Cover
Titel
Das Leben nehmen. Suizid in der Moderne


Autor(en)
Macho, Thomas
Erschienen
Berlin 2017: Suhrkamp Verlag
Umfang
530 S., 57 Abb.
Preis
€ 28,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Florian Greiner, Philologisch-Historische Fakultät, Universität Augsburg

Im Jahr 2015 starben in Deutschland mehr Menschen durch Suizid als zusammengenommen an Verkehrsunfällen, illegalen Drogen, Aids und Morden. Die Zahl der in Vietnam gefallenen US-Soldaten wird mittlerweile von der Zahl an Veteranen übertroffen, die sich selbst das Leben genommen haben. Obwohl Feuer als sichere Suizidmethode gilt, stirbt nur etwa ein Drittel aller Personen, die sich selbst angezündet haben. Und in Australien liegt die Suizidrate von jugendlichen Aborigines zehnmal höher als beim Rest der Bevölkerung.

Thomas Machos neues Buch ist voll von derart überraschenden und interpretationsbedürftigen Fakten – die nicht zuletzt die Bedeutung seines Themas unterstreichen. Der österreichische Kulturwissenschaftler, Direktor des Internationalen Forschungszentrums Kulturwissenschaften in Wien, hat eine Geschichte des Suizids vorgelegt, die im Vergleich zu anderen jüngeren Gesamtdarstellungen[1] auch durch analytische Stringenz und eine breite Historisierung der angeführten Beispiele sowie einen Fokus auf die Zeit nach 1945 überzeugt. Macho, der bereits mit zahlreichen thanatologischen Studien hervorgetreten ist[2], argumentiert, dass der Suizid in der Moderne eine fundamentale Umwertung erfahren habe und nicht mehr länger wie in früheren Epochen tabuisiert oder verteufelt werde – wir lebten heute eher in einer suizidfaszinierten Zeit.

In der Antike konnten einzelne Suizide zwar als Heldentaten gelten, der Suizid sei aber prinzipiell verboten gewesen, ebenso wie im Mittelalter, als er eine schwere Sünde darstellte. Ab dem 18. Jahrhundert erfolgte seine allmähliche Entmoralisierung und Entkriminalisierung, die jedoch mit einer umfassenden Pathologisierung einhergegangen sei. Nach 1945 habe die Suizidprävention ebenso eine Blüte erlebt wie die schon älteren, laut Macho aus dem europäischen Seuchendiskurs resultierenden Debatten um eine suizidale Ansteckungsgefahr im Sinne des viel beschworenen Werther-Effekts, die etwa im Gefolge des populären Suizidsongs „Gloomy Sunday“ (1932/33) oder der umstrittenen ZDF-Serie „Tod eines Schülers“ (1980/81) über den Suizid eines Jugendlichen immer wieder neu geführt wurden. Erst in den letzten Jahren werde jene Pathologisierung stärker infrage gestellt und dem Umstand Rechnung getragen, dass sich der Suizid im Kontext seiner gesellschaftlichen Neubestimmung zu einer „Selbsttechnik“ im Sinne Foucaults entwickelt habe: Der eigene Tod erscheine heute zunehmend als kalkulierbares, auch künstlerisches Projekt einer Selbstgestaltung, weniger als ein unabwendbares Schicksal.

In 13 eher systematisch als chronologisch gegliederten Kapiteln fragt Macho nach der kulturellen Erfahrung von Suiziden und den dominanten Diskursen; konkrete Fallgeschichten werden zugunsten einer Beschreibung der gesellschaftlichen Suizidkultur weitgehend ausgeblendet. Die Darstellung konzentriert sich folgerichtig auf solche Suizidformen, die breite mediale und kulturelle Aufmerksamkeit erfahren haben – wie Kindersuizide, Sterbehilfe oder der politische Protestsuizid, zumal in seiner terroristischen Variante. So ereigneten sich im Zeitraum 1982 bis 2016 weltweit insgesamt 5.292 Suizidanschläge (darunter nur 16 auf dem Gebiet der heutigen EU) mit fast 53.000 Toten, ein enormer Anstieg, der laut Macho „durch den beschleunigten Ausbau des Internets und der sozialen Medien“ (S. 322) begünstigt wurde, da „suizidaler Terrorismus“ (Kap. 10) auf derartige Kommunikationsmittel angewiesen sei. Ein besonderes Augenmerk liegt auch auf der Philosophie, auf (künstlerischen) Bildern und Orten des Suizids. Generell diagnostiziert Macho in der Moderne eine Vielzahl an Suiziddarstellungen, die keine oder zumindest nicht primär moralische Wertungen transportierten. Vielmehr seien Künste wie Massenmedien gleichermaßen von der ästhetischen Faszination des Suizids erfasst worden. Diese These unterfüttert er mit einer Fülle an Belegen, durch die ein weiter geographischer Raum in den Blick kommt: Das Phänomen der Witwenverbrennung in Indien wird ebenso behandelt wie der japanische Ehrenselbstmord oder die aufsehenerregenden politisch motivierten Feuersuizide in Ostmitteleuropa nach 1968, aber auch die Frage nach einer spezifisch deutschen Suizidalität, die in das nationalsozialistische „Selbstmordregime“ und die „Suizid-Manie“ des Jahres 1945 mündete, als sich im Kontext der Kriegsniederlage in Deutschland der „größte Massensuizid der Geschichte“ (S. 189f.) ereignete.

Bei seinem Parforceritt durch die Kulturgeschichte des Suizids interpretiert Macho Opern ebenso zielsicher wie Werke der bildenden Kunst, Romane oder Filme. Das Buch ist ein eindrucksvolles Zeugnis großer Gelehrsamkeit – es erinnert insofern im besten Sinne an die klassische Darstellung zur „Geschichte des Todes“ von Philippe Ariès.[3] Fast folgerichtig lassen sich auch ähnliche Kritikpunkte vorbringen. „Das Leben nehmen“ ist genaugenommen eine Geschichte hoch- und populärkultureller Darstellungen und Inszenierungen des Suizids. Das weitgehende Ausblenden realer Suizide – abgesehen von einigen prominenten Fällen – ist angesichts des ohnehin großen Quellenfundus an sich legitim, erscheint aber mitunter dann problematisch, wenn es um die Frage der Repräsentativität und angemessenen Interpretation der vorgestellten Suizidkultur geht. Gelegentlich ist sich Macho selbst über dementsprechend verzerrte Wahrnehmungen im Klaren. So führt er gegen das in Filmen wie „Harold und Maude“ (1971) präsentierte „freundliche Bild des Alterssuizids“ die tatsächlichen Suizidmotive älterer Menschen wie soziale Isolation oder chronische Schmerzen ins Feld (S. 411f.). Auch an anderen Stellen finden sich derartige Diskrepanzen: Die wenigsten Fin-de-Siècle-Selbstmörder dürften etwa wie der österreichische Philosoph Otto Weininger von geniereligiösen Ideen beeinflusst worden sein (S. 127f.). Trotz ihrer erschreckenden Häufung stellen Suizide durch „school shootings“ immer noch eine so verschwindend geringe Minderheit dar, dass kaum – oder eben nur mit Blick auf die kulturelle Wirkmächtigkeit – von einer „Transformation des Schülersuizids“ (S. 158) seit dem Massaker an der „Columbine High School“ 1999 gesprochen werden kann. Schließlich ist es sicher kein Zufall, dass Macho im Kapitel „Orte des Suizids“ anfangs Statistiken erwähnt, nach denen mehr als drei Viertel aller derartigen Taten in den heimischen vier Wänden verübt werden, im Folgenden aber rasch auf die Golden Gate Bridge, die schottische Overtoun Bridge oder den berüchtigten japanischen „Geisterwald“ Aokigahara zu sprechen kommt, deren „visuelle[s] Faszinationspotential“ (S. 374) offenbar nicht nur für Künstler, sondern auch für Wissenschaftler größer ist als dasjenige eines profanen Wohn- oder Schlafzimmers.

Obschon sich Macho direkter Wertungen enthält und in der Analyse normative Begriffe wie „Selbstmord“ oder „Freitod“ vermeidet, lässt sich an einigen Stellen nicht übersehen, dass die „Entpathologisierung“ des Suizids in der jüngsten Gegenwart für ihn nicht nur Forschungsgegenstand, sondern auch Zielvorstellung ist. Folgerichtig erfährt man vergleichsweise wenig über Depressionen oder andere psychische Ursachen von Suiziden, während der Autor immer wieder auf deren künstlerische Qualität hinweist (z.B. S. 288, 348), was unter ethisch-moralischen Gesichtspunkten durchaus diskutabel erscheint. Aus geschichtswissenschaftlicher Sicht ist etwas anderes gravierender: So häufig Macho betont, dass die Frage des Suizids „das“ (S. 26, 258) oder zumindest „ein Leitmotiv der Moderne“ sei (u.a. S. 55, 200, 436), so unscharf bleibt jene Moderne. Ob diese als Epochenbegriff eher das 20. und 21. Jahrhundert bezeichnet (z.B. S. 7) oder bereits 1751 ansetzt (z.B. S. 55), als in Preußen die Suizidstrafen abgeschafft wurden, ist ebenso unklar wie die bedingenden Faktoren der Umwertung des Suizids. Zwar benennt Macho mitunter en passant einzelne Aspekte wie den Kolonialismus, die Medienrevolution oder die Säkularisierung, eine systematische Diskussion der entscheidenden Modernisierungsprozesse fehlt aber. So muss letztlich auch ein Stück weit offen bleiben, wann, wo und warum genau der Suizid zu einer „Epochensignatur der Moderne“ (S. 7) avancierte.

Diese Monita ändern nichts daran, dass das Buch eine Fülle anregender Erkenntnisse bietet, exzellent geschrieben ist und völlig zu Recht auch in der Presse breit besprochen wurde. Die Spannweite der behandelten historischen Gegenstände und Kontexte ist schlicht beeindruckend: Man liest über die Geschichte der nordamerikanischen Sklaverei oder der Roten Armee Fraktion ebenso Erhellendes wie über Vampirismus oder Atombomben – die 1980er-Jahre interpretiert Macho als „Zeitalter des antizipierten [...] Gattungssuizids“ (S. 249) –, wird über vergessene Suizidmethoden wie das „Hinunterschlingen unverdaulicher Dinge“ (S. 296) informiert oder darüber, dass Künstler im Vergleich zum Bevölkerungsdurchschnitt deutlich häufiger Suizid begehen. Nachdem in den letzten Jahren bereits diverse überzeugende Einzelstudien zur Geschichte des Suizids erschienen sind[4], liegt nun also ein Überblickswerk vor, an dem in Forschung wie Lehre kein Weg vorbei führt.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Marzio Barbagli, Farewell to the World. A History of Suicide, Cambridge 2015, sowie mit einem im Vergleich zu Machos Studie deutlich eingeschränkteren zeitlichen bzw. räumlichen Blickwinkel Georges Minois, Geschichte des Selbstmords, Düsseldorf 1996, und Ursula Baumann, Vom Recht auf den eigenen Tod. Die Geschichte des Suizids vom 18. bis zum 20. Jahrhundert, Weimar 2001.
[2] Vgl. Thomas Macho, Todesmetaphern. Zur Logik von Grenzerfahrungen, Frankfurt am Main 1987; ders. / Kristin Marek (Hrsg.), Die neue Sichtbarkeit des Todes, München 2007.
[3] Philippe Ariès, Studien zur Geschichte des Todes im Abendland, München 1976.
[4] In Auswahl: Udo Grashoff, „In einem Anfall von Depression…“. Selbsttötungen in der DDR, Berlin 2006; Christian Goeschel, Selbstmord im Dritten Reich, Berlin 2011; Florian Kühnel, Kranke Ehre? Adlige Selbsttötung im Übergang zur Moderne, München 2013; Nicole Schweig, Suizid und Männlichkeit. Selbsttötungen von Männern auf See, in der Wehrmacht und im zivilen Bereich, 1893 – ca. 1986, Stuttgart 2016.

Zitation
Florian Greiner: Rezension zu: : Das Leben nehmen. Suizid in der Moderne. Berlin  2017 , in: H-Soz-Kult, 16.03.2018, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-28370>.