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Titel
Disability in Antiquity.


Hrsg. v.
Laes, Christian
Erschienen
Abington 2016: Routledge
Umfang
XVI, 490 S.
Preis
€ 231,25
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Lutz Alexander Graumann, Justus-Liebig-Universität Gießen / Universitätsklinikum Gießen

Der vorzustellende, sehr umfangreiche Sammelband aus der jungen Reihe „Rewriting Antiquity“ möchte mit 32 Artikeln „führender Forscher“ einen bedeutenden Beitrag zur „Disability History” leisten (S. xvi). In einer engagierten Einführung (S. 1–21) präsentiert der auf diesem Gebiet sehr aktive belgische Althistoriker und Herausgeber Christian Laes[1] theoretische und praktische Ansätze zum Untersuchungsgegenstand, vergangene wie aktuelle Forschungstrends und erklärt den diachronen (vom alten Ägypten bis in die christliche Spätantike, früher Islam sowie beispielhafte modernere Rezeptionen) und geographischen Horizont des Bandes (griechisch-römische Zivilisation bis nach Kleinasien, Hethiter, Sumerer, Persien, Indien, China). Die Betonung liegt zum einen auf dem komparativen Ansatz insbesondere die drei (heutigen!) monotheistischen Weltreligionen betreffend, zum anderen auf der postulierten longue durée. Indes bringe die rezente Neuinterpretation primärer Quellen auch deutliche Brüche in der historischen Entwicklung zutage: zum Beispiel das im Zuge der Christianisierung durchgesetzte Verbot der Kinderaussetzung, die Entstehung von Krankenhäusern und die Haltung zur Gleichheit aller Menschen vor Gott. Diese Reflexionen trügen besonders zur Legitimierung und Orientierung heutiger Standpunkte und Konzeptionen von Behinderung bei.

Das folgende Kapitel von April Pudsey (S. 22–34) versucht, den naturwissenschaftlichen, demographischen und umweltbiologischen Hintergrund des Untersuchungszeitraumes knapp darzulegen. Leider beginnt sie dies mit einer einseitigen Darstellung von antiken Seuchen, deren medizinische retrospektive Interpretation sie relativ unkritisch als gegebene Fakten hinstellt, ohne auf die Problematik der retrospektiven Diagnose einzugehen. Sie korreliert das Auftreten von Seuchen (namentlich Pocken, Typhus, Masern, Tuberkulose, Malaria) mit Meldungen über Steuerausfälle und winterzeitlichen Häufungen von Grabinschriften. Das antike Ägypten versteht sie pauschal als „Brutstätte von Infektionskrankheiten“ (S. 27). Auch verwechselt sie die spekulative Paläodiagnostik mit der naturwissenschaftlichen, aber wiederum auch methodenabhängigen paläopathologischen Diagnose.[2]

Der restliche Band gliedert sich in fünf thematisch abgeschlossene Teile. Teil I behandelt den antiken Nahen und Fernen Osten und beginnt mit der Untersuchung von Richard H. Beal zu Behinderungen bei den Hethitern (S. 37–46). Diese benannten lediglich die immer wiederkehrenden Blind- und Taubheit (beide auf gleicher Stufe mit Weiblichkeit) sowie Lahmheit. Prägnant ist die in den Quellen nachweisbare Haltung, dass diese körperlichen Behinderungen in der hethitischen Kultur keinen metaphysischen Makel (Schuld, Sünde, Unreinheit, Gottesstrafe) beinhalteten, wie auch keinerlei Geschichten über Wunderheilungen überliefert sind.

Es folgt der markante Beitrag über Behinderungen in Mesopotamien und im alten Israel von Edgar Kellenberger (S. 47–60), der zumindest auf die Risiken der retrospektiven Diagnose im reichhaltigen Keilschriftmaterial hinweist, wie er auch die ahistorische moderne Projektion am Beispiel der Gleichsetzung von Sünde und Krankheit/Behinderung problematisiert (S. 58). Schwerpunkte setzt er auf Blindheit, Lahmheit, Taubheit und Geisteskrankheiten. Die Ansichten über Behinderung im Alten Testament (im Gegensatz zum Neuen Testament) sieht er als elitär-autonom hinsichtlich heutigem wie auch möglicherweise schon damaligem Zeitgeist an (S. 53). Die Paradekrankheit Epilepsie (ein heutzutage medizinisch eher schwammiger Oberbegriff, keine medizinische Diagnose), sei immer eine „böse“, dämonische Erscheinung gewesen im Gegensatz zum altgriechischen Konstrukt der Epilepsie als einer „sogenannten heiligen Krankheit“ (S. 57).

Omar Coloru untersucht die „stummen“ Behinderungen im alten Persien (S. 61–74). Die wenigen direkten, teilweise schwierig zu interpretierenden Quellen weisen auf eine gewisse Bedeutung von göttlich verursachter Unreinheit in Bezug auf Krankheit (Epilepsie, Lepra) und körperlicher Behinderung (Blindheit, Taubheit, Wirbelsäulenfehlbildungen) hin. Damit verbunden war die soziale Exklusion Betroffener. Höhere exekutive und religiöse Aktivitäten waren nur für unversehrte Personen möglich. Vieles bleibt aber aufgrund der insgesamt dürftigen Quellenlage im Dunklen und daher Spekulation.

Rosalie David überblickt aktuell und souverän die Beziehungen zwischen altägyptischer Medizin und Behinderungen im langen Zeitraum der Pharao-Zeit bis in die Römische Kaiserzeit (S. 75–89). Viele früher als sicher identifiziert geltende Krankheiten und Behinderungen, wie beispielsweise der Klumpfuß des Pharao Siptah (um 1200 v.Chr.), werden heute wieder kritisch hinterfragt und anders gedeutet (S. 77; in diesem Fall: vielleicht Poliomyelitis). Sicher scheint indes, dass weder angeborene noch erworbene körperliche und geistige Behinderungen in den medizinischen Texten genannt werden, also gar nicht medizinisch kategorisiert wurden, wenngleich pragmatische Alltagslösungen wie Stock oder einfache Prothesen für körperliche Gebrechen gefunden wurden (S. 82). Kritisch zu hinterfragen ist Davids Darstellung der gesamten ägyptischen Zivilisation als einer Gesellschaft mit inklusivem Lebensbild, das heißt mit allgemeiner sozio-religiöser Akzeptanz und Toleranz der Andersheit behinderter Menschen (etwa der sozial integrierten „Zwerge“).

Teil II fokussiert mit sechs Kapiteln das antike Griechenland, beginnend mit Évelyne Samama (S. 121–138), die erschöpfend das „griechische Vokabular von Behinderungen“ präsentiert, welches insgesamt eher vage und ohne strikte Trennung von geistigen und physischen Behinderungen bleibt. Die häufigsten Begriffe beziehen sich auf Geh-, Seh- und Sprachstörungen (S. 134). Martha Lynn Rose (S. 139–153) analysiert die altgriechischen Redner (vornehmlich Lysias 24). Paradigmatisch ist ihr Resümee, dass Menschen mit Behinderungen in der griechischen (vornehmlich athenischen) Gesellschaft weitestgehend integriert und eben nicht segregiert waren. Dabei erscheint die Präsentation heutiger, sehr differenzierender Häufigkeitsanalysen verschiedener Behinderungen (amerikanische Medicaid-Daten) irritierend und eher deplatziert hinsichtlich ihrer gleichzeitigen ausdrücklichen Ablehnung retrospektiver Diagnosen („anachronistic“) und ihrem Hinweis auf eine fehlende Nosologie geistiger Behinderung in der Antike.

Robert Garland (S.154–166) reflektiert die Darstellung von Behinderung in der Tragödien- und Komödiendichtung (Leben als Tragikomik): es geht um Isolation als soziopsychologische Erfahrung eines körperlich Behinderten (Sophokles, Philoket), Blindheit als Strafe (S. Oedipus Rex, Ajax), Blindheit und Alter (S. Oedipus Colonus; Aristophanes, Plutos, Thesmophoriazusae). Matthew Dillon arbeitet hervorragend anhand des „Ausnahmefalles“ Athen die juristischen Aspekte im antiken Griechenland gegenüber Menschen mit Behinderungen heraus (S. 167–181). Im 5. bis ins 4. Jahrhundert gab es – nach jetzigem Kenntnisstand einzigartig – im „pragmatischen“ Athen eine Sozialgesetzgebung mit monetärer Sozialhilfe für (männliche) arbeitsunfähige Bürger zur Aufrechterhaltung ihres Bürgerstatus.[3]

Alexandre Mitchell untersucht die möglichen Hintergründe von grotesken, vormals von Ärzten als Fehlbildung fehlgedeuteten figürlichen Darstellungen aus der Zeit des Hellenismus (S. 182–196). Die meisten solcher Darstellungen sind, wie er anhand mehrerer Beispiele aus dem Louvre-Museum zeigen kann, als ironische Mainstream-Karikaturen zu deuten. Dies kann man positiv als konstruierte Lebenshilfe verstehen. Eine Art philanthropische Philosophie von Behinderung in den Schriften von Plutarch konstruiert Michiel Meeusen (S. 197–209). Die an einigen Stellen seines überlieferten Werkes erwähnten Handicaps von historischen Persönlichkeiten (Lahmheit, Sprachstörungen, Augenverlust) lassen annehmen, dass körperliche Behinderungen ein omnipräsentes Phänomen waren. Plutarch benutzt es überwiegend moralisierend (charakter-, lebens- und karriereprägend).

Teil III beschäftigt sich mit Behinderungen im Römischen Reich: Bert Gevaert blickt zunächst auf die stoische Sicht des perfekten menschlichen Körpers (S. 213–221). Sarah E. Bond und T.H.M. Gellar-Goad untersuchen das mitunter sehr aggressive, elitäre Körper-Seelen-Bild in der satirischen Dichtung (S. 222–232). Lisa Trentin befasst sich mit der Darstellung von deformierten Körpern in der römischen Kunst (S. 233–247). Ihre genaue Untersuchung weist auf den funktionellen Charakter der Darstellungen hin, nämlich den Zwang des Betrachters zur kritischen Selbstreflexion des eigenen Körpers.

Emma-Jayne Graham untersucht Votivdarstellungen von körperlichen Gebrechen, insbesondere von Gehbehinderungen in den frührömischen Heiligtümern Italiens (S. 248–266). Dankeswerterweise stellt sie die retrospektive medizinische Ikonodiagnostik auf der Basis dieser Votive als höchst problematisch dar,[4] endet aber in einer ebenfalls spekulativen Diskussion über soziale Folgen und kollektive Haltungen gegenüber diesen Gebrechen. Chiara Thumiger beschäftigt sich mit geistigen Behinderungen am Beispiel der überlieferten Schriften des Arztes Galen von Pergamon (S. 267–283). Galen hat diese Geisteskrankheiten zwar bereits sehr differenziert darstellt, ist aber heute insgesamt aufgrund seiner inhaltlichen Kontingenz nicht mehr vollständig verständlich.

Danielle Gourevitch, die „Grande Dame“ der Medizingeschichte, bearbeitet souverän das Thema psychische Krankheit als Behinderung in den spätantiken medizinischen Schriften des Caelius Aurelianus (S. 283–297). Peter Toohey untersucht im abschließenden Kapitel das bisher kaum bearbeitete, juristisch aber anscheinend konsistente Phänomen der Behinderung in den römischen Digesten (S. 298–311). Richtigerweise verweist er darauf, dass die heutigen, juristisch sehr feinen Unterschiede in der Benennung einer Behinderung so natürlich nicht auf die Digesten übertragbar sind. Interessant wäre hier vielleicht noch ein inhaltlicher Vergleich mit den spätantiken Novellae gewesen.

Teil IV konzentriert sich mit 9 Kapiteln auf die spätantike Welt. Anna Rebecca Solevåg untersucht in groben Zügen den Zusammenhang von weiblichem Geschlecht und Behinderung in frühchristlichen Schriften (S. 315–327). Die biblische Heilungstrias von Blinden, Tauben und Lahmen findet sich so nicht bei Frauen. Kinderlosigkeit wird als eine Form von Behinderung interpretiert. Martin Claes und Anthony Dupont verorten das Thema Behinderung in den Schriften Augustins ebenfalls eher allgemein (S. 328–341). Für Augustin war Behinderung generell ein unerwünschtes, aber unausweichliches Charakteristikum eines jeden Menschen. Jenni Kuuliala bespricht die infirmitas in den spätantiken Mönchsregeln und hebt die Bedeutung der christlichen caritas hervor (S. 342–356). Carol Downer untersucht frühchristliche Haltungen zu Behinderungen in der koptischen und äthiopischen Tradition (S. 357–375). John W. Martens untersucht die negative religiöse Konnotation von Sexualität als Behinderung im frühchristlichen Syrien (S. 376–387). Stephanos Efthymiadis überblickt anhand einer sehr guten Primärquellenauswahl die Behinderung im öffentlichen und privaten Raum des Byzantinischen Reiches und stellt die zunehmende philanthropische Institutionalisierung von Fürsorgeeinrichtungen für Betroffene heraus (S. 388–402).

Es folgen zwei Exkurse in den frühen Islam: Matthew Alan Gaumer schildert „Krankheit und Behinderung im frühmittelalterlichen Nordafrika“, einem „Ort ständiger Bedrohung durch Seuchen und Krieg“, unter dem Aspekt der Unterschiede durch dessen Islamisierung (S. 403–420). Dabei vermischt er nicht nur Krankheiten und Behinderungen, sondern überrascht mit einer sehr unkritischen Darstellung des seuchengeplagten spätantiken römischen Nordafrika, dem die islamischen Invasoren neues Leben einhauchten. Im Anschluss konzentriert sich Hocine Benkheira auf „impotente Eheleute und Eunuchen“ im frühislamischen Heiratsrecht (S. 421–433). Julia Watts Belser und Lennart Lehmhaus stellen schließlich heraus, dass das Thema Behinderung im rabbinischen Judentum kreativ und flexibel gehandhabt, die gesetzlichen Einschränkungen für Behinderte limitiert wurden und zwischen angeborenen und später erworbenen Behinderungen unterschieden wurde (S. 434–451).

Teil V rundet den Band thematisch zunächst mit Irina Metzlers Untersuchung zu Behinderungen im mittelalterlichen Kirchenrecht ab (S. 455–467). Theoretisch dürfte nach dem Gebot der „rituellen Reinheit“ kein Mensch mit Handicap das Priesteramt ausführen, in der Praxis war dies aber im Einzelfall zumindest bei erworbenen Behinderungen (Altersblindheit, -taubheit, -demenz) wohl anders. Toon Van Houdt überblickt abschließend kurz den rasse-ideologisch geprägten Körperkult im nationalsozialistischen Deutschland (S. 468–479), in dem der perfekte germanisch-arische Körper ausgerechnet in der griechisch-dorischen Antike verortet wurde, mit Platons Staat als ideologischer Vorlage.

Den Band beschließt ein Index (S. 480–490). Ein Inhaltsverzeichnis sowie die Liste aller Autoren sind vorangestellt. Jeder Beitrag endet mit eigenen Anmerkungen und eigener Bibliographie primärer sowie sekundärer Quellen, was die Benutzung merklich vereinfacht. Die teilweise inflationäre Nennung noch nicht publizierter Quellen ist zwar leider der Aktualität des Bandes geschuldet, aber trotzdem ein Ärgernis.

Die meisten Einzelbeiträge verweisen häufig aufeinander. Der Band ist insgesamt sehr gut ediert mit nur vereinzelten Fehlern. Trotz mancher aufgrund des dürftigen Quellenmaterials notwendig im Spekulativen bleibenden Aussagen über das in die Antike gespiegelte moderne, aktuell stark medikalisierte Konzept von Behinderung und trotz der gegen Ende abnehmenden Qualität der Beiträge ist dieser Band in mehrfacher Hinsicht wegweisend, viele Ausarbeitungen sind als einschlägige aktuelle Referenz für künftige Studien relevant.[5] Hierfür ist dem Herausgeber Laes und den Autoren des Bandes zu gratulieren.

Anmerkungen:
[1] Christian Laes, How does one do the history of disability in Antiquity? One thousand years of case studies, in: Medicina nei Secoli 23 (2011), S. 915–946; C. Laes / Chris F. Goodey / Lynn M. Rose (Hrsg.), Disabilities in Roman Antiquity: Disparate Bodies A Capite ad Calcem, Leiden 2013; Christian Laes, Beperkt? Gehandicapten in het Romeinse Rijk, Leuven 2014.
[2] Hierzu Karl-Heinz Leven, „At times these ancient facts seem to lie before me like a patient on a hospital bed“ – Retrospective Diagnosis and Ancient Medical History, in: Herman F.J. Horstmanshoff / Marten Stol (Hrsg.), Magic and Rationality in Ancient Near Eastern and Graeco-Roman Medicine, Leiden 2004, S. 369–386, sowie ders., Krankheiten – historische Deutung versus retrospektive Diagnose, in: Norbert Paul / Thomas Schlich (Hrsg.), Medizingeschichte: Aufgaben, Probleme, Perspektiven, Frankfurt am Main 1998, S. 153–185. Contra Leven: Danielle Gourevitch, Sommes-nous tous desânes, ou la pathographie est-elle une discipline ridicule? Quelques exemples en histoire anciennes, in: Philippe Charlier (Hrsg.), Actes du Ier Colloque International de Pathographie, Paris 2006, S. 285–299.
[3] Relevante Textzeugen sind Lysias 24; Aeschines , Gegen Timarchos (1,103–4), [Aristoteles], Ath. Politeia 49,4.
[4] Siehe auch: Waltrud Wamser-Krasznai, Hephaistos – ein hinkender Künstler und Gott, in: dies., Auf schmalem Pfad. Grenzgänge zwischen Medizin, Literatur und den schönen Künsten, Budapest, 2012, S. 49–61.
[5] Siehe ergänzend jetzt auch: Cordula Nolte / Bianca Frohne / Uta Halle (Hrsg.), Dis/ability History der Vormoderne: ein Handbuch, Affalterbach 2017.

Zitation
Lutz Alexander Graumann: Rezension zu: Laes, Christian (Hrsg.): Disability in Antiquity. Abington 2016 , in: H-Soz-Kult, 18.12.2017, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-26964>.
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18.12.2017
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