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Titel
Fascism and Ideology. Italy, Britain, and Norway


Autor(en)
Garau, Salvatore
Erschienen
Umfang
298 S.
Preis
€ 139,99
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Arnd Bauerkämper, Friedrich-Meinecke-Institut, Freie Universität Berlin

Die historische Forschung hat den Faschismus bereits seit den 1960er-Jahren auch vergleichend untersucht, obwohl der übergreifende Gattungsbegriff vor allem wegen der deutlichen Unterschiede zwischen der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik und der Diktatur Benito Mussolinis bis zur Gegenwart umstritten geblieben ist. Demgegenüber sind grenzüberschreitende Wahrnehmungen, Kontakte, Beziehungen, Transfers und Verflechtungen zwischen faschistischen Bewegungen und Regimes lange vernachlässigt worden. Das Scheitern der Bemühungen Mussolinis, die Anhänger der italienischen Faschisten in Europa 1933/34 in den Comitati per l’Universalità di Roma (CAUR) zu sammeln, hat die Interpretation nahegelegt, dass „international fascism is unthinkable, a contradiction in terms”[1].

Dagegen zeigt Salvatore Garaus Buch, dass sich kleinere faschistische Bewegungen, denen in europäischen Ländern eine Regierungsverantwortung nicht übertragen wurde, zunächst durchweg eng an dem vermeintlich erfolgreichen Regime Mussolinis orientierten. So übernahmen die von Garau betrachteten faschistischen Parteien – die 1933 von Oswald Mosley gegründete British Union of Fascists (BUF) und Vidkun Quislings in demselben Jahr gebildete Nasjonal Samling (NS) – vom italienischen Vorbild das militante Auftreten und die paramilitärische Organisation. Auch die korporative Ideologie des faschistischen Staates war für die britischen und norwegischen Faschisten so attraktiv, dass sie jeweils transferiert und angepasst wurde. Mussolini, der den italienischen Faschismus 1930 offen zum Exportartikel erklärte, förderte diesen Prozess.

Nachdem Adolf Hitler aber in Deutschland 1933/34 seine unumschränkte Diktatur etabliert hatte, bildete sich ein neues Gravitationszentrum heraus, das den Einfluss des italienischen Faschismus seit 1936 zusehends einschränkte. Am Nationalsozialismus zogen die Mitglieder der BUF und NS in der Mitte der 1930er-Jahre besonders der Antisemitismus und die Expansionspolitik an. Hinzu kam besonders in den letzten Jahren des Zweiten Weltkrieges noch die Europa-Ideologie, die sich gleichermaßen gegen die liberal-kapitalistischen Staaten des Westens wie gegen die Sowjetunion richtete. Insgesamt versprach der Faschismus und Nationalsozialismus seinen Anhängern in Europa vor allem eine grundlegende Erneuerung. Die Leitbilder des neuen „faschistischen Menschen“ und des „nordischen Ariers“ sollte diese Vision vermitteln. Damit schließt Garau an Roger Griffins einflussreiche, aber weiterhin umstrittene Deutung des Faschismus an.[2]

Allerdings wurden ideologisch-programmatische Forderungen, Organisationstechniken und Repräsentationsformen von den Faschisten in Norwegen und Großbritannien keineswegs imitiert, sondern durchweg selektiv übernommen und auch umgeformt. Dabei waren eigene Bedürfnisse und nationale Traditionen besonders wichtig. So hatten Mussolinis Squadre d‘Azione zwar die Gründung der paramilitärischen Organisation der NS, der Spesialavdelingen (seit 1934 Hird), inspiriert; allerdings waren auch in Norwegen bereits in den frühen 1920er-Jahren paramilitärische Verbände gebildet worden, um Streiks zu unterdrücken. Die Einpassung der im faschistischen Italien und im nationalsozialistischen Deutschland erprobten Konzepte in die Programmatik, Parteiorganisation und den politischen Stil der Parteien Quislings und Mosleys verlieh dem Faschismus in Norwegen und England zumindest vorübergehend Aufsehen und Unterstützung.

Wie Salvatore Garau weiter argumentiert, wirkte sich die Übernahme einzelner Komponenten der Parteien und Regimes Mussolinis und Hitlers aber keineswegs nur förderlich auf die Entwicklung der kleineren faschistischen Bewegungen aus. Vielmehr warfen die Gegner der BUF und der NS den führenden Funktionären der beiden Parteien vor, ausländische Vorbilder lediglich zu imitieren. Sie galten damit weithin als „anti-national or unpatriotic“ (S. 235). Mit dem Stigma des Verrats wurden die britischen und norwegischen Faschisten gesellschaftlich weitgehend isoliert. Diese Exklusion trug schon vor dem Zweiten Weltkrieg maßgeblich zum Scheiten der BUF und der NS bei.

Ein weiteres Problem ergab sich daraus, dass die Transfers vollzogen wurden, als sich die faschistische Diktatur in Italien bereits gefestigt hatte. Die Durchsetzung des Faschismus bis 1925/26 hatte nicht zuletzt aus dessen Widersprüchlichkeit resultiert. Er entfaltete deshalb eine erhebliche Integrationskraft. Dabei hebt Garau besonders die Inklusivität der korporativen Ideologie hervor. Auf sie konnten sich die Aktivisten in den Squadre d‘Azione ebenso beziehen wie die konservativ-autoritären Kräfte, die sich vor allem in Enrico Corradinis 1910 gegründeter Associazione Nazionalista Italiana fanden. In der voll entfalteten faschistischen Diktatur war diese „totalitarian inclusiveness“ (S. 117) jedoch ebenso deutlich zurückgegangen wie die weitgespannte Ideologie des „fascist maximum“ (S. 143). Erst in dieser Phase nahmen die BUF und die NS die korporativen Konzepte auf. Ihnen fehlte daher die Offenheit, Flexibilität und „ideological ubiquity“ (S. 143), mit sich der italienische Faschismus auf schnell wechselnde Konstellationen und Kontexte eingestellt hatte. Zudem lehnten in der norwegischen und britischen Partei Anhänger des Nationalsozialismus, die aus dem „Dritten Reich“ den rassistischen Antisemitismus übernommen hatten, Transfers aus Italien ab. Die daraus resultierenden zum Teil heftigen Konflikte mündeten wiederholt in Abspaltungen, so der National Socialist League von der BUF im Jahr 1937. Damit ging die Durchsetzungskraft des Faschismus in Norwegen und Großbritannien zurück.

Insgesamt zeigt Salvadore Garau in seinem Buch die Fluidität des Faschismus, sowohl in den einzelnen Staaten als auch in den Prozessen grenzüberschreitender Wahrnehmungen und Transfers. Allerdings konzentriert sich die Studie – ebenso wie Griffins Arbeiten – auf die faschistische Ideologie. Zudem werden Einflüsse der kleineren Parteien in Norwegen und Großbritannien auf Mussolinis und Hitlers Diktaturen nahezu völlig ausgeblendet. Obgleich die Beziehungen zweifellos überaus asymmetrisch waren, sollten Rückkopplungen aber nicht a priori ausgeschlossen werden. Darüber hinaus wird in der Studie die – in der Forschung weitgehend überwundene – Interpretation, dass die italienischen Faschisten weitaus weniger gewalttätig vorgegangen seien als die deutschen Nationalsozialisten, zum Teil reproduziert, besonders durch die Konzentration auf die korporative Programmatik und Politik. Nicht zuletzt sind die Befunde noch im Hinblick auf andere kleinere faschistische Bewegungen zu bestätigen.

Jedoch hat Salvadore Garau zumindest für die BUF und die NS überzeugend belegt, dass die mehrdeutige Ausrichtung des italienischen Faschismus nicht nur dessen Durchsetzung auf der Apenninhalbinsel beförderte, sondern auch Transfers erleichterte. Die Erstarrung der Ideologie erwies sich aber in der Regimephase für die kleineren faschistischen Bewegungen als Hemmschuh. Alles in allem handelt es sich um einen weiterführenden Beitrag zur Geschichte des Faschismus in Europa von 1918 bis 1945. Dem Buch ist daher trotz des geradezu prohibitiv hohen Preises eine breite Rezeption zu wünschen.

Anmerkungen:
[1] Walter Laqueur, Fascism: Past, Present, Future, New York 1996, S. 218.
[2] Vgl. z. B. Roger Griffin, Modernism and Fascism: The Sense of a Beginning under Mussolini and Hitler, Houndmills 2007.

Zitation
Arnd Bauerkämper: Rezension zu: : Fascism and Ideology. Italy, Britain, and Norway. London  2015 , in: H-Soz-Kult, 19.05.2016, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-23910>.
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Veröffentlicht am
19.05.2016
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