F. Posset: Johann Reuchlin (1455–1522). A Theological Biography

Titel
Johann Reuchlin (1455–1522). A Theological Biography


Autor(en)
Posset, Franz
Erschienen
Berlin u.a. 2015: de Gruyter
Umfang
908 S.
Preis
€ 99,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Rezension von Jan-Hendryk de Boer, Universität Duisburg-Essen, Historisches Institut, Graduiertenkolleg 1919

Angesichts des Booms, den wissenschaftliche Biographien in den letzten Jahren erlebt haben, war es nur eine Frage der Zeit, bis auch Johannes Reuchlin Gegenstand eines biographischen Bemühens werden würde. Obwohl Reuchlin zweifellos zu den wichtigsten Gelehrten gehörte, die im Reich um 1500 wirkten, fehlte bislang eine moderne wissenschaftliche Biographie. Mit der 2013 abgeschlossenen, vorbildlich kommentierten Ausgabe des Reuchlin’schen Briefwechsels steht inzwischen ein idealer Ausgangspunkt dafür bereit. Zwar sind in den letzten Jahren viele Arbeiten insbesondere zur Auseinandersetzung um die jüdischen Bücher, dem aus heutiger Sicht bemerkenswertesten Ereignis in Reuchlins Gelehrtenleben, sowie zahlreiche Aufsätze und Sammelbände zu verschiedenen Aspekten seines Wirkens publiziert worden. Der Rezensent hat sich selbst in seiner Dissertation an einer ideengeschichtlichen Deutung des Reuchlinkonflikts im Kontext spätmittelalterlicher gelehrter Kontroversen versucht.[1] Eine neue Biographie konnten jedoch all diese Beiträge notwendigerweise nicht ersetzen. Die nun von Franz Posset vorgelegte Studie wird daher (nicht nur) für die künftige Reuchlinforschung ein unhintergehbarer Bezugspunkt sein.

Wie er in seiner Einleitung erläutert und wie der Untertitel des Buches anzeigt, hat Posset sich entschieden, eine theologische Biographie zu schreiben, die aus katholischer, theologischer und kanonistischer Sicht Reuchlin als katholischen Laientheologen erweisen soll (S. 6). Die Arbeit reiht sich damit in seine Arbeiten zu Gelehrten ein, die sich als innerkatholische Alternative zu den von Wittenberg ausgehenden reformatorischen Erschütterungen begreifen lassen.[2] Aus Sicht des Historikers mag es befremdlich sein, wenn Posset seine Beschäftigung mit Reuchlin ausdrücklich in die Tradition der Erklärung Nostra Aetate stellt, mit der das Zweite Vatikanische Konzil eine Neubestimmung des christlich-jüdischen Verhältnisses versuchte (S. 12). Reuchlin möchte Posset in diesem Rahmen als Impulsgeber für den jüdisch-christlichen Dialog entdecken. Insofern ist seine Haltung nicht die eines unparteiischen Beobachters, vielmehr sind Sympathien und Interessen klar verteilt, aber immerhin – im Unterschied zu vielen anderen Arbeiten, in denen diese in der Latenz verborgen bleiben – ausdrücklich benannt.

Die große Stärke von Possets Buch besteht in der schieren Fülle des dargebotenen Materials. Kaum eine Frage, die sich in Bezug auf Reuchlin stellen lässt, wird nicht zumindest ansatzweise beantwortet. Posset hat eine immense Menge Quellen und Forschungsliteratur durchgearbeitet. Allerdings macht es die unglückliche Entscheidung, lediglich eine knappe Auswahlbiographie der verwendeten Publikationen der Jahre 2010 bis 2015 anzuhängen und alle übrigen Forschungstitel ausschließlich in den Fußnoten anzuführen, dem Leser nicht leicht, sich einen Überblick zu verschaffen. Besonders hervorzuheben ist, dass Posset zahlreiche, teils rare Bildquellen erschlossen hat, die dem Buch dankenswerter Weise in zumeist guten Abbildungen beigegeben sind. Allerdings hat sich hier ein Fehler eingeschlichen: Abbildung 27 zeigt laut Abbildungsverzeichnis die Titelseite von Thomas Anshelms Druck von Ulrich von Huttens Triumphus Capnionis aus dem Jahre 1518; die Bildunterschrift Possets erhebt in Klammern sogar die Frage, ob es sich hier um ein „real portrait of Reuchlin“ handele (S. 493). Ein genaues Hinschauen zeigt allerdings, dass es sich bei dem vermeintlich authentischen Porträt um einen Ausschnitt aus einer nicht zeitgenössischen Illustration handelt, die ebenso wie ein Exlibris und ein Auszug aus einer Antiquariatsanzeige von späteren Besitzern in den modernen Umschlag eines Münchener Exemplars des Drucks eingeklebt worden ist.

Posset arbeitet durchweg ausgesprochen quellennah und vertraut sich im Zweifelsfall lieber den Quellen als der Forschungsliteratur an. Dies erlaubt ihm, ein konsistentes Bild von Reuchlin als Laientheologen zu entwerfen, der so gleichermaßen als herausragende Gelehrtenpersönlichkeit wie als typischer Vertreter einer lockeren Bewegung innerkatholischer Erneuerer erscheint. Vor allem für Reuchlins frühe Jahre bewährt sich dieser Zugang, insbesondere, weil es Posset gelingt, durchgehende, religiös motivierte Interessen in den ganz unterschiedlichen Schriften herauszuarbeiten. Dort, wo schon immer das Zentrum der Reuchlinforschung lag: im sogenannten Judenbücherstreit, führt diese Eigensinnigkeit mitunter gleichwohl dazu, dass die Ergebnisse der jüngeren Forschung zu wenig berücksichtigt werden. So ist es David Price in den letzten Jahren gelungen, die Rolle der Frankfurter Juden in neuer Weise zu bestimmen.[3] Nicht die christlichen Gelehrten seien entscheidend dafür gewesen, dass der Konvertit Johannes Pfefferkorn letztlich mit seinem Plan scheiterte, das jüdische Schrifttum zu vernichten, sondern das nur aus archivalischen Quellen rekonstruierbare geschickte Verhandeln der jüdischen Gemeinde bewegte Kaiser Maximilian I., der Pfefferkorns Maßnahmen zunächst unterstützt hatte, dazu zu veranlassen, dass die eingezogenen Bücher zurückgegeben würden. Als Reuchlin und andere christliche Gelehrte auf kaiserlichen Befehl mit ihren Gutachten im Herbst 1510 in die Affäre eingriffen, war diese eigentlich bereits beendet. Die nun folgende, innerchristliche Auseinandersetzung, die sich an Reuchlins abweichendem Gutachten entzündete, wonach das jüdische Schrifttum, so es sich nicht um reine antichristliche Polemik handelte, den Juden zu belassen und von Christen zu studieren sei, stellt demnach weniger eine Rettung der jüdischen Bücher, sondern eine grundsätzliche Auseinandersetzung dar, wie mit dem jüdischen Wissen umzugehen sei und wer aufgrund welcher Kompetenzen das Recht habe, über derartige Fragen zu entscheiden. Wenn Posset, der Prices Arbeiten natürlich kennt, hier den Fokus ausschließlich auf die christlichen Akteure richtet, fällt er hinter diese Einsichten zurück, die es erlauben, den Juden selbst Agency zuzuschreiben und sie nicht lediglich als Opfer beziehungsweise Nutznießer christlicher Handlungen zu sehen.

Auch die publizistische Dimension des sich ab 1511 entspinnenden Konflikts, der eine Dynamik entwickelte, die für die Akteure schließlich nicht mehr zu beherrschen war, hätte man präziser herausarbeiten können. In diesem Punkt sind die Beschränkungen erkennbar, die die Gattung Biographie dem Verfasser auferlegt. Reuchlin bleibt durchweg Zentrum der Darstellung. Dass für Reuchlin Partei ergreifende Humanisten wie Conradus Mutianus, Johannes Crotus Rubeanus, Ulrich von Hutten und Willibald Pirckheimer je eigene Anliegen verfolgten und den Konflikt in ihrem Sinne instrumentalisierten, wird von Posset zu wenig akzentuiert. Reuchlin war wohl in weit geringerem Maße Herr des Geschehens als Posset zeigt. Hatte er selbst potentiellen Unterstützern den Weg gewiesen, die Auseinandersetzung um sein Gutachten als Kampf bornierter Scholastiker gegen die humanistischen Studien umzudeuten, wurde sein Anliegen, das jüdische Wissen zu bewahren und es vermittels seiner christlichen Kabbala für ein besseres Verständnis und eine apologetische Befestigung des christlichen Glaubens nutzbar zu machen, verschüttet.

Die Gattungskonventionen bedingen auch, dass Posset ein zumindest aus Sicht des Rezensenten allzu spannungsfreies Bild seines Helden zeichnet. In meinen Augen ist Reuchlins Denken und Handeln weniger geschlossen und kohärent als Posset meint. Begründet sind diese Brüche allerdings nicht in biographisch zu erfassenden charakterlichen Fehlern, sondern eher in den verschiedenen diskursiven und performativen Rahmen, in denen sich Reuchlin bewegte. Ein erweiterter Blick auf die Dynamiken des gelehrten Feldes um 1500 lässt etwa sein beständiges Oszillieren zwischen humanistischen Einflüssen und einem (durchaus christlich motivierten) erneuten Interesse an metaphysischer Spekulation erkennen, ohne dass es Reuchlin gelungen wäre, diese Anliegen immer harmonisch zu integrieren. Ein für viele Humanisten typisches pragmatisches Handeln erschwert dem modernen Biographen die Arbeit. Hier wäre zwischen den sich etwa in den kabbalistischen Schriften zeigenden grundlegenden religiösen und wissenschaftlichen Überzeugungen einerseits und pragmatisch-strategischem Anpassen an kommunikative Erfordernisse andererseits zu unterscheiden. Wenn Reuchlin beständig darauf pocht, dass seine publizistischen Gegner seine Ehre nicht gewahrt hätten, ohne dass ihn dies veranlasst hätte, jene ehrenvoll zu behandeln, er vielmehr eine rare Virtuosität der Beschimpfung erlangt, wäre dies mit der jüngeren Forschung als Teil seiner humanistischen Identität zu verstehen. Vielleicht noch wichtiger ist die Spannung zwischen philologisch motivierter Hinwendung zum Hebräischen sowie einer allmählich anwachsenden Faszination für das jüdische, zumal kabbalistische Wissen einerseits und traditionellen antijüdischen Vorurteilen andererseits, die Reuchlin vor allem in Bezug auf seinen Widersacher, den Konvertiten Pfefferkorn, äußerte, gepaart mit einem auf der Tradition mittelalterlicher Apologetik fußenden Streben, die Juden zu missionieren, indem ihnen aus ihren eigenen Schriften die christlichen Wahrheiten demonstriert werden. Um Reuchlin von jedem in der älteren Forschung gern geäußerten, inzwischen jedoch gründlich ausgeräumten Verdacht freizusprechen, ein Vorläufer Luthers gewesen zu sein, überbetont Posset Reuchlins Respekt vor Autoritäten. Sicherlich war Reuchlin, anders als Luther, kein Kritiker des Papsttums und doch weisen sein Gutachten, aber auch sein „Augenspiegel“ und die Defensio eine antiinstitutionelle Stoßrichtung auf. Sie kritisieren nämlich aus der Perspektive des philologisch kompetenten Humanisten die institutionell gefestigte Position der Universitätstheologen, Wächter des rechten Glaubens und damit des zulässigen Wissens zu sein. Reuchlin weist die erste Funktion dem Papst, die zweite seinesgleichen, den humanistisch Gebildeten, zu. Dass die von Posset nicht eingehender behandelten Kölner Theologen sich über sein Gutachten und vor allem seine Weigerung, es als falsch zurückzuziehen, derart erregten, war folglich nicht allein Ausdruck ihres Antijudaismus und ihres Gelehrtenstolzes, sondern stellte eine Verteidigung ihrer institutionalisierten Sprecherposition dar.

Entschieden weist Posset die vieldiskutierte These Heiko Obermans und James Overfields zurück, auch in Reuchlins Schriften fänden sich judenfeindliche Elemente.[4] Dabei übersieht er, dass sich Reuchlins Kenntnis der und Haltung zur jüdischen Tradition in der Auseinandersetzung mit Pfefferkorns Plan und vor allem angesichts der Kritik an seinem Gutachten veränderte. Nicht nur kannte er zum Zeitpunkt seines Gutachtens den Talmud nur aus der Perspektive der antijüdischen Apologetik; auch seine Kenntnis der rabbinischen Tradition insgesamt vertiefte sich während des Konflikts. Seine Haltung zum Judentum war lange Zeit ambivalenter als Posset wahrhaben will. Ausdruck dafür ist insbesondere die „Tütsch Missive“, ein knappes Schreiben, in dem sich Reuchlin 1505 dazu äußerte, wie mit den Juden zu sprechen sei, damit daraus Besserung resultiere. Posset bestreitet energisch die überwiegende Forschungsmeinung, Reuchlin argumentiere hier judenfeindlich. In seinen Augen folge diese Deutung leichtfertig Johannes Pfefferkorn, der Reuchlin in verschiedenen Schriften gerne vorhielt, dass sein Gutachten den eigenen Ausführungen der „Missive“ widerspreche. Plausibel ist seine eigene Deutung gleichwohl nicht, zu sehr verrät sie die eigenen filternden Interessen: Dass Reuchlin hier lediglich verschiedene Meinungen geäußert habe, ohne sie sich zu eigen zu machen, steht nicht nur nicht im Text, obendrein widerspricht es insbesondere dessen Ende, das selbst mit gutem Willen nicht als ambig zu verstehen ist. Hatte Reuchlin zuvor bereits dargelegt, dass das gegenwärtige Elend der Juden als göttliche Strafe zu deuten sei, welche sie für eine ungeheuer große Sünde auf sich geladen hätten, beschließt er seine Ausführungen mit der von der christlichen Kirche jeden Karfreitag im Gebet geäußerten Bitte, Gott möge die Juden erleuchten und sie ihre Sünde, die Verleugnung des Messias, erkennen lassen. Sollte dies geschehen, werde alles gut in dieser Welt. Hier von einem philosemitischen Gesprächsangebot an die Juden zu sprechen (S. 238–241), wird durch den Text nicht gestützt.

Wenn Posset nicht nur die „Tütsch Missive“, sondern auch Reuchlins christliche Kabbala als Wegweiser für einen jüdisch-christlichen Dialog profilieren will, fließen zwei Analyseebenen ineinander. Treffend wird zwar herausgearbeitet, dass Reuchlins Haltung zum jüdischen Wissen in seiner Zeit eine – aus heutiger Sicht positive – Ausnahme darstellte. Übersehen werden sollte jedoch nicht, dass Reuchlins Denken gleichwohl der Vorstellung verpflichtet blieb, die Wahrheit liege im christlichen Glauben. Die Messianität Jesu ist, wie Posset zu Recht hervorhebt, das Kernelement seiner kabbalistischen Spekulation. Das jüdische Wissen will er nutzen, um sie zu erweisen. Trotz aller Wertschätzung für die jüdischen Quellen der Wahrheit ist der christliche Überlegenheitsanspruch essentieller Bestandteil von Reuchlins Denken. Das Judentum wird aus christlicher Sicht in Dienst genommen – eine Haltung, die für uns Heutige mehr als fragwürdig geworden ist und aus jüdischer Sicht wohl kaum ein sinnvolles Gesprächsangebot darstellt. Anknüpfen lässt sich, wenn man dies denn will, vielleicht nur an einen Punkt: Am Ende seines zweiten kabbalistischen Hauptwerks, De arte cabalistica, lässt Reuchlin den jüdischen Weisen Simon zum stillen Zeugen des seinen Gesprächspartnern in den Mund gelegten kabbalistischen Beweises für die Tatsache werden, dass Jesus der Messias sei. Darauf, dass sich seine jüdische Figur bekehrt, verzichtet der Autor. Der Aufweis der kabbalistischen Wahrheiten im christlichen Glauben ist folglich mit einem Ambiguitätsrest besetzt, wonach die eine Wahrheit die andere nicht auslöschen muss. Diese von seinen eigenen Ausführungen, die ein harmonisches Zusammenfließen aller Wahrheiten inszenieren, nicht gedeckte Spannung ist vielleicht der (einzige) Punkt, an den wir Heutigen anknüpfen können.

Anmerkungen:
[1] Erscheint demnächst als Jan-Hendryk de Boer, Unerwartete Absichten – Genealogie des Reuchlinkonflikts, Tübingen 2016.
[2] Franz Posset, Renaissance Monks. Monastic Humanism in Six Biographical Sketches, Leiden u. a. 2005; vgl. Harald Müllers Rezension dazu, in: H-Soz-Kult, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-7942> (10.02.2016).
[3] David H. Price, Johannes Reuchlin and the Campaign to Destroy Jewish Books, Oxford u. a. 2011.
[4] Heiko A. Oberman, Wurzeln des Antisemitismus. Christenangst und Judenplage im Zeitalter von Humanismus und Reformation, Berlin 1981; James H. Overfield, A New Look at the Reuchlin Affair, in: Studies in Medieval and Renaissance History 8 (1971), S. 167–207.

Zitation
Jan-Hendryk de Boer: Rezension zu: : Johann Reuchlin (1455–1522). A Theological Biography. Berlin u.a.  2015 , in: H-Soz-Kult, 16.03.2016, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-24812>.