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Titel
Nazism as Fascism. Violence, Ideology, and the Ground of Consent in Germany 1930–1945


Autor(en)
Eley, Geoff
Erschienen
Abingdon 2013: Routledge
Umfang
IX, 233 S.
Preis
€ 35,07
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Nicole Kramer, Goethe Universität Frankfurt am Main

Die Erforschung der nationalsozialistischen Zeit ist im besonderen Maße von Kontroversen gekennzeichnet. Die Auseinandersetzung zwischen Intentionalisten und Strukturalisten, die Goldhagen-Debatte oder jüngst die Diskussion über den Begriff der „Volksgemeinschaft“ sind dabei nur besonders herausstechende Beispiele. Historiographische Neuausrichtungen, wie die Struktur-, Geschlechter- oder Globalgeschichte, verstanden sich nicht nur als eine Erweiterung von Forschungsperspektiven, sondern stellten vorherige Prämissen über den Charakter und die Funktionsweise des NS-Regimes sowie den Ort des „Dritten Reiches“ in der deutschen Geschichte immer wieder grundlegend in Frage.

Bereits 1985 hat Ian Kershaw mit seinem mittlerweile in zahlreichen Neuauflagen erschienenen Buch „The Nazi dictatorship: problems and perspectives of interpretation“ einen Überblick über Zugänge, Paradigmenwechsel und Deutungsachsen der Geschichtsschreibung zum Nationalsozialismus vorgelegt. Geoff Eley strebt diesem mit seinem Band prinzipiell nach, jedoch in ganz anderer Weise. Es geht ihm darum, eine Bilanz der neueren Forschung zu ziehen, die englisch- wie deutschsprachige gleichermaßen berücksichtigt, und die Ergebnisse der zahlreich erschienenen Spezialstudien zu synthetisieren.

Das erste eher knappe Kapitel beginnt mit der Frage nach den ideengeschichtlichen Ursprüngen des Nationalsozialismus. Ohne auf den Verlauf der „Sonderwegsdebatte“ näher einzugehen, formuliert Eley erneut seine Einwände gegen das Narrativ einer sich lange vor 1933 abzeichnenden Abkehr Deutschlands vom demokratischen Normalweg westlicher Staaten.[1] Dabei warnt er vor der – seiner Meinung nach – weiterhin betriebenen Fortschreibung eines deutschen Sonderwegs. Zwar tue eine verstärkte Refokussierung auf Ideen und Ideologien not, doch nicht als entkontextualisierte und damit ahistorische Geistesgeschichte. Der Schlüssel für die Erforschung des Nationalsozialismus liege vielmehr – so eine Hauptthese des Buches – in der Verbindung von „ideology“ und „social context“ (S. 18).

Das zweite Kapitel zeichnet die Grundzüge der Anatomie der NS-Herrschaft nach. Es fällt auf, dass Eley wenig über Organisationen und Institutionen spricht, sondern über Rollen, vor allem Adolf Hitlers als charismatischen Führers, und Gruppen sowie Personenverbände. Er beschreibt, wie die Sozialhistoriker der 1970er-Jahre die Aufmerksamkeit von der dämonisierte Führungselite ablenkten und auf das Verhalten der Bevölkerung, allen voran der Arbeiter, richteten, dabei aber auch die NS-Ideologie aus den Augen verloren. Die Weltanschauung wurde fortan von denen behandelt, die sich mit der Rassepolitik und der Verfolgung von Juden auseinandersetzten.

Aber was ist mit den Forschungen zur „Volksgemeinschaft“? Zeichnet sich damit eine Rückkehr der Ideologiefrage ab? Es sind eher Studien wie die von Michael Wildt über das Reichssicherheitshauptamt oder die Biographie Werner Bests aus der Feder von Ulrich Herbert, die Eley als vorbildlich darin sieht, seine Forderung nach einer in sozialen Kontexten verorteten Ideengeschichte eingelöst zu haben.[2] Hier gelinge eine Rekonstruktion der Ideologie anhand klar abgegrenzter institutioneller Strukturen, sozialer Gruppen und deren Handlungen. Genau diese Grundierung fehle vielen Studien, die sich des Begriffes der „Volksgemeinschaft“ annähmen. Dahinter steckt aber noch mehr: Eley beklagt eine Verschiebung des Deutungshorizonts. Während die sozial- und alltagsgeschichtlichen Arbeiten der 1970er- und 1980er-Jahre Individuen und soziale Gruppen, allen voran die Arbeiterschaft, untersucht hätten, um Formen der Nonkonformität und Grenzen der NS-Herrschaft aufzuzeigen, gehe es einer neuen Generation von Historikern darum, die Reichweite der gesellschaftlichen Umstrukturierung im „Dritten Reich“ und die hohe Konsensbereitschaft der Bevölkerung unter Beweis zu stellen.

Nachdem Eley im zweiten und dritten Kapitel („Driving for Rule, Extracting Consent“; „The Return of Ideology“) die Grundlagen und Genese seiner Deutung des Nationalsozialismus darlegt, widmet er sich in den folgenden Abschnitten Themenfeldern, in denen er seine Forschungsagenda verwirklicht sieht. Das vierte Kapitel konzentriert sich auf Frauen als Akteure im NS-Regime. Es ist ein Verdienst der Frauen- und Geschlechtergeschichte, die konstituierende Funktion von Familienidealen, weiblicher Sozialtätigkeit und Programmen sozialer Wohlfahrt für das rassistische Gesellschaftsprojekt des Nationalsozialismus aufgezeigt zu haben. Zudem haben erfahrungsgeschichtlich argumentierende Studien beleuchtet, wie Frauen sich Vorgaben aneigneten und nationalsozialistische Identitäten ausbildeten.

Die Frage nach Raum als analytischer Kategorie, die das fünfte Kapitel bestimmt, rangiert weit oben für Eley, erlaubt sie doch die Konkretisierung und Verdichtung der Analyse, die er so vehement einfordert. Bereits die Lokal- und Regionalstudien der 1970er- und 1980er-Jahre haben es verstanden, situative Dynamiken und die Wechselwirkung zwischen Peripherien und Zentren der Macht einzufangen. Aber es sind vor allem die neueren Studien zur Praxis nationalsozialistischer Herrschaft in den eroberten Ostgebieten, die die Handlungen von Individuen mit all ihren Kontingenzen konsequent auf die Kategorie Raum beziehen. Eine letzte Komponente eines integrierten Forschungsansatzes entleiht Eley aus den Forschungen zu Rassismus und Genozid: die Multiperspektivität der Quellen. Als Vorbild gilt Raul Hilberg, der die Geschichte der verfolgten Juden mit jener der NS-Täter und der nichtjüdischen Bevölkerung zu einer Erzählung synthetisierte.

Eley hat einen großen Literaturbericht vorgelegt, der weniger über Ereignisse, Entwicklungen oder Sachverhalte aufklärt, als vielmehr konsequent der Frage nachgeht, wie die einzelnen Forschungen unser Verständnis vom Charakter des NS-Regimes und seiner Funktionsweise verändern. Die Ausführungen beeindrucken durch die große Synthesefähigkeit des Autors, die er in jedem Kapitel unter Beweis stellt. Ihnen zu folgen setzt jedoch viel Vorwissen voraus und ist dem Charakter einer Einführung daher eher abträglich. Freilich ist die Auswahl der verarbeiteten Literatur selektiv, was angesichts der Fülle der vorhandenen Beiträge so sein muss. Gleichzeitig ist durchaus erwähnenswert, welche Titel prominent thematisiert werden und welche im Gegenzug nicht beachtet werden. Beobachter der in Deutschland geführten Debatte werden auf hierzulande zu wenig beachtete Beiträge wie die von Michelle Mouton oder Pierre Ayçoberry aufmerksam gemacht.[3] Auch die Forschungslandschaft der 1970er- und 1980er-Jahre wird vielfältiger dargestellt als in anderen Überblickswerken. In den meisten Themenfeldern bleibt die Literaturschau jedoch im Laufe der frühen 2000er-Jahre stehen, also gerade zu einem Zeitpunkt, als mit den Studien von Wildt, Herbert oder Elisabeth Harvey eine Vielzahl neuer Forschungsarbeiten angestoßen wurden. Wichtig ist dies vor allem deshalb, weil diese Beiträge solche Untersuchungen zu konkreten institutionellen Strukturen und sozialen Gruppen beinhalten, die Eley selbst einfordert.

Die Konsequenz des Autors, mit der er Ergebnisse der Forschungen auf seine Fragestellung nach Funktionsweise und den Charakter des Nationalsozialismus bezieht, birgt bisweilen allerdings auch die Gefahr einer Engführung des Blicks. Die Forschung zum Dritten Reich – das ist vielfach bereits festgestellt worden – hält zwar insgesamt stark am Primat des Politischen fest, dennoch fällt besonders auf, dass Eleys Ansatz, den Untersuchungsgegenständen und -themen wenig Eigengewicht beimisst. Man erfährt kaum etwas über Aspekte der Geschichte von Religion, Vereinen, Konsum, Arbeit, Sexualität, Raumplanung oder der Natur- und Heimatbewegung im Dritten Reich, die nicht dazu beitragen die NS-Herrschaftsstrukturen sehr direkt zu beleuchten Für eine Fortschreibung der Geschichte nach 1945, die nicht nur nach Aufarbeitung und Verdrängung fragt, wäre eine Analyse dieser Aspekte aber enorm wichtig.

Vieles lässt sich jedoch aus dieser komplexen Synthese lernen: 1. Mehr als andere mahnt Eley eine Rückbesinnung auf die Zäsur von 1933 an. Dabei interessiert ihn nicht so sehr die Frage, wie es dazu kommen konnte, noch möchte er die Zäsuren von 1939 und 1942 relativieren. Er betont die Gewaltsamkeit des Umbruchs, die ihm in den neueren Darstellungen häufig verloren zu gehen scheint, die er aber als zentrale Voraussetzung der NS-Gesellschaft sieht. 2. Sein Plädoyer für eine integrative Fassung der Gesellschaftsgeschichte, die Ideologie in sozialen Kontexten und Praktiken studiert, ist zwar nicht neu, aber dennoch aktuell.

Zum Schluss bleibt nur noch eine Frage offen: Wo bleibt der im Titel prominent angekündigte Faschismus? Jeder, der eine Auseinandersetzung mit Faschismustheorien oder Vergleiche mit faschistischen Regimen erwartet, wird enttäuscht werden. Um diese Fragen geht es Eley nicht. Wenn er von Faschismus spricht, meint er „an exceptional set of relations to politics made feasible and compelling by the intensifying of a particular type of crisis“. (S. 218). Seine Überzeugung von der Bedeutung der „fascism-producing crisis“, die er einst auch den Sonderwegsvertretern entgegensetzte, nutzt er im siebten Kapitel als Folie für die Bewertung gegenwärtiger Situationen, namentlich in den USA. Dies mögen die einen als mittlerweile seltener gewordenen Akt eines Historikers in der Tagespolitik Position zu beziehen, willkommen heißen, während andere es als Fall anachronistischer Verirrung ablehnen dürften. Für die Gesamtkomposition des hier besprochenen Bandes spielt der Ausflug in die Jetztzeit keine zentrale Rolle, sondern wirkt ein wenig aufgepfropft.

Anmerkungen:
[1] David Blackbourn / Geoff Eley, The Pecularities of German History. Burgeois Society and Politics in Nineteenth-Century Germany, Oxford 1984.
[2] Michael Wildt, Generation des Unbedingten. Das Führungskorps des Reichssicherheitshauptamtes, Hamburg 2002; Ulrich Herbert, Best. Biographische Studien über Radikalismus, Weltanschauung und Vernunft, 1903 – 1989, Bonn 1996.
[3] Pierre Ayçoberry, The Social History of the Third Reich, 1933–1945, New York 1999; Michelle Mouton, From Nurturing the Nation to Purifying the Volk: Weimar and Nazi Family Policy, 1918–1945, Cambridge 2007.

Zitation
Nicole Kramer: Rezension zu: : Nazism as Fascism. Violence, Ideology, and the Ground of Consent in Germany 1930–1945. Abingdon  2013 , in: H-Soz-Kult, 15.12.2015, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-23934>.
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15.12.2015
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