italiens Staatsantisemitismus. Zu den zwischen September 1938 und Oktober 1942 erlassenen Gesetzen zählten die „Maßnahmen zur Verteidigung der Rasse in der faschistischen Schule“ vom 5. September 1938.[6] Dieses verbot jede Einstellung jüdischen Personals (Art. 1), löste existierende Arbeitsverhältnisse verbindlich auf (Art. 3, 4) und sah vor, jüdische Schüler von staatlichen oder halbstaatlichen Schulen (Art. 2) zu verweisen. Zwei Tage später folgten die „Maßnahmen gegen ausländische Juden“, die deren Zuzug nach Italien offiziell untersagte, wobei ausländische Juden aus Profitgründen und zum Zweck des „Transits“ nach Palästina oder Amerika noch bis Mai 1940 in Italien einreisen konnten.[7]

Das Kerndekret der antisemitischen „Rassengesetze“ trat am 17. November 1938 mit den „Maßnahmen zur Verteidigung der italienischen Rasse“ in Kraft.[8] Damit wurden die italienischen Juden endgültig gesellschaftlich und sozial isoliert, da in sieben Artikeln unter anderem die „Ehe italienischer Staatsangehöriger der arischen Rasse mit Personen [...] einer anderen Rasse“ verbot und Zuwiderhandlungen unter Strafe stellte. Zudem schloss es Juden vom Militärdienst aus und legte staatliche Obergrenzen für deren Privat- und Unternehmensbesitze fest. Aufgrund des zentralen genetischen Kriteriums der Abstammung in der Definition wer Jude sei, schlussfolgert Sarfatti, dass der Hauptbezugspunkt dieser Klassifizierung „zweifellos der biologische Rassismus“ war (S. 175ff.).

Das fünfte und letzte Kapitel geht mit der deutschen Besatzung Italiens auf die im September 1943 beginnende Verfolgung der rund 33.000 in Italien verbliebenen Juden ein, so z.B. auf die Verhaftung und Ausraubungen der SS von 56 Juden am Lago Maggiore sowie die Razzien von Rom, Florenz und Siena, die zur Deportation von ca. 2.000 Juden führten. Mussolinis „radikalfaschistischer“ Staat RSI, der seit Ende September existierte, vereinbarte mit Blick auf die „Judenpolitik“ das gemeinsame Vorgehen mit dem „Verbündeten“, wie Sarfatti anhand von Übereinkünften mit dem Reichssicherheitshauptamt aufführt. Dennoch widersetzten sich diverse lokale faschistische Autoritäten eigenmächtig und erfolgreich dem deutschen Druck zur Auslieferung verhafteter Juden. Im November wurden alle im faschistischen Italien bereits gültig gewesenen Gesetze wieder hergestellt und Juden offiziell zu Staatsfeinden erklärt. Ein Erlass des Innenministeriums zielte schließlich darauf ab, alle Juden „in Erwartung ihrer Zusammenführung in eigens zu diesem Zweck eingerichtete[s] Konzentrationslager“ zu verhaften.[9] Die Gesamtzahl der aus Italien deportierten Juden, von denen 94 Prozent nicht überlebten, beziffert Sarfatti auf bis zu 8.000 Personen, wobei deren Zahl durch die aktuellste Forschung auf circa 8.500 erhöht wurde.

Anmerkungen:
[1] Dokumentationszentrum ACEDEC: Archivio della Fondazione centro di documentazione.
[2] Michele Sarfatti (Hrsg.), 1938 le leggi contro gli ebrei, in: La Rassegna Mensile di Israel 54 (1988), S. 13–18; Ders., Il razzismo in Italia. Prime reazioni del fuoriuscitismo italiano in Francia, in: Qualestoria 16 (1988), S. 5–9; Ders., Il lavoro negato. Dati e spunti di riflessioni sulla normativa antiebraica in Italia, in: Qualestoria 17 (1989), S. 33–42;
[3] Meir Michaelis, Mussolini and the Jews. German-Italian Relations and the Jewish Question in Italy 1922–1945, London 1978; vgl.: Rainer Pommerin, Rassenpolitische Differenzen im Verhältnis der Achse Berlin-Rom 1938–1943, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 27 (1979), S. 647–660;
[4] Michele Sarfatti, Mussolini contro gli ebrei. Cronaca dell’elaborazione delle leggi del 1938, Turin 1994;
[5] Michele Sarfatti, Gli ebrei nell’Italia fascista. Vicende, identità, persecuzione, Turin 2000.
[6] Erstes Schulgesetz: Provvedimenti per la difesa della razza nella scuola fascista, 5. September 1938; vgl. Grundschulgesetz: Istitutzione di scuole elementari per fanciulli di razza ebraica, 23. September 1938. In einer überarbeiteten Fassung erfuhr das Gesetz am 15. November 1938 eine Verschärfung: Integrazione e coordinamento in unico testo delle norme già emanate per la difesa della razza nella scuola italiana, 15. November 1938.
[7] Provvedimenti nei confronti degli ebrei stranieri, 7. September 1938.
[8] Provvedimenti per la difesa della razza italiana, 17. November 1938.
[9] Erlass des Innenministeriums an die Chefs der Provinzen, 30. November 1943; vgl. in: Sarfatti, Die Juden im faschistischen Italien, S. 286.

Zitation
René Moehrle: Rezension zu: : Die Juden im faschistischen Italien. Geschichte, Identität, Verfolgung. Berlin  2014 , in: H-Soz-Kult, 02.10.2014, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-23016>.
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02.10.2014
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