Cover
Titel
Ypres.


Autor(en)
Connelly, Mark; Goebel, Stefan
Erschienen
Umfang
XXVIII, 259 S.
Preis
£ 18.99; € 14,77
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Eberhard Demm, Université Grenoble Alpes

Nationale Erinnerungsorte sind seit der richtungweisenden Pionieruntersuchung der französischen „Lieux de Mémoire“ von Pierre Nora [1] auch in anderen Ländern analysiert worden, z.B. in „Deutsche Erinnerungsorte“ von Etienne François und Hagen Schulze.[2] Jetzt haben Mark Connelly und Stefan Goebel von der Universität Kent eine einschlägige Untersuchung über Ypern und die umliegenden Dörfer vorgelegt, die im Ersten Weltkrieg besonders hart umkämpft waren. Es geht dabei um die national differenzierte Erinnerung an die Schlachtorte, wie sie sich in Medien aller Art, in Denkmälern und Friedhöfen sowie in Reisen manifestierte und dabei im Sinne des „spatial turn“ den geographischen Raum sozial und kulturell neu konstruierte. Zu kurz kommt im Buch allerdings die propagandistische Auswertung der Schlachtorte, die während des Krieges, aber auch danach, eine ganz erhebliche Rolle spielte. Die Propaganda sollte nicht nur die Soldaten, sondern auch die Zivilbevölkerung für den Krieg mobilisieren und ihre Kampfmoral aufrechterhalten. Als Belohnung für alle Opfer und Entbehrungen wurde der endgültige Sieg in Aussicht gestellt, und für ihn waren siegreiche Schlachten eine wichtige Bestätigung.[3]

Die Autoren behandeln nach einem kurzen Resümee über die Vorkriegszeit die Erinnerungsorte streng chronologisch von 1914 bis 2014. Hier soll der Stoff zum leichteren Verständnis nach den beteiligten Nationen gegliedert werden.

Als einzige nationale Gruppe haben die Flamen bereits während des Krieges auf zahlreichen Gräbern Gedenksteine aufgestellt, die sog. „Heldenhuldezerkjes“, was im Buch allerdings etwas beiläufig erst im vorletzten Kapitel erwähnt wird (S. 121). Die wallonisch beherrschte Zentralregierung ließ sie 1925 durch nationale belgische Steine ersetzen und stellte die flämischen Steine dem Straßenbau zur Verfügung. 1930 errichteten die Flamen bei Dixmuide am Yser zu Ehren ihrer Gefallenen und als Fanal für die Unabhängigkeit Flanderns einen Turm mit der Aufschrift AVVKV („Alles für Flandern, Flandern für Christus“), der 1946 vermutlich von wallonischen Nationalisten gesprengt und 1965 wieder aufgebaut wurde. Zu beiden Türmen wurden jährliche Pilgerfahrten flämischer Nationalisten organisiert, denen sich Mitte der 1970er-Jahre zeitweise rechtsradikale Gruppierungen aus ganz Europa anschlossen.[4]

In Deutschland wurde eine verlorene Schlacht bei dem Dorf Langemarck zum Brennpunkt der deutschen Erinnerungskultur. Sie ging auf einen gefälschten Heeresbericht vom 11. November 1914 zurück: „Westlich von Langemarck brachen junge Regimenter unter dem Gesang ‚Deutschland über Alles’ gegen die erste Linie der feindlichen Positionen durch und eroberten sie.” (S. 31). Die hohen Verluste wurden von der Pressepropaganda als Opfertod für das Vaterland verherrlicht. Nach dem Krieg missbrauchten antidemokratische Studentenverbände den Langemarckmythos zu einem Kampf gegen die Weimarer Republik, sorgten auch mit der Langemarck-Spende für die Errichtung eines Soldatenfriedhofs. Allerdings deckten bereits Anfang der 1920er-Jahre die Sozialdemokraten, später auch katholische Organisationen, die Langemarcklüge auf, was von Goebel genau recherchiert wurde: schlecht ausgebildete und ungenügend ausgerüstete Reserveregimenter, unter ihnen nicht nur Jugendliche, sondern auch ältere Männer der Landwehr, waren von den Generälen völlig sinnlos und ohne Erfolg gegen alliierte Maschinengewehrstellungen gejagt worden [5] – eine Interpretation, die auch von der offiziellen Darstellung des Deutschen Kriegsarchivs übernommen wurde (S. 137–138). Die NS-Führung benutzte den Langemarckkult bei der propagandistischen Vorbereitung des Zweiten Weltkriegs. Hitler behauptete, bei Langemarck gekämpft zu haben und ließ in einem Turm des Berliner Olympiastadions einen Langemarcksaal errichten. 1947 wurde beides gesprengt, aber 1960–1962 wieder rekonstruiert und kann noch heute besichtigt werden. Allerdings ist Langemarck inzwischen völlig aus der deutschen Erinnerungskultur verschwunden.

Die Franzosen waren am 22. April 1915 bei Saint-Julien und Steenstraat Opfer des ersten deutschen Giftgasangriffs geworden, was als weiteres Argument zur Diskreditierung der Kriegsführung durch die deutschen „Barbaren“ diente. 1929 errichteten sie in Steenstraat ein Denkmal, das nach der Zerstörung durch die deutsche Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg 1961 wieder aufgebaut wurde. Ansonsten war mit Ausnahme eines weiteren Denkmals am Kemmelberg die französische Kriegserinnerung ganz an den Kämpfen um Verdun orientiert.

Der größte Teil des Buches ist den kollektiven Erinnerungsaktivitäten der Briten und ihrer Dominions in und um Ypern gewidmet, die bis heute anhalten, wenn auch die Akzente sich inzwischen etwas verschoben haben. Da die alliierte Propaganda vor dem Sommer 1918 fast nur „paper victories of the press bureau“ vermelden konnte [6], war der Erfolg bei Ypern, das mit kurzer Unterbrechung bis zum Ende des Krieges fest in britischer Hand blieb, umso wichtiger. Wie bei Langemarck wurden auch hier die schweren Verluste propagandistisch gerechtfertigt. So veröffentlichte im Jahre 1917 der „Daily Mirror“, die wichtigste Zeitung des britischen Chefpropagandisten Alfred Lord Northcliffe, zahlreiche Photos über die Ruinen in und bei Ypern und fragte seine Leser: „Was würde mit der St. Pauls Kathedrale geschehen, wenn die Hunnen nach London kämen?“ (S. 56) Auch lyrisches Gefasel wurde aufgeboten: „Sie [die britischen Soldaten] starben nicht vergebens, hier auf den Schlachtfeldern von Ypern wird die Welt durch ihr Blut wieder geboren.“ (S. 55)

Nach dem Krieg erklärten die Briten Ypern zu einem Symbol der stolzen Leistungen ihrer Söhne im Krieg und unterstrichen das durch die Konstruktion zahlreicher Erinnerungsdenkmäler: bei Passchendaele den Soldatenfriedhof Tyne Cot, in Ypern das Triumphtor Menin Gate mit den Namen von 56.000 Gefallenen, die anglikanische St. George Memorial Church, ein privates Kriegsmuseum – dem später ein städtisches Museum folgte – und die Eton Memorial School als ein Denkmal für die 342 gefallenen Absolventen der britischen Eliteschule Eton. Sie erzog die Kinder britischer Soldaten und wurde zum Mittelpunkt einer Art britischer Kolonie, der die belgische Regierung 1931 einen offiziellen Status als britisches „Settlement“ verlieh. Im Dienste der Propaganda standen auch die Ypern-Tage, die jedes Jahr nicht nur in Großbritannien, sondern jeweils zu einem anderen Termin auch in Kanada und Australien gefeiert wurden, zahlreiche Publikationen und andere Projekte der Veteranen- und Kriegshinterbliebenenorganisation Ypres-League, Dia-Vorträge, Pilgerfahrten mit feierlichen Zeremonien, diverse Kunstausstellungen, 1925 sogar ein Film, der Englands Rolle bei der Verteidigung von Ypern verherrlichte, und nicht zuletzt der „Last post“, ein militärisches Hornsignal, das seit 1930, nur mit Unterbrechung durch den Zweiten Weltkrieg, täglich um 20 Uhr gespielt wird.

Leider fehlt im Buch der Hinweis, dass solch heroisierendes Gedenken letzten Endes der nachträglichen Legitimierung der kriegführenden Eliten diente [7], d.h. in diesem Fall der Konzeption des Krieges à outrance bis zum völligen „Knock out“ Deutschlands, wie sie in Großbritannien David Lloyd George propagierte. Anders als im Langemarckkapitel wird auch nicht sozial und politisch differenziert. Wie sich die Gegner der „knock out“-Politik in der Arbeiterschaft, der „Independent Labour Party“, des „No Conscription Fellowship“ und der „Union of Democratic Control“, die frühzeitig gegen die sinnlosen Opfer protestierten und Verhandlungen über einen Verständigungsfrieden forderten, zu dieser Heroisierung verhielten, erfährt der Leser mit Ausnahme eines kurzen Hinweises auf den bekannten Kriegsgegner Siegfried Sassoon leider nicht.

Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges wurde die Kolonie Ypern schleunigst evakuiert, und die Stadt verschwand für eine Weile aus dem britischen Nationalbewusstsein. In den 1960er-Jahren nahm aber das Interesse durch einschlägige Publikationen und Fernsehserien wieder zu, und ab 1990 wurden sogar weitere Denkmäler gebaut: 1998 der „Island of Ireland Peace Park“ in Messines mit einer 32 Meter hohen Säule zur Versöhnung der verfeindeten irischen Parteien, 2002/2011 ein indischer Gedenkstein zur Erinnerung an das Engagement der indischen Kolonialsoldaten.

Connelly und Goebel bieten auch sehr detaillierte Informationen über den vorwiegend britischen Schlachtfeldtourismus, der allerdings starke Veränderung erlebte. Während es in den 1920er-Jahren noch zeitweise gelang, Pilgerfahrten mit Gedenkfeiern nach Ypern als einem „Holy Ground of British Arms“ zu organisieren, überwogen bereits in den 1930er-Jahren kommerzielle Touren, und den Bedarf an authentischen Trophäen konnten die Souvenirläden nur noch durch Grabräubereien befriedigen. Spätestens seit den 1980er-Jahren setzte der Massentourismus ein. Die jährlichen Übernachtungen in Ypern stiegen von 3561 im Jahre 1959 auf 124.043 im Jahre 2005, ein 1972 eröffnetes Kriegsmuseum erhielt 1998 eine Multimediaanlage, die das übliche „son et lumière“-Spektakel sogar durch Schießpulvergeruch bereicherte.

Beeindruckend sind die weitgespannten Recherchen der Autoren. Sie werteten eine unübersehbare Zahl zeitgenössischer Quellen aus, darunter ca. 120 Zeitungen, und konsultierten Dokumente nicht nur in Archiven in Belgien, Großbritannien, Frankreich und Deutschland, sondern wegen der Berücksichtigung des Commonwealth sogar in Kanada und Australien. Diese faktenreiche und vielschichtige Studie ist ein Meilenstein der erinnerungsgeschichtlichen Forschung, die hohe Maßstäbe für alle weiteren Untersuchungen dieser Art gesetzt hat.

Anmerkungen:
[1] Pierre Nora (Hrsg.), Les Lieux des Memoires, 7 Bände, Paris 1984–1992.
[2] Etienne François / Hagen Schulze (Hrsg.), Deutsche Erinnerungsorte, 3 Bände, München 2001.
[3] Eberhard Demm, Censorship and Propaganda in World War I. A Comprehensive History, London 2019, S. 27, 53–57.
[4] Hans Wilhelm Hambacher, Deutsche Gedenkstätten und Ehrenmale, Heusenstamm 1976, S. 281, spricht auch von Heimatvertriebenen aus ganz Osteuropa.
[5] Vgl. die definitive Untersuchung von Karl Unruh, Langemarck. Legende und Wirklichkeit, Koblenz 1986.
[6] Arthur Marwick, The Deluge. British Society and the First World War, London 1991², S. 258 (Zitat).
[7] Zu dieser Interpretation vgl. Jay Winter, Sites of Memory, Sites of Mourning. The Great War in European Cultural History, Cambridge 1995, Kapitel 4.

Zitation
Eberhard Demm: Rezension zu: : Ypres. Oxford  2018 , in: H-Soz-Kult, 04.06.2019, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-30303>.
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04.06.2019
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