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Titel
Xenophon. Leben und Werk


Autor(en)
Nickel, Rainer
Erschienen
Umfang
252 S.
Preis
€ 24,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Wolfgang Will, Seminar für Alte Geschichte, Universität Bonn

Unter den drei großen Historikern des klassischen Griechenland ist Xenophon der jüngste. Dies bürdete ihm in der Geschichte der Historiographie eine Last auf, die er selbst wohl nicht als eine solche empfand. Während seine Vorgänger Herodot und Thukydides ihr Leben dem einen großen Werk widmeten, das ersterer erst kurz vor seinem Tod, letzterer niemals vollendete, versuchte sich Xenophon in vielen literarischen Sparten – und dies mit Erfolg. Die römische Antike liebte nicht nur Xenophons Sprache, sondern auch das, was er zu erzählen hatte. Noch im zweiten Jahrhundert n. Chr. überflügelte seine Anabasis alle Werke über Alexander den Großen.

Nach der Vernachlässigung durch das lateinische Mittelalter war Xenophon mit Beginn der Neuzeit mit nahezu allen seinen Werken im Original wie in den wichtigsten europäischen Sprachen allgemein verbreitete Lektüre. Erst im späten 19. Jahrhundert ereilte ihn das Verdikt einer Philologie, die ihr Verständnis von Geschichtsschreibung an Thukydides schulte. Xenophon wurde wissenschaftlich zurückgestuft, aber er rettete sich als Schulbuchautor. Bis in die sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts blieb er Einstiegslektüre ins Griechische, und auch noch dem schlechtesten Gymnasiasten gelang es, mit Kyros in zwei Tagesreisen zehn Parasangen weit bis an einen drei Plethren breiten Fluss zu marschieren. Danach ersetzte zunehmend Platon, für den sich die Schüler ebenso begeisterten wie für die Verba auf -mi, Xenophons Anabasis.

Einer Renaissance Xenophons steht weiterhin seine Unterschätzung als Historiker im Weg. Herodot und Thukydides bilden in gewisser Weise eine Einheit. Thukydides setzte fort, was sein Vorgänger begonnen hatte, reduzierte das Themenfeld, verknappte die Sprache und spitzte die historische Kritik in einem Maße zu, das unerreicht bleibt. Xenophon konnte nur äußerlich an ihn anknüpfen. Ansonsten musste er neue Wege gehen, und die waren für die Forschung lange Zeit ein Rückschritt, da Xenophon in manchem wieder zu Herodot fand. Dass er in seinen philosophischen Schriften bzw. in seinem Bild des Sokrates mit Platon konkurrieren musste, verbesserte seine Situation nicht.

Auch in Deutschland vernachlässigte die Forschung Xenophon lange Zeit. Das änderte sich erst ein wenig, als im Jahre 1983 der große Artikel von H. R. Breitenbach in der Realencyclopädie (RE IX 2A 1569-2052) erschien. Er bildet die Grundlage aller wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Autor. Neben und nach Breitenbach ist es vor allem der Altphilologe Rainer Nickel, der sich mit Lexikonartikeln, Aufsätzen und Monographien Xenophon widmete. Im Artemis-Verlag publizierte er eine zweisprachige Ausgabe der umfangreichsten Schrift Xenophons, der Kyrupädie.[1] Das hier vorliegende Buch beruht auf dem 1979 in der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft erschienenen Forschungsbericht.[2] Im Unterschied zu diesem, der ausschließlich für ein Fachpublikum konzipiert war, ist die neue Monographie dagegen eine für ein breiteres Publikum geschriebene Einführung in Leben und Werk, wie es der Untertitel denn auch verspricht. Sie umfasst eine Biographie, eine Vorstellung der einzelnen Werke sowie zusammenfassende Kapitel zu Vorlagen, Quellen, Arbeitsweise und die literarischen Gattungen, denen die Werke – nicht immer unumstritten – zuzuordnen sind. Ein Ausblick, verschiedene Register und ein Anhang schließen das Buch ab.

Wer den Aufbau des ersten großen Kapitels über den Menschen Xenophon verstehen will, muss die Herkunft des Buches aus dem Forschungsbericht von 1979 berücksichtigen. Nickel zeichnet hier keine Biographie auf der Basis des primären und sekundären Quellenmaterials, sondern referiert, kritisiert und ergänzt zunächst im Unterkapitel „Lebenslauf“ Edouard Delebècques „Essai sur la Vie de Xénophon“ von 1957 (S. 5–26; vgl. in der Ausgabe von 1979, S. 5–18).[3] Neue Erkenntnisse wie zum Beispiel von Lendle, dem Kommentator der Anabasis, werden eingeschoben.[4] Das zweite Unterkapitel verschmilzt zwei Teilstücke von 1979, „Politisches Denken“ sowie „Anschauungen und Überzeugungen“. Kürzungen und erklärende Überleitungen raffen den Text, in dem auch neue Überlegungen eingearbeitet sind, sinnvoll (S. 26–50; vgl. 18–37). Schlüssig erscheint zum Beispiel die These, Xenophon habe bei der Ausarbeitung der Redetrias (Hell. 6.3.3–17), mit der die Friedensverhandlungen des Jahres 371 in Sparta dokumentiert werden, und zwar insbesondere in der Rede des Atheners Kallias (6.3.6), das zwischen 440 und 430 geschaffene Weihrelief von Eleusis mit Demeter, Persephone und Triptolemos vor Augen gehabt (S. 26–29 u. 249–252).

Zweifellos liegt aber das Hauptaugenmerk des Buches auf dem vielschichtigen Werk, das ja wie kein anderes eines griechischen Historikers auch autobiographisch ist – neben der Anabasis sind hier vor allem die Hellenika und sogar der Agesilaos zu nennen – und damit stellenweise eine Ergänzung des biographischen Teils bildet. Den umfangreichen Katalog der Schriften unterteilt Nickel in vier Kategorien: Die historischen (Anabasis, Hellenika, Agesilaos) , die pädagogisch-ethischen und technologischen (Kyrupädie, Hieron, Staat der Lakedaimonier, Poroi, Hipparchikos, Über die Reitkunst), die sokratischen (Memorabilien, Oikonomikos, Symposion, Apologie) sowie die pseudo-xenophontischen Schriften (Kynegetikos, Staat der Athener). Diese Einteilung folgt Breitenbach und hat ihre guten Gründe. Eine weitere Differenzierung zum Beispiel in hippische, politisch-didaktische, staatstheoretische oder ökonomische Werke – die Übergänge zwischen den Gattungen sind freilich fließend (s. S. 197–208) – besäße daneben aber den Vorteil, mit einem Blick die Vielseitigkeit Xenophons herauszuheben, die ihn gegenüber seinen historiographischen Konkurrenten auszeichnet. So stehen bei ihm wirtschaftliche Fragen, die Herodot und Thukydides eher vernachlässigen, im Mittelpunkt des Interesses. Zwei der drei aus der Antike überlieferten ökonomischen Werke (Oikonomikos, Poroi) stammen von Xenophon.

In der Werkanalyse verfährt der Verfasser wie im biographischen Teil. Das Fundament bildet die 1979 publizierte Literaturrecherche, die ja auch nicht an Gültigkeit verloren hat. Die Neubearbeitung fällt dabei unterschiedlich aus. Während wenige Kapitel wie das über den Staat der Lakedaimonier nahezu unverändert übernommen werden, sind andere wie das über die Hellenika weitgehend neugestaltet. Alle Kapitel zu den Einzelwerken sind durch Erläuterungen ergänzt und meist durch Literaturnachträge (hier ist besonders auf die Xenophon-Monographie von Mueller-Goldingen zu verweisen) auf den neuesten Stand gebracht.[5]

Leitgedanke Nickels ist es, wie gesagt, diese Monographie nun einem breiteren Adressatenkreis zu erschließen, der mit Xenophons Werk nicht in dem Maße vertraut ist wie das Fachpublikum, an das sich die erste Veröffentlichung richtete. Das Buch erweist sich so über seine Funktion als Einführung hinaus als eine Art Nachschlagewerk (nicht zufällig hat der Verfasser auch ein Lexikon der gesamten antiken Literatur veröffentlicht), mit dem sich auf einfache Weise die Gedankenwelt Xenophons erschließt. So erhält Xenophon wieder den ihm gebührenden Platz in der Geschichte der griechischen Literatur als ein Autor, der mit seinen ökonomischen Schriften wie den Poroi singulär ist, der mit der Anabasis die erste große Autobiographie des Altertums schrieb, mit seinen sokratischen Schriften unverzichtbar für das Verständnis des großen Philosophen bleibt und mit seinen historiographischen Werken wie den Hellenika zu einer Eigenständigkeit fand, die ihn vom Vorwurf des Epigonentum befreit, welches das Los der nach-thukydideischen Historiker zu sein schien.

Anmerkungen:
[1] Rainer Nickel, Kyrupädie. Die Erziehung des Kyros, griechisch-deutsch, München 1992.
[2] Ders., Xenophon, Darmstadt 1979.
[3] Edouard Delebècque, Essai sur la vie de Xénophon, Paris 1957.
[4] Otto Lendle, Kommentar zu Xenophons Anabasis. Bücher 1–7, Darmstadt 1995.
[5] Christian Mueller-Goldingen, Xenophon. Philosophie und Geschichte, Darmstadt 2007.

Zitation
Wolfgang Will: Rezension zu: : Xenophon. Leben und Werk. Marburg  2016 , in: H-Soz-Kult, 24.04.2017, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-27068>.
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Veröffentlicht am
24.04.2017
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