Schweizerische Geschichtstage 2019: Arbeit

Von
Sofie Gollob, Universität Zürich

Besprochene Sektionen:

Soziale Ungleichheit im 19. Jahrhundert in der Schweiz

Armut und Arbeitsmigration zwischen Asien und Europa, 1848—2018. Eine postkoloniale Perspektive

Deutung und Veränderung von Arbeit durch Frauen im 20. Jahrhundert

Stillarbeit zwischen Reichtum und Prekarität: Ökonomien der Frauenmilch (17.–19. Jahrhundert)

Kinder -/Reichtum: Feministische Perspektiven auf Sexualität, Mutterschaft und Ökonomie nach 1950

Zur Kritik der digitalen Ökonomie

Wie wird der Zusammenhang von Reichtum, Arbeit und Migration in der Schweiz in neueren Publikationen und Projekten thematisiert?

Wer mit seiner Arbeit reich werden will, hat schlechte Karten. Spätestens seit Thomas Pikettys Bestseller Das Kapital im 21. Jahrhundert (2014) ist klar, dass uns – abgesehen von einigen wenigen Topverdienern an der Spitze der Einkommensskala – nicht die Arbeit, sondern das Kapital reich macht. Trotz respektive wegen dieser Diskrepanz stand die Arbeit an den fünften Schweizerischen Geschichtstagen im Fokus. Neben den Begriffen Ressourcen, Macht und Wissen fungierte sie als Reflexionsfeld, um «die Selbstverständlichkeit aktueller Wahrnehmungen von Reichtum zu hinterfragen».[1] Zu diesen Selbstverständlichkeiten zählt etwa, dass der heutige Reichtum der Schweiz von Männern wie Alfred Escher erarbeitet wurde. Zum 200. Geburtstag des «Pioniers» veranstaltete die Eidgenössische Technische Hochschule Zürich im Februar 2019 einen grossangelegten Festakt, im Rahmen dessen Redner/innen wie der Bundesrat Ueli Maurer Eschers von der Liebe zur Schweiz getriebene «Schaffenskraft» eingehend würdigten.[2]

Das Narrativ des ETH-Visionärs und Eisenbahn-Pioniers Escher perpetuiert die Vorstellung, dass Reichtum durch die harte Arbeit des (weißen, männlichen) Individuums verdient und legitimiert werden könne. An den Geschichtstagen an der Universität Zürich wurden ebensolche Narrative in Frage gestellt. Die Arbeit erwies sich dabei als wissenschaftlich äußerst produktive Kategorie, weil sie den genuin relationalen Charakter von Reichtum in den Vordergrund rückt. Als statistisch-deskriptive Kategorie – Stichwort Erwerbseinkommen – verweist die Arbeit darauf, dass die Frage des Reichtums eine Frage der Verteilung und damit von Ungleichheit ist. Das Thema war an den Geschichtstagen denn auch sehr präsent. Dass der Reichtum der Schweiz kein Produkt harter Arbeit ist, sondern sich in Form einer historisch relativ stabilen Vermögenskonzentration präsentiert, diskutierten die Ökonom/innen Isabel Martinez und Marius Brühlhart gemeinsam mit der Politologin Ursina Kuhn und der Historikerin Gisela Hürlimann am Podium.

Wie ISABEL MARTINEZ (St. Gallen) hervorhob, hat auch in der Schweiz die Einkommensungleichheit seit Mitte der 1990er-Jahre aufgrund der steigenden Topeinkommen zugenommen.[3] Während die Einkommensungleichheit in der Schweiz weniger stark ausgeprägt ist als in Ländern wie den USA und Deutschland, befindet sich die Vermögensungleichheit seit Anfang des 20. Jahrhunderts auf konstant hohem Niveau – selbst im internationalen Vergleich. Seit Mitte der 1980er-Jahre ist ein besonders starker Anstieg an der Spitze der Vermögensverteilung (Top 0,01%) zu beobachten. MARIUS BRÜHLHART (Lausanne) sprach denn auch von einer «Rückkehr der Privatvermögen». Als Gründe für diese Entwicklung führte Martinez neben Globalisierung und Marktkonzentration auch Steuersenkungen auf. Brühlhart wies auf die Rolle von Erbschaften hin. In der Schweiz ist jeder zweite Vermögensfranken geerbt – eine Entwicklung, die durch die schrittweise Abschaffung der Erbschaftsteuer in den Kantonen seit den 1990er-Jahren begünstigt wird.

Während in den letzten Jahren viel zu Ungleichheit im 20. und 21. Jahrhundert geforscht wurde, ist noch wenig bekannt über die Situation im 19. Jahrhundert – dies, obwohl die Einkommens- und Vermögensungleichheit in der Schweiz bereits im Verlauf des 19. Jahrhunderts zugenommen hat. Diesem Defizit suchte das Panel «Soziale Ungleichheit im 19. Jahrhundert in der Schweiz» zu begegnen. GIACOMIN FAVRE (Zürich) referierte über soziale Mobilität im 19. Jahrhundert. Zunächst untersuchte er anhand von Steuerregistern die Entwicklung der Einkommens- und Vermögensverteilung in der Stadt Zürich im 19. Jahrhundert. Er stellte fest, dass die Einkommensungleichheit eine U-Form aufwies, während die Vermögensungleichheit kontinuierlich zunahm. Um die soziale Mobilität zu eruieren, nahm Favre basierend auf Bürgerbüchern der Stadt Zürich eine Klassifizierung von Berufen nach ihrer sozioökonomischen Position vor und untersuchte, inwiefern sich diese Position über Generationen hinweg verändert. Mit dieser Methode konnte er für die Stadt Zürich nachweisen, dass die soziale Mobilität im 19. Jahrhundert abgenommen hat, insbesondere bei den Berufsgruppen mit geringer sozioökonomischer Position. Ausgehend von der Forschungsdebatte um die Rolle der Bildung bei der Industrialisierung gab GABI WÜTHRICH (Zürich) einen quantitativen Einblick in die Entwicklung der Bildungsqualität Schweizerischer Primarschulen im 19. Jahrhundert. Sie konnte nachweisen, dass die Professionalisierung der Lehrerausbildung insgesamt zugenommen hat, die Ungleichheit in der Qualität der Schuldbildung jedoch trotz Zentralisierungstendenzen bestehen blieb. Wüthrich erklärte dies damit, dass die Gemeinden als Hauptfinanzierungsquellen unterschiedlich stark in die Ausbildung ihrer Lehrer/innen investierten. In seiner Präsentation befasste sich MARIUS KUSTER (Lausanne) mit der Auswirkung von staatlichen Umverteilungsmassnahmen auf die Entwicklung der Armut in Zürich, welche in Folge von Lebensmittelknappheit und Teuerung nach 1914 stark zunahm. Basierend auf den fünf Grundbedürfnissen Nahrung, Wohnung, Kleidung, Energie und Hygiene berechnete Kuster absolute Armutsgrenzen, die dem damaligen Existenzminimum entsprechen und Auskunft über das «Ausmass» sowie die «Tiefe» der Armut geben. Mit dieser Methode konnte Kuster aufzeigen, dass staatliche Massnahmen wie Bedürftigenunterstützung und Suppenküchen viele Zürcher Familien davor bewahrte, zwischen 1914 und 1920 unter das Existenzminimum zu fallen.

Reichtum ist nicht nur eine Frage der Verteilung materieller Ressourcen und der sozioökonomischen Möglichkeiten, sondern auch der Sicht- respektive Wahrnehmbarkeit und damit der Wissensproduktion. Als historisch-analytische Kategorie fragt die Arbeit nach der Organisation von Ungleichheit und legt so gesellschaftliche Machtverhältnisse offen. Das Escher-Narrativ ist problematisch, weil es auf einem historisch unkritischen Akteursbegriff basiert (die Schweiz soll sich dank Alfred Escher von einem «Entwicklungsland» zu einer der wichtigsten Industrienationen Europas entwickelt haben)[4] und damit Machtstrukturen reproduziert. Indem zahlreiche Referent/innen an den Geschichtstagen die Arbeit von Migrant/innen und Frauen in den Fokus rückten[5], lenkten sie die Aufmerksamkeit auf die oftmals prekären Arbeitsverhältnisse ganzer Gesellschaftsschichten, die der Akkumulation von Reichtum zugrunde liegen respektive diese bedingen, jedoch in linearen Fortschrittserzählungen – was Pionier-Narrative per se sind – unsichtbar bleiben. So sahen sich beispielsweise trotz der beschleunigten Industrialisierung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert viele Schweizer dazu veranlasst, sich als Söldner in der niederländischen Kolonialarmee zu verpflichten, um überhaupt über ein gesichertes Einkommen zu verfügen. Wie PHILIPP KRAUER (Zürich) im Rahmen des Panels «Armut und Arbeitsmigration zwischen Asien und Europa, 1848—2018. Eine postkoloniale Perspektive» erläuterte, wirft die «Schweizer Söldnermigration nach niederländisch Indien» zwischen 1848 und 1914 ein Licht auf die wenig bekannten kolonialen Verflechtungen der Schweiz, da sie darauf verweist, dass das Land – obwohl selber nie im Besitz von Kolonien – vom Aufstieg des niederländischen Kolonialreiches profitierte und sich aktiv daran beteiligte. Krauer wies zudem darauf hin, dass der Solddienst von staatlicher Seite zwar als unpatriotisch kritisiert und teilweise kriminalisiert wurde, die Behörden diese Form der Arbeitsmigration aber gleichzeitig als Möglichkeit erachteten, Armut und Delinquenz zu exportieren. Der Export von Armut stand auch im Referat von OLIVIA KILLIAS (Zürich) im Fokus. Die Ethnologin beschrieb die heutige Arbeitssituation von indonesischen Hausarbeiter/innen, die der indonesische Staat zu Tausenden ins Ausland sendet. Wie auch im Falle der Schweizer Söldner zeichnen sich die Arbeitsverhältnisse dieser Frauen durch ihren besonders prekären Charakter aus. Einerseits ist die Migration auf Rückkehr angelegt – Krauer bezeichnete diese Migrationsform als «life cycle»-Migration –, wobei die indonesischen Hausarbeiter/innen gemäss Killias klar definierten Arbeitsverträgen unterliegen, die sie für zwei Jahre an eine Familie binden und sie im ersten halben Jahr zur Rückzahlung von Schulden verpflichten. Des Weiteren bewegt sich diese klar gegenderte Arbeitsmigration im Spannungsfeld zwischen ökonomisch motivierter Förderung und moralischer Sanktionierung vonseiten des Malaysischen Staates, der sich gemäss Krauer um die «Würde» seiner Hausarbeiter/innen sorgte.

Wie sehr unsere Bewertung von öffentlicher und privater Arbeit und damit von bezahlter und unbezahlter Arbeit das Ergebnis gesellschaftlicher Mächteverhältnisse ist, machten die drei Panels zu Frauenarbeit deutlich. Im Panel «Deutung und Veränderung von Arbeit durch Frauen im 20. Jahrhundert» wurde die Frage der Erwerbsarbeit historisiert, indem die Referent/innen unterschiedliche Perspektiven von Frauen auf ihre eigene Arbeit seit dem 19. Jahrhundert in den Fokus rückten. SIMONA ISLER (Basel) setzte sich mit dem Engagement des Schweizerischen Arbeiterinnenverbandes (SAV) für frauenspezifische Schutzbestimmungen in der Fabrikgesetzgebung zwischen 1877 und 1925 auseinander. Die Schutzparagraphen, welche unter anderem eine andere Arbeitszeitregelung für Frauen vorsahen, wurden von der Geschichtsforschung rückwirkend als «Sonderschutz» bezeichnet und als diskriminierend interpretiert, da sie Frauen den Zugang zu gewissen Erwerbszweigen erschwerten. Am Beispiel der Politik des SAV, der sich vehement für die frauenspezifischen Schutzparagraphen einsetzte, wies Isler darauf hin, dass diese Bestimmungen nicht als Sonderschutz gelesen werden sollten, sondern vielmehr als Ausdruck für die oftmals besonders prekären Arbeitsrealitäten von Frauen, denen es gerecht zu werden galt. SARAH BAUMANN (Fribourg) beschäftigte sich mit dem Kampf um die Stärkung der Arbeitsrechte von Sexarbeiterinnen in Genf. Bis Ende der 1980er-Jahren waren ehemals in der Prostitution tätige Frauen dazu verpflichtet, bei der Genfer Kantonspolizei ein Leumundszeugnis einzuholen, um sich auf eine Stelle ausserhalb des Sexgewerbes bewerben zu können. Die Behörden begründeten diese Regelung mit der moralischen Unsittlichkeit der Frauen, wodurch die Prostitution nicht als Erwerbsarbeit, sondern als Identitätskategorie definiert wurde. Der 1982 zum Schutz von Sexarbeiterinnen gegründete Genfer Verein Aspasie setzte sich für die Abschaffung dieser Regelung ein, was 1989 schliesslich geschah. Wie Baumann hervorhob, bestand eine zentrale Forderung des Vereins darin, die Prostitution von der behördlichen Abwertung zu lösen und sie stattdessen als reguläre Erwerbsarbeit anerkennen zu lassen. In ihrer Präsentation fragten BETTINA STEHLI (Zürich) und LOU-SALOMÉ HEER (Zürich) nach Möglichkeiten eines Neudefinierens von Frauenarbeit. Die Referentinnen beschrieben das 1986 gegründete Frauenbildungs- und Ferienzentrum «Villa Kassandra» als Versuchsraum, der es Frauen für einige Jahre ermöglichte, ein von Hierarchien und Gelderwerb befreites Arbeiten zu erproben.[6]

Das Panel «Stillarbeit zwischen Reichtum und Prekarität: Ökonomien der Frauenmilch (17.–19. Jahrhundert)» beleuchtete unterschiedliche Formen der Stillarbeit aus geschlechter- und körpergeschichtlichen Perspektive. Ausgehend von der im Rahmen des SNF-Synergia-Projekts «Lactation in History» (2013–2018) entstandenen Forschung verwiesen die Referent/innen darauf, dass Stillen weniger als «natürliche Tätigkeit», sondern vielmehr als ein «soziokulturelles Phänomen» zu untersuchen ist, das zwischen dem 17. und dem 19. Jahrhundert einem grundlegenden Wandel unterworfen war. So war das Stillen keineswegs seit jeher an eine Mutter-Kind-Beziehung geknüpft, die innerhalb der privaten Sphäre der Familie stattfand, sondern – insbesondere vor der Entwicklung der industriell hergestellten Babynahrung Ende des 19. Jahrhundert – eine mehr oder weniger einträgliche Erwerbsarbeit, an der sich neben den Ammen unterschiedliche ökonomische Akteur/innen beteiligten. NADINE AMSLER (Bern) ging in ihrem Referat auf die ambivalente Rolle von Ammen im sozialen Gefüge der Fürstenhöfe im 17. Jahrhundert ein. Aufgrund der zeitgenössischen medizinischen Vorstellungen, dass durch das Stillen der Fürstenkinder verwandtschaftliche Beziehungen entstehen, bot sich den Ammen einerseits die Möglichkeit des sozioökonomischen Aufstiegs. Gleichzeitig basierte die Stillarbeit auf äusserst prekären Arbeitsverhältnissen, da die Ammen über keinerlei Entscheidungsmacht über ihre Körper verfügten und die Anstellungsverhältnisse meist nur von kurzer Dauer waren. Wie SARAH SCHOLL (Genf) erläuterte, war das Stillen im 19. Jahrhundert Gesundheits- und Demographiediskursen unterworfen, die mit einer Neuinterpretation von Mutterschaft und Kindererziehung einhergingen. Einerseits rückte das mütterliche Stillen in den Fokus, da es als förderlich für die Gesundheit des Kindes erachtet wurde. Gleichzeitig verkauften Unternehmer wie Henri Nestlé die kuhmilchbasierte Babynahrung als gesunde Kindernahrung, die nicht als Substitut für Muttermilch diente, sondern als Mittel angepriesen wurde, um die Mutter-Kind-Beziehung zu intensivieren.

Dass die Frage des Kinderbekommens und damit des weiblichen Körpers niemals eine rein private Angelegenheit war, sondern stets im Zentrum gesellschaftlicher Diskussionen stand, die auch die sozioökonomischen Realitäten von Frauen bestimmten, wurde im Panel «Kinder -/Reichtum: Feministische Perspektiven auf Sexualität, Mutterschaft und Ökonomie nach 1950» offensichtlich. In ihrem Referat ging LISIA BÜRGI (Bern) auf unterschiedliche Positionen ein, welche Frauenorganisationen in der Debatte um den straffreien Schwangerschaftsabbruch in den 1970er-Jahren eingenommen haben. Während die Vertreter/innen der neuen Frauenbewegung sich für einen straffreien Schwangerschaftsabbruch einsetzten, da sie diesen als Akt der Selbstbestimmung und (ökonomischen) Befreiung der Frauen(-körper) interpretierten, sprachen sich katholische Frauenorganisationen dagegen aus und stellten Müttern stattdessen finanzielle Unterstützung zur Verfügung. Den unterschiedlichen Positionen gemein war ein verstärktes Bewusstsein für die prekären Lebenssituationen, mit denen sich insbesondere alleinerziehende Frauen konfrontiert sahen. Gemäss Bürgi zielte das Engagement der Frauenorganisationen letztlich darauf ab, die soziökonomischen Konsequenzen des Kinderbekommens für alleinerziehende Mütter mittels Veränderung der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zu beseitigen. Wie ANJA SUTER (Basel) aufzeigte, verschob sich die feministische Perspektive auf die Themen Schwangerschaft und Sexualität in den 1980er-Jahren. Während die schweizerische Frauenbewegung in den 1970er-Jahren das Recht auf Abtreibung als (ökonomische) Befreiung der Frau interpretierte, so integrierte sie in den 1980er-Jahren wiederum das Recht auf Schwangerschaft in ihren Kampf um die Wiedereroberung des eigenen Körpers. In der sozialkritischen Analyse des patriarchalen Systems wurde nun das Recht auf Kinder als ökonomische Forderung laut. Wie Suter hervorhob, ist die Geschichte dieser feministischen Rückeroberung gleichsam eine verbindende und eine trennende. Einerseits erfuhren die Frauen durch die Auseinandersetzung mit ihrem Körper und ihrer Sexualität innerhalb der Gruppe Kollektivität und Solidarität. Gleichzeitig fühlten sich gewisse Gruppierungen in der feministischen Bewegung, so z.B. die Lesben, von den Forderungen nicht abgeholt.

Gemäss dem Konzept der «Digitalen Ökonomie» erfährt die menschliche Arbeit im 21. Jahrhundert eine zunehmende Marginalisierung im Wertschöpfungsprozess. Statt der marxschen Lohnarbeit fungieren Datenmengen und Algorithmen als Generatoren von Mehrwert. Wie im Rahmen des Panels «Zur Kritik der digitalen Ökonomie» deutlich wurde, bedeutet Marginalisierung jedoch nicht, dass die menschliche Arbeit verschwindet. Vielmehr kann – so stellte die Panelverantwortliche Christiane Sibille fest – diese Marginalisierung auf mehreren Ebenen als Grenzverschiebung gelesen werden. CARLO VERCENELLO (Paris) beschäftigte sich mit der Auflösung der Grenze zwischen Arbeits- und Freizeit im Übergang vom industriellen zum kognitiven Kapitalismus. Er stellte die These in den Raum, dass mit der Digitalisierung eine fundamentale Transformation des fordistischen Arbeitsbegriffs einhergeht, da sich die «produktive» Arbeit nicht mehr allein auf die traditionelle Arbeitssphäre beschränkt, sondern sich durch unsere ständige Interaktion mit Informations- und Kommunikationstechnologien in die bisher unproduktive Sphäre der Freizeit verschoben hat. MORITZ FEICHTINGER (Zürich) rückte die materiellen Bedingungen der digitalen Ökonomie am Beispiel der rasanten Industrialisierung der vier Tigerstaaten in den 1960er- und 70er-Jahren in den Fokus, zu denen unter anderem die prekären Arbeitsbedingungen an den äussersten Grenzen einer konzentrisch organisierten globalen Arbeitsteilung gehören. ARIANA DONGUS (Karlsruhe) beschrieb die Anwendung von biometrischen Erkennungssystemen in Flüchtlingscamps des UNHCR als Arbeit an den Grenzen des Sicht- und Fassbaren. Zur Rationalisierung von Abläufen haben UNHCR-Camps im Mittleren Osten vor ein paar Jahren die Registration von Flüchtlingen via Iris-Scan eingeführt. Die zunehmend wie Unternehmen geführten Camps fungieren gemäss Dongus als abgeschlossene Laboratorien technologischer Innovation, in denen private Unternehmen neue Produkte ausprobieren können, bis sie marktreif sind. Gleichzeitig sind sie Orte immaterieller Arbeit, da die Körper der geflüchteten Menschen durch deren biometrische Erfassung zu unfreiwilligen Datengeneratoren werden. Dongus sprach in diesem Zusammenhang denn auch von Daten- respektive Identitätsarbeit. Die biometrische Registration verschafft aber nicht nur Zugang zu einem potenziell unendlichen Datenreservoir, sondern potenziert auch die Möglichkeiten biopolitischer Kontrolle um ein Vielfaches. Das Scannen der Iris ist mittlerweile zu einer Voraussetzung für den Erhalt von Hilfeleistungen in den Camps geworden und damit zu einem Aus- respektive Eingrenzungsinstrument. Einmal erfasst, kann die Iris ähnlich einem Barcode als lebenslänglicher Datenspeicher benutzt werden, der Menschen – sowie deren (Flucht-)Geschichten – weltweit problemlos identifizierbar macht.

An den Geschichtstagen 2019 in Zürich zeigte sich, dass die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Arbeit von Frauen und Migrant/innen es erforderlich macht, die Arbeit selbst anders zu denken. Allerdings, so stellte ANNA LEYER (Basel) in ihrem Kommentar fest, ist die Beschäftigung mit der Arbeit von Frauen von einem Spannungsverhältnis zwischen Frauenarbeit und der Arbeit, in der Frauen besonders prekarisiert werden, geprägt. Es obliegt der historischen Forschung, diese zwei Ebenen genauer herauszuarbeiten, um die tatsächlichen Handlungsspielräume von Frauen aufzuzeigen. Dass auch Migrant/innen nicht nur Objekte, sondern aktive Akteur/innen in der Organisation von Arbeitsverhältnissen sind, diskutierte im Panel «Wie wird der Zusammenhang von Reichtum, Arbeit und Migration in der Schweiz in neueren Publikationen und Projekten thematisiert?» Damir Skenderovic gemeinsam mit Francesca Falk, Barbara Lüthi und Moritz Mähr. FRANCESCA FALK (Fribourg) wies darauf hin, dass Arbeitsmigrant/innen in den 1960er- und 70er-Jahren einen wichtigen Beitrag zum Ausbau der Krippeninfrastruktur in der Schweiz geleistet haben, von der in den 1980er-Jahren schliesslich auch Schweizer Arbeitnehmer/innen profitierten. Dieses Beispiel macht deutlich, so Falk, dass «ein Blick durch die Linse der Migration» eine Dekonstruktion bisheriger Forschungsannahmen im Zusammenhang mit wirtschaftlicher Produktivität und Arbeit ermöglicht, und damit eine neue Perspektive auf die (Wirtschafts-)Geschichte der Schweiz eröffnet.

Konferenzübersicht:

Podium: Einkommen, Vermögen und Erbschaften. Ungleichheit und Ungleichheitsforschung in der Schweiz
Moderation: Matthieu Leimgruber (Universität Zürich)

Teilnehmer/innen: Isabel Martinez (Universität St. Gallen), Marius Brühlhart (Universität Lausanne) Ursina Kuhn (Swiss Centre of Expertise in the Social Sciences, Lausanne), Gisela Hürlimann (Eidgenössische Technische Hochschule Zürich)

Soziale Ungleichheit im 19. Jahrhundert in der Schweiz
Verantwortung: Ulrich Woitek (Universität Zürich)

Kommentar: Tobias Straumann (Universität Zürich)

Giacomin Favre (Universität Zürich): Einkommens- und Vermögensmobilität im 19. Jahrhundert.

Gabi Wüthrich (Universität Zürich): “Bildung für die Glücksseligkeit Tausender”. Eine quantitative Betrachtung der Primarschulqualität in der Schweiz im langen 19. Jahrhundert

Marius Kuster (Universität Lausanne): Die Messung von Armutsgrenzen: Zürich (1910-1924)

Armut und Arbeitsmigration zwischen Asien und Europa, 1848—2018. Eine postkoloniale Perspektive
Verantwortung: Bernhard Schär

Kommentar: Robert Kramm

Philipp Krauer (Eidgenössische Technische Hochschule Zürich): Flucht vor der Armut – Schweizer Söldnermigration nach niederländisch Indien, 1848-1914

Olivia Killias (Universität Zürich): Armut exportieren – postkoloniale Migrationsregime des gegenwärtigen Indonesiens

Deutung und Veränderung von Arbeit durch Frauen im 20. Jahrhundert
Verantwortung: Sarah Baumann (Universität Fribourg) und Simona Isler (Universität Basel)

Kommentar: Anna Leyrer (Universität Basel)

Simona Isler (Universität Basel): Mehr Zeit für Arbeiterinnen. Der Einsatz des Schweizerischen Arbeiterinnenverbandes (SAV) für frauenspezifische Schutzgesetze

Sarah Baumann (Universität Fribourg): Das Leumundszeugnis sexueller Arbeit. Engagement von Genfer Sexarbeiterinnen für die Möglichkeit beruflicher Umorientierung (1980er-Jahre)

Lou-Salomé Heer und Bettina Stehli (freischaffende Historikerinnen, Zürich): Arbeit von Frauen mit Frauen für Frauen – der Anspruch auf ein anderes Arbeiten im Frauenprojekt "Villa Kassandra" in den 1980/90er-Jahren

Stillarbeit zwischen Reichtum und Prekarität: Ökonomien der Frauenmilch (17.–19. Jahrhundert)
Verantwortung: Nadine Amsler (Bern) und Arena Francesca (Universität Genf)

Kommentar: Claudia Opitz (Universität Basel)

Nadine Amsler (Bern): Durch Stillarbeit zu Reichtum? Ammen an frühneuzeitlichen Fürstenhöfen

Sarah Scholl (Universität Genf): Business ou révolution culturelle? Allaitement et lait en poudre dans la Suisse du XIXe siècle

Kinder -/Reichtum: Feministische Perspektiven auf Sexualität, Mutterschaft und Ökonomie nach 1950
Verantwortung: Céline Anghern (Universität Basel) und Anja Suter (Universität Basel)

Kommentar: Sara Bernasconi (Historikerin, Zürich)

Lisia Bürgi (Universität Bern): «Werdende Mütter in Bedrängnis». Straffreier Schwangerschaftsabbruch und Engagement zugunsten alleinerziehender Frauen

Anja Suter (Universität Basel): Die «(De-)Kolonisierung» des weiblichen Körpers: Vom Recht auf Abtreibung zum Recht auf Schwangerschaft in der schweizerischen Frauenbewegung (1970–1990)

Zur Kritik der digitalen Ökonomie
Verantwortung: Christiane Sibille (Universität Basel) und Martin Rüesch (Kantonsschule Zürich Nord)

Carlo Vercellone (Universität Paris VIII) : Le déplacement des frontières entre travail et temps libre dans le passage du capitalisme industriel au capitalisme cognitif. Le cas du Free Digital Labour

Moritz Feichtinger (Universität Zürich): «Cloud-busting»: Materialität, Arbeit und Energie in der globalen «Digitalen Ökonomie»

Ariana Dongus (Staatliche Hochschule für Gestaltung Karlsruhe): Versteckte Arbeitsorte im Datenkapitalismus

Wie wird der Zusammenhang von Reichtum, Arbeit und Migration in der Schweiz in neueren Publikationen und Projekten thematisiert?
Verantwortung: Francesca Falk (Universität Fribourg), Barbara Lüthi (Universität Köln)

Moderation: Damir Skenderovic (Universität Fribourg)

Francesca Falk: Buchpräsentation (Universität Fribourg): "Gender Innovation and Migration in Switzerland"

Anmerkungen:
[1] Reichtum, in: Schweizerische Geschichtstage 2019. <https://www.geschichtstage.ch/92/tagungsthema-reichtum.html> (20.6.2019).
[2] David Egger, Festakt zum 200. Geburtstag. Wenn Alfred Escher ruft, kommen sie alle, in: az Limmattaler Zeitung, 21.2.2019. <https://www.limmattalerzeitung.ch/limmattal/zuerich/festakt-zum-200-geburtstag-wenn-alfred-escher-ruft-kommen-sie-alle-134113874> (20.6.2019).
[3] Spannend hierbei ist, dass sich in dieser Entwicklung die anhaltende Geschlechterungleichheit in der Schweiz spiegelt: Martinez verwies darauf, dass unter den einkommensstärksten 1% Beschäftigten im Jahr 2019 lediglich 9% Frauen waren.
[4] Joseph Jung, Der Aufstieg der Schweiz hat einen Namen. zum 200. Geburtstag von Alfred Escher, in: NZZ Online, 20.2.2019. <https://www.nzz.ch/feuilleton/alfred-escher-vor-200-jahren-kam-der-schweizer-pionier-zur-welt-ld.1459148> [Stand: 24.6.2019].
[5] Da sich bereits ein Querschnittbericht mit dem Thema Migration auseinandersetzt, gehe ich nur kurz auf diesen Themenbereich ein.
[6] Weitere Informationen zu diesem Projekt finden sich hier: http://www.villakassandra.ch.

Zitation
Schweizerische Geschichtstage 2019: Arbeit, in: H-Soz-Kult, 20.09.2019, <www.hsozkult.de/debate/id/diskussionen-4845>.