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Titel
Löcher im Eisernen Vorhang. Theateraustausch zwischen Bremen und Rostock während des Kalten Krieges (1956-1961)


Autor(en)
Meyer-Braun, Renate
Erschienen
Berlin 2007: Trafo Verlag
Anzahl Seiten
245 S.
Preis
€ 24,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Brigitta Nimz, Staatsarchiv Bremen

Renate Meyer-Braun ist bereits durch vielfältige Publikationen zur Bremer Zeitgeschichte bekannt geworden, z. B. durch spezielle Veröffentlichungen zur Bremer Nachkriegszeit: „Die Bremer SPD 1949-1959“,1982; „Bremerinnen bewältigen die Nachkriegszeit“, Bremen, 1988; „Bremen in der Nachkriegszeit“, Bremen, 1990; „Alltag im Wirtschaftswunder“, Bremen, 2001.
Diesmal widmete sie sich einem Teil der bremischen und deutschen Theatergeschichte, dem Theateraustausch zwischen Bremen und Rostock während des Kalten Krieges (1956-1961): „Albert Lippert und Hanns Anselm Perten haben auf ihre Weise ein kleines Stück deutsch-deutscher Zeitgeschichte geschrieben, dieses vor dem völligen Vergessen zu bewahren, war das Anliegen dieses Buches“ (S. 232).

Es beginnt mit der Vorgeschichte, der Vorbereitung der ersten Runde des Austauschs und unvorhergesehenen Schwierigkeiten. In Kapitel 2 werden die Gratwanderung zwischen Kultur und Politik und die lokalen und zentralen Rahmenbedingungen für kulturelle Ost-West-Beziehungen umrissen. Im dritten Kapitel geht es um die erste Austauschrunde im Jahr 1956. Das Volkstheater Rostock tritt in Bremen mit Brechts „Der gute Mensch von Sezuan“ auf und das Bremer Theater gastiert mit Thomas Manns „Fiorenza“ in Rostock. Die Kapitel 4 und 5 beschreiben weitere Gastpielaustausche sowie die Rezeption des linken westdeutschen Dramatikers Günther Weisenborn in Bremen und Rostock. Das sechste Kapitel liefert Hintergrundwissen zur Wende in der gesamtdeutschen Kulturpolitik der SED. Im nächsten Abschnitt umreißt die Autorin die Eindrücke der Gastspielreisenden, die sie in der jeweils anderen Stadt gehabt haben, wie sie untergebracht waren, welche Freizeitangebote und sonstige Betreuungen es gab. Kapitel 8 bietet einen Exkurs zum Bremer Deutschen Haus am Markt und darüber, zu welchen Irritationen dieser Name beim Theateraustausch führte. Die folgenden Kapitel widmen sich dem durch veränderte politische Rahmenbedingungen zunehmend schwieriger werdenden Austausch, z. B. in den Jahren 1958-1960. Hier geht es teilweise um inhaltliche Differenzen, wie „Zu viel Brecht?“ oder „Wem gehört Schiller?“ und die Frage, ob das Stück „Die Bürger von Calais“ humanistisch oder pazifistisch ist? In diese schwierige Zeit gehört auch die Frage nach der Instrumentalisierung Bremens durch das Stadttheater Rostock bei der DDR-Ostseewoche (Kapitel 10). Als Hintergrund dazu bietet die Autorin einen Exkurs zum „Volkstheater Rostock in den fünfziger Jahren – ein Theater im real existierenden Sozialismus – ein sozialistisches Theater?“. Die letzten Kapitel beschreiben das abrupte Ende der Beziehungen und eine Bremerhavener Episode. Schließlich wird auch nicht vergessen, die Hauptakteure, Albert Lippert und Hanns Anselm Perten, kritisch zu würdigen. Abgerundet wird das Werk durch einen hilfreichen Anhang mit Abkürzungsverzeichnis, Quellen- und Literaturverzeichnis, Personenregister, einer Liste der Gastspiele und einem Bildnachweis.

Für die Untersuchung sind umfangreiche Recherchen in Archiven vorgenommen worden, so z. B. im Staatsarchiv Bremen, im Archiv des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR, Außenstelle Rostock, im Landesarchiv Greifswald, im Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde (Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR „SAPMO“) sowie im Stadtarchiv Bremerhaven. Die Ausführungen wurden durch Zeitzeugeninterviews und ein umfangreiches Literaturstudium ergänzt.

Die Beschreibung reicht von den ersten Annäherungen, der Suche nach möglichst unpolitischen Gemeinsamkeiten – bis hin zur letztendlichen Politisierung der Kontakte. Dabei sind die unterschiedlichen Beweggründe der damaligen zwei deutschen Staaten umrissen: Sie reichen von der sich „herausbildenden westdeutschen missionierenden Arroganz“ (S. 92) bis zur ostdeutschen Anerkennungspolitik (S. 94). Die Autorin bezieht aber beispielsweise auch die Tagungen des Hansischen Geschichtsvereins (S. 105) mit ein. Die Skizzierung des politischen Hintergrundes erfolgt überall dort, wo es zum unmittelbaren Verständnis nötig ist. Deutlich werden auch die Unterschiede zwischen den politisch gewollten Aktionen und der praktischen Umsetzung. Bei den Beteiligten stand der „Wunsch nach Kontakten, da wo es noch möglich ist, nämlich im kulturellen und menschlichen Raum“ (S. 163) im Vordergrund. Möglich waren diese Austausche nur aufgrund „menschlicher Beziehungen, künstlerischer Neugier und auf beiden Seiten viel Taktgefühls“ (S. 231). Dass dies nicht blauäugig geschah, sondern im vollen Bewusstsein des schmalen Grates zwischen Kunst und Politik (S. 172) wird eingehend dargestellt. Dabei hatten beide Theaterdirektoren durchaus Risiken zu tragen und „im Spiel mit den Mächtigen in der DDR [...] auszutarieren, wie weit man gehen kann. Perten hat das ausgereizt“ (S. 222). Dennoch bedeuteten die Gastspielreisen für den Rostocker Intendanten eine positive Reputation, während in Bremen der Theateraustausch in Vergessenheit geriet. Es bestanden seitens der Schauspieler sogar eher Befürchtungen, dass daraus Nachteile entstünden. (S. 203).
Die kulturellen Beziehungen fanden ihr sang- und klangloses Ende, weil die westliche Seite kein Interesse an einer Kooperation hatte (S. 200). Es kam zur Entlassung des alten Bremer Ensembles.

Die Darstellung ist sehr ausgewogen. Der Autorin gelingt es, die Beweggründe und Befindlichkeiten beider Seiten darzustellen und bei allem die kritische Distanz zu wahren. Der Schreibstil ist flüssig und sprachlich eingängig, auch deshalb ist die Publikation für ein breit gefächertes, (theater)interessiertes Publikum sehr empfehlenswert.

Redaktion
Veröffentlicht am
09.12.2008
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