F. Eckardt u.a. (Hrsg.): Welche Denkmale welcher Moderne?

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Titel
Welche Denkmale welcher Moderne?. Zum Umgang mit Bauten der 1960er und 70er Jahre


Hrsg. v.
Eckardt, Frank; Meier, Hans-Rudolf; Scheurmann, Ingrid; Sonne, Wolfgang
Erschienen
Berlin 2017: Jovis Verlag
Umfang
323 S., ca. 165 Farb- u. SW-Abb.
Preis
€ 38,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Alexandra Klei, Zentrum Jüdische Studien Berlin-Brandenburg / Ruhr-Universität Bochum

Die Debatte um den Umgang mit der Architektur der Nachkriegsjahrzehnte in Deutschland hält in der Denkmalpflege ebenso wie in der (Stadt-)Politik schon seit einem längeren Zeitraum an. Die Architekturforschung hat zahlreiche Beiträge zur Geschichte einzelner Bauten, Ensembles und Wiederaufbauprojekte geleistet. Gleichwohl zeigt die hier vorliegende Publikation mit aller Deutlichkeit nicht nur bisherige Leerstellen auf, sondern dehnt die Diskussion auf Europa aus und eröffnet so neue Perspektiven. Die Veröffentlichung resultiert aus dem zwischen 2014 und 2017 durchgeführten, vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Projekt „WDWM – Welche Denkmale welcher Moderne?“, das von Wissenschaftler/innen der Bauhaus-Universität Weimar sowie der Technischen Universität Dortmund durchgeführt wurde.[1]

Dass die Uneindeutigkeiten bereits bei der Begriffsbestimmung anfangen, umreißen die vier Herausgeber/innen – der Stadtforscher Frank Eckardt, der Kunst- und Bauhistoriker Hans-Rudolf Meier, die Denkmalpflegerin Ingrid Scheurmann und der Architekturhistoriker Wolfgang Sonne – schon in ihrer Einleitung: Der behandelte Zeitraum der 1960er-, 1970er- und 1980er-Jahre sei keine „Nachkriegsmoderne im engeren Sinne“ (S. 6), da die unmittelbaren Anforderungen eines Wiederaufbaus nicht mehr gegeben gewesen seien. Ein Begriff wie Hoch- oder Spätmoderne impliziere „zu sehr biologische Wachstums- und Verfallsprozesse“ (ebd.). Eine Bezeichnung als Spätmoderne würde ihre Berechtigung zudem aus der Annahme einer sich anschließenden Postmoderne erfahren, welche allerdings heute weder aus gesellschaftlicher noch aus politischer, philosophischer oder kultureller Sicht überzeugend als eine Epoche zu verstehen wäre. In der Summe kommen die Herausgeberin und die Herausgeber daher zu dem Schluss, den genannten Zeitraum „nicht [...] als besondere Epoche zu definieren, sondern als Teil einer länger andauernden facettenreichen Moderne zu betrachten, ohne sich jedoch in abstrakten Begriffserklärungen über die Postmoderne zu verstricken“ (S. 7).

Konsequent beginnt der Band mit einem Beitrag von Wolfgang Sonne, der die Möglichkeiten einer Erfassung und Ordnung anhand architektonischer und außerarchitektonischer Kriterien auffächert. Damit schärft er den Blick für die Vielfalt realisierter Bauprojekte und Ansätze und eröffnet methodische Zugänge für eine differenziertere Wahrnehmung. Formal gehört dieser Beitrag in die Sektion „Welche Moderne?“, in der sechs Beiträge versammelt sind. Die zweite Sektion „Welche Denkmale?“ umfasst elf Texte. Den Abschluss bildet die Vorstellung von 22 realisierten Bauprojekten unter der Überschrift „Erhaltungsformen“.

Ausgangspunkte des Forschungsvorhabens bildeten der industrielle (Wohnungs-)Bau und im Besonderen die sogenannten Großbauten als eine der signifikantesten Bauaufgaben der 1960er- bis 1980er-Jahre. Aus dem heutigen Sanierungsbedarf ergibt sich die Frage nach ihrem Stellenwert für einen Denkmalschutz. Und auch wenn diese Bauaufgaben vor allem in denjenigen Beiträgen im Zentrum stehen, die sich konkret mit Begriffsbestimmungen innerhalb des Denkmalschutzes und Kriterien von Definition und Auswahl beschäftigen, geht der Band doch deutlich darüber hinaus. So widmet sich der Beitrag der Kulturanthropologin Elisabeth Timm mit dem freistehenden Einfamilienhaus einer Bauaufgabe, die in der bisherigen Forschung kaum Aufmerksamkeit gefunden hat.[2] Timm bezeichnet den Bautypus als „denkmalwürdiges Erbe der Moderne“ (S. 40) und als „gebaute Sozialontologie der fordistischen Wachstumsjahrzehnte des 20. Jahrhunderts“ (S. 41), was sie anhand alphabetisch geordneter Begriffe näher erläutert. Deutlich wird hier wieder einmal, welchen Gewinn interdisziplinär ausgerichtete Projekte haben können.

Zwei Beiträge wenden sich dem Themenfeld Migration zu. Dabei stellt Frank Eckardt fest, dass die Beteiligung von Migrant/innen an der Realisierung der Bauprojekte heute ebenso unsichtbar bleibt, wie er in der Erinnerung fehlt. Carsten Müller, der sich als Raumplaner der sozialwissenschaftlichen Stadtforschung widmet, präsentiert in seinem Beitrag die Stadt Marl in Nordrhein-Westfalen als Beispiel für einen Ort mit einer hohen Zuwanderung und einem eindeutigen Bekenntnis zur Moderne. Dabei geht er der Frage nach, „ob die, die damals kamen und geblieben sind, ob ihre Nachkommen oder die Nachgekommenen dieses Erbe mit uns gemeinsam antreten, oder ob sie, bedingt durch ihre Verwurzelung in zwei Lebenswelten, völlig andere Bezüge dazu entwickelt haben“ (S. 244f.).

Die Mehrzahl der Aufsätze widmet sich unterschiedlichen Aspekten der Denkmalpflege. So wendet sich Ingrid Scheurmann dem industriellen Bauen der 1960er- und 1970er-Jahre zu. Auffällig sei, dass die Zeitspanne zwischen der Errichtung und der Frage nach Schutz für Bauten immer kürzer werde. Daneben legt die Autorin dar, dass Begründungen für Unterschutzstellungen immer auf das Besondere und Einzigartige zielen – „das demokratisch und funktional Gleiche und Vergleichbare scheint dem deutschen bzw. westeuropäischen Denkmalverständnis zu widersprechen“ (S. 65). Daraus ergeben sich nun aktualisierte Fragen einer Positionsbestimmung der Denkmalpflege.

Tino Mager sieht die Denkmalpflege nur unzureichend für den Umgang mit dem Erbe der Moderne vorbereitet. In Großbritannien und den Niederlanden habe man sich dieser praktischen Frage wie auch einer zeitgenössischen Theoriebildung bereits früher gewidmet als in Deutschland. Zudem konstatiert er einen gewissen Stillstand: So hätten sich denkmaltheoretische Fragen seit den 1970er-Jahren nahezu unverändert gestellt, ebenso die Probleme bei der Auswahl von Objekten. Auch Nachhaltigkeit sei kein neuer Ansatz. Mager beschreibt die Bauten der späten Moderne in einer Zwischen- oder Sonderstellung, da sie „ebenso Gegenwart und Vergangenheit wie […] gleichzeitig weder Gegenwart noch Vergangenheit sind“ (S. 88).

Der Blick nach Europa kennzeichnet weitere Beiträge. Hans-Rudolf Meier behandelt zum Beispiel politische Aushandlungsprozesse in unterschiedlichen Ländern und die Frage eines „Sharing Heritage“. Torben Kiepke stellt fest, dass es keinen europaweit einheitlichen Begriff für den Baubestand aus den 1960er- und 1970er-Jahre gibt, und fächert die existierenden Begriffe in unterschiedlichen Nationen auf. Dabei spricht er von einer grundsätzlichen Polarität zwischen den Ländern des früheren „Ostblocks“ und den westlichen Staaten. Katja Hasche konzentriert sich auf den Erfassungsstand von Bauten in Europa und erweitert den untersuchten Zeitraum hier auf die 1950er- bis 1980er-Jahre. Sie stellt unterschiedliche Erfassungsprojekte vor und bezieht hier nicht nur Behörden ein, sondern auch Initiativen, die sich für den Erhalt einzelner Gebäude engagieren.

Mehrere Beiträge rücken nationale Beispiele ins Zentrum. Marieke Kuipers widmet sich Konservierungsprojekten des nachkriegsmodernen Architekturerbes in den Niederlanden und Simone Bogner der Denkmalpflege in der DDR. Agnieszka Zabłocka-Kos untersucht, welche Rolle die Architektur der sogenannten wiedergewonnenen Gebiete (d.h. der ehemaligen Ostgebiete des Deutschen Reiches) in Polen nach dem Zweiten Weltkrieg spielte. Alistair Fair beschreibt drei Dekaden des Denkmalschutzes für „Post-1945 Architecture“ in Großbritannien seit 1986 und Sonja Hnilica die Bewertung, Konservierung und Weiterentwicklung von „Großstrukturen“ in Deutschland (Großsiedlungen, Campus-Universitäten, Shopping Malls etc.).

Zwei Beiträge thematisieren methodische Aspekte. Bianka Trötschel-Daniels zeigt angewandte Auswahlkriterien für Sammlungen und Dokumentationen von Objekten in Archiven, Museen und in der Archäologie. Regina Wittmann wendet sich speziell den Architekturarchiven zu. Die Auseinandersetzung mit nicht realisierten Bauten sieht sie als einen Beitrag zum Verständnis von Architekturgeschichte. Denn erst gemeinsam mit dem Gebauten erschließe sich „Baukultur als Gesamtheit der Wirklichkeiten und Möglichkeiten, von Intendiertem, Aufgegebenem, Modifiziertem und Realisiertem“ (S. 116). Außerdem gibt die Autorin einen Überblick zu Archiven mit architekturbezogenen Beständen.

Den Abschluss der Sektion „Welche Denkmale?“ bildet ein Beitrag von Ingrid Scheurmann und Hans-Rudolf Meier, der die Diskussion unter anderem von Bewertungsgrundsätzen bündelt. Formale, historische und städtebauliche Kriterien seien ebenso einzubeziehen wie gesellschaftswissenschaftliche Begründungen und materielle und immaterielle Qualitäten von Gebäuden. Der Text fragte zudem noch einmal übergreifend nach der Tragfähigkeit des bisher verwendeten Denkmalsbegriffes. Der Beitrag erweckt dabei den Eindruck einer Bilanz, geht aber leider zu wenig auf die Erkenntnisse und Thesen der vorangegangenen Artikel ein.

Der dritte Teil des Bandes versammelt unter der Überschrift „Erhaltungsformen. Zum Umgang mit dem europäischen Architekturerbe der Boomjahre“ 22 Beispiele, die jeweils für einen Aspekt der Auseinandersetzung stehen. Darunter finden sich die vorbildliche Sanierungsstudie für die Siedlung Le Lignon (Schweiz) ebenso wie die erfolglose Initiative für den Erhalt von Robin Hood Gardens in London, die Siedlung Popowice in Wrocław als Verweis auf die mögliche Kleinteiligkeit in einer Großsiedlung und die Wohnstadt Asemwald bei Stuttgart als Vorzeigeprojekt ohne Denkmaleintrag.

Der vorliegende Band ist auf vielen Ebenen ein wichtiger Beitrag für aktuelle Fragestellungen nicht nur der Denkmalpflege, sondern auch der fächerübergreifenden Auseinandersetzung mit dem gebauten Raum. Der Fokus auf die 1960er- bis 1980er-Jahre ermöglicht eine Diskussion über veränderte Problemstellungen ebenso wie eine Debatte um Begriffe und Definitionen. Da sich die Wahrnehmung der Architektur dieser Jahre bisweilen auf den Brutalismus[3] verengt hat, ist der Blick auf das breitere Spektrum überaus notwendig. Die Einbeziehung unterschiedlicher europäischer Perspektiven und Erfahrungen ermöglicht zudem einen erweiterten Rahmen für die deutsche Diskussion. Damit führt der Blick hierzulande auch weg von den zumeist bereits gut inventarisierten Kirchenbauten.

Abschließend sei noch angemerkt, dass der Band nicht nur inhaltlich spannend und vielschichtig ist, sondern hinsichtlich Satz, Papierqualität und Bildmaterial ausgesprochen schön gestaltet. Die Lektüre wird so auch haptisch und visuell zu einem Vergnügen.

Anmerkungen:
[1] WDWM. Erfassen, Bewerten und Kommunizieren des baulichen Erbes der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts, http://welchedenkmale.info/wdwm/ (01.11.2017). Dort findet sich auch eine Auflistung von zahlreichen Publikationen der beteiligten Wissenschaftler/innen: http://welchedenkmale.info/welche-denkmale-welcher-moderne/publikationen/ (01.11.2017).
[2] Siehe jetzt auch Sonja Hnilica / Elisabeth Timm (Hrsg.), Das Einfamilienhaus, Bielefeld 2017 (= Zeitschrift für Kulturwissenschaften 1/2017).
[3] Das Deutsche Architekturmuseum in Frankfurt am Main zeigt vom 9. November 2017 bis zum 2. April 2018 die Ausstellung „SOS Brutalismus – Rettet die Betonmonster!“. Neben einem ausführlichen Katalog gibt es dazu eine umfangreiche Online-Plattform mit vielen internationalen Beispielen: http://www.sosbrutalism.org (01.11.2017).

Zitation
Alexandra Klei: Rezension zu: Eckardt, Frank; Meier, Hans-Rudolf; Scheurmann, Ingrid; Sonne, Wolfgang (Hrsg.): Welche Denkmale welcher Moderne?. Zum Umgang mit Bauten der 1960er und 70er Jahre. Berlin  2017 , in: H-Soz-Kult, 10.11.2017, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-27256>.