Eliten und Elitenkritik vom 19. bis zum 21. Jahrhundert

Eliten und Elitenkritik vom 19. bis zum 21. Jahrhundert

Veranstalter
Archiv für Sozialgeschichte (Friedrich-Ebert-Stiftung)
Ausrichter
Friedrich-Ebert-Stiftung
PLZ
53175
Ort
Bonn
Land
Deutschland
Vom - Bis
29.10.2020 - 30.10.2020
Deadline
26.10.2020
Von
Philipp Kufferath, Friedrich-Ebert-Stiftung

Auf der jährlichen Tagung des Archivs für Sozialgeschichte (AfS), die aufgrund der aktuellen Umstände der Corona-Pandemie von der Friedrich-Ebert-Stiftung in diesem Jahr als Online-Format veranstaltet wird, werden zahlreiche Beitragsideen in 15-minütigen Präsentationen vorgestellt, um Fragen und Forschungsperspektiven für das Rahmenthema von AfS 61 (2021) zu entwickeln. Teilnahme im Einzelfall und nur nach Anmeldung möglich.

Eliten und Elitenkritik vom 19. bis zum 21. Jahrhundert

In den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg hatten Eliten ein gutes Image. Ihnen wurden hohe Qualifikationen, besondere Fähigkeiten zur Führung und ein hohes Leistungsvermögen zugeschrieben. In der westlichen Welt setzte sich sogar die Überzeugung durch, Eliten seien in Demokratien unverzichtbar und mit den ausgleichenden Tendenzen des modernen Sozialstaats in Einklang zu bringen. Im Zeitalter der Globalisierung sind die Eliten allerdings mehr und mehr in Verruf geraten. In der aktuellen Debatte werden politische Eliten von rechten Populisten im Namen des »wahren« Volkes als abgehobene Akteure präsentiert, die nur egoistische Interessen verfolgten. Linke Antikapitalisten machen in den Eliten, die ökonomisch von der Globalisierung profitieren, ebenso wie in den »Superreichen« jene Kräfte aus, die der Verwirklichung ihrer Gerechtigkeitsideale entgegenstünden.

In der politisch-sozialen Sprache verbinden sich mit dem Begriff der Elite also Fragen nach der Organisation von Herrschaft und weitreichende Vorstellungen über soziale Ordnungen und politische Zukunftsentwürfe. Insofern stellen Eliten auch für die Geschichtswissenschaft ein vielversprechendes Forschungsfeld dar. In diesem Zusammenhang wird der Begriff der Elite – ähnlich wie in der Soziologie – als analytische oder beschreibende Kategorie verwendet. Demnach wären Eliten als Gruppen von meist der Oberschicht angehörenden Menschen zu verstehen, die – auf unterschiedlichen Ebenen von Staat, Gesellschaft, Politik oder Kultur – Leitungsfunktionen übernehmen und bestimmend in Entscheidungsprozesse eingreifen. Eine Sozialgeschichte der Eliten verspricht insofern Erkenntnisse über die grundlegenden sozialen Strukturen der Gesellschaft, die Verteilung und Legitimation von Macht und die politischen Partizipationschancen in den Prozessen des gesellschaftlichen Wandels seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert.

Elites and the Critique of Elites from the 19th to the 21st Centuries

In the decades after the Second World War, elites had a rather good image. They were attributed high qualifications, namely the capacity for leadership and a high performance capability. In the Western world it even became a widespread view that elites are indispensable for democracies and can be brought in line with the equalizing tendencies of the modern welfare state. In the recent age of globalization, however, elites have increasingly fallen into disrepute. In current debates, right-wing populists, in the name of the »real« people, present political elites as out of touch with reality and only in pursuit of their egoistic interests. Leftist anti-capitalists identify those among the elites who profit economically from globalization as well as the »super-rich« as forces that obstruct the realization of their ideals of justice.

In political and social discourse, the term elite is thus connected with questions about the organization of power and with far-reaching ideas about social order and political designs for the future. In this perspective, elites are a promising field of inquiry also for historical research. Historians use the term elite – comparable to sociologists – as an analytical or descriptive category. Elites are hence understood as groups within the upper strata of society who occupy leadership roles in different fields of the state, society, politics or culture, and who have a crucial role in decision-making processes. A social history of elites promises insights into fundamental social structures of society, into the distribution and legitimation of power and into the chances for political participation in the process of societal changes since the late eighteenth century.

Programm

DONNERSTAG, 29. OKTOBER 2020

9.30 – 10.30 Uhr - Panel 1 - Moderation: Philipp Kufferath (Bonn)

Begrüßung und Vorstellungsrunde (Gruppenräume)
Philipp Kufferath (Bonn)

Eliten und Elitenkritik als Forschungsfeld
Thomas Kroll (Jena)

Eliteverständnisse. Eine historisch-soziologische Kritik des Elitenbegriffs
Peter Imbusch (Wuppertal)

11.00 – 12.30 Uhr - Panel 2 - Moderation: Ute Planert (Köln)

»Verwässerte« Elite? Prosopografische Untersuchung der neuen Aristokraten in Ungarn
Tamás Szemethy (Budapest)

Italian Elites under Napoleonic Rule: A Turning Point
Valentina Dal Cin (Venedig)

Europa in der Toskana. Soziale und kulturelle Praktiken transkultureller Eliten im Gabinetto Vieusseux in Florenz (1820–1861)
Annika Haß (Paris/Frankfurt am Main)

13.30 – 15.00 Uhr - Panel 3 - Moderation: Anja Kruke (Bonn)

Die Gesandten der Deutschen Bundesversammlung (1815–1866). Eine zwischenstaatliche Funktionselite zwischen Kritik und Integration
Marko Kreutzmann (Jena)

Privilegierte Außenseiter? Polnische Mitarbeiter und Delegierte bei der International Labour Organisation (ILO), 1919–1950
Natali Stegmann (Regensburg)

Elitenherrschaft im Zeitalter der »Massendemokratie«. Der Civil Service und die politische Kultur Großbritanniens im 20. Jahrhundert
Nikolai Wehrs (Konstanz)

15.30 – 16.30 Uhr - Panel 4 - Moderation: Kirsten Heinsohn (Hamburg)

»Eine neue Ordnung der Führungskräfte« Über Legitimationsstrategien technischer Eliten im Umfeld des faschistischen Parti populaire français (1936–1942)
Jakob Fesenbeckh (Paris/Heidelberg)

›Unverführbare‹ Verführer. Rhetorik als Elitenkompetenz in der frühen BRD
Lukas Rathjen (Zürich)

FREITAG, 30. OKTOBER 2020

9.00 – 10.30 Uhr - Panel 5 - Moderation: Friedrich Lenger (Gießen)

Getting Rid of their Ties. The Long-term Evolution of Elite Networks and Profiles in the Three Largest Swiss Cities, 1890–2020
Michael A. Strebel (mit Baptiste Antoniazza/André Mach) (Lausanne)

Recruitment of University Professors. The Top of the Hungarian Elite of Knowledge during the Interwar Period
Zsuzsanna Kiss (mit Gábor Kovács) (Budapest)

Ehreliten? Ehrenbürger, Ehrendoktoren und Honorarkonsuln in Berlin von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis in die Gegenwart
Olga Sparschuh (München)

11.00 – 12.30 Uhr - Panel 6 - Moderation: Dietmar Süß (Augsburg)

Elitenwechsel auf dem Lande. Strukturelle Brüche und subkutane Kontinuitäten in der Sowjetischen Besatzungszone und DDR, 1945–1990
Arnd Bauerkämper (Berlin)

Elitenbildung zwischen Neukonstruktion und Professionalisierung. Diplomaten der DDR 1949–1990
Björn Hofmeister (Berlin)

Elitenwechsel und Demokratisierungsprozess. Probleme der vergleichenden Elitenforschung Ostmitteleuropas
Helmut Fehr (Bubenreuth)

13.30 – 15.00 Uhr - Panel 7 - Moderation: Meik Woyke (Hamburg)

Unternehmensberater. Aufstieg und Fall einer ökonomischen und sozialen Elite, 1970er- bis 2000er-Jahre
Alina Marktanner (Köln)

Die Besteuerung von Eliten in Demokratie und Diktatur
Marc Buggeln (Augsburg)

Szene-Eliten. Selbststilisierung, soziale Praxis und postmoderne Ästhetisierung am Beispiel des Norwegian Black Metal (1984–1994)
Marco Swiniartzki (Jena)

15.00 – 15.30 Uhr - Abschlussdiskussion - Moderation: Thomas Kroll (Jena)

Weitere geplante Beiträge für den Band:

»Eliten-Bildung«. Globales Entwicklungswissen und die Rolle westdeutscher Experten am Indian Institute of Technology Madras (1958–1978)
Michael Homberg (Potsdam)

Kontinuität und Diskontinuität in der Entwicklung der Studienstiftung angesichts der Systembrüche 1933 und 1945
Habbo Knoch/Kerstin Thieler/Enno Schwanke (Köln)

»It Is Possible to Get Away with an Awful Lot if you Can Convince the People that you Don’t Actually Exist«. Zum gegenwärtigen Stand der Elitenforschung
Morten Reitmayer (Trier)

Sozialer Aufstieg in der »Leistungsgesellschaft«. Eine praxistheoretische Perspektive auf die Geschichte meritokratischer Deutungsmuster sozialer Ungleichheit
Alexander Mayer (München)

Ostdeutsche Eliten in der Diskussion (Arbeitstitel)
Rainer Eckert (Berlin)

Kontakt

Philipp Kufferath
afs@fes.de

https://www.fes.de/afs/termine