Titel
Theodor Schiemann und die deutsche Russlandpolitik 1887–1918. Politische Publizistik als patriotische Pflicht


Autor(en)
Gelwich, Ludmila
Erschienen
Paderborn 2022: Ferdinand Schöningh
Anzahl Seiten
VI, 395 S.
Preis
€ 89,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Dietrich Beyrau, Institut für osteuropäische Geschichte und Landeskunde, Universität Tübingen

Die Monografie beruht auf einer in Augsburg 2020 vorgelegten Dissertation. Ludmila Gelwich ist zur Zeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung tätig. Entgegen den im Titel angegebenen Jahreszahlen umfasst die Monografie faktisch die gesamte Lebenszeit und die berufliche und politische Aktivität Schiemanns seit seiner Jugend und seinem Studium in Göttingen bis zu seinem Tod 1921.

Die Publizistik Schiemanns in den deutsch-russischen Auseinandersetzungen vor 1914 und während des Ersten Weltkriegs ist schon häufiger Gegenstand von wissenschaftlichen Untersuchungen gewesen. Aber die Verfasserin stützt sich auf eine sehr viel breitere Quellengrundlage als frühere Autoren. Die Arbeit schöpft zum größten Teil aus Materialien deutscher Archive, vor allem des Geheimen Staatsarchivs Preußischer Kulturbesitz und des Politischen Archivs des Auswärtigen Amts in Berlin. Sie wertet umfassend, manchmal zu ausführlich und redundant, die Publizistik Schiemanns aus. Die Studie ist chronologisch aufgebaut. Im Vordergrund der biografischen Entwicklung steht Schiemann als militanter politischer Publizist.

Zentral für seine politische Entwicklung war seine fundamentale Ablehnung der administrativen Eingriffe Petersburgs in die ständische Selbstverwaltung der Ostseeprovinzen Russlands und die sukzessive Russifizierung von Verwaltung und Bildungswesen seit den 1880er-Jahren. Als baltendeutscher „Literat“, Lehrer in Fellin und Archivar in Reval, erlebte er die Reformen als Angriffe auf die deutsche „Herrenkultur“, die er sowohl gegen die zentralstaatlichen Eingriffe Petersburgs als auch gegen die lettisch-estnischen Nationalbewegungen verteidigen wollte. Er sah sich in der Nachfolge von Carl Schirren, dessen Schrift Livländische Antwort (1869) die tradierte deutsche Herrenkultur der Ostseeprovinzen gegen russische Vorwürfe von Separatismus und Germanisierung der baltischen Bevölkerung verteidigte.

Neben Schiemanns Karriere und seinem Schrifttum ist der Autorin besonders wichtig die Untersuchung seiner Vernetzung, weil die Bedeutung und Reichweite seines publizistischen Schrifttums ohne Kenntnis seiner Verbindungen in die politische Sphäre – zum Kaiser Wilhelm II., zu den Kanzlern, zum diplomatischen Dienst und auch zum Militär – und in die Welt der Universität und ihrer „Mandarine“ nicht verständlich wären. Er machte sich nach seiner Emigration nach Deutschland 1887 und der Etablierung in Berlin seit Beginn der 1890er-Jahre zum inoffiziellen Sprachrohr, führte sich als Mentor der Berliner Politik auf, dominierte die Sicht der konservativen Kreise auf Russland, passte sich bei Bedarf den politischen Konjunkturen an, gelegentlich allerdings widersprach er auch oder engagierte sich für eine ihrer „Parteien“, sei es des Militärs, der Kanzler, der Agrarier oder der Diplomatie.

Von 1888 bis 1910 lehrte er an der Preußischen Kriegsakademie, was ihm Einfluss und Ansehen unter Militärs verschaffte. Gegen den hinhaltenden Widerstand der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität, aber dank seiner politischen Verbindungen erkämpfte er sich eine Dozentur und schließlich die Gründung des Instituts für Osteuropäische Geschichte und Landeskunde (1902) mit der Bestallung als ordentlicher Professor (1906). Als Historiker verdiente er sich diese Position mit einer vierbändigen Geschichte Russlands unter Kaiser Nikolaj I. (erschienen 1904–1919). Dank seiner Kontakte zum Neffen Kaiser Nikolajs II., dem Großfürsten Nikolaj Michajlowitsch, ebenfalls Historiker und Mäzen der Wissenschaft, hatte Schiemann auch Zugang zu russischen Archiven. Zum Inhalt und zum methodischen Zugang dieser Monografie macht die Autorin leider keine näheren Angaben. Zusammen mit dem Wiener Historiker Hans Übersberger und Schiemanns maßgeblichem Schüler Otto Hoetzsch gründete er die Zeitschrift für Osteuropäische Geschichte und Landeskunde (1910).

Im Zentrum der Monographie steht allerdings die publizistische Tätigkeit Schiemanns. Seit 1892 war er vermutlich einer der wichtigsten Mitarbeiter der Neuen Preußischen Zeitung (Kreuzzeitung) mit wöchentlichen Kommentaren zur Außenpolitik. Seine Kommentare und Berichte veröffentlichte er zwischen 1902 und 1915 in stattlichen 14 Bänden unter dem Titel Deutschland und die große Politik.

Die Darstellung Gelwichs folgt nun der Chronologie der wichtigsten innen- und vor allem der außenpolitischen Ereignisse. Schiemanns Berichterstattung und Kommentare ergingen manchmal in Absprache mit den politischen Instanzen, manchmal, besonders wenn es um das Verhältnis zu Russland ging, verfolgte er seine eigene Agenda. Wie auch die „große Politik“ bestimmte er das Verhältnis zum Zarenreich nach Gesichtspunkten deutscher Großmacht-Ambitionen unter taktischen Gesichtspunkten. Grundsätzlich ging es ihm darum, Russland einzuhegen und seine Allianzen mit Frankreich und Großbritannien zu unterlaufen oder aufzubrechen. Im Falle der Marokko-Krisen oder der Flottenkonkurrenz mit Großbritannien konnte dies auch zu einem „anglophobe outburst“ (S. 239) führen.

Emotional aufgeladen waren und blieben seine Beziehungen zu Russland. Seit den 1890er-Jahren war er auf die deutschfeindliche Presse, hier besonders auf die Novoe Vremja (Neue Zeit) fixiert, die er für ein Organ der Regierung hielt und in der er zugleich maßgebliche Kräfte der Gesellschaft repräsentiert sah. Schiemanns Haltung zu Russland lässt sich – spiegelbildlich zur chauvinistischen Presse in Russland, wie auch die Autorin betont, – als russophob kennzeichnen: Im russischen Volk erkannte er nur dessen nisus destructivus (S. 198), die Revolution von 1905 war ihm ein Beleg für die „Verwilderung der Massen“ (S. 196). Die antijüdischen Pogrome sah er als „Nemesis“ (S. 195) für das Verhalten der Juden in der Revolution. Die besonders gewalttätige lettisch-estnische Revolution von 1905/6 deutete er, wie viele baltendeutsche Adlige, als Ergebnis der Russifizierung der Ostseeprovinzen, das heißt der Schwächung der deutschen Herrenklasse.

Schiemann nahm sich nicht zufällig der Edition von Victor Hehns De moribus ruthenorum (1892) an, eines Klassikers russophober Literatur. Hehn, Lektor und Bibliothekar, war 1851 zu Unrecht verbannt worden und kondensierte seine Erfahrungen im Entwurf eines russischen Nationalcharakters, der alle gängigen negativen Stereotype versammelte, die spätestens nach 1848 in Europa kursierten, zuerst von den Liberalen, dann von den Konservativen kultiviert. Schiemann teilte die Ansichten von der „Scheinkultur und Barbarei“ Russlands (S. 303), Tolstoj und Gorkij galten ihm als Symptome nihilistisch-zersetzender Tendenzen in der russischen Kultur (S. 196). Der Gesellschaft und dem Volk konnte er nichts Positives abgewinnen. Die einzige Stütze für eine Zähmung der angeblichen „Orgie von Deutschenhass“ (S. 229) sah er in den Romanovs.

Von dieser Position aus erklärt sich seine Agitation im Ersten Weltkrieg, seine Forderung nach Annexion der Ostseeprovinzen, nach dem Erhalt und Ausbau der deutschen Vorherrschaft in dieser Region, zusätzlich mit der Wiederherstellung einer deutschen Universität Dorpat. Hier durfte Schiemann für ein paar Wochen als Kurator fungieren. Nicht zu Unrecht ist Schiemann als „Kriegshetzer“ (S. 300) bezeichnet worden. Wie viele seiner Gesinnungsgenossen verleugnete er nach dem Krieg jede Verantwortung Deutschlands und seiner Eliten für den Kriegsausbruch und die annexionistische Politik.

Die grundsätzlichen Daten zur Karriere Schiemanns und zu seinen politischen Positionen sind bereits in der älteren Literatur bearbeitet worden. Das Verdienst der Studie liegt in der Rekonstruktion der Netzwerke, in denen sich der Historiker und Publizist bewegte, wie er sie nutzte (und sich benutzen ließ) und wie er über diese Netzwerke seine Agenda betrieb – den Erhalt deutscher Adelsherrschaft in den Ostseeprovinzen.

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