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Titel
Die Macht der Worte. Ideologien und Sprache im 19. Jahrhundert


Autor(en)
Schlosser, Horst Dieter
Erschienen
Wien 2016: Böhlau Verlag
Umfang
308 S.
Preis
€ 34,99
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Jens Flemming, Fachbereich 5, Universität Kassel

Von der „Macht der Worte“, von „Ideologien“ ist im Titel von Horst Dieter Schlossers Buch die Rede. „Leitbild“ taucht dort nicht auf, spielt aber im Text des Sprachwissenschaftlers eine essentielle Rolle, häufig begleitet, vielleicht in differenzierender Absicht, von einer ganzen Reihe Komposita: „Hoffnungswort“ (S. 152), „Zielbegriff“ (S. 27), „Fahnenwort“ (S. 11), „Schreckwort“, „Brückenbegriff“ (S. 37), „Schmähwort“ (S. 184), „Trägerbegriff“ (S. 234), „Hochwertbegriff“ (S. 276) und andere mehr. Mit diesem Wort- und Bedeutungsfeld versucht Schlosser, dem 19. Jahrhundert mit Hilfe sprachgeschichtlicher Analysen auf die Spur zu kommen. Ihn interessiert die Sprache, wenn sie über die bloße Beschreibung von Phänomenen hinaus so etwas wie weltdeutende Kraft gewinnt, ja „realitätsbestimmend und handlungsleitend“ wird. Denn in diesen Fällen stehe wirklich „am Anfang“ das Wort und nicht das „sogenannte Faktum“: Die Wörter eilten hier der „Sachentwicklung“ voraus und dienten als „entwicklungsleitende Perspektive“ (S. 10). Als „zentrale These“ figuriert die Überzeugung, „dass politische Leitbilder“, deren „Basis“ auf „bewusstseinslenkenden Schlüsselwörtern“ beruhen, in „historischen Analysen“ zwar „oft unterschätzte, tatsächlich aber entscheidende Faktoren für das politische Handeln“ seien (S. 283).

Allerdings entstehen im Laufe der Untersuchung zahlreiche Probleme. Schon wie sich die einzelnen Teile im umrissenen Wort- und Bedeutungsfeld und die zahlreichen Komposita zueinander verhalten, ob es in den beobachteten historischen Konstellationen Über- oder Unterordnungen, dauerhafte oder temporäre Hierarchisierungen der benutzten Vokabeln gibt, wird nicht recht klar. Darüber hinaus: Es mag ja sein, dass Historiker sich dieser Zusammenhänge nicht immer mit der gebotenen Aufmerksamkeit gewidmet haben. Bereits seit Jahrzehnten existiert allerdings ein mehrbändiges, von Reinhart Koselleck und Kollegen initiiertes und herausgegebenes Begriffslexikon, das an Intensität und – das Wort sei erlaubt – Modernität seinesgleichen sucht. Daran ist auch deshalb zu erinnern, weil Horst Dieter Schlosser es nicht zu kennen scheint, es jedenfalls nicht benutzt hat. Dabei hätte er darin manches finden können, was gerade im Blick auf seine Fragestellungen eine eingehendere Beschäftigung gelohnt hätte. Begriffsgeschichte – und was wäre eine Geschichte von Leitbildern ohne sie – ist insofern längst ein unverzichtbarer Bestandteil der historischen Wissenschaften. Denn sie verschafft Einblicke in den Sprachstil, die Erfahrungshorizonte und das Selbstverständnis der verschiedenen Epochen und der in ihnen beheimateten Akteure. Indem sie Ideen und Begriffe jeweils in soziale, wirtschaftliche, politische und kulturelle Kontexte einbettet, trägt sie zur Erklärung gesellschaftlicher Prozesse bei und liefert, wie die Einleitung zu den „Geschichtlichen Grundbegriffen“ hervorhebt, „Bausteine für ein Forschungsgebiet, das die soziale und politische Sprache, speziell ihre Terminologie, zugleich als Faktoren und Indikatoren geschichtlicher Bewegung betrachtet“.[1]

Welche Geschichte der „Macht der Begriffe“ erhält man also wenn man das Buch liest? Den Kern von Schlossers Geschichte bilden zwei „Urleitbilder“: „Freiheit“ und nationale „Einheit“ (S. 286). Werden diese anfangs noch zusammengedacht, streben sie spätestens nach der Jahrhundertmitte und der gescheiterten Revolution von 1848 auseinander. Die Einheit obsiegt über die Freiheit, jene nimmt Gestalt an mit der Reichsgründung von 1871, wird gestützt vom Gegenleitbild, nämlich dem „Gottesgnadentum“ seiner Fürsten, und erfährt, wie es heißt, „eine zunehmend preußisch-monarchische Verengung, die sich in der Folgezeit zu einem Mythos des (klein-)deutschen Nationalismus auswachsen sollte“ (S. 286). Dieser wiederum – dominiert von den Bedürfnissen der deutschen Hegemonialmacht Preußen – radikalisiert sich, wird aufgeladen durch „völkische“ Reinheitsvorstellungen und rassenbiologisch grundierte Ideologien, lässt sich „instrumentalisieren“ zugunsten eskalierender imperialistischer „Ambitionen“ (S. 284).

Das ist in etwa das Narrativ des Buches, dem es trotz allerlei Rankenwerks an Tiefenschärfe, analytischer Kraft und Originalität gebricht. Die These, nach der die Sprache vor dem Tun rangiere und Leitbilder eine zunächst nur sprachliche Wirklichkeit evozieren, die im weiteren Verlauf entweder erreicht oder verfehlt werde, ist vergleichsweise banal. Um sie mit Leben zu füllen, hätten die Konzepte von Freiheit, von Einheit und Nation, ihr in vielschichtigen Prozessen sichtbar werdendes Mit- und Gegeneinander, genauer ausgeleuchtet und historisiert werden müssen. Schlosser jedoch schreibt in diesem Sinne nicht wirklich Begriffs- und Leitbildgeschichte. Die verharrt gewissermaßen im Raum der Behauptung, bleibt Absichtserklärung. Nein, er erzählt eine in mancher Hinsicht verkürzte, auch recht einfach angelegte Geschichte des 19. Jahrhunderts, aus der sich wenig bis gar kein Mehrwert an Erkenntnissen und Anregungen ergibt.

Anmerkung:
[1] Otto Brunner / Werner Conze / Reinhart Koselleck (Hrsg.), Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland, Stuttgart 1972, S. XIV.

Zitation
Jens Flemming: Rezension zu: : Die Macht der Worte. Ideologien und Sprache im 19. Jahrhundert. Wien  2016 , in: H-Soz-Kult, 20.12.2017, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-26456>.