S. Voigt u.a. (Hrsg.): Arbeiterbewegung – Nation – Globalisierung

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Titel
Arbeiterbewegung – Nation – Globalisierung. Bestandsaufnahmen einer alten Debatte


Hrsg. v.
Voigt, Sebastian; Sünker, Heinz
Erschienen
Weilerswist 2014: Velbrück Wissenschaft
Umfang
231 S.
Preis
€ 24,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Raiko Hannemann, Berlin

Sigmar Gabriel forderte kürzlich von der SPD mehr „Patriotismus“, der „Teil unserer Geschichte“ sei: „Die Nation ist immer noch ein starkes identitätsstiftendes Element […]. Man darf ihre Bindekraft für breite Teile der Bevölkerung nicht überheblich diskriminieren.“[1] Seit über 150 Jahren hat es gerade in den eigenen Reihen permanent Kritik am ambivalenten Verhältnis der politischen „Linken“ zur Nation gegeben. Zugleich kommt aus ganz anderer Richtung in letzter Zeit eine delegitimierende Verurteilung der Arbeiterbewegung: Götz Aly etwa versetzt dem für die politische Linke essentiellen Antifaschismus ‚tödliche Schläge’, indem er den Nationalsozialismus als ihre Ausgeburt zeichnet; wobei er dem mit der Arbeiterbewegung identifizierten Nationalsozialismus eher ‚Sozialismus’ als ‚Nationales’ anlastet.[2]

Die Fortführung der „alten Debatte“ im Sammelband „Arbeiterbewegung – Nation – Globalisierung“ ist angesichts dieser Diskurslage und aus gegebenem Anlass angebracht: In der Stipendiat/innenschaft der Hans-Böckler-Stiftung erntete Vertrauensdozent Peter Brandt Kritik, als er 2010 in der ‚neurechten‘ „Jungen Freiheit“ ein „positives Verhältnis“ der „Strömungen links der Mitte […] zu Volk und Nation“ anmahnte (S. 10). Dies mündete in einer Konferenz und diesen Sammelband, der Autoren – leider nur eine Autorin – unterschiedlichster auch generationaler Hintergründe versammelt, was eine begrüßenswerte Multiperspektivität ermöglicht.

Insgesamt konzentrieren sich die Texte auf zwei Themenkomplexe: Erstens steht das Verhältnis der Arbeiterbewegung zur Nation im Mittelpunkt. Die zumeist kritischen Texte, die jedoch nicht jener Delegitimierungshistoriographie zuzuordnen sind, rekapitulieren schlaglichtartig die häufig widersprüchliche (Ideen- und Ereignis-)Geschichte dieses Verhältnisses. Marcel van der Linden beschreibt anschaulich, in grobe Phasen verdichtet, die Geschichte des Internationalismus in der stark „nordatlantisch“ geprägten 200jährigen Gewerkschaftsbewegung. Dabei berücksichtigt er ihr janusköpfiges Verhalten zu außereuropäischen Entwicklungen und wagt – was zu begrüßen ist – „Spekulationen über die Zukunft“ (S. 37) der Bewegung. Naturgemäß können diese nur eingeschränkt Antworten geben auf Fragen nach den Auswirkungen der nationalen Prägungen der Gewerkschaftsbewegung angesichts der ‚Globalisierung’, die ja nicht als Verhängnis über die ‚Nationalökonomien’ hineinbrach. Zu erkennen ist aber, dass sich die Gewerkschaften mit der Globalisierung der Wirtschaften reziprok dazu nationalisieren.

Mögliche Erklärungen bieten Michael Vesters sieben Thesen zur Klassenbildung. Mithilfe der britischen Geschichtswissenschaft à la E.P. Thompson sei man im ‚westlichen Marxismus’ zu der Erkenntnis gelangt, dass „orthodox-marxistische“ Vorstellungen von einer „uhrwerkähnlichen“ Klassenbildung (S. 55) falsch seien. In der Alltagspraxis bilde sich die sozioökonomische Klasse kulturell nicht in einer Arbeiterbewegung ab. Vester plädiert daher für die soziokulturelle Kategorie des klassenübergreifenden „sozialen Milieus“. Zu bedenken ist hier m.E., dass sich so zwar phänomenologisch beschreiben lässt, wie sich Internationalismus nicht durchsetzte, da der nationale Alltag zu prägend war. Jedoch bleibt die Bedeutung, die national gesinnte ‚Arbeiter’ für die durch Herrschaft geformte Gesellschaft haben, bei aller treffenden Beschreibung außen vor. Schon Theodor W. Adorno wies auf die existentielle Bedeutung der täglich erfahrenen „klassenlosen“ Milieus „der Autofahrer, Kinobesucher und Volksgenossen“ für die Klassengesellschaft hin.[3]

Ähnlich konträr sind Christoph Jünkes und Torsten Menses Beiträge. Obwohl beide feststellen, dass Nationalbewusstsein auch vor den Arbeiter/innen nicht haltmache, unterscheiden sie sich in der Einschätzung der historischen Bedeutung der Nation. Jünke betont den einstmals emanzipatorischen Tenor, der mit der deutschen Reichseinigung ‚von oben’ verloren gegangen sei (S. 108). Mense dagegen hebt die wesenhafte Exklusivität des Nationalen hervor (auch in antifeudalen Revolutionen, antikolonialem Befreiungsnationalismus oder Deutschnationalismus). Im „Gefühl der Zugehörigkeit“ sei die „Ausgrenzung […] bereits angelegt“ (S. 117). Beide sehen zwar, dass die Nation für die Ziele der Arbeiterbewegung hinderlich war, ziehen aber unterschiedliche Schlüsse. Jünke plädiert dafür, nach Jahrhunderten nationaler Realität die ursprünglich emanzipatorischen Effekte für Demokratisierungsprozesse aufzugreifen. In „der neoliberalen Globalisierung“ könne der Befreiungsnationalismus „eine Aktualisierung erfahren“, zumal sich dem „neuen Imperialismus“ aktuell eher Widerstand „unter religiös / fundamentalistischen Bannern“ entgegenstelle (S. 113). Anders Mense: Gerade weil Nationaldenken „Ausdruck der sozialen Realität“ sei, müsse man angesichts der verheerenden Geschichte diesem (falschen) Bewusstsein, das die Nation als „Naturgebendes“ imaginiert und permanent reproduziert, entgegentreten (S. 135).

Dies führt zum zweiten Schwerpunkt der Beiträge: die Auseinandersetzung der Arbeiterbewegung mit ihrem zentralen negativen Bezugspunkt, dem Nationalsozialismus. Auch wenn unterschiedlich stark ausgeprägt, kreisen alle Texte um das Negativzentrum der Moderne, in der wir nach wie vor leben. Dieter Nelles’ anregender Beitrag setzt sich mit dem fast vergessenen antifaschistischen und vor allem transnationalen Widerstand der „Internationalen Transportarbeiterföderation“ (ITF) im Eisenbahn- und Schiffstransportwesen auseinander. Dabei stellt er fest, dass die nationale und (sozialdemokratische / kommunistische) Ausrichtung der meisten Arbeiterorganisationen besonders nach 1945 zum geschichtskulturellen Vergessen dieses Widerstandes, der keinem so recht ins Narrativ passte, beitrug. Auch die Tatsache, dass die ITF-Widerständler/innen in den Belegschaften eine Minderheit waren, verweist auf eine weitere Ursache für das Verschweigen etwa im DGB. Aufgrund der zögerlichen Haltung der Gewerkschaften in Deutschland bis Mai 1933 oder gar des ‚Überlaufens’ vieler Gewerkschafter war der sofortige transnationale ITF-Widerstand, der als einer der wenigen „schon vor dem Zweiten Weltkrieg mit westalliierten Geheimdiensten kooperierte“ (S. 99), eine schmerzhafte Erinnerung an die Versäumnisse der Arbeiterbewegung. Zugleich muss hier jedoch erinnert werden an die sofort nach Machtübergabe beginnenden, flächendeckenden NS-„Terrormaßnahmen […], die sich gegen alle richteten, die nicht mitmachen wollten oder sollten“[4]; was den ITF-Widerstand umso bemerkenswerter macht.

Ungebrochen wirken die je nach Organisation tradierten Narrative und Erfahrungen der NS-Zeit, offen oder verborgen, fort. Die Debatte um Peter Brandt ist gar nicht ohne dies zu verstehen. Diskussionen um einen ‚Nationalen Sozialismus’, wie sie bspw. in den 1920er Jahren um Ernst Niekisch geführt worden waren, konnten nach dem Nationalsozialismus, der ja eine totale Ausschöpfung des destruktiven Potentials des Nationalen war, so nicht mehr geführt werden. Wie sehr dies – bei aller Kritik an national(sozialistisch)en Denkkontinuitäten im Verband – im DGB der Fall war, wird in Gideon Botschs Beschreibung der DGB-Aktivitäten gegen „Rechtsextremismus“ anschaulich. Der Antifaschismus habe nach 1945 zum „Selbstverständnis des DGB“ (S. 146) gehört; und dies nicht nur aufgrund eigener Erfahrungen als Opfer, sondern auch aufgrund der Fehleinschätzung vieler Gewerkschafter 1933, der Nationalsozialismus sei, „was Götz Aly ihm heute zuschreibt, ein ‚Volksstaat’ zur Realisierung größerer sozialer Gleichheit“ (S. 145) gewesen. Sebastian Wertmüller, der die gewerkschaftliche Praxis „erlebt und begleitet hat“, stellt in seinem Text zugleich „ernüchtert“ (S. 158) fest, dass in den letzten Jahrzehnten die gewerkschaftliche Auseinandersetzung etwa mit menschenfeindlichen Einstellungen von den tarifkonfliktären Aktivitäten verdrängt wurden.

Heiko Beyer wird deutlicher und stellt in Äußerungen von SPD- und Gewerkschaftsvertretern eine strukturell-antisemitische „verkürzte Kapitalismuskritik“ (S. 183) fest, etwa in Franz Münteferings ‚Heuschrecken‘-Metaphorik, die 2005 vor einer Ausplünderung deutscher Familienunternehmen durch internationale Hedge-Fonds warnte. Mittels Moishe Postones theoretischen Überlegungen aus „Nationalsozialismus und Antisemitismus“ von 1979[5] zur antisemitischen Denkstruktur, die einem ‚konkreten, nationalen, schaffenden’ (Industrie-)Kapital ein ‚abstraktes, internationales, raffendes’ (Finanz-)Kapital gegenüberstellt, zeigt Beyer die strukturell antisemitische Semantik einer solchen Rhetorik, die den ‚deutschen Wirtschaftsstandort’ gegen angeblich heimatlose Mächte verteidigt. Zwei Punkte sind hier allerdings zu bedenken: zum einen wird Postones theoretischer Ansatz zu kanonisch verwandt. Denn bei aller zutreffenden Kritik des Standortnationalismus in Sozialdemokratie und Gewerkschaft, bleibt eine wichtige Komponente des Antisemitismus, die Postone kaum betrachtete, unbeachtet: Antikommunismus bzw. antiemanzipatorisches Ressentiment, das konstitutiv mit modernem Antisemitismus verbunden ist – danach wäre einmal in der ‚politischen Linken‘ zu suchen. Zum anderen lässt es sich trefflich darüber streiten, was unter „Kapitalismuskritik“ eigentlich zu subsumieren ist, denn eine ‚echte’ Kapitalismuskritik liegt im ohnmächtig antisemitischen Unbehagen an der Moderne, das sie konsolidiert, nicht vor. Diese Unterscheidung ist für eine sozialempirische Studie zu antisemitischen Einstellungen, wie sie bei Beyer Anwendung findet, nicht ganz unerheblich.

Wie nationales Denken unverstandenen Kapitalismus personifiziert und biologisiert zeigt der Beitrag von Klaus Holz und Jan Weyand, der sich interessanterweise nicht so sehr auf die semantische Struktur des „Feindbildes“ vom „Anderen“ konzentriert, sondern auf das „Selbstbild“, das sich der Antisemit vom „Eigenen“ macht (S. 202). Exemplarisch untersuchen Holz und Weyand eine frühe Hitler-Rede und stoßen erwartbar auf eine (schein-)sozial(istisch)e Arbeitsethik und Nationalsemantik, die das „Eigene“ ausmalt. Doch hier liegt das Problem der Historischen Semantik (mit der Holz allerdings an anderer Stelle richtungweisend die Bedingtheit von Antisemitismus und Nation aufzeigte[6]): Der Ansatz kann den Zusammenhang zwischen gesellschaftlicher Wirklichkeit und (wahnbildhafter) Semantik nur schwer freilegen. In der Antisemitismusforschung ist auf die psychosoziale Bedeutung des detaillierter ausgemalten Wahnbildes vom ‚Juden’ hingewiesen worden. Insofern stellt sich – jenseits berechtigter Kritik an der Exaltation des (latenten) Antisemitismus durch Standortnationalismus – die Frage nach sozietalen Ursachen einer Semantik, die nur durch eine, in den Beiträgen zu kurz kommende, zentrale gesellschaftliche Dimension verständlich wird: Herrschaft, ihre Träger/innen, Systematik und (auch semantische) Praxis.

Dem kommt Ursula Birsls Beitrag am nächsten. Er untersucht das Phänomen der ‚Neuen Rechten‘, ihre historischen Ursprünge aus Nationalsozialismus, ‚Konservativer Revolution’ und Nationalliberalismus sowie die Rolle ihres wichtigsten Presseorgans „Junge Freiheit“. Birsl analysiert das ‚neurechte’ „organische […] Verständnis […] von ‚Volk’ und ‚Nation’, das in eine Ideologie der natürlichen Ungleichheit der Menschen mündet“ (S. 165). Dieser Beitrag, der interessante institutionelle und personelle Zusammenhänge über den Ursprung der „Jungen Freiheit“ aufzeigt, macht deutlich, dass Arbeiterbewegung und Nationalismus völlig verschiedene Quellen haben.

Auch wenn die Textzusammenstellung nicht immer einen konzeptionellen ‚roten Faden’ erkennen lässt und kaum neue Forschungsimpulse gibt, empfiehlt sich die Lektüre das Bandes dennoch als Lesebuch, das in einer „Bestandsaufnahme“ kontroverse Positionen einer „alten Debatte“ in Erinnerung ruft. Zugleich ist der Band eine begrüßenswerte Intervention in eine Debatte. Und dass es Bedarf an einer einordnenden Wissenschaft gibt, die ihre Position transparent macht, tritt angesichts des ‚patriotischen’ Vorstoßes Gabriels erneut zutage.

Anmerkungen:
[1] Parteivorstand der SPD: Starke Ideen für Deutschland 2025. <http://www.spd.de/linkableblob/129600/data/impulspapier-perspektivdebatte.pdf> (20.07.2015).
[2] Zur Problematik der Alyschen Thesen vgl. Raiko Hannemann, Die unerträgliche Leichtigkeit des Vorurteils. Zu einer Funktionalisierung des historischen Antisemitismus im gegenwärtigen Geschichtsdiskurs, Berlin 2014.
[3] Theodor W. Adorno, Reflexionen zur Klassentheorie, in: ders., Gesammelte Schriften, Bd. 8, Frankfurt am Main 2003, S. 373–391, hier S. 377.
[4] Michael Wildt, Hybris und Simplizität einer Wissenschaft, in: Mittelweg 36 14, 3 (2005), S. 69–80, hier S. 74.
[5] Moishe Postone, Nationalsozialismus und Antisemitismus (1979), in: ders., Deutschland die Linke und der Holocaust. Politische Interventionen, Freiburg 2005, S. 165–194.
[6] Klaus Holz, Nationaler Antisemitismus. Wissenssoziologie einer Weltanschauung, Hamburg 2001.

Zitation
Raiko Hannemann: Rezension zu: Voigt, Sebastian; Sünker, Heinz (Hrsg.): Arbeiterbewegung – Nation – Globalisierung. Bestandsaufnahmen einer alten Debatte. Weilerswist  2014 , in: H-Soz-Kult, 16.09.2015, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-24430>.
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16.09.2015
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