Sammelrezension: Geschichte der deutschen Sinti im 20. Jahrhundert

Sattig, Esther: Das Zigeunerlager Ravensburg Ummenwinkel. Die Verfolgung der oberschwäbischen Sinti. Berlin : Metropol Verlag 2016 ISBN 978-3-86331-258-9, 454 S. € 24,00.

Haumann, Heiko: Die Akte Zilli Reichmann. Zur Geschichte der Sinti im 20. Jahrhundert. Frankfurt am Main : Fischer Taschenbuch Verlag 2016 ISBN 978-3-10-397210-8, 358 S. € 24,00.

Rezensiert für H-Soz-Kult von
Karola Fings, NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln

Historikerinnen und Historiker haben sich erst seit dem Erscheinen der wegweisenden Studie von Michael Zimmermann über die nationalsozialistische Verfolgung der Sinti und Roma im Jahr 1996 in einem nennenswerteren Umfang der Geschichte dieser Minderheit zugewandt. Mit einiger Verzögerung entstanden auch in universitären Zusammenhängen vor allem lokale oder regionale Untersuchungen über den Völkermord, schließlich auch Studien, die von der Frühen Neuzeit bis in die Gegenwart reichen. Damit hat sich das Forschungsfeld ausdifferenziert, auch wenn es nach wie vor an deutschen Universitäten als randständig anzusehen ist.

Die beiden hier vorzustellenden Publikationen widmen sich der Geschichte der deutschen Sinti im 20. Jahrhundert, nähern sich der Thematik jedoch auf unterschiedliche Weise. Heiko Haumann, von 1991 bis 2010 Professor für Osteuropäische und Neuere Allgemeine Geschichte am Historischen Seminar der Universität Basel, wendet sich der Biographie einer Auschwitz-Überlebenden zu und will an ihrem Beispiel zugleich die Geschichte der Sinti im 20. Jahrhundert erzählen. Esther Sattig wählte für ihre an der Technischen Universität Berlin vorgelegte Promotion einen regionalgeschichtlichen Ansatz. Sie untersucht das von 1937 bis 1945 existierende „Zigeunerlager“ im oberschwäbischen Ravensburg als Dreh- und Angelpunkt der rassistischen Segregation und umreißt durch die Darstellung seiner Vor- und Nachgeschichte eine ähnliche Zeitspanne wie Haumanns Studie.

Zilli Schmidt, geboren 1924 im thüringischen Hinternah als Cäcilie Reichmann, wuchs in einer Familie auf, die den Lalleri angehörte, einer zu den Sinti zählenden Untergruppe. Die Eltern waren Wandergewerbetreibende und aufgrund ihrer breiten Handels- und Dienstleistungstätigkeit ökonomisch relativ gut gestellt. Neben Instrumentenhandel und Musikdarbietungen, Hausieren mit Kurzwaren und Handwerkerarbeiten sorgte vor allem ihr Wanderkino dafür, dass die Familie, so erinnert sich Zilli Schmidt, in Dörfern und Kleinstädten meist freundliche Aufnahme fand. Dies änderte sich ab 1933. Nach und nach geriet Familie Reichmann in die Fänge von Kriminalpolizei und Rassenforschern, eben jenes „wissenschaftlich-polizeilichen Komplexes“ (Michael Zimmermann), der den Weg in den Völkermord bereitete. Obwohl sich die Familie durch mehrere Ortswechsel dem Zugriff zu entziehen versuchte, wurden zuerst Zilli Schmidt und später ihre Eltern, Geschwister sowie ihre 1940 geborene Tochter Gretel in das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert. Nur Zilli Schmidt und ihr Bruder überlebten. Die Nachkriegsjahre waren von Diskriminierung und zermürbenden Kämpfen um Anerkennung und Entschädigung als NS-Opfer geprägt. 1988 berichtete Zilli Schmidt erstmals im Prozess gegen den ehemaligen SS-Rottenführer Ernst-August König öffentlich über ihre Erinnerungen an Auschwitz. Die 93-jährige lebte bei Erscheinen des Buches in Mannheim.

Heiko Haumann lernte Zilli Schmidt im Jahr 2014 persönlich kennen. In mehreren Gesprächen zeichnete er ihre Lebensgeschichte auf und entschied sich diese zu publizieren. Das ist sehr zu begrüßen, denn die Lebensspanne der Protagonistin deckt beinahe ein ganzes Jahrhundert ab und kann damit die Lebenswirklichkeit deutscher Sinti veranschaulichen. Zugleich sind individuelle biographische Zeugnisse von Angehörigen der Minderheit dazu geeignet, ethnisierende und homogenisierende Sichtweisen zu konterkarieren. Doch obwohl das Buch gut zu lesen ist und über eine umfangreiche Quellen- und Literaturbasis verfügt, kann das Ergebnis nicht so recht überzeugen. Neben der Biographie von Zilli Reichmann folgt Haumann drei weiteren Themensträngen, die − zusammen mit einigen Exkursen − die Stringenz der Erzählung stören und jeweils einer intensiveren Aufarbeitung bedurft hätten.

Haumann beabsichtigt erstens neben der individuellen Biographie zugleich „die Geschichte der Sinti im 20. Jahrhundert“ (S. 10) zu erzählen. Dies ist ein kaum einzulösender Anspruch, denn verlässliche, auf empirischer Forschung basierende Studien zur Sozialgeschichte der deutschen Sinti liegen für diesen Zeitraum kaum vor. Daher kann die Darstellung, abgesehen von der Geschichte Zilli Reichmanns, deren Familie aber nur eine kleine Gruppe der deutschen Sinti repräsentiert, den Forschungsstand nur wenig erweitern und droht zudem dort, wo sie sich auf veraltete Literatur bezieht, ins Ungenaue, Spekulative und bisweilen Kulturalisierende abzugleiten.

Ein zweites Ziel des Bandes ist die Auswertung einer im Fritz Bauer Institut in Frankfurt am Main überlieferten Sammlung, die im Rahmen eines Ermittlungsverfahrens gegen den ehemaligen SS-Oberscharführer Willi Rudolf Sawatzki, zeitweise Arbeitsdienstführer im „Zigeunerlager“ Auschwitz-Birkenau, entstand. Zilli Reichmann gehörte zu den Überlebenden, die 1966/67 als Zeuginnen und Zeugen vernommen wurden. Art, Umfang und Entstehungsbedingungen der Sammlung, auf deren Aussagen Haumann sich an verschiedenen Stellen bezieht, bleiben jedoch unklar.

Drittens befasst Haumann sich im zweiten und längsten Kapitel des Buches (S. 59–190) mit den von der SS eingesetzten „Funktionshäftlingen“ im „Zigeunerlager“ Auschwitz-Birkenau, unter denen Hermann Diamanski, seit Mitte 1943 „Blockältester“, dann bis zum 11. Juli 1944 „Lagerältester“, eine wichtige Rolle spielte. Mit ihm hatte Zilli Reichmann eine Liebesbeziehung. Haumann hat dem abenteuerlichen Leben dieses Seemanns, Kommunisten, Spanienkämpfers, KZ-Häftlings und späteren DDR-Flüchtlings bereits 2011 eine Biographie gewidmet.[1] Gestützt auf die oben genannten Zeugenaussagen, die Erzählung von Zilli Reichmann und Berichte weiterer Überlebender wendet sich Haumann ausführlich dem Lager in Birkenau zu. Den komplexen Gewalt- und Überlebensverhältnissen in dem Vernichtungslager werden die teils episodischen, teils durchaus behutsam kontextualisierenden, dann wieder auf langen Zitaten von Tätern basierenden Schilderungen jedoch kaum gerecht.

Insgesamt entsteht der Eindruck, dass Zilli Reichmanns Lebensgeschichte bisweilen hinter Fragestellungen zurücktritt, die im Rahmen einer Einzelbiographie nicht zu bearbeiten sind. Haumanns Publikation ist populärwissenschaftlich angelegt und wird eine breite Leserschaft erreichen. Gerade deshalb ist es bedauerlich, dass die Biographie überfrachtet wurde, zumal der Autor seinen Stoff dort, wo er sich auf einer fachlich abgesicherten Basis bewegt, ausgesprochen souverän bearbeitet.

Das „Zigeunerlager“ in Auschwitz-Birkenau, in das ab Ende Februar 1943 mehr als 20.000 Männer, Frauen und Kinder aus dem deutschen Herrschaftsbereich eingewiesen wurden, diente wie das innerhalb des KZ-Systems ebenfalls untypische „Familienlager Theresienstadt“ dazu, den Vernichtungsprozess zu verschleiern. Mit dem Lager erreichte die rassistische Segregation, die seit Mitte der 1930er-Jahre forciert worden war, ihren Endpunkt. Vorläufer waren die auf kommunale Initiative hin errichteten Zwangslager, in denen um 1939 etwa ein Drittel bis die Hälfte der Angehörigen der Sinti und Roma im Deutschen Reich leben musste. Mit ihrer Untersuchung über Ravensburg widmet sich Esther Sattig einem Lager, das bislang unbeachtet geblieben ist.

Sattig rekonstruiert minutiös die Entstehung und den Betrieb des in dem Flurstück Ummenwinkel gelegenen Lagers, das von November 1937 bis Mai 1945 existierte und in dem etwa 100 Sinti, mehr als die Hälfte von ihnen Kinder und Jugendliche, interniert waren. Sattig folgt in ihrer Arbeit konsequent zwei Leitlinien: Zum einen ist ihr daran gelegen, die Verfolgungsgeschichte der Ravensburger Sinti inner- wie außerhalb des Lagers aufzudecken. Anhand zahlreicher Fallbeispiele veranschaulicht sie, welchen Maßnahmen die Betroffenen in Ravensburg ausgesetzt waren − von Kriminalisierung, Vertreibung, Isolierung, Hunger, Zwangsarbeit bis hin zur Zwangssterilisation. Besonders eindrucksvoll ist die Schilderung der alltäglichen Schikanen, etwa wenn ein Paar am Tag der Hochzeit verhaftet wird, um den Zuzug des Bräutigams nach Ravensburg zu unterbinden, oder wenn den „Jungzigeunern” eine Ausbildung verweigert wird und sie stattdessen als Hilfsarbeiter arbeiten müssen. Den Lebenswegen der Betroffenen folgt Sattig auch über die Deportation aus Ravensburg hinaus, bis hin zu den Morden in Auschwitz und in vielen anderen Lagern. Etliche Fotografien des Ravensburger Amateurfotografen Josef Johann Zitrell, über den man gerne mehr erfahren hätte, illustrieren den Band und bringen einem die Menschen, um die es geht, näher.

Zum anderen untersucht Sattig das kommunale Zwangslager als „verräumlichte(n) Kosmos einer Weltanschauung und projektierte Systematisierung der nationalsozialistischen Gesellschaft” (S. 18). Sie zielt auf eine „Institutions- und Organisationsgeschichte der Verfolgung und des Terrors” und rückt dabei vor allem die Funktionsträger der mittleren und unteren Verwaltungsebenen in den Mittelpunkt. Auf der Basis eines bemerkenswert breiten Quellenstudiums kann sie für Ravensburg und die Region die verschiedenen an der Ausgrenzung und Verfolgung beteiligten Akteure und Akteurinnen und ihr jeweiliges Handeln konkret benennen. Ein Beispiel ist etwa der von 1932 bis 1945 amtierende Bürgermeister Rudolf Walzer, der eine aggressive Vertreibungspolitik gegenüber den seit Jahrzehnten in Ravensburg ansässigen Familien betrieb, das Lager ohne Baugenehmigung durchsetzte und teilweise auch persönlich an den dort nahezu täglich stattfindenden, schikanösen Kontrollen teilnahm. An diesem und zahlreichen anderen Beispielen belegt Sattig, dass die untere Verwaltungsebene nicht nur aus passiven Befehlsempfängern bestand, sondern als „aktive Ideengeber, Gestalter und Vollstrecker” (S. 345) agierten.

Esther Sattig belässt es aber nicht bei einer Untersuchung der lokalen Ebene. Sie zeigt in allen neun Kapiteln ihrer Studie die Verzahnung von lokaler, regionaler und reichsweiter Ebene auf und arbeitet dabei die jeweiligen Besonderheiten heraus. Damit entsteht ein dichtes Bild eines Verfolgungsprozesses, der seine Dynamik nicht nur aus den schrankenlosen Möglichkeiten des NS-Verwaltungs- und Polizeiapparates generierte, sondern ganz entscheidend auch durch seine ideologische Grundierung. Sattig entschlüsselt das für die NS-Zigeunerverfolgung in Württemberg entscheidende Netzwerk, zu dem mit Paul Werner (Kriminalpolizei Karlsruhe, ab 1937 Reichskriminalpolizeiamt [RKPA]) und Robert Ritter (Tübingen, ab 1937 „Rassenhygienische und Bevölkerungsbiologische Forschungsstelle” [RHF] in Berlin) zwei Hauptverantwortliche des eingangs erwähnten „wissenschaftlich-polizeilichen” Komplexes zählten.

Die Arbeiten der RHF begannen, auch angesichts der systematischen kriminalpolizeilichen Erfassung in Württemberg ab 1914, nicht von ungefähr in diesem Landesteil. Sie wurden von der lokalen Ebene unterstützt und waren in Württemberg bereits weit vorangeschritten, als mit einem Erlass vom Dezember 1938 das RKPA die rassenbiologische Erfassung aller Sinti und Roma im Reich verfügte. Das Lager in Ravensburg wurde mit der Unterstützung Robert Ritters durchgesetzt, der die notwendige Trennung von „Zigeunern” und „Ariern” hervorhob. Auch bei den Zwangsumsiedlungen, die von September bis November 1937 in Ravensburg durchgeführt wurden, spielte − dies ist mit Sattigs Studie erstmalig für ein kommunales Zwangslager so detailliert belegt − die rassistische Einstufung eine Rolle: Allein der „viertelprozentige Fremdblutanteil” oder die „Mischehe” bewahrten vor einer Einweisung ins Lager (S. 122). Mit der Kategorie „Rasse” ließen sich alle Maßnahmen rechtfertigen, und auch Bürgermeister Walzer machte davon regen Gebrauch (vgl. S. 129, 136, 154). Sattig zeigt am Beispiel der Gründungsphase des Lagers, dass dies nicht das Ergebnis einer nationalsozialistischen Indoktrination war, sondern dass „die NS-Ideologie die Option einer solchen Institution” eröffnete und man dabei an „ein längst vorhandenes Meinungs- und Stimmungsbild” anknüpfte, das „auf eine mehrheitlich überzeugte Folge- und Umsetzungsgemeinschaft stieß” (S. 84).

Sattigs Studie enthält im Anhang ausführliche biographische Skizzen (S. 355–407), die nicht nur die lokale und regionale Forschung zu Täterschaft beleben können, sondern zudem belegen, dass der größte Teil der an der NS-Zigeunerverfolgung aktiv Beteiligten nach 1945 juristisch nicht belangt, ja, sogar als „Mitläufer” oder „entlastet” eingestuft wurde und meist in den früheren Berufen weiterarbeiten konnte. Dem steht der mühsame, jahrelange und im Ergebnis meist bescheiden ausfallende Kampf der Überlebenden um eine angemessene Entschädigung gegenüber, der im letzten Kapitel geschildert wird. Nach der Befreiung mussten die Überlebenden aufgrund fortgesetzter Diskriminierung weiter im „Ummenwinkel“ wohnen. Aus dem „Zigeunerlager” wurde ein „sozialer Brennpunkt”. Erst als eine Umgehungsstraße realisiert werden sollte und sich einige Verbände einmischten, entstanden neue Wohnungen, die 1990, 45 Jahre nach Kriegsende, bezugsfertig waren.

Sattig hat mit ihrer Studie für die Forschung über „Zigeunerlager“ nach der innovativen Mikrostudie von Patricia Pientka[2] eine neue Wegmarke gesetzt. Das Ravensburger Beispiel trägt einerseits zahlreiche Züge, die auch für vergleichbare Lager in anderen Städten typisch sind. Daneben sind Besonderheiten erkennbar, wie etwa das von Anfang an etablierte Zwangsarbeitsregime. Sattigs Untersuchung weist zudem weit in den Württembergischen Raum hinein, so dass es lohnenswert erscheint, weitere Forschungsarbeiten anzuschließen. Auch besticht die Arbeit durch interessante Details, die Sattig präzise aus einer Fülle an neu erschlossenen Quellen herausarbeitet. Man hätte sich lediglich gewünscht, dass sie ihre Erkenntnisse stärker mit Ergebnissen anderer Studien vergleicht, zumal dies ihre beeindruckende Forschungsleistung noch deutlicher hätte hervortreten lassen.

Sowohl Heiko Haumann als auch Esther Sattig verweisen, wenn auch auf je unterschiedliche Weise, mit ihren Publikationen auf Forschungsdesiderata. Ihre Arbeiten sind Beispiele dafür, wie sich das Forschungsfeld in den letzten zwanzig Jahren verbreitert hat. Doch nach wie vor gibt es zu wenige wissenschaftliche Kontroversen um Forschungsansätze in diesem Themenfeld, u.a. weil eine akademische Schwerpunktbildung an deutschen Universitäten fehlt. Es ist zu wünschen, dass die an dem Historischen Seminar der Universität Heidelberg am 28. Juli 2017 eröffnete Forschungsstelle Antiziganismus diesem Diskurs neue Impulse gibt.

Anmerkungen
[1] Vgl. Roger Engelmann: Rezension von: Heiko Haumann: Hermann Diamanski (1910–1966): Überleben in der Katastrophe. Eine deutsche Geschichte zwischen Auschwitz und Staatssicherheit, Köln 2011, in: sehepunkte 12 (2012), 15.12.2012, http://www.sehepunkte.de/2012/12/20986.html (03.08.2017)
[2] Tobias von Borcke: Rezension zu: Pientka, Patricia: Das Zwangslager für Sinti und Roma in Berlin-Marzahn. Alltag, Verfolgung und Deportation. Berlin 2013, in: H-Soz-Kult, 02.07.2014, http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-21996 (03.08.2017).

Zitation
Karola Fings: Rezension zu: Sattig, Esther: Das Zigeunerlager Ravensburg Ummenwinkel. Die Verfolgung der oberschwäbischen Sinti. Berlin 2016 / Haumann, Heiko: Die Akte Zilli Reichmann. Zur Geschichte der Sinti im 20. Jahrhundert. Frankfurt am Main 2016 , in: H-Soz-Kult, 16.08.2017, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-26859>.