S. Rotbard: White City, Black City

Rezensiert für H-Soz-Kult von
Alexandra Klei, Zentrum Jüdische Studien Berlin-Brandenburg / Ruhr-Universität Bochum

Als Sharon Rotbards Publikation 2005 auf Hebräisch erschien, sorgte sie für einige Furore, denn der Autor war angetreten, Mythen der Stadtgeschichte und ihrer zionistischen Erzählung zu dekonstruieren und das nur ein Jahr nach Aufnahme der Architektur der White City Tel Avivs in die Weltkulturerbeliste der UNESCO. Die White City besteht aus rund 4.000 Bauten, die vor allem in den 1930er-Jahren unter dem Einfluss einer europäischen Architekturmoderne entstanden sind. Sie wird von der UNESCO als „an outstanding architectural ensemble of the Modern Movement in a new cultural context“ definiert.[1] Auch wenn Rotbard kein Historiker ist, sondern Architekt, Autor und Mitgründer des Verlagshauses Babel, ließ sich die Veröffentlichung in das Wirken der Gruppe der sogenannten Neuen Historiker einordnen.

Nun liegt Rotbards Buch auf Englisch vor, nachdem es bislang lediglich einen deutschen Artikel gab[2]; einen polemischen, gegen die offizielle Stadterzählung Tel Avivs gerichteten Text, der eine Auseinandersetzung eher erschwerte als beförderte. Dabei wäre diese auch im deutschen Kontext nicht nur den Forschungen zur Architekturgeschichte und dem Engagement im Bereich Erhalt und Denkmalpflege dienlich, sondern ebenso vor dem Hintergrund der umfangreichen kulturpolitischen bundesrepublikanischen Beteiligung unter anderem im Zusammenhang mit der Sanierung der White City[3] notwendig.

Rotbard entfaltet, ausgehend von der These, dass die Konstruktion von Städten ebenso wie die von Geschichte immer durch den Sieger und für ihn geschrieben werde (S. 3), die Geschichte Tel Avis unter Einbeziehung der südlichen Stadtviertel ebenso wie der arabischen Stadt Jaffa. Dass er diese Geschichte als eine der Gewalt verstanden wissen will, macht er dabei bereits mit dem Untertitel des Buches deutlich.

Gegliedert ist das Buch in drei Kapitel und ein der englischen Ausgabe gewidmetes Nachwort. Das erste Kapitel dient einer Auseinandersetzung mit der Darstellung der White City. Rotbard stellt hier zum einen die Geschichte ihrer Wiederentdeckung und Konstruktion seit Mitte der 1980er-Jahre mit Hilfe von Ausstellungen, Texten und (pop-)kulturellen Darstellungen vor. Zum zweiten dekonstruiert er einige der wesentlichen Topoi der White City, so den der auf Dünen erbauten Stadt oder den Terminus „Bauhaus“. Dessen heute pauschale und architekturgeschichtlich falsche Anwendung auf die Tel Aviver Architektur verweise unter anderem auf die Notwendigkeit eines weißen, europäisch zentrierten Referenzpunktes für die israelische Identität (S. 27). Darüber nachzudenken, welche Funktionen die in Deutschland ebenfalls gebräuchliche und unhinterfragte Zuschreibung innehat, ist nur einer der Gründe, warum eine Auseinandersetzung für die deutsche architekturgeschichtliche Forschung notwendig ist.

Mit dem zweiten Kapitel widmet sich Rotbard der „Black City“. Während White City ein nunmehr etablierter Terminus ist, stellt er mit dieser Begriffsschöpfung das Verdrängte und Ausgelassene der offiziellen Erzählung entgegen. Zur Black City zählt er neben Jaffa die südlich der White City gelegenen jüdischen und nichtjüdischen Nachbarschaften sowie die arabische, ab 1948 zerstörte Siedlung Manshieh. Er schreibt auf diesen Seiten eine Entstehungsgeschichte Tel Avivs jenseits der Darstellungen zur White City. Den Schwerpunkt legt er auf Jaffa/Manshieh und die Kämpfe vor und während des Unabhängigkeitskrieges 1948, als deren Ergebnis er die Vertreibung der arabischen Bewohner/innen, die vollständige Auslöschung ihrer sozialen, kulturellen und historischen Präsenz und das Auffüllen der daraus resultierenden Leere mit triumphalen zionistischen Mythen beschreibt (S. 110f.). Während die Beschreibung dieser Prozesse ausführlich erfolgt, ist den zahlreichen, zumeist jüdischen Siedlungen, die Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts nördlich und östlich von Jaffa und Manshieh entstanden, weniger Aufmerksamkeit gewidmet. Mit ihnen verdeutlicht Rotbard die Trennung zwischen der Black und der White City auch im Raum: Sie sind aus der offiziellen Stadterzählung ausgeschlossen und beherbergen städtische Funktionen, die das „Weiß“ der nördlich gelegenen Viertel stören: Industriestandorte, Müllplätze, Bordelle, ein Polizeihauptquartier, Gefängnisse et cetera (S. 64). Erwartungsgemäß lebt hier vor allem eine arme Einwohner/innenschaft. Insgesamt fehlen diesen Darstellungen bedauerlicherweise Ausführungen zur Entstehung und Entwicklung der Areale, sowie zur Lokalisierung der Nutzungen. Abgebildete Pläne sind aufgrund ihres Maßstabs und der Abbildungsqualität obendrein unlesbar. Insgesamt entsteht in der Folge nur das vage Bild vernachlässigter Nachbarschaften.

Mit dem dritten Kapitel versucht Rotbard allgemeinere Aussagen zu treffen. Dabei stellt er die Bedeutung der Benennung „weiß“ für ideologische Zuschreibungen dar und erweitert den Blick auf die weißen Architekturen unter anderem in den nordafrikanischen Staaten. Die Architektur des International Style wird dabei zu einer Chiffre für einen Kolonialstil; in Casablanca oder Algier erinnere sie allerdings heute an die Abwesenheit der Kultur der weißen Kolonialmacht, während diese ihm zufolge in Tel Aviv (und Israel) nach wie vor nicht nur anwesend sei, sondern zudem die vorherrschende Kultur ausmache (S. 163).

Dass Rotbards Veröffentlichung nach wie vor keinen umfangreichen Eingang in offizielle Darstellungen der Stadterzählung gefunden zu haben scheint, darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich in den vergangenen zehn Jahren einiges in der Stadt selbst, aber auch in der (Selbst-)Wahrnehmung ihrer Geschichte geändert hat. So sind einige der – der White City vorausgehenden – Schichten der Stadtentwicklung zum Gegenstand eigenständiger Forschungsprojekte geworden oder – restauriert und in ihrer Geschichte markiert – im öffentlichen Raum deutlich sichtbar. Die NGO Zochrot veröffentlicht Informationen zu den „verschwundenen“ arabischen Nachbarschaften und bietet Führungen an. Die rasanten Gentrifizierungsprozesse in den nördlichen Vierteln sorgten dafür, dass die südliche Nachbarschaft Florentin aufgewertet wurde und nun zu einem begehrten Wohngebiet gehört. Die Entwicklung steht angrenzenden Vierteln in naher Zukunft bevor. Das Zentrum von Jaffa ist nicht nur ein touristischer Ausflugsort, sondern wird durch zahlreiche Bauprojekte aufgewertet. Alle diese Veränderungen verdienen eine wissenschaftliche Aufmerksamkeit, doch Rotbard verpasst in seinem Nachwort die Chance, sie zu benennen und zu beleuchten. Lediglich auf Veränderungen in Jaffa weist er hin, charakterisiert sie allerdings nur schlicht als „whitening“ (S. 186).

Rotbard geht es mit seiner Publikation nicht allein darum, bisher fehlende Teile der Stadtgeschichte zu ergänzen, sondern um eine politische Positionierung. Doch eine Unterteilung der Stadt in schwarz und weiß erfordert eine Sicht und eine Beweisführung in schwarz und weiß. Auch wenn es zweifellos sein Verdienst ist, einen Beitrag zur Dekonstruktion der White City zu leisten und Elemente der Entwicklung der Stadt zugänglich zu machen, so zweifelhaft ist dies vor dem Hintergrund der Einseitigkeit der Darstellung: Rotbard schreibt aus der Sicht eines verärgerten (S. 184) Intellektuellen, ohne dass die (mehrheitlich arabischen und sozial schwachen) Menschen, deren Geschichte er schreibt, in anderen Rollen denn als Opfer ohne Handlungsmacht vorkommen. Dafür, dass es Rotbard bei all dem nicht um eine nach wissenschaftlichen Maßstäben geschriebene (architektur-)historische Studie, sondern um eine Positionierung und Anklage geht, lassen sich zahlreiche Hinweise finden. So stehen Teile seiner Ausführungen als nicht nachvollziehbare Behauptungen, neben den genannten Ausführungen zu den südlichen Vierteln zum Beispiel auch wenn er schreibt, die Mehrheit der Bauten des International Style seien in Jaffa errichtet worden, nicht in Tel Aviv (S. 60). Hier fehlt nicht nur ein Nachweis, die Aussage lässt sich vor allem in der Stadt selbst nicht nachvollziehen. Zudem werden Metaphern verwendet, die nicht dem Erkenntnisgewinn dienen sollen, sondern der Erzeugung von Emotionen. So schreibt der Autor wiederholt davon, dass Jaffa als „die Braut des Meeres“, vergewaltigt worden sei (unter anderem mit der Überschrift des Unterkapitels „Raping the Bride of the Sea“, S. 128–134). Damit erfordert die Publikation eine kritische Lektüre und es wird eine Aufgabe bei der Rezeption seiner Veröffentlichung sein, die Fakten in eine erweiterte Darstellung der Entstehungsgeschichte Tel Avivs zu integrieren, Rotbards Schlussfolgerungen und Bedeutungszuschreibungen dagegen einer aufmerksamen Revision zu unterziehen.

Anmerkungen:
[1] Vgl. White City of Tel-Aviv – the Modern Movement, URL: <http://whc.unesco.org/en/list/1096> (17.07.2016).
[2] Sharon Rotbard, Weiße Stadt, Schwarze Stadt, in: Zeitschrift der Stiftung Bauhaus 2/2011, S. 34–41.
[3] So unterstützt das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit „mit dem Projekt ‚Netzwerk Weiße Stadt Tel Aviv’ den Aufbau eines Zentrums für denkmalgerechtes Bauen in Tel Aviv und unterstreicht damit die gemeinsame historische und baukulturelle Bedeutung der ‚Weißen Stadt’ für Deutschland und Israel.“ Vgl. Projektbeschreibung "Netzwerk Weiße Stadt Tel Aviv", URL: <http://www.netzwerk-weisse-stadt.de/projekt/> (17.07.2016).

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n.a.