Die bankhistorische Forschung in Deutschland hat während der letzten zehn Jahre unverkennbare Fortschritte gemacht. Dennoch bleiben erhebliche Desiderata und Forschungslücken. Dazu zählt vor allem die Analyse von Entscheidungsstrukturen und Strategiebildung in den deutschen Kreditinstituten. Weder für das Kaiserreich noch für die nachfolgenden Epochen ist die Frage untersucht worden, wieso Banken auf bestimmte Marktsignale reagieren, ob sie bei veränderten Wettbewerbsverhältnissen neue Organisationsstrukturen implementieren, oder ob dieser Prozess losgelöst von bestimmten Rahmenbedingungen stattfindet. Diese bisher nur in Ansätzen geführte Debatte bildete offenbar auch den Anlass für eine umfassende Studie zur Professionalisierung des Bankbetriebs. Markus Dahlems Dissertation setzt sich das Ziel, anhand einer genauen Analyse der Organisationsstrukturen von Banken die Frage zu klären, wieso einige Kreditinstitute während des Kaiserreichs am Markt erfolgreicher waren als andere.
In einem ausführlichen einleitenden Kapitel setzt sich Dahlem sowohl mit der bisherigen Forschung zur Rolle der Kreditwirtschaft im Kaiserreich als auch mit den bisherigen Theorieangeboten zur Interpretation der Rolle von Banken in modernen Volkswirtschaften auseinander. Dabei erhebt er gegen die bisherige Bankengeschichte in Deutschland deutliche Vorwürfe: Sie sei zu wenig theoretisch fundiert, huldige dafür umso mehr einem empirischen Eklektizismus und sei immer noch zu sehr vom Geist einer „alten“ Festschriftenkultur durchzogen. Eine neue und theoriegeleitete Bankengeschichtsschreibung sei daher notwendig. Wenn auch einige dieser Vorwürfe zutreffend sind, so wirkt die Auseinandersetzung Dahlems mit einigen älteren Werken doch sehr plakativ. Zudem überzeugen seine theoretischen Überlegungen und sein Vorschlag, die Bankengeschichte in das Theoriekonzept der Neuen Institutionenökonomie einzubinden, nicht vollständig. Warum die Neue Institutionenökonomie, deren Arsenal ja durchaus in einigen einschlägigen Arbeiten benutzt wurde, und nicht etwa die Systemtheorie der Königsweg für eine ambitionierte Bankengeschichte sein soll, bleibt unklar. Zudem ist zu bemängeln, dass es Dahlem nicht gelingt, aus seinen theoretischen Überlegungen ein konzises und stringentes Konzept für seine eigenen empirischen Forschungen zu entwickeln.
Dieser Mangel wird im empirischen Teil der Arbeit deutlich. Anhand von vier großen Fallstudien will Dahlem hier die „institutionelle Struktur“ deutscher Banken zwischen 1871 und 1914 klären. Damit meint er zum einen den Aufbau und die Weiterentwicklung von internen Organisationsstrukturen der Kreditinstitute, zum anderen deren „Markt-performance“ und Markterfolg. Als Fallbeispiele dienen ihm die Deutsche Bank, die Disconto-Gesellschaft, die Berliner Handels-Gesellschaft und das Frankfurter Privatbankhaus Gebr. Bethmann. Dass der Marktführer Deutsche Bank und ein renommiertes Privatbankhaus zum Untersuchungsobjekt wurden, ist sicherlich nachvollziehbar. Warum aber gerade zwei der großen „alten“ Kreditinstitute wie die Disconto-Gesellschaft und die Berliner Handels-Gesellschaft zum Sample zählen, ist nicht ganz einsichtig. Beide Institute verfügten lange Zeit über eine ähnliche Leitungsstruktur und verfolgten eine ähnliche Geschäftsphilosophie. Hier wäre es sicherlich interessanter gewesen, eine große und bedeutende Regional- oder Provinzbank wie etwa die Allgemeine Deutsche Credit-Anstalt in Leipzig in das Sample aufzunehmen, zumal zu diesem Institut ausreichend Quellenmaterial zur Verfügung steht.
Da kein stringentes Forschungskonzept abgearbeitet wird, lässt der empirische Befund zu den einzelnen Kreditinstituten zudem einige Fragen offen. Über die Deutsche Bank erfährt der Leser zum Beispiel nur selten etwas Neues. Außer auf eine überschaubare Zahl von Quellen stützt sich Dahlem hier zu einem großen Teil auf die bekannten Darstellungen von Fritz Seidenzahl aus dem Jahre 1970 und von Lothar Gall aus dem Jahre 1995. Zwar werden die einzelnen Etappen zur Herausbildung einer leistungsfähigen Organisationsstruktur des Instituts ebenso nachgezeichnet wie verschiedene Brüche und Wechsel in der Unternehmensstrategie, so etwa der Aufbau eines eigenen Filialnetzes und die Intensivierung der Geschäftskontakte nach Asien und Südamerika. Doch bleibt oft unklar, was die eigentlichen Motive für diese Schritte waren und wer in der Führungsebene der Deutschen Bank für jeweilige Innovationen im Geschäftsbetrieb verantwortlich zeichnete - und warum! Die Darstellung bleibt daher in der Regel rein deskriptiv und geht vielfach nicht über das bereits Bekannte hinaus.
Im Wesentlichen trifft dieser Befund auch für die Disconto-Gesellschaft und die Berliner Handels-Gesellschaft zu, auch wenn Dahlem hier einige neue Details präsentieren kann, die von der Forschung bisher nicht so sehr beachtet wurden. Eher sind die Ergebnisse für das Bankhaus Gebr. Bethmann von Interesse, wo Dahlem zeigen kann, dass es dem Privatbankhaus gelang, trotz eines erheblichen Strukturwandels in der Kreditwirtschaft des Kaiserreichs und trotz eines Bedeutungsverlustes in angestammten Geschäftsfeldern neue Nischen zu erschließen, die auch langfristig eine stabilen Markt- und Geschäftserfolg sicherten. Dieser Befund deckt sich mit Ergebnissen, die zur Rolle von Privatbankiers in der Weimarer Republik präsentiert wurden. Als Fazit seiner empirischen Fallstudien kommt Dahlem zu der Schlussfolgerung, dass alle von ihm untersuchten Banken während des Kaiserreichs eine erfolgreiche Geschäftspolitik betreiben konnten, obwohl sie teilweise unterschiedliche Geschäftsstrategien verfolgten und Unterschiede im operativen Geschäft aufwiesen. Ähnlichkeiten im Aufbau von Organisationsstrukturen lassen sich allerdings auch identifizieren. Dieser Befund wirft natürlich die Frage auf, welchen Stellenwert die „Professionalisierung des Bankbetriebs“ besitzt.
Dieser Frage geht Dahlem im zweiten Teil seiner empirischen Analyse nach. Hier thematisiert er die Beziehungen zwischen Banken und Industrie als wichtigen Teil des institutionellen Arrangements, das der Kreditwirtschaft einen Markterfolg sichert. Zur Überprüfung dienen fünf Fallstudien. Der empirische Befund ist jedoch in zwei Fällen höchstens skizzenhaft. In einem weiteren Fall, dem des Norddeutschen Lloyd, werden nur die Beziehungen des Unternehmens zu einer seiner wichtigen Bankverbindungen, der Deutschen Bank, untersucht. Auf andere für die Finanzierung des Lloyd wichtige Banken, wie etwa die Bremer Bank, wird dagegen nicht eingegangen. Überhaupt fällt auf, dass die Beziehungen zwischen Banken und Industrie in erster Linie auf der Grundlage von Quellen zur Deutschen Bank diskutiert werden, während anderes Archivmaterial vergleichsweise selten herangezogen wird. Dieses Kapitel erweckt daher eher den Eindruck, als sei es aufgrund von anderen Studien zum Verhältnis von Banken und Industrie dem eigentlichen empirischen Befund hinzugefügt worden, um auch diese Facette anzusprechen. Inwieweit sich aus den teilweise sehr kurzen Fallstudien - ausgenommen der Fall der AEG und ihrer Beziehungen zur Berliner Handels-Gesellschaft - ein valider Erkenntniswert ableiten lässt, ist sicherlich zu diskutieren.
Insgesamt hat Dahlem die Forschung zur Rolle der Banken im Deutschen Kaiserreich um einige interessante Aspekte bereichert. Der Eindruck lässt sich jedoch nicht verwischen, dass der Arbeit ein präzises Forschungskonzept fehlt. Die Ergebnisse wirken daher oft additiv nebeneinandergestellt, ohne dass mit analytischer Tiefenschärfe die Ursachen der Unterschiede und Gemeinsamkeiten in der „performance“ einzelner Banken herausgearbeitet würden. Vielleicht ist dies angesichts der verfügbaren Quellen und der vom Autor gewählten eindeutigen Fokussierung auf Archivmaterial zur Deutschen Bank auch gar nicht anders möglich. So bleibt das Fazit, dass die Debatte über die Hintergründe und Ursachen von Entscheidungen und Geschäftsstrategien deutscher Banken im Kaiserreich, über die Unterschiede in ihrem Führungsstil und ihrem Marktverhalten weiter zu führen ist.