G. Holton u.a.: What Happened to the Children Who Fled Nazi Persecution

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Titel
What Happened to the Children Who Fled Nazi Persecution.


Autor(en)
Holton, Gerald; Sonnert, Gerald
Erschienen
Basingstoke 2006: Palgrave Macmillan
Anzahl Seiten
280 S.
Preis
$74.95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Christine Hartig, Göttingen

Der Wissenschaftssoziologe Gerhard Sonnert und der Physiker und Wissenschaftshistoriker Gerald Holton untersuchten in einem fünfjährigen Forschungsprojekt, worauf der außerordentliche Erfolg der rund 28.000 Kinder und Jugendlichen beruhte, die zwischen 1933 und 1945 aus dem Deutschen Reich und Österreich in die USA immigrierten. Dass die jugendlichen Flüchtlinge sich bereits in den ersten Jahren überraschend gut bewährten, zeigt schon die von jüdischen Hilfsorganisationen beauftragte frühe Studie von Maurice R. Davie aus dem Jahr 1947.[1] Judith Tydor Baumel fragte darüber hinaus anhand der Akten beteiligter Hilfsorganisationen und von Interviews nach den negativen und schmerzhaften Erfahrungen jener Kinder, die ohne ihre Eltern vor der nationalsozialistischen Herrschaft geflohen waren.[2] Sonnert und Holton erweiterten das vorhandene Material um 2.480 Fragebogen und rund 100 halbstandardisierte Interviews. Zudem werteten sie den United States Census, den National Jewish Population Survey und die elektronische Version von 'Who's Who' aus (S. 155). Ihr Ziel war es, in einer „Kollektivbiographie“ (S. 2) statistisches und biographisches Material miteinander zu verbinden. Die Autoren gehen davon aus, dass der Erfolg der Kinder und Jugendlichen auf den Transfer von kulturellem Kapital beruhe. Dieser Transfer sei Voraussetzung des Erfolges aber zugleich auch Ursache für Leiderfahrungen als zwei Seiten der gleichen Lebensgeschichte. Abschließend fragen die Autoren nach den Lerneffekten für heutige Migrationsprozesse.

Nach einer vorwiegend deskriptiven Darstellung des soziokulturellen Hintergrundes der Flüchtlinge, der nationalsozialistischen Verfolgungsmaßnahmen und der Fluchtrouten präzisieren die Autoren den sozioökonomischen Erfolg der Flüchtlinge auf der Basis der oben erwähnten quantitativen Quellen und im Vergleich zu verschiedenen Bevölkerungsgruppen in den USA. Tatsächlich war es für die immigrierten Frauen doppelt so wahrscheinlich in die höchste Berufssparte des amerikanischen Zensus – professionals – aufzusteigen wie für in den USA geborene Frauen, bei Männern war die Wahrscheinlichkeit im Vergleich zu den in den USA geborenen sogar dreimal so hoch (S. 78). Zurecht kritisieren die Autoren, die „assumptions in some early studies of the refugee children's quick and total Americanization as well of their quick and total psychological recovery were obviously too simplistic“ (S. 64) und gehen (wie aber bereits Tydor Baumel) von einer „limitation of Americanization“ (S. 48) aus. Zwar betrachten sich auch beruflich gleichermaßen erfolgreiche in den USA geborene Amerikaner als different von der amerikanischen Mehrheitsgesellschaft, die ehemaligen Flüchtlinge unterschieden sich von dieser Vergleichsgruppe aber nochmals durch ihr angenommenes höheres Interesse an klassischer Musik, Kunst und Politik. Zugleich beschrieben sie sich als weniger erfolgsorientiert, ambitioniert und familienorientiert sowie als zurückhaltender im Umgang mit Fremden, um nur einige wenige Punkte zu nennen (S. 115). Die in den Interviews wiederholt thematisierte positive Bewertung mitteleuropäischer Bildungsideale und deren Verklärung als grenzenüberspannende 'Arkadien' habe den ehemaligen Flüchtlingen, so die Autoren, eine zusätzliche identitätsstiftende Option jenseits der klassischen ethnischen Grenzziehungen erlaubt und die Affinität dieses kulturellen Kapitals zu allgemeinen Mittelstandswerten den Boden für eine schnelle Integration in die amerikanische Kultur geboten (S. 132). Dieser „convertibility of cultural capital“ (S. 155) gehen Sonnert und Holton unter anderem durch die generationsübergreifenden Analysen der familiären Berufsstrukturen nach. Obwohl es nur wenigen Familien gelang, auch nur Teile ihres Vermögens in die USA zu retten, erhöhten sich die Chancen der Kinder 'professionals' zu werden, wenn bereits der Vater einen entsprechenden Beruf ausgeübt hatte (S. 156). Das Geschlecht spielte aber ebenfalls eine entscheidende Rolle (bei gleichem familiären Hintergrund waren die Chancen der Männer höher als die der Frauen) und ebenso das Alter in welchem die Flucht erfolgte. So erwarben jüngere Immigranten und Immigrantinnen in der Regel höhere Bildungsabschlüsse und grenzten sich stärker vom amerikanischen Wertesystem ab (S. 170). Diese Beobachtung ist zugleich eine der wenigen Stellen, an denen die Verwendung unterschiedlicher Methoden von den Autoren fruchtbar gemacht werden kann, steht doch der empirische Befund im Gegensatz zu der Selbstwahrnehmung der Flüchtlinge, die vielfach ihren Erfolg auf die noch in Europa erfolgte Schulbildung zurückführen.

Erst gegen Ende der Studie wenden sich die Autoren den psychologischen Verletzungen der ehemaligen Flüchtlinge zu, die oft zu einem „enduring trauma“ (S. 181) führten. Sonnert und Holton heben heraus, dass diese Folgen von Verfolgung und Flucht nicht getrennt von den Erfolgen zu betrachten seien, sondern „the resilient drive toward overachivement was, in some instances, motivated by the desire to overcome some basic insecurities generated by the immigrant and refugee experience.“ (S. 182) Gleiches gelte für das kulturelle Kapital der ehemaligen Flüchtlinge, das nicht nur wertvolle Eigenschaften zur Bewährung in der us-amerikanischen Gesellschaft bereitstellte, sondern immer auch Anlass zu Gefühlen der Differenz und der Heimatlosigkeit blieb (S. 187). Eine Beobachtung, die auch von anderen Studien bestätigt wird.[3]

Die Studie zeigt ausdrücklich welches Potenzial in der Verbindung interdisziplinärer Zugänge und verschiedener Methoden liegt und stellt reichhaltige statistische Befunde nicht nur über die ehemaligen jugendlichen Flüchtlinge, sondern ebenso zu ihren Eltern und Kindern bereit. Dennoch stellt sich die Frage, ob standardisierte Erhebungsmethoden überhaupt geeignet sind, psychische Verletzungen zu erfassen. Zitate aus den Interviews haben zudem häufig illustrativen Charakter oder eine ergänzende Funktion. Die verschiedenen methodischen Zugänge werden so gerade nicht trianguliert (S. 4), sondern additiv verwandt.

Die Autoren greifen in der herangezogenen Literatur weit über den soziologischen Forschungsstand hinaus und ziehen sowohl englisch- wie deutschsprachige Literatur heran. Dennoch finden einige wichtige Forschungsergebnisse keinen Eingang in die Studie. Da die Zitate der Kinder und Jugendlichen ohne Einzelnachweis angegeben sind, lässt sich zudem nicht zwischen den von den Autoren erhobenen Interviews und bereits veröffentlichten autobiographischen Berichten differenzieren.

Sonnert und Holton betonen, dass viele der Kinder und Jugendlichen als 'instant adults' mit den Problemen und Verantwortlichkeiten einer 'Erwachsenenwelt' konfrontiert waren (S. 178). Dieses Phänomen, von den Autoren als „one of our most consisting findings“ (S. 178) beschrieben, ist in der Forschungsliteratur sowohl zu den so genannten Kindertransporten nach England als auch zur Situation von Kindern in Ghettos oder Lagern thematisiert worden.[4] Der Begriff der 'instant adults' wurde zudem bereits in Studien zu Migrationsprozessen im 19. Jahrhundert verwandt[5], ohne dass Unterschiede oder Gemeinsamkeiten zu der hier untersuchten Gruppe thematisiert werden. Weiterhin erfuhr die von den Autoren kritisierte Einschätzung, dass Kinder aufgrund ihrer Jugend weniger unter den psychischen Folgen der Verfolgung gelitten hätten, bereits zuvor eine Revision in der europäischen wie auch der us-amerikanischen Forschung.[6] Ein Vergleich zu zeitgenössischen Migrationsprozessen wie beispielsweise zu Flüchtlingen aus Indochina, deren „extraordinary success“, besonders unter den Kindern, ebenso auf „the role of cultural values as implemented through family life style“[7] zurückgeführt wurde, wäre zudem für das avisierte Ziel, die Ergebnisse der Studie für zeitgenössische Migrationsprozesse fruchtbar zu machen, Erfolg versprechend gewesen.

Anmerkungen:
[1] Maurice R. Davie, Refugees in America. Report of the Committee for the Study of Recent Immigration from Europe, New York 1947.
[2] Judith Tydor Baumel, Unfulfilled Promise. Rescue and Resettlement of Jewish Refugee Children in the United States 1934-1945, Juneau 1990.
[3] Vgl. die Beiträge von Inge Hansen-Schaberg, Sabine Hillebrecht, Doris Ingrisch und Andrea Strutz in dem Sammelband: Claus-Dieter Krohn u.a. (Hrsg.), Kindheit und Jugend im Exil. Ein Generationenthema, München 2006.
[4] Andrea Hammel, Familienbilder im Spannungsfeld. Autobiographische Texte ehemaliger Kindertransport-Teilnehmer, in: Wolfgang Benz u.a. (Hrsg.), Die Kindertransporte 1938/39, Frankfurt am Main 2003, S. 186-200. Vgl. Debóra Dwork, Kinder mit dem gelben Stern. Europa 1933-1945, München 1994.
[5] Joel Mokyr, Why Ireland Starved. A Quantitative and Analytical History of the Irish Economy, 1800-1850, London 1985.
[6] Barbara Bauer / Waltraut Strickhausen, Einleitung und Tagungsprotokoll, in: dies. (Hrsg.), 'Für ein Kind war das anders'. Traumatische Erfahrungen jüdischer Kinder und Jugendlicher im nationalsozialistischen Deutschland, Berlin 1999. United States Holocaust Memorial Museum. Center for Advanced Holocaust Studies (Hrsg.), Children and the Holocaust. Symposium Presentations, Washington, DC 2004.
[7] Nathan Caplan u.a., The Boat People and Achievement in America. A Study of Family Life, Hard Work, and Cultural Values, Ann Arbor 1989, S. 178.

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Veröffentlicht am
11.11.2008
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