: The Crimean War and its Afterlife. Making Modern Britain. Cambridge 2022 : Cambridge University Press, ISBN 9781108820394 XV, 347 S. $ 29.99

: The Crimean War and Cultural Memory. The War France Won and Forgot. Toronto 2023 : University of Toronto Press, ISBN 9781487547776 210 S. $ 70.00

Rezensiert für den Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung bei H-Soz-Kult von:
Manuel Geist, Historisches Seminar, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg

Lange Zeit galt der Krimkrieg (1853–1856) – überlagert durch die Erinnerungen an die beiden Weltkriege – als ein weithin vergessener militärischer Konflikt des 19. Jahrhunderts. Mit der russischen Annexion der Krim 2014 und dem russischen Angriff auf die Ukraine 2022, der zu großen Teilen operativ von der Schwarzmeerhalbinsel aus gesteuert wird, ist der Krimkrieg wieder zu einer zentralen geschichtspolitischen Referenz des Kremls aufgestiegen. So stilisierte Putin die Abwehrschlacht um Sevastopol, die russische Truppen im Jahr 1855 unter enormen materiellen und menschlichen Verlusten gegen französische und britische Angreifer ausfochten, zum Symbol des militärischen Ruhms und zum schicksalhaften Vorläufer des aktuellen Kampfes der russischen Nation gegen den so genannten „kollektiven Westen“ (Godfrey, S. 21). Umgekehrt wirkt das im April 2022 von US-Verteidigungsminister Austin ins Spiel gebrachte Kriegsziel einer dauerhaften Schwächung von Russlands militärischem Angriffspotenzial wie eine Reminiszenz an die einstigen Strategiedebatten in Großbritannien.1

Vor diesem zeitgeschichtlichen Hintergrund erhalten die jüngst erschienenen Bücher von Lara Kriegel und Sima Godfrey über den Platz des Krimkriegs in der Geschichte der britischen und französischen Erinnerungskultur eine besondere Relevanz. Nachdem die historische Krimkriegsforschung in den letzten beiden Jahrzehnten ihren Fokus auf global- und mediengeschichtliche Ansätze gelegt hatte2, stellen die Arbeiten von Kriegel und Godfrey mit ihren neueröffneten erinnerungsgeschichtlichen Perspektiven eine gewinnbringende Ergänzung des Forschungsfeldes dar. Allerdings offenbaren beide Untersuchungen konzeptionelle und methodische Schwächen, die die Überzeugungskraft der formulierten Thesen und die Reichweite der Erklärungshorizonte bisweilen einschränken.

Lara Kriegel, Professorin für Geschichte und Englische Literatur an der Universität Indiana, unternimmt in ihrem 2022 erschienenen Buch den ambitionierten Versuch, die Bedeutung der Krimkriegserinnerung für die Ausbildung des modernen Großbritanniens von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart nachzuverfolgen. Die Untersuchung ist durch sechs Fallstudien strukturiert, die sich kapitelweise einem für die britische Krimkriegsdebatte bedeutsamen historischen Akteur, Gegenstand oder Thema widmen und dessen Behandlung in der britischen Öffentlichkeit Kriegel jeweils für den mehr als 150-jährigen Untersuchungszeitraum rekapituliert. Die Fallauswahl – britische Reisende und Journalisten auf der Krim (Kapiteltitel: „The Adventurers“), die Leichtbrigade („The Dutiful“), der ab 1856 verliehene Militärorden des Viktoria-Kreuzes („The Brave“), die Pflege der auf der Krim und in Istanbul gelegenen britischen Kriegsgräber („The Custodians“), Florence Nightingale („The Heroine“) und Mary Seacole („The Foremother“) – bildet dabei auf überzeugende Weise sowohl die zentralen Motive der Mythenbildung im britischen Erinnerungsdiskurs als auch ihre inhärente Dekonstruktion ab.

Über die Gesamtlektüre ergibt sich das Bild, dass als Reaktion auf die seit dem Herbst 1854 kursierende öffentliche Kritik an dem Versagen der aristokratischen Militärführung, die sich in den hohen Opferzahlen an der Front und in der prekären gesundheitlichen Versorgung der Kriegsverletzten widerspiegelte, in Großbritannien ein neues Konzept des Kriegshelden entstand, das analytisch als Demokratisierung beziehungsweise Pluralisierung des Heroischen beschrieben werden könnte. Dieses fand in den Figuren der in Tennysons Gedicht verewigten Kavalleristen, die in der Schlacht von Balaclava auf Befehl ihrer Vorgesetzen in einen sinnlosen Tod geschickt wurden, sowie in der selbstlosen, die Mängel des sanitären Systems kompensierenden Philanthropin Florence Nightingale, seine ikonischen Repräsentanten. Zudem versprach das von der britischen Regierung eingeführte Victoria Cross, ausgehend von dem meritokratischen Kriterium seiner Vergabe, soldatischen Mut fortan ohne Ansehen des militärischen Rangs auszuzeichnen. Diese Mythen übernahmen laut Kriegel eine identitätsstiftende Funktion für die moderne britische Gesellschaft, die bis ins 21. Jahrhundert nachwirke.

Allerdings wurde das neue heroische Narrativ in der historischen Entwicklung mehrfach herausgefordert, insbesondere dann, wenn gegenteilige Erfahrungen dessen Glaubwürdigkeit unterliefen. So regte sich unter Veteranenverbänden Protest gegen die ideelle und materielle Privilegierung der Überlebenden der Leichtbrigade (S. 70) und radikale Journalisten kritisierten, dass das Victoria Cross lediglich als Feigenblatt zur Kaschierung der fortbestehenden Übel des Militärapparats dienen würde (S. 96f.). Reisende, die nach Ende des Krimkriegs die britischen Friedhöfe in Scutari und auf der Krim besichtigten, klagten über die Verwahrlosung der Gräber und schrieben damit die Erzählung über die Verletzung der staatlichen Fürsorgepflicht gegenüber den einfachen Soldaten fort (S. 136f.). An der Schwelle zum 21. Jahrhundert geriet schließlich auch die bislang unantastbare Stellung Florence Nightingales ins Wanken, als dieser mit der Wiederentdeckung ihrer jamaikanischen Zeitgenossin Mary Seacole eine erinnerungspolitische Konkurrentin erwuchs. Letztere wurde von progressiven Kreisen zur Symbolfigur der nicht-weißen britischen Geschichte aufgebaut und erschien damit im Kontrast zum überkommenen angelsächsisch-protestantischen Wertesystem, das Nightingale idealtypisch verkörperte.

Jedoch können die interessanten Einzelbefunde, die auf die Spannungsverhältnisse moderner Gesellschaften verweisen, nicht darüber hinwegtäuschen, dass Kriegels Argumentation letztlich der Fluchtpunkt abhandenkommt. Dies lässt sich auf die konzeptionelle Unbestimmtheit ihres Ansatzes und die Fallhöhe ihrer Hauptthese zurückführen, die sich bereits im Titel ihres Buches andeuten. Den zentralen analytischen Begriff ihrer Arbeit – „Afterlife“ – definiert Kriegel als „a notion that apprehends the reverberations of the conflict over ages – its unfinished business and its unanticipated effects, its literary inheritances and its material residues, its structures of feeling and its unanswered questions” (S. 4). Damit erhält dieser den Charakter eines Sammelbegriffs, der die Gesamtheit aller mit dem Krimkrieg verbundenen materiellen und diskursiven Phänomene einschließt, ohne diese thematisch oder zeitlich einzugrenzen und funktional auszudifferenzieren. Zwar leitet sich daraus nicht zuletzt die beeindruckende Vielfalt der von Kriegel verwendeten Quellentypen ab – von Militärberichten über Reisetagebücher hin zu Werbefilmen –, doch führt die Unschärfe des Begriffs in Kombination mit dem sehr langen Untersuchungszeitraum, den Kriegel nicht weiter problematisiert oder periodisiert, zur methodischen Überforderung und befördert eine argumentative Zerfaserung. Hinzu kommt, dass Kriegels Hauptthese, wonach das Nachleben des Krimkrieges eine signifikante Wirkmacht auf die Ausbildung von modern Britain besessen habe, den folgenden Ausführungen eine Beweislast aufbürdet, die für ein derart vages Gebilde operativ schwer zu erbringen ist. Insgesamt hätte ein präziserer konzeptioneller Rahmen – etwa zu dem eher beiläufig verwendeten Begriff des Heroischen – der Schlüssigkeit von Kriegels Argumentation gutgetan.

Sima Godfrey, emeritierte Assistant Professor für französische Literatur- und Kulturgeschichte an der University of British Columbia, schließt mit ihrem Buch unmittelbar an die Arbeit von Lara Kriegel an. So entwickelte sie die zentrale These ihrer Untersuchung über die kulturelle Erinnerung des Krimkriegs in Frankreich explizit vor der Kontrastfolie der von Kriegel für den britischen Vergleichsfall herausgearbeiteten Ergebnisse. Im Gegensatz zu der starken Verankerung des Krimkriegs in der britischen Literatur und (Alltags-)Kultur um die heroischen Identifikationsfiguren der Leichtbrigade, Florence Nightingales und des Victoria Cross sei das historische Ereignis in Frankreich beinahe vollständig in Vergessenheit geraten.

In der Einleitung („La Guerre de Crimée n’aura pas lieu“) und im Schluss („À la recherche de la guerre oubliée“) ihres in einem eleganten essayistischen Stil geschriebenen Buches liefert Godfrey auch plausible Erklärungen für ihre Diagnose dieser spezifisch französischen Amnesie. So verweist sie überzeugend auf das Paradox, dass Frankreich, gerade weil es als eindeutiger Sieger aus dem Krimkrieg hervorging, keine Notwendigkeit besaß, gesellschaftliche Reformen anzustoßen, die dem Ereignis rückwirkend Sinnstiftung hätten verleihen können. Darin unterschied sich Frankreich sowohl vom Zarenreich, das in Reaktion auf die militärische Niederlage in den frühen 1860er-Jahren die Großen Reformen umsetzte, als auch vom britischen Alliierten, der sich angesichts der offengelegten militärischen und organisatorischen Defizite und der betrauerten menschlichen Verluste keinen triumphalistischen Umgang erlauben konnte. Demgegenüber wirkte das Regime Napoleons III. mithilfe von Zensur und Propaganda massiv auf die öffentliche Wahrnehmung ein. So gelang es den Behörden, Berichte über die Todesopfer der französischen Armee, die zahlenmäßig die britischen Verluste um ein Vielfaches übertrafen, nahezu vollständig zu unterdrücken.

Stattdessen etablierte sich im Rahmen der Wiederbelebung des bonapartistischen Mythos das offizielle Narrativ von Frankreichs Rückkehr zur militärischen Großmacht. Die dadurch entstandene semantische Verbindung zwischen Krimkrieg und persönlichem Regime Napoleons III. trug nach 1870/71 jedoch dazu bei, dass mit dem Untergang des Second Empire die nunmehr als Abenteuer des gefallenen Despoten gedeuteten militärischen Unternehmungen – von der Krim bis nach Mexiko – aus dem Kanon des republikanischen Gedächtnisses gestrichen wurden, zumal die Niederlage im Deutsch-Französischen Krieg fortan den nationalen Erinnerungsraum weitgehend ausfüllte. Ergänzend zu Godfreys Erklärungen ließe sich hinzufügen, dass auch die außenpolitische Annäherung an das Zarenreich, die die Dritte Republik seit den 1870er-Jahren als Ausweg aus der diplomatischen Isolation verfolgte und 1893 in die Alliance franco-russe mündete, einer tieferen Auseinandersetzung mit dem Krimkrieg entgegenstand. Schließlich vertrug sich das offizielle Narrativ der franko-russischen Freundschaft kaum mit dem Gedenken an einen Krieg, in dem sich Franzosen und Russen als Feinde betrachteten und blutig bekämpften.3

Problematisch an Godfreys Buch ist allerdings, dass sie die eigentlich plausible These vom französischen Vergessen des Krimkriegs in der longue durée durch keine empirischen Befunde untermauert. Dies liegt weniger daran, dass sie für ihre während der Corona-Pandemie entstandene Studie weitgehend auf die Konsultation von Archivmaterial verzichten musste, sondern am Untersuchungszeitraum ihrer drei Hauptkapitel. Dieser konzentriert sich nämlich nahezu ausschließlich auf jene Phase von Krieg und unmittelbarem Nachkrieg im Second Empire (1854 bis Anfang der 1860er-Jahre), die sich entgegen ihrer Hauptthese gerade nicht durch Vergessen und Verdrängung des Konflikts auszeichnete. Ihre lesenswerten Einzelstudien zur zeitgenössischen Inszenierung des Krimkriegs in Frankreichs Literatur (Kapitel 2: Crimea, the Invisible War), Theater (Kapitel 3: Spectacles of War) und Malerei (Kapitel 4: The Visible War) beschreiben folglich die Masse der kulturellen Produktion, die im Rahmen der triumphalistischen Meistererzählung des Regimes gerade die unausweichliche Präsenz des ruhmreichen Krieges in der französischen Öffentlichkeit anstrebte und – mit Ausnahme vereinzelter Kritik oppositioneller Intellektueller wie Victor Hugo (S. 51f.) – auch erreichte. Godfrey weist zwar darauf hin, dass die kulturelle Avantgarde Frankreichs reserviert auf die überkommene Form der Historienmalerei reagierte, die in Kenntnis des modernen Charakters des Krimkrieges anachronistisch anmuten musste (S. 111). Doch legt etwa der von ihr beschriebene populäre Erfolg der im Théâtre Impérial du Cirque und im Hippodrom veranstalteten Schlachteninszenierungen nahe, dass die massiven Propagandabemühungen in der Breite sehr wohl auf ein aufgeschlossenes Publikum trafen (S. 77–79). Zudem deutet sie an, dass der Krimkrieg durch die inflationäre Repräsentation der Figur des algerischen Infanteriesoldaten (Zuaven) – etwa auf dem Pfeiler der monumentalen Pont d’Alma – auch als Mittel zur imperialen Integration eingesetzt werden konnte (S. 28; 80–87). Godfreys empirische Befunde legen folglich nah, dass die Präsenz des Krimkriegs in der vom Regime Napoleons III. gesteuerten französischen Öffentlichkeit – bei allen qualitativen Unterschieden – bis 1856 mindestens ebenso stark war wie in dem von freien Medien geprägten Diskurs in Großbritannien.

Unabhängig von der dargelegten Kritik kommen den Arbeiten von Kriegel und Godfrey zwei wichtige Verdienste zu. Zum einen tragen sie dazu bei, die Ambivalenz des militärischen Sieges als Thema der erinnerungsgeschichtlichen Kriegsforschung auszuloten, was gerade in einer produktiven Auseinandersetzung mit den Thesen über die „Kultur der Niederlage“4 Anregung für Folgestudien bietet. Und zum anderen zeigt sich in der gemeinsamen Lektüre der beiden Bücher der Mehrwert, den der komparative Ansatz insbesondere für erinnerungsgeschichtliche Forschung bietet, indem er nationale Geschichtspolitiken und Mythen systematisch hinterfragt und dekonstruiert. Letzteres ist eine Aufgabe, der sich auch die künftigen Historikerinnen und Historiker des russischen Kriegs gegen die Ukraine werden stellen müssen.

Anmerkungen:
1 Hermann Wentker, Zerstörung der Großmacht Rußland? Die britischen Kriegsziele im Krimkrieg, Göttingen 1993.
2 Winfried Baumgart, The Crimean War. 1853–1856, 2. überarb. Aufl., London 2020 (1. Aufl. 1999); Orlando Figes, Crimea. The Last Crusade, London 2011; Candan Badem (Hrsg.), The Routledge Handbook of the Crimean War, New York 2022; Georg Maag / Wolfram Pyta / Martin Windisch (Hrsg.), Der Krimkrieg als erster europäischer Medienkrieg, Berlin 2010; Ute Daniel, Der Krimkrieg 1853–1856 und die Entstehungskontexte medialer Kriegsberichterstattung, in: dies. (Hrsg.), Augenzeugen. Kriegsberichterstattung vom 18. zum 21. Jahrhundert, Göttingen 2006, S. 40–67; Ulrich Keller, The Ultimate Spectacle. A Visual History of the Crimean War, Amsterdam 2001; John D. Grainger, The First Pacific War. Britain and Russia 1854–1856, Woodbridge 2008; Candan Badem, The Ottoman Crimean War. 1853–1856, Leiden 2010; Igor’ A. Khristoforov (Hrsg.), The Russian Empire and the Crimean War. Conceptualizing Experience and Exploring New Approaches, in: Special Issue: Russian Studies in History 51 (2012).
3 Marianna Butenschön, Zarenhymne und Marseillaise. Zur Geschichte der Rußland-Ideologie in Frankreich 1870/71–1893/94, Stuttgart 1978, bes. S. 179–197.
4 Wolfgang Schivelbusch, Die Kultur der Niederlage. Der amerikanische Süden 1865, Frankreich 1871, Deutschland 1918, Berlin 2001.

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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit dem Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung. (Redaktionelle Betreuung: Jan Hansen, Alexander Korb und Christoph Laucht) http://www.akhf.de/
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The Crimean War and its Afterlife
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