In dem vorliegenden Sammelband „greifen die Beiträge wichtige sozial- und kulturhistorische Stränge der neueren slowenischen Geschichte auf“ (S. 7) – dies mit dem expliziten Verweis auf den Band zur italienischen Sozialgeschichte von 19981, womit ein Vergleich nahezu heraufbeschworen wird.
Grundsätzlich muss jede Darstellung slowenischer Geschichte mit der räumlichen Dimension beginnen. So wird auch hier grosso modo das Territorium der heutigen Republik als Ausgangspunkt definiert, auf die Rolle der EmigrantInnen oder die slowenischen Minderheiten in den Nachbarstaaten nur verwiesen. Die Beiträge umfassen den Zeitraum seit etwa der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zu rezentesten Entwicklungen. Die chronologisch gereihte Abfolge ist insofern irritierend, als die Thematiken pro Zeitabschnitt teilweise unterschiedlich sind, es werden sowohl Längsschnitte als auch Spezialthemen präsentiert. Die Stärke des Bandes ist zugleich auch seine Schwäche: Nebeneinander werden Darstellungen von sozial- und kulturhistorisch interessanten Teilaspekten der slowenischen Geschichte und fachhistorischen Entwicklungen geboten, dies aber nicht kongruent, sondern additiv. Man erfährt dabei sehr viel über die Geschichte Sloweniens und einiges über die Geschichte der Fachgebiete mit sozial- und wirtschaftswissenschaftlichem Schwerpunkt – dies aber so fundiert, dass man sich als LesendeR von allem mehr wünschte. Im Band zu Italien wurde dies eleganter gelöst: Es gab eine kurze Einleitung zur Forschungslage und eine Einteilung in die einzelnen thematischen Kapitel. Eine solche Einteilung in zumindest zwei Abschnitte hätte die Irritationen etwas gedämpft.
Die Zusammenfassung folgt dieser Idee einer Teilung in Geschichte Sloweniens und Geschichte des Fachs. Außerhalb der Reihe gestellt ist der Beitrag von Jože Pirjevec, der die Geschichte der slowenischen Eigenstaatlichkeit seit der programmatischen Verkündigung der Existenz Sloweniens (1848) und die Konflikte in der Aufarbeitung der Vergangenheit seit 1991 zusammenfasst. Dies stellt eher eine inhaltliche Einleitung dar, allerdings ohne Verankerung im programmatischen Konzept des Bandes.
Kohärente Analysen von Teilgebieten sozial- und kulturwissenschaftlicher Forschung bieten Žarko Lazarević, Bojan Godeša und teilweise Marta Verginella. Lazarević thematisiert sehr klar strukturiert die Entwicklung der Wirtschaftshistoriographie, die sich auf Basis früherer Werke in den 1960er-Jahren zu etablieren begann. Zunächst dem Positivismus verpflichtet nahmen die Forschenden zunehmend internationale Trends – etwa den konstruktivistischen Ansatz – auf, von einem Umbruch in der Forschung kann jedoch erst seit den 1990er-Jahren gesprochen werden. Integriert in diesen Aufriss wird eine Übersichtsdarstellung zur slowenischen Wirtschaftsentwicklung im 20. Jahrhundert, was den Text substantieller macht, jedoch auch etwas unübersichtlicher.
Deutlicher den Weg einer Literaturanalyse geht Bojan Godeša in seinem Artikel über die „social and cultural aspects“ der Historiographie zum Zweiten Weltkrieg. Chronologisch stellt er die einzelnen Forschungsperioden seit 1945 dar, wobei der Schwerpunkt auf den letzten zwanzig Jahren und den gegenwärtigen antagonistischen Interpretationsmustern der slowenischen Gesellschaft (als Beispiel für postsozialistische Gesellschaften in Zentraleuropa?) liegt. Generell unterscheidet sich die rezente Weltkriegsforschung als autonomes Feld in Bezug auf Methoden und Fragestellungen nicht von internationalen Trends, wie der Autor darstellt. Ein wenig mehr über die Rolle der Emigranten sowie jene der Veteranenverbände wäre aber noch ein Atout gewesen.
Marta Verginella führt in knapper Form in die Thematik der Frauen- und Geschlechtergeschichte ein, die relative Kürze des Beitrags kann offenbar symbolisch gelesen werden für die Stellung, die Geschlechterforschung derzeit in Slowenien genießt. Die Übersicht beginnt mit der Entwicklung der Frauenbewegung im „bürgerlichen“ Jugoslawien und ihrer (überraschend) marginalen Rolle im sozialistischen Nachfolgestaat. Ein Teil des Beitrags widmet sich der Entwicklung des Fachs, das sich mühsam etabliert, während die Perspektive der Geschlechterbeziehungen sich nach wie vor nicht in neueren Werken niederschlägt. In der Kürze gehen manche Schärfungen hinsichtlich inhaltlicher Auseinandersetzungen im Fach leider verloren.
Die anderen Autorinnen und Autoren verfolgen die Präsentation inhaltlicher Schwerpunkte. Ausgehend von einem Brief eines Fabrikleiters (reichs)deutscher Herkunft rollt Peter Scherber die Episode eines Zusammenstoßes von „deutschen“ Turnvereinsmitgliedern und slowenischen Bauern im Jahr 1869 auf. Vor diesem Hintergrund skizziert er die Geschichte der Papierfabrik bzw. der slowenischen Nationalbewegung in ihrer Frühphase. Der sozialhistorisch interessante Hintergrund wird dabei aber nur wenig ausgeleuchtet.
Eine sozialdemographische Skizze über die Auswanderung von SlowenInnen seit dem Ende des 19. Jahrhunderts zeichnet Marjan Drnovšek in seinem Beitrag. Darin thematisiert er nicht nur forschungsrelevante Probleme, sondern auch die Reaktion des (jeweiligen) Staates auf die Emigration. Gezielte Förderung erfährt Arbeitsmigration erst in den 1960er-Jahren – in dieser Phase wird Slowenien selbst verstärkt Einwanderungsland für EinwohnerInnen anderer jugoslawischer Teilrepubliken. Diese Schilderung ist mit viel (immerhin problematisiertem) Zahlenmaterial unterfüttert, bietet dabei jedoch einen guten Überblick.
Eine andere Quellenbasis wählte Miran Hladnik bei der Analyse sozialen Verhaltens in der slowenischen Populärliteratur (1836 bis 1938). Einerseits bietet er eine Zusammenstellung der Sozialverteilung von AutorInnen und Leserschaft in dieser Phase, andererseits thematisiert er zentrale Figurationen in den Texten selbst, etwa Geschlechterbeziehungen oder die „Abschlüsse“ von ausgewählten Werken. Der größte Teil ist „nationalen Überlebensstrategien“ gewidmet, es ist jedoch nicht ganz nachvollziehbar, ob dies tatsächlich ein Schwerpunkt der literarischen Produktion oder bloß der Analyse des Autors ist.
Neueste Tendenzen der Forschung zum Ersten Weltkrieg spiegeln sich in Petra Svoljšaks Beitrag über die Isonzo/Soča-Front, wobei sehr viel Hintergrundinformation zum Hinterland geboten wird – mit Schwerpunkt auf Flüchtlingslagern und den Strukturen der italienischen Okkupation. Das verweist auf den Forschungsschwerpunkt der Weltkriegsexpertin, eine Zusammenfassung der Forschungen zum Ersten Weltkrieg in Slowenien wäre dazu eine gute Ergänzung gewesen.
Dušan Nećak bietet einen Überblick über die Zwangsemigration während des Zweiten Weltkriegs und in der Phase danach als eine Synopsis an Zwängen und Vertreibungen unter unterschiedlichen ideologischen Vorzeichen. Als Experte für die deutsche Minderheit setzt er hier den Schwerpunkt an. Der Beitrag vernachlässigt jedoch sozialwissenschaftliche Perspektiven zugunsten einer klar strukturierten Gesamtschau auf ein konfliktreiches Narrativ der slowenischen Identitätskonstruktionen.
Dekonstruktivistisch und dabei äußerst luzide nähert sich Mitja Velikonja dem aktuellen Titokult an. Dabei unterscheidet er zwischen hegemonialen Diskursen und individueller Wahrnehmung, zwischen historischem Tito-Kult und neuen individualisierten Zuschreibungen und definiert „Broz“ als Projektionsfläche einer retrospektiven Utopie. Dieser Beitrag ist deutlich in den Cultural Studies verortet. Sein Zugang wirkt erfrischend ironisch, verführt zu vielen Anführungszeichen und manchmal zur Vernachlässigung von Quellenbelegen.
Aus der Sicht eines „neutralen“ Erzählers in einem Roman von Feri Lainšček verfolgt Tatjana Petzer einen „ethnologischen Blick auf die Roma“. Anhand einiger Szenarien rollt die Autorin exemplarisch Aktionsmöglichkeiten der Roma und die Exklusionsstrategien der sozialistischen Gesellschaft gegenüber der Minderheit auf, die auch im neuen gesellschaftlichen Konzept nicht integriert wird. Der Forschungsansatz geht auch auf und liest sich spannend, allerdings wirkt er aufgrund der Kürze des Beitrags manchmal spekulativ, weil dem Leser die Textbasis (der Roman) fehlt. Ein sozialhistorischer Befund zur Entwicklung der Roma und Sinti in Slowenien wäre allerdings insgesamt nicht verkehrt gewesen.
Die Aufsätze bieten die angekündigten interessanten „Stränge der slowenischen neueren Geschichte“, man erfährt (häufig en passant) einiges über Mechanismen slowenischer Forschungspragmatik: Etwa deskriptiv-positivistische Herangehensweisen als Möglichkeit, dem Druck der ideologischen Interpretationsvorgaben (vor 1991) auszuweichen; die Verwerfungen in der slowenischen Gesellschaft in Hinblick auf ihre unmittelbare Vergangenheit, die bisweilen in der Abwertung älterer Arbeiten unter umgekehrten ideologischen Vorzeichen gipfelt; die Reflexion neuester Tendenzen wissenschaftlicher Forschung im Schatten dieser Vergangenheit. Der Sammelband leistet einen Beitrag zur Vergleichbarkeit der Forschungslandschaft, und die Aufsätze sind gut lesbar, auch wenn man nur über geringe Vorkenntnisse verfügt. Was auffallend fehlt, ist ein Beitrag zur Geschichte der oder rund um die Arbeiterbewegung, wie ihn die Herausgeberin Sabine Rutar2 selbst hätte verfassen können, und ein Blick auf die für Slowenien so wichtige Moderne. Wieder muss auf den Band zu Italien verwiesen werden, der hier einiges vorgibt. Insofern beantwortet dieser Sammelband im Vergleich durchaus neue, spannende Fragen, vernachlässigt dafür aber andere Thematiken.
Anmerkungen:
1 Mitteilungsblatt des Instituts zur Erforschung der europäischen Arbeiterbewegung, Heft 21, 1998: Sozialgeschichte und soziale Bewegungen in Italien 1848-1998: Forschungen und Forschungsberichte, hg. von Rolf Wörsdörfer.
2 Sabine Rutar, Kultur - Nation - Milieu: Sozialdemokratie in Triest vor dem Ersten Weltkrieg (Veröffentlichungen des Instituts für soziale Bewegungen A 23), Essen 2004.