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Titel
Die weltweite Ungleichheit. Der World Inequality Report 2018


Autor(en)
Alvaredo, Facundo; Piketty, Thomas; Chancel, Lucas; Saez, Emmanuel; Zucman, Gabriel
Erschienen
München 2018: C.H. Beck Verlag
Umfang
457 S.
Preis
€ 20,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Hartmut Kaelble, Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin

Der Bericht zur weltweiten Ungleichheit gehört zu einer lebhaften, internationalen vergleichenden Forschung über die Geschichte der sozialen Ungleichheit, zu der in der letzten Zeit jedes Jahr mindestens ein Buch erschien.[1] Das Besondere an dem vorliegenden Bericht ist der dezidiert globale Blick auf die Einkommens- und Vermögensverteilung seit 1980. Dieser erste globale Bericht 2018, der fortgesetzt werden soll, stützt sich auf Zeitreihen zu Einkommen für rund 60 Länder der Welt in der Internet-Datenbank „WID.world“ mit ihrem weltweiten Netz von über hundert Mitarbeitern und auf Beiträge von rund 20 Länderexperten, darunter für Deutschland Charlotte Bartels vom DIW. Verfasst wurde der Bericht von einer Gruppe von fünf Ökonomen von Universitäten in Paris und Berkeley, darunter auch von dem Inspirator Thomas Piketty.

Der Bericht trägt fünf Thesen neu vor bzw. bestätigt sie in gründlicherer Weise. Er belegt und untermauert erstens den besonderen Weg Europas mit einer milderen Verstärkung der Einkommensverteilung und Vermögensverteilung seit den 1980er-Jahren. In Europa sind daher heute die Vermögens- und Einkommensunterschiede nicht so scharf wie in den USA, in China, in Indien, in Russland, im Nahen Osten, in Südamerika oder in Afrika. Demgegenüber war Europa noch am Anfang des 20. Jahrhunderts von besonders scharfer sozialer Ungleichheit geprägt. Heute ist es zu einem Kontinent der abgemilderten sozialen Ungleichheit geworden, wenn man von Russland und der Türkei absieht. Der Bericht erklärt diese besondere Entwicklung in Europa vor allem damit, dass die Verteilung der Bildung in Europa weniger ungleich war und darüber hinaus die Steuer -und Lohnpolitik die wirtschaftliche Ungleichheit stärker abdämpfte als anderswo.

Der Bericht stellt zweitens die These auf, dass sich die Einkommensungleichheit vor allem in den 1980er- und 1990er-Jahren verschärfte, aber seit der Jahrhundertwende in Europa ebenso wie in vielen außereuropäischen Ländern nicht mehr so deutlich zunahm wie in den 1980er- und 1990er-Jahren. Er bestätigt damit eine Wende, die schon von Antony Atkinson und von Branco Milanovic beobachtet wurde, aber in dem vorliegenden Bericht besser belegt wird. Drittens stellt dieser Bericht die These auf, dass die Vermögensverteilung (anders als die Einkommensverteilung) seit der Jahrhundertwende weiterhin kontinuierlich zunahm. Auch diese Verschärfung der Vermögensunterschiede war in den europäischen Fällen erheblich moderater als in den USA und in China. Viertens schließlich stellt der Bericht die neue These auf, dass der Anteil der öffentlichen Vermögen an den Gesamtvermögen seit 1980 weltweit stark zurückging und sich damit die Spielräume der Regierungen für öffentliche Investitionen und für eine Politik der Abmilderung von sozialer Ungleichheit stark einengten. Dies ist eine Schlüsselthese des Buches. Der Bericht zeigt schließlich fünftens, dass für die vorgeschlagenen Maßnahmen zum Abbau der Vermögens- und Einkommensungleichheit – d.h. höhere Spitzensteuersätze für Vermögen, höhere Erbschaftsteuern, Kontrolle der Steuerflucht durch ein globales Finanzregister, Mindestlöhne, Öffnung des Bildungschancen durch Abbau von sozialer Segregation im Schulsystem und die Anhebung der öffentlichen Vermögen durch Abbau von Staatsschulden und höhere Steuereinnahmen über Vermögensteuern (nicht Konsumsteuern) – fast immer in der Geschichte des 20. und 21. Jahrhunderts erfolgreiche Beispiele angeführt werden können.

Der Bericht ist aus mehreren Gründen eine eindrucksvolle Leistung. Er zeichnet die weltweite Entwicklung der Einkommen seit 1980 genauer nach als bisherige, schon erwähnte internationale Analysen. Schon länger wurde die Einkommensverteilung international vergleichend untersucht, aber dieser Bericht bricht aus der Beschränkung auf den atlantischen Raum systematischer als bisher aus. Darüber hinaus besteht die besondere Leistung des Berichts darin, die Vermögensverteilung und die Einkommensverteilung miteinander zu verknüpfen. Das ist nicht einfach, vor allem, weil die Forschung der Vermögensverteilung international noch nicht sehr entwickelt ist und für diesen Bericht nur aus fünf Länder genügend gute Zeitreihen vorlagen, aus Frankreich, Großbritannien, Spanien, die USA und China. Trotzdem ist die kombinierte Einkommens- und Vermögenanalyse das originellste Element des Berichts. Hier lagen schon immer auch die besonderen Ambitionen von Thomas Piketty. Schließlich liegt die Stärke des Berichts auch in der historischen Untermauerung der genannten Vorschläge für eine zukünftige Politik. Nur der verstorbene Antony Atkinson, dem die Autoren des Berichts eng zusammenarbeiteten, hat so detaillierte internationale Vorschläge vorgetragen.

Der Bericht lässt allerdings mehrere Fragen offen. Er beschränkt sich ganz auf die Einkommens- und Vermögensverteilung. Die Ungleichheit, die im Titel des Buches steht, umfasst mehr, auch Wohnen, Bildung, Gesundheit, Aufstiegs- und Abstiegsmobilität und die sozialen Trennlinien, die durch Lebensweisen gezogen werden. Man kann nicht argumentieren, dass alle diese anderen Dimensionen durch die Einkommens- und Vermögensverteilung vorbestimmt werden und man sie deshalb nicht genauer untersuchen muss. Wir wissen ganz im Gegenteil, dass sich die soziale Ungleichheit in der Gesundheit, in der Bildung und in der Aufstiegs- und Abstiegsmobilität in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts anders entwickelte als die Einkommens- und Vermögensungleichheit. Man muss allerdings den Autoren des Berichts zugutehalten, dass diese anderen Dimensionen zu untersuchen, ein riesiges Projekt wäre, das viel mehr Experten und einen weit größeren Forschungsaufwand erfordert hätte. Darüber hinaus wird in dem Bericht noch nicht klar, warum sich die Einkommens- und Vermögensverteilung bis zur Jahrhundertwende in ähnlicher Weise verschärften, aber seitdem eher auseinanderentwickelten. Der Zusammenhang, der bis zu den 1980er-Jahren noch eng aussah, scheint sich in den letzten beiden Jahrzehnten gelockert zu haben. Schließlich wüsste man gerne mehr über die innereuropäischen Unterschiede, auch wenn dies vielleicht eine zu detaillierte Erwartung an einen globalen Bericht ist. Der Bericht enthält jedoch schon jetzt zwei europäische Länderstudien. Man hätte gerne eine vergleichende Antwort darauf gehabt, warum in Deutschland die Einkommensungleichheit, so der Bericht, auch nach der Jahrhundertwende zunahm, die Vermögensungleichheit stärker anstieg als im europäischen Durchschnitt und warum umgekehrt die Abmilderung der Einkommensunterschiede in Ländern wie Schweden, Dänemark, Tschechien oder Luxemburg weiterreichte als im europäischen Durchschnitt.

Insgesamt ist dieser Bericht mit seinen Ergebnissen für die Geschichte der sozialen Ungleichheit ein wichtiger Meilenstein der Forschung. Die deutsche Übersetzung verdient eine breite und aufmerksame Lektüre und Rezeption.

Anmerkung:
[1] Vgl. Göran Therborn, The Killing Fields of Inequality, Cambridge 2013; Angus Deaton, The great escape. Health, wealth and the origins of inequality, Princeton 2013; Thomas Piketty, Das Kapital im 21. Jahrhundert, München 2014; Joseph Stiglitz, Reich und Arm. Die wachsende Ungleichheit in unserer Gesellschaft, Berlin 2015; Anthony B. Atkinson, Inequality. What Can Be Done? Cambridge Mass. 2015; Branco Milanovic, Die ungleiche Welt. Migration, das Eine Prozent und die Zukunft der Mittelschicht, Berlin 2016; Hartmut Kaelble, Mehr Reichtum, mehr Armut. Soziale Ungleichheit in Europa vom 20. Jahrhundert bis zur Gegenwart, Frankfurt 2017.

Zitation
Hartmut Kaelble: Rezension zu: : Die weltweite Ungleichheit. Der World Inequality Report 2018. München  2018 , in: H-Soz-Kult, 22.11.2018, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-29629>.
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22.11.2018
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