M. Everard u.a. (Hrsg.): Rosa Manus

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Titel
Rosa Manus (1881–1942). The International Life and Legacy of a Jewish Dutch Feminist


Hrsg. v.
Everard, Myriam; de Haan, Francisca
Erschienen
Preis
€ 127,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Gisela Bock, Fachbereich Geschichts- und Kulturwissenschaften, Friedrich-Meinecke-Institut, Freie Universität Berlin

Nur wenige Menschen haben heutzutage von Rosa Manus gehört: der niederländischen Feministin und Pazifistin aus jüdischer Familie, die sich in den 1920er- und 30er-Jahren in zahlreichen internationalen Organisationen engagierte, viele verantwortungsvolle Führungsaufgaben wahrnahm und dementsprechend bekannt war. Im Mai 1941, ein Jahr nach dem deutschen Überfall auf die Niederlande, wurde Manus von der Gestapo vorgeladen, während die Presse der niederländischen Nazis sie als „jüdische Frauenrechtlerin" und Mitglied einer „jüdischen Clique" denunzierte. Im August folgte die Verhaftung wegen ihrer „pazifistischen und internationalistischen Interessen", dann die Überführung in diverse Gefängnisse – hier wurde sie als „Jüdin" gekennzeichnet, mit dem notorischen Namenszusatz „Sara", und zugleich als „politischer Häftling". Im Oktober 1941 wurde sie in das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück verschleppt. Hier saß sie im „Judenblock" ein, wurde Opfer einer „Selektion" von mehr als 1.400 Häftlingen, die im Winter 1941/42 stattfand, und wurde im März 1942 in der Tötungsanstalt Bernburg vergast. Dass Rosa Manus vergessen wurde, ist nicht nur auf ihren elenden und anonymen Tod zurückzuführen, der überdies nur gefälschte Dokumente hinterließ, sondern auch darauf, dass in der späteren Ravensbrücker Gedenkkultur jahrzehntelang zwar der kommunistischen Gefangenen gedacht wurde, nicht aber einer bürgerlichen und gar feministischen Jüdin.

Seit den späten 1980er-Jahren haben Historikerinnen intensiv geforscht. Die Nazi-Besatzer deportierten nicht nur Rosa Manus, sondern kaperten schon 1940 ihr „Internationales Archiv für die Frauenbewegung", das sie mit zwei Kolleginnen seit 1935 aufgebaut hatte; 1944 schaffte die Rote Armee das Archiv nach Moskau. 1992 wurde es dort entdeckt und erst 2003 wurden wenigstens Teile davon restituiert. Heute lagert es im Amsterdamer Institut "Atria. Institute on Gender Equality and Women's History". Über Rosa Manus' Verdienste um die Frauengeschichtsschreibung berichtet Dagmar Wernitznig im vorliegenden Band, der großenteils auf den wiederentdeckten Quellen basiert.

Der Sammelband, der auch schwer zugängliche Dokumente enthält, ist die komplexe Biographie eines – der Titel hebt es zu Recht hervor – „internationalen Lebens", die (Wieder-)Erweckung einer weitgehend ausgelöschten Erinnerung und die Rekonstruktion des bedeutenden Erbes einer Vorfahrin des heutigen Feminismus. Eingerahmt werden die Aufsätze durch zwei umfassende Essays von Myriam Everard: Zu Beginn behandelt sie die bis ins späte 18. Jahrhundert zurückreichende Geschichte der Familien Manus und Ezechiel (von Manus' Großmutter mütterlicherseits) und zum Abschluss Manus' feministisches Engagement seit 1930 und ihren Weg zum Tod. Die Familiengenealogie zeigt die Geschichte der holländischen Juden seit dem Emanzipationsedikt von 1796. Die Manus-Familie identifizierte sich mit den Freiheits-, Gleichheits- und Brüderlichkeitsidealen, die zu gelebten Idealen der Judenemanzipation wurden: bürgerliche Emanzipation („civil emancipation") und eine Vision von guter Staatsbürgerschaft („good citizenship"), einschließlich der Praxis breitgefächerter Wohltätigkeit, ermöglicht durch ihr wachsendes Vermögen. Somit trat die Familie über die Grenzen der jüdischen Gemeinde bewusst hinaus, reduzierte ihr explizit religiöses Engagement und widmete sich der Zivilreligion des säkularen öffentlichen Lebens: Ihr galt „holländische Bürgerschaft als höchste Form jüdischer Emanzipation" (S. 250).

Diese Säkularität prägte auch Rosa Manus. Deutlich wird das sowohl in ihrer Erziehung in Eliteschulen mit hochkarätigem Curriculum (gleichwohl lehnte der strenge Vater das ersehnte Universitätsstudium ab) als auch auf ihrem Weg zur Frauenbewegung: Dieser schloss sie sich 1908 an, anlässlich eines Kongresses der International Woman Suffrage Alliance (ab 1926: for Suffrage and Equal Citizenship, IAW). Sie zeigt sich in ihrem Verständnis von Feminismus, der religionsübergreifend ebenso wie parteiübergreifend zu sein habe, außerdem zugleich international und national. Im Übrigen galt diese „non-Jewish Jewishness" (S. 281) auch für viele andere jüdische Feministinnen in der klassischen Frauenbewegung, etwa für die Französin Cécile Brunschvicg, die für diesen Typus steht.[1] Dementsprechend war Rosa Manus, die unverheiratet blieb, einerseits eng eingebunden in ihre große jüdische Familie, andererseits stand sie dem 1921 gegründeten niederländischen Joodsche Vrouwenraad (Jüdischer Frauenrat), in dem sich Jüdinnen als solche organisierten, eher fern. Allerdings betont Everard, diese „secularity is not at all synonymous with assimilation"; denn die Jüdinnen passten sich der Frauenbewegung insofern nicht an, als diese - ungeachtet ihrer offiziellen Überkonfessionalität – faktisch mehrheitlich protestantisch war. Tatsächlich fungierten die Jüdinnen oft als radikale Avantgarde.

Rosa Manus war eine der Organisatorinnen des legendären internationalen Frauenfriedenskongresses in Den Haag im Frühjahr 1915, der 1919 zur Gründung der „Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit" führte, einer der drei klassischen internationalen Frauenorganisationen. Annika Wilmers analysiert dies auf der Basis ihres Standardwerks über den Pazifismus der internationalen Frauenbewegung (2008). Dem Pazifismus blieb Rosa Manus ihr Leben lang verpflichtet, und für sie war er untrennbar mit Frauenfrage, Frauenwahlrecht und Feminismus verbunden. Ihr Organisationstalent, für das sie berühmt wurde, investierte sie großenteils in die IAW, wo sie „special organizer" und seit 1926 Vizepräsidentin wurde. „Networking" wurde ihr Beruf, und das war der Grund dafür, dass sie in der Zwischenkriegszeit als „the most cosmopolitan of all our Dutch women" galt (S. 241). Ein Beispiel dafür ist die kontrastreiche Beziehung zu der finanzkräftigen Katharina von Kardorff-Oheimb (1920–24 Reichstagsabgeordnete für die DVP), die manche „Damen"-Organisationen gründete, aber ein recht ambivalentes Verhältnis zur internationalen Frauenbewegung hatte. Anhand ihrer Korrespondenz analysiert Mineke Bosch den unterschiedlichen Umgang der beiden Frauen mit ihrem Reichtum – anders als Kardorff-Oheimb investierte Manus selbstlos in die Frauenbewegung.

In den folgenden Beiträgen, von Karen Garner und Ellen DuBois, stehen die Höhepunkte von Manus‘ Aktivitäten im Mittelpunkt. Im Umkreis des Völkerbunds entstand das Netzwerk der „Women's International Organisations", das 45 Millionen Mitglieder zählte, und Manus war eine der sechs Frauen, die das „Friedens- und Abrüstungskomitee" des Netzwerks leiteten und damit der Abrüstungskonferenz des Völkerbunds zuarbeiteten. Als diese im Februar 1932 in Genf eröffnet wurde, konnte Manus in einer spektakulären Schau über acht Millionen Unterschriften einer Friedenspetition präsentieren, die in 52 Ländern von Frauenorganisationen ein Jahr lang verbreitet worden war. Während Manus ab 1933 ihre Tätigkeit immer stärker auf die „terrors in Germany" (S. 171) konzentrierte und die Unterstützung von Flüchtlingen in den Niederlanden organisierte, mehrten sich antisemitische Anwürfe gegen sie.

Doch auch weiterhin befasste sie sich mit der außereuropäischen Welt, besonders anlässlich von IAW-Tagungen in Kairo, Palästina, Istanbul (1935) und Kopenhagen (1939). Auf der letzteren kam es zu einem Konflikt mit der Ägypterin Huda Sha'arawi, die den arabischen Feminismus vertrat und neben Rosa Manus Vorstandsmitglied war: Sha'arawi verlangte von der IAW einen Beschluss, demzufolge die Einwanderung von Juden in Palästina gestoppt werden sollte. Die Ablehnung dieser Forderung führte zu einem heftigen und emotional aufgeladenen Konflikt; Rosa Manus und andere nahmen auch antijüdische Töne wahr. Die Darstellung des Konflikts durch Margot Badran bescheinigt der arabischen Seite die politisch korrekte „anti-colonial feminist language" ohne jegliche antisemitische Töne; hingegen werden Rosa Manus und den anderen „westlichen" Vorstandsmitgliedern „Western-centrism", „Orientalismus", Kolonialismus, Imperialismus und der IAW grundsätzlich eine dementsprechend inkorrekte Haltung zugeschrieben (z.B. S. 13, 184–206). Dies leuchtet nicht durchweg ein.

Die späten 1930er-Jahre brachten für Rosa Manus weitere Einbrüche, gleichsam als Auftakt der kommenden Katastrophe. Wiederum wurde sie gebeten (von dem Völkerbundpräsidenten Lord Robert Cecil, der 1937 den Friedensnobelpreis erhalten und 1948 die Einleitung zu einem nie erschienenen Gedenkbuch für Rosa Manus schreiben sollte), als „organizing secretary" zu fungieren: für einen Weltfriedenskongress, der 1936 in Genf stattfinden und parteiübergreifend sein sollte. Hinter den Kulissen wurden die Fäden allerdings bald von Komintern-Kommunisten gezogen. Ihnen war Rosa Manus nicht genehm und es fehlte nicht an Intrigen und Hetze. Es gelang ihnen, Manus auszubooten und ihre Genfer Organisationstätigkeit zu blockieren, indem sie den Kongress kurzfristig nach Brüssel holten. Einer von ihnen berichtete sogar Stalin von diesem „Erfolg". Die Konstellation wurde für Rosa Manus gefährlich: Von niederländischen (und anderen) Nazi-Anhängern wurde sie als Kommunistin denunziert, von französischen Kommunisten als „Pro-Hitler-Pazifistin" (S. 269), die Brüsseler Polizei lud sie dramatisch als Kommunistin vor, während sie um dieselbe Zeit wegen ihrer Friedensarbeit von der niederländischen Königin mit dem Verdienstorden von Oranje-Nassau geehrt wurde – was wiederum zu einer antisemitischen Hasskampagne der katholischen Presse gegen sie führte und schon im Vorfeld des Kriegs die Aufmerksamkeit deutscher Nazis auf die dreifache Feindin des Regimes lenkte: die Jüdin, internationale Feministin und antinationalsozialistische Pazifistin.

Myriam Everard rekonstruiert diese komplexe Konstellation auf breiter Quellenbasis und beantwortet schließlich die Frage, welche die überlebenden Mitglieder der Manus-Familie seit 1946 zu lösen versucht hatten: Wann, wo und wie kam Rosa Manus zu Tode? Das Ergebnis: Aus politischen Gründen wurde sie verfolgt, aus rassistischen Gründen ermordet. Sie starb 1942 und nicht etwa 1943 (wie 1947 behauptet wurde); weder in Auschwitz noch in Ravensbrück, sondern in einer Bernburger Gaskammer der „Euthanasie"-Aktion; nicht durch Krankheit, sondern durch Mord. Die Suche nach der Wahrheit und den Gründen der Falschinformation führt zu einer Art Krimi, den Everard subtil und überzeugend rekonstruiert.[2]

Insgesamt ist der Band höchst lesenswert und überdies spannend, informativ und reflektiert; die Reichweite der Themen, die weit über eine bloße Biographie hinausgeht, umfasst ein weites Feld der Geschlechtergeschichte. Leider wird der hohe Preis weitgehend nur Bibliotheken die Anschaffung erlauben.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Cécile Formaglio, „Féministe d'abord". Cécile Brunschvicg (1877–1946), Rennes 2014.
[2] Die Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück hat die neuen Erkenntnisse aufgenommen, ebenso wie die niederländischen Gedenkstätten.

Zitation
Gisela Bock: Rezension zu: Everard, Myriam; de Haan, Francisca (Hrsg.): Rosa Manus (1881–1942). The International Life and Legacy of a Jewish Dutch Feminist. Leiden  2017 , in: H-Soz-Kult, 14.05.2019, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-30184>.
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Veröffentlicht am
14.05.2019
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