Titel
1917/2017. Revolution und Gegenrevolution


Autor(en)
Deppe, Frank
Erschienen
Hamburg 2017: VSA Verlag
Umfang
255 S.
Preis
€ 19,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Franz Sz. Horváth, Immanuel-Kant-Schule, Rüsselsheim

Frank Deppe, emeritierter Professor für Politikwissenschaft an der Universität Marburg, unternimmt in seinem Buch „1917/2017 Revolution & Gegenrevolution“ den Versuch, den historischen Ort der russischen Revolution im 20. Jahrhundert zu bestimmen. Dazu teilt er sein Buch in vier Kapitel ein: Nach einem Theoriekapitel stellt er im zweiten Kapitel die Vorgeschichte der Revolution, ihren Verlauf und die sowjetische Geschichte bis 1945 dar. Im dritten Kapitel geht er auf die Zeit bis 1989 ein, um abschließend über heutige Möglichkeiten zur Überwindung des Kapitalismus zu sinnieren.

Im Theorieteil erläutert Deppe die „Dialektik von Revolution und Gegenrevolution“ als komplexe Wirkmacht historischer Entwicklungen seit 1789. Die Geschichte der Oktoberrevolution und der Sowjetunion sei die eines Kampfes mit dem kapitalistischen Westen gewesen. Dabei habe die Sowjetunion immer wieder „Bewährungsproben“ bekommen, um Reformen durchzuführen, diese seien jedoch aus strukturellen oder zeitlichen Gründen nicht realisiert worden. Wiederholt verweist Deppe auch auf „innere Widersprüche“ der Sowjetunion wie etwa die Entstehung einer Nomenklatura in einer angeblich klassenlosen Gesellschaft. Deppes Darstellung zeichnet diese Geschichte nur in den Hauptzügen nach, dennoch werden die wichtigsten Ereignisse und Probleme zumindest erwähnt. Der Autor geht auf die Entstehungsbedingungen der Revolution ein, skizziert die Neue Ökonomische Politik und thematisiert die Macht der sowjetischen Bürokratie. Die stalinistischen Schauprozesse und der Terror werden erwähnt. Der Zweite Weltkrieg wird als die schwierigste Bewährungsprobe bezeichnet, aus der das Land physisch zerstört und mit riesigen Menschenverlusten hervorging. Danach habe indes die sozialistische Ideologie auf dem Höhepunkt ihres Ansehens gestanden. Hier ist auf einen Vorzug von Deppes Buchs hinzuweisen: Die stete Einbeziehung westeuropäischer Akteure und deren Wahrnehmung der Sowjetunion. Dabei wird verdeutlicht, dass nach 1945 die Reputation der Sowjetunion und die Stärke sozialistischer Bewegungen in Westeuropa konservative und antikommunistische Kräfte zwangen, sozialpolitische Maßnahmen zu treffen. Ohne Sowjetunion kein westeuropäischer Sozialstaat – ist eine These Deppes.

Chronologisch geht es in der Darstellung mit dem „Spätstalinismus“ weiter, die wirtschaftlichen und politischen Schwierigkeiten im Ostblock (1953, 1956, 1968 und 1980/81) werden angesprochen. Zuletzt weist Deppe darauf hin, dass Gorbatschows Reformen auf Grund der wirtschaftlich-strukturellen Reformunfähigkeit nicht wirken konnten. Zugleich sei sein Staat auch von der „Gegenrevolution“ totgerüstet worden. Deppe schließt mit Ausführungen zu den Möglichkeiten einer sozialistischen Revolution heute. Es liege zwar keine echte revolutionäre Situation vor und es fehle an einem revolutionären Akteur, jedoch gebe es unzählige innere Widersprüche im Kapitalismus, die die Notwendigkeit einer umwälzenden Veränderung aufzeigten.

Deppe zufolge begreift man das 20. Jahrhundert am besten, wenn man vom Gegensatz zwischen „Revolution“ und „Gegenrevolution“ ausgeht. Während er im theoretischen Kapitel noch nuanciert argumentiert, erscheint die Revolution im Laufe der Darstellung überwiegend als das Gute und der Fortschritt, die Gegenrevolution dagegen als das reaktionäre Böse: „Die Dialektik von Revolution und Gegenrevolution bildet den inneren Kern des ‚Zeitalters der Extreme‘, eines Jahrhunderts, das durch den Widerspruch zwischen Fortschritt […] auf der einen und der barbarischen Anwendung von Gewalt zur Verhinderung von Fortschritt oder zu seiner Durchsetzung auf der anderen Seite charakterisiert ist“ (S. 225). Dieser Gegensatz ist aber mehrfach problematisch: Das 20. Jahrhundert bestand nicht nur aus den zwei Seiten „gut“ und „böse“. In Deppes Konstrukt finden weder die blockfreien Staaten des Kalten Krieges noch kapitalistische Staaten mit gut ausgebauten sozialen Sicherungssystemen wie Schweden adäquate Berücksichtigung. Zudem wurzelt diese Gegenüberstellung in einem vereinfachenden Geschichtsbild, das sowohl die „Güte“ der einen Seite als auch die „Bosheit“ der anderen überzeichnet. Die Mittel dazu sind Verharmlosung, unausgewogene Darstellung und Aufrechnung. So ist lediglich von der „Etablierung“ der „Volksdemokratien“ nach 1945 die Rede (S. 147), nicht aber von deren gewaltsamen Durchsetzung oder davon, dass diese „Volksdemokratien“ Diktaturen waren. Zu Recht schreibt Deppe über die brutalen Methoden der „Gegenrevolution“ in Algerien, Vietnam, Indonesien (S. 182–185). Über den Steinzeitkommunismus eines Pol Pots oder die Millionen Toten der Mao-Ära in China verliert er kein Wort. Wiederholt werden die „Repressionen“ angesprochen, welchen Kommunisten in den kapitalistischen Ländern vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg ausgesetzt waren. Diese Repressionsmaßnahmen werden auf vier Seiten (S. 162–166) Land für Land (USA, Frankreich, Italien) aufgezählt: Untersuchungsausschüsse, Verhöre, Denunziationen, Parteienverbote – und in Italien einige Morde durch Polizeiübergriffe. Diesen „Repressionsmaßnahmen“ in Rechtsstaaten stellt der Autor sieben Zeilen (!) über die Schauprozesse unter Stalin (S. 117) und einzelne, sporadisch eingestreute Sätze über den Hungermord in der Ukraine (S. 122) oder die Inhaftierung von sowjetischen Kriegsgefangenen nach 1945 in der Sowjetunion gegenüber (S. 142). Die gut dokumentierte Menschenfolter in sozialistischen Staaten wird ganz verschwiegen:[1] So unangenehm ein Verhör vor dem McCarthy-Ausschuss auch gewesen sein mochte – es gibt einen qualitativen Unterschied zwischen einem solchen Verhör und den Foltermethoden stalinistischer Geheimdienstmitarbeiter. Wenn der Autor also Phänomene wie den stalinistischen Terror, die Verbrechen des Gulags, die Sowjetisierung der osteuropäischen Länder nur kursorisch erwähnt, aber nicht analysiert, liegt ein gravierendes Ungleichgewicht in der Darstellung (die immer auch eine Bewertung ist) vor.

Im vorliegenden Buch schreibt ein Politologe über historische Entwicklungen, ohne über den aktuellen Forschungsstand der Geschichtswissenschaft auf dem Laufenden zu sein. So benutzt seit Jahrzehnten kein seriöser Forscher den Begriff „Faschismus“, wenn vom „Dritten Reich“ die Rede ist. Diese Gleichsetzung war in der DDR üblich, um vom Begriff „Sozialismus“ im Ausdruck „Nationalsozialismus“ abzulenken. In der Faschismusforschung gilt die Gleichsetzung jedoch sein langem als analytisch unproduktiv.[2] Ebenso ärgerlich ist die Nichtbeachtung der immensen Forschungsliteratur zur Oktoberrevolution oder dem Stalinismus. Grundlagenwerke von Orlando Figes, Robert Service, Karl Schlögel oder Jörg Baberowski scheint der Autor nicht zu kennen.[3]

Wenn links zu sein, auch bedeutet, empfänglich für menschliches Leid zu sein, dann ist dieses Buch ein zynisches Buch. Das Verschweigen unermesslichen Leids in den sozialistischen Staaten bedeutet ihre Verharmlosung. Dabei muss man hier gar nicht an die Millionen Toten erinnern. Es hätte gereicht, auf die Beschneidung von Grund- und Menschenrechten oder die Ausbeutung von Mensch und Natur einzugehen, um Gründe für Empörung zu finden. Kann man aber ein Buch über die Oktoberrevolution schreiben, ohne den Unrechtsstaat und den diktatorischen Charakter der Sowjetunion zu analysieren? Eine Rehabilitierung des linken Projekts, woran es dem Autor zweifellos stark gelegen ist, kann schließlich nicht gelingen, wenn nicht die Verbrechen klar benannt werden, die im Namen dieser Ideologie begangen wurden. Weil der Autor aber aufrechnet, ist seine Darstellung zynisch. Bei der Betonung von Hegels Geschichtsphilosophie in Deppes Darstellung (S. 42, 224, 238) verwundert dies jedoch nicht. Schließlich sprach Hegel nicht nur, worauf Deppe hinweist (S. 224), vom zum Selbstbewusstsein kommenden Weltgeist, der sich der List der Vernunft bediene, sondern auch davon (was Deppe unterschlägt), dass die „welthistorischen Individuen“ das Recht hätten, zur Erfüllung ihrer Mission so manche „Blumen am Wegesrand“ zu zertreten. Die Blumen am Wegesrand des 20. Jahrhunderts waren jedoch auch jene Millionen Menschen, die dem Terror kommunistischer Regime zum Opfer fielen: Sie wurden von den sozialistischen Regierungen zu Objekten der Revolution gemacht, die bei Bedarf beseitigt werden konnten. Ihre Unfreiheit, ihr Leid und Tod werden von Deppe weitgehend missachtet – dies diskreditiert sein Buch.

Anmerkungen:
[1] Dieter Schlesak, Securitate. Die zwei Epochen der Securitate, ihre Foltermethoden, ihre Dissidenten und Informanten. http://community.zeit.de/user/dieterschlesak/beitrag/2010/01/09/securitatedie-zwei-epochen-der-securitate-ihre-foltermethoden (24.11.2017).
[2] Stanley Payne, Geschichte des Faschismus. Aufstieg und Fall einer europäischen Bewegung, Wien 2006, S. 259–262.
[3] Orlando Figes, Die Tragödie eines Volkes. Die Epoche der russischen Revolution 1891–1921, Berlin 1998; Ders., Die Flüsterer, Leben in Stalins Russland, Berlin 2008; Robert Service, Lenin. Eine Biographie, München 2000; Karl Schlögel, Terror und Traum. Moskau 1937, Frankfurt am Main 2010; Jörg Baberowski, Der rote Terror. Die Geschichte des Stalinismus, Frankfurt am Main 2007.

Zitation
Franz Sz. Horváth: Rezension zu: : 1917/2017. Revolution und Gegenrevolution. Hamburg  2017 , in: H-Soz-Kult, 19.12.2017, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-28682>.